Wer braucht schon Sex, Drugs and Rock'n'Roll?
Paprikahirse
Veröffentlicht: 17. Juli 2010 um 18:01 von Shiny Flame
Heute morgen sitz ich an meinem Rechner und bin glücklich. Mein Roman wächst, links von mir ist schon die halbe Wand voller farbiger Karteikärtchen, die die einzelnen Stationen der Heldenreise nach was-weiß-ich-wem für die Hauptcharaktere in Stationen nachzeichnen. Die Pinnwand vor mir enthält eine Gliederung für die mündliche Prüfung sowie einen Brief einer Landesschulbehörde, die von mir noch Dokumente braucht - gut, die hätte ich letzte Woche holen sollen, aber das kann ich montag noch nachholen. Dafür habe ich letzte Woche Gitarre gespielt, und die Gitarre, die rechts von mir auf ihrem Fell, neben Schatzis Sitzsack liegt, freut sich schon darauf, nachher wieder neu zu singen. Noch weiter rechts ist der Schrank mit den Stoffen und dem Nähzubehör, in dem vielleicht bald ein neuer Stufenrock wachsen wird, links unterhalb des Romanentwurfes steht noch ein sich in Arbeit befindliches Bild, und rechts von mir steht auf dem Schreibtisch die Nähmaschine sowie ein Wollknäul für mein gehäkeltes schwarzes Blumenschultertuch. Und hinter der Nähmaschine liegt das Lernskript für die eine der fünf Prüfungen. Es bleibt viel zu tun, aber ich bin in meinem Element, tue das, was ich am besten kann und am liebsten mag. Ich bin Künstlerin. Die Welle, die mich als Künstlerin mit den kunstvoll geflochtenen und gesteckten Haaren im selbstgenähten Spitzenkleid voranträgt, erledigt quasi nebenbei die ganzen Prüfungsvorbereitungen - als ein Projekt unter mehreren verdienen sie immer dann, wenn ich mich ihnen zuwende, die vollste Aufmerksamkeit.
Ja, ich bin glücklich. So glücklich, wie eine Frau wie ich nur sein kann. Jeden Tag die Option auf guten Sex, Liebe und gemeinsames Kaffeetrinken, eine Künstlerhöhle und die Welle der Inspiration, die mich von Baustelle zu Baustelle trägt, während alles langsam und in seinem Tempo wächst. So sollte mein Leben sein, bis auf die Angst vor der Prüfung halt. Das ist meine eigentliche Aufgabe. Und dabei entsteht so viel Gutes...
***
Einziger Wermutstropfen ist ein in letzter Zeit sehr granteliger und wehleidiger Freund. Alles ist irgendwie böse in seiner Welt, habe ich das Gefühl. Na ja, Geldsorgen und das Mobbing auf Arbeit, dazu die Hitze und die drei durchgearbeiteten Wochenenden nebst durchgearbeiteter Woche könnten jeden fertig machen. Seit einer Woche, seit meine Künstlerwelle mich wieder trägt, kann ich das wieder ganz gut ab. Er ist ja trotzdem noch liebevoll, und ich weiß ja selbst, wie leicht es passieren kann, dass einem alles zu viel wird und man dann ein bisschen herummemmt.
Aber jetzt ist er zu weit gegangen. Vor neun Tagen, als die ganze Erschöpfung des letzten Jahres mich zu Boden warf, war ich unglücklich, weil ich mich ohne Muse und Inspiration fühlte. Ich kann ja alles ertragen, aber wenn das passiert, kriege ich Selbstmordgedanken. Auch, wenn ich weiß, dass es nur die Erschöpfung ist, dass die Muse um mich herumtanzt, ich aber einfach nciht mehr die Kraft habe, nach ihr zu greifen. Was sagte mein SChatz, als ich meinte, dass ich unglücklich wäre, weil ich nicht mehr schreiben könnte?
Er zuckte mit den Schultern, so, als ob es doch wirklich Schlimmeres gäbe. Dabei kriege ich jedes Mal Selbstmordgedanken, wenn ich nciht mehr schreiben kann. Das ist jedes Mal so, als ob mir ein Bein fehlt. Ich bin dann einfach nciht mehr ich. Und warum soll ich dann weiter leben?
Früher, wenn Männer so gleichgültig gegenüber meinem Schreiben gewesen sind, hatten sie immer noch ein halbes Jahr - und dann waren meine Gefühle so sehr erkaltet, dass ich Schluss gemacht habe. Das ist vielleicht nicht nett, oder oberflächlich, oder divenhaft, oder überdramatisierend, aber es ist einfach immer so passiert. Ich habe das nie mit Absicht gemacht, um es jemandem heimzuzahlen - aber wenn ich in der Beziehung mit ihm nicht mehr schreiben konnte, fühlte ich mich mit ihm tot und hoffte einfach, irgendwann doch wieder lebendig zu werden - ohne ihn.
