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Am Fensterbrett

Dieses Thema im Forum "Geschichten, Gedichte und Nachdenkliches" wurde erstellt von User 13029, 21 März 2004.

  1. User 13029
    Verbringt hier viel Zeit
    2.014
    121
    0
    Es ist kompliziert
    Am Fensterbrett

    Quick-Quick machte es. Er fühlte noch mal nach, ob die Tür des kleinen Toyota Yaris wirklich zu war. Dann steckte er den Wagenschlüssel in die Innentasche seines Jacketts, nahm den Aktenkoffer unter den Arm und verließ die Tiefgarage.
    Seine Wohnung lag mitten in der Innenstadt. An keiner Straße. Mitten in einer Fußgängerzone. Das Haus, in dem er wohnte, hatte man in der Nachkriegszeit gebaut. Von außen sah es mit seinen schwefelgelb getünchten Wänden wenig faszinierend aus, doch die kleine Wohnung im ersten Stock (direkt über dem Juweliergeschäft) hatte er sich nett eingerichtet.
    Als er aus der Tiefgarage kam und den großen Parkplatz hinter dem Haus überquerte, blieb er stehen und schaute nach oben. Es war 18.30 Uhr, und die Nacht war bereits komplett hereingebrochen. Man merkte, daß es Winter wurde. Er konnte seinen Atem sehen, es war nicht eiskalt, aber frisch. Dort oben funkelten ihm dutzende weiße Punkte entgegen. Er senkte den Blick. Vereinzelt standen noch Autos auf dem Parkplatz, und mit einem Mal wich seine gute Laune, die er den ganzen Tag über gehabt hatte. Er hatte nette Kundengespräche, freundlichste Kollegen, einen verflucht gutbezahlten Job und eine eigene kleine Welt. Und das in seinem Alter. Und doch wich die Sonne in seinem Herzen jetzt einer pechschwarzen Gewitterfront. So bedröppelt ging er über den Parkplatz, kam in die Fußgängerzone und steuerte auf seine Haustür zu.
    Seine Wohnung war eigentlich ganz gut eingerichtet. Die kleine Schrankwand aus teurem Edelholz, ein bequemes Bett, ein kleiner Fernseher mit Premiere World. Der Kühlschrank fast immer voll – ein bequemes Leben. Eigentlich. Er kam in seine Wohnung, schloß die Tür hinter sich und schmiß seine Aktentasche aufs Sofa. Dann ging er auf das kleine Wohnzimmerfenster zu.
    Es hatte keine Gardinen. Die Fensterbank davor war komplett abgeräumt. Vor dem Fenster stand ein Stuhl, von dem man optimalen Blick durchs Fenster hatte. Es war immer sauber poliert, kein einziges Drecks- oder Staubkorn war darauf zu sehen. Der Rahmen war so weiß wie Obstblüten, die in der Sonne glitzern.
    Er ging in die Küche und durchwühlte den Kühlschrank. „Nervennahrung“, sprach er. Mit zwei Flaschen Altbier bewaffnet, verließ er die Küche und stellte die Flaschen auf die Fensterbank des nie schmutzigen Fensters. Die Gewitterfront in seinem Herzen schlug sich jetzt auch auf seinen Magen nieder. Dort war nur ein tränenverursachendes, endloses schwarzes Nichts innen drin. Wie automatisch griffen seine Hände nach der CD mit den wunderschönen Klavierballaden. Als die schwermütige Musik leise aus den versteckten Boxen zu klimpern begann, nahm er den zerschmusten Teddy vom Sofa und öffnete das Fenster.
    Von seinem Fenster aus hatte er einen herrlichen Blick auf die kleine, gemütliche Fußgängerzone. Geschmackvolle Laternen tauchten sie in warmes Licht, ein leichter Wind wehte durch die Straße. Auf seiner Fensterbank hatte er eine Art Kindersitz aus kleinen Holzstückchen gebastelt, in den er seinen Teddy hineinsetzte. So setzte auch er sich ans Fenster, öffnete die erste Bierflasche und starrte gegen die gegenüberliegende Häuserwand. Minutenlang. Einfach so. Mit völlig leerem Kopf.
    „Bist du glücklich?“, fragte er seinen Teddy und nahm einen ersten Schluck aus der Bierflasche. „Ich meine, würdest du sagen, du befindest dich emotional in einem Zustand, von dem du sagen würdest, daß keine Verbesserung mehr möglich oder notwendig ist?“
    Der Teddy starrte nur geradeaus.
    „Ich nicht. Ich bin