Inzwischen bin ich als Schriftstellerin deutlich weiter. Ein halbes Jahr totsein überlebe ich nicht mehr. Und ich liebe meinen Drachenritter normalerweise deshalb, weil mir die gemeinsame Zeit eben die emotionale Sicherheit und Tiefe gibt, die ich eben zum Schreiben brauche.
***
Nun ja. Einen blöden Spruch kann jeder mal bringen, wenn er erschöpft ist - ich habe ihn abgespeichert und nichts weiter dazu gesagt. Aber meine Augen waren sehr weit offen.
Mein Schatz war die ganze Woche immer wieder sehr gereizt und dann abwechselnd total liebevoll. Hat mich abgelenkt und zugequatscht, wenn ich Musik gehört und auf meien Notizen gestarrt habe, wenn ich gehäkelt habe und komplizierte Gedankengebäude bauen wollte. Hat mit mir nachmittags Tee getrunken - was wunderschön war, aber danach wollte er weiterschmusen, und ich musste doch arbeiten! Roman, Kolumne, Con-Bericht, Kurzgeschichte, Prüfung in drei Fächern, Unterrichtsentwürfe in zweien... Wer so viel macht, braucht auch die Zeit dafür, und ich schaffe es nicht, auf den Schreibkrams jetzt noch zu verzichten, weil ich dann depressiv werde! Also muss ich zusehen, dass ich alles schaffe, damit ich eben die Prüfung bestehe!
Ist an und für sich ja auch kein Problem - wenn man nicht ständig zwischendurch vögeln würde. Ich lass mich ja auch immer gerne verführen. Er sieht ja auch so süß aus. Und wenn ich ne Stunde arbeite, während er nackt und mit Halsband auf dem Sklavenfell liegt und ich die Leine an meinem Handgelenk spüre, macht mir das ja auch Spaß. Aber dann muss ich nachts halt länger arbeiten. Warum schmollt er dann bitte, wenn ich nicht um zehn mit ihm ins Bett gehe?
Gereicht hat es mir dann heute, als ich wieder am Arbeiten war und plötzlcih seine Mutter hinter mir stand. Mein Drachenritter hatte ihr aufgetragen, mit mir einkaufen zu gehen. Schon klar. Ich hab ja den ganzen Tag nichts anderes zu tun, als im Haus umherzuwuseln, zu putzen, zu saugen, zu wischen, abzuwaschen, zu kochen und einkaufen zu gehen - mit der Schwiegermutter. Ich arbeite ja überhaupt nicht. Das, was ich mache, zählt ja überhaupt nicht.
Da bin ich innerlich so ein bisschen explodiert und habe ihm einen sehr bösen Brief geschrieben, über Leute, die hier in der Wohnung ihren Feierabend verbringen und Leute, die den ganzen Tag mit Unterbrechungen auf die Prüfung hinarbeiten und aus diesem Grund auf Disco, Geburtstagspartys, Schwimmbad und noch so ein paar schöne Dinge verzichten - und die keine Lust haben, mit Schwiegermami einkaufen zu gehen, wenn sie gerade am Arbeiten sind! Und dann am besten noch hören, dass mein Kerl Schwiegermami gesagt hat, sie dürfe mich ruhig aus dem Bett schmeißen! Ohne mir davon auch nur ein Sterbenswörtchen zu sagen, der Wichser!
Na ja, ich hab also bösen Brief geschrieben, dann ein bisschen mit Tess telefoniert (das Pseudonym passt irgendwie doch besser zu ihr als Aphrodite), und dann kam mein Kerl heim und wir haben ein bisschen gestritten. Er hatte ein tierisch schlechtes Gewissen, war außerdem tierisch fertig von der Arbeit - und ich motzte, man könne ja wohl nicht immer alles nur auf die Arbeit schieben, und es muss in eine Beziehung auch mal möglich sein, Kritik zu äußern, die dann auch angenommen wird, ohne dass der andere gleich in ein depressives Loch fällt!
***
Na ja, es ging ihm so lange schlecht, bis ich ihm verraten habe, dass wir längst quitt seien. Ich habe nämlich für Schwiegermami einen Einkaufszettel geschrieben. Und darauf hab ich die ganzen Zutaten für die Dinge geschrieben, die ich selber gerne esse - und nichts von dem, was mein Schatz ständig futtert.
Ich bin doch nciht blöd. Ich ess doch nciht mein Leben lang Kroketten mit ohne Fleisch und Buttergemüse. Ich will doch auch mal wieder lecker essen, wie ich es früher immer gemacht habe.
Wenn es ihm nicht schmeckt, soll er öfter mal selber kochen - oder sich was von Schwiegermami machen lassen. Umso besser. Dann bleibt von meinem leckeren Zeug halt noch was für mich am nächsten Tag über.
***
Als ich das alles endlich mal losgeworden war, war er wie verwandelt, hat mich auch mal wieder in den Arm genommen, mir über den Kopf gestreichelt und mich geknuddelt.
Ich werd mir das eine Lehre sein lassen. Nie wieder verständnisvoll bis zum Abwinken, in der Hoffnung, dass er sich irgendwann fängt und es dann besser wird. Er wird sich nciht fangen, es wird immer schlimmer werden - bis ich auf den Tisch haue.
So, und jetzt gibts lecker Paprikahirse für fleißige Schriftstellerinnen.
Ja, ich bin glücklich. So glücklich, wie eine Frau wie ich nur sein kann. Jeden Tag die Option auf guten Sex, Liebe und gemeinsames Kaffeetrinken, eine Künstlerhöhle und die Welle der Inspiration, die mich von Baustelle zu Baustelle trägt, während alles langsam und in seinem Tempo wächst. So sollte mein Leben sein, bis auf die Angst vor der Prüfung halt. Das ist meine eigentliche Aufgabe. Und dabei entsteht so viel Gutes...
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Einziger Wermutstropfen ist ein in letzter Zeit sehr granteliger und wehleidiger Freund. Alles ist irgendwie böse in seiner Welt, habe ich das Gefühl. Na ja, Geldsorgen und das Mobbing auf Arbeit, dazu die Hitze und die drei durchgearbeiteten Wochenenden nebst durchgearbeiteter Woche könnten jeden fertig machen. Seit einer Woche, seit meine Künstlerwelle mich wieder trägt, kann ich das wieder ganz gut ab. Er ist ja trotzdem noch liebevoll, und ich weiß ja selbst, wie leicht es passieren kann, dass einem alles zu viel wird und man dann ein bisschen herummemmt.
Aber jetzt ist er zu weit gegangen. Vor neun Tagen, als die ganze Erschöpfung des letzten Jahres mich zu Boden warf, war ich unglücklich, weil ich mich ohne Muse und Inspiration fühlte. Ich kann ja alles ertragen, aber wenn das passiert, kriege ich Selbstmordgedanken. Auch, wenn ich weiß, dass es nur die Erschöpfung ist, dass die Muse um mich herumtanzt, ich aber einfach nciht mehr die Kraft habe, nach ihr zu greifen. Was sagte mein SChatz, als ich meinte, dass ich unglücklich wäre, weil ich nicht mehr schreiben könnte?
Er zuckte mit den Schultern, so, als ob es doch wirklich Schlimmeres gäbe. Dabei kriege ich jedes Mal Selbstmordgedanken, wenn ich nciht mehr schreiben kann. Das ist jedes Mal so, als ob mir ein Bein fehlt. Ich bin dann einfach nciht mehr ich. Und warum soll ich dann weiter leben?
Früher, wenn Männer so gleichgültig gegenüber meinem Schreiben gewesen sind, hatten sie immer noch ein halbes Jahr - und dann waren meine Gefühle so sehr erkaltet, dass ich Schluss gemacht habe. Das ist vielleicht nicht nett, oder oberflächlich, oder divenhaft, oder überdramatisierend, aber es ist einfach immer so passiert. Ich habe das nie mit Absicht gemacht, um es jemandem heimzuzahlen - aber wenn ich in der Beziehung mit ihm nicht mehr schreiben konnte, fühlte ich mich mit ihm tot und hoffte einfach, irgendwann doch wieder lebendig zu werden - ohne ihn.
Inzwischen bin ich als Schriftstellerin deutlich weiter. Ein halbes Jahr totsein überlebe ich nicht mehr. Und ich liebe meinen Drachenritter normalerweise deshalb, weil mir die gemeinsame Zeit eben die emotionale Sicherheit und Tiefe gibt, die ich eben zum Schreiben brauche.
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Nun ja. Einen blöden Spruch kann jeder mal bringen, wenn er erschöpft ist - ich habe ihn abgespeichert und nichts weiter dazu gesagt. Aber meine Augen waren sehr weit offen.
Mein Schatz war die ganze Woche immer wieder sehr gereizt und dann abwechselnd total liebevoll. Hat mich abgelenkt und zugequatscht, wenn ich Musik gehört und auf meien Notizen gestarrt habe, wenn ich gehäkelt habe und komplizierte Gedankengebäude bauen wollte. Hat mit mir nachmittags Tee getrunken - was wunderschön war, aber danach wollte er weiterschmusen, und ich musste doch arbeiten! Roman, Kolumne, Con-Bericht, Kurzgeschichte, Prüfung in drei Fächern, Unterrichtsentwürfe in zweien... Wer so viel macht, braucht auch die Zeit dafür, und ich schaffe es nicht, auf den Schreibkrams jetzt noch zu verzichten, weil ich dann depressiv werde! Also muss ich zusehen, dass ich alles schaffe, damit ich eben die Prüfung bestehe!
Ist an und für sich ja auch kein Problem - wenn man nicht ständig zwischendurch vögeln würde. Ich lass mich ja auch immer gerne verführen. Er sieht ja auch so süß aus. Und wenn ich ne Stunde arbeite, während er nackt und mit Halsband auf dem Sklavenfell liegt und ich die Leine an meinem Handgelenk spüre, macht mir das ja auch Spaß. Aber dann muss ich nachts halt länger arbeiten. Warum schmollt er dann bitte, wenn ich nicht um zehn mit ihm ins Bett gehe?
Gereicht hat es mir dann heute, als ich wieder am Arbeiten war und plötzlcih seine Mutter hinter mir stand. Mein Drachenritter hatte ihr aufgetragen, mit mir einkaufen zu gehen. Schon klar. Ich hab ja den ganzen Tag nichts anderes zu tun, als im Haus umherzuwuseln, zu putzen, zu saugen, zu wischen, abzuwaschen, zu kochen und einkaufen zu gehen - mit der Schwiegermutter. Ich arbeite ja überhaupt nicht. Das, was ich mache, zählt ja überhaupt nicht.
Da bin ich innerlich so ein bisschen explodiert und habe ihm einen sehr bösen Brief geschrieben, über Leute, die hier in der Wohnung ihren Feierabend verbringen und Leute, die den ganzen Tag mit Unterbrechungen auf die Prüfung hinarbeiten und aus diesem Grund auf Disco, Geburtstagspartys, Schwimmbad und noch so ein paar schöne Dinge verzichten - und die keine Lust haben, mit Schwiegermami einkaufen zu gehen, wenn sie gerade am Arbeiten sind! Und dann am besten noch hören, dass mein Kerl Schwiegermami gesagt hat, sie dürfe mich ruhig aus dem Bett schmeißen! Ohne mir davon auch nur ein Sterbenswörtchen zu sagen, der Wichser!
Na ja, ich hab also bösen Brief geschrieben, dann ein bisschen mit Tess telefoniert (das Pseudonym passt irgendwie doch besser zu ihr als Aphrodite), und dann kam mein Kerl heim und wir haben ein bisschen gestritten. Er hatte ein tierisch schlechtes Gewissen, war außerdem tierisch fertig von der Arbeit - und ich motzte, man könne ja wohl nicht immer alles nur auf die Arbeit schieben, und es muss in eine Beziehung auch mal möglich sein, Kritik zu äußern, die dann auch angenommen wird, ohne dass der andere gleich in ein depressives Loch fällt!
***
Na ja, es ging ihm so lange schlecht, bis ich ihm verraten habe, dass wir längst quitt seien. Ich habe nämlich für Schwiegermami einen Einkaufszettel geschrieben. Und darauf hab ich die ganzen Zutaten für die Dinge geschrieben, die ich selber gerne esse - und nichts von dem, was mein Schatz ständig futtert.
Ich bin doch nciht blöd. Ich ess doch nciht mein Leben lang Kroketten mit ohne Fleisch und Buttergemüse. Ich will doch auch mal wieder lecker essen, wie ich es früher immer gemacht habe.
Wenn es ihm nicht schmeckt, soll er öfter mal selber kochen - oder sich was von Schwiegermami machen lassen. Umso besser. Dann bleibt von meinem leckeren Zeug halt noch was für mich am nächsten Tag über.
***
Als ich das alles endlich mal losgeworden war, war er wie verwandelt, hat mich auch mal wieder in den Arm genommen, mir über den Kopf gestreichelt und mich geknuddelt.
Ich werd mir das eine Lehre sein lassen. Nie wieder verständnisvoll bis zum Abwinken, in der Hoffnung, dass er sich irgendwann fängt und es dann besser wird. Er wird sich nciht fangen, es wird immer schlimmer werden - bis ich auf den Tisch haue.
So, und jetzt gibts lecker Paprikahirse für fleißige Schriftstellerinnen.
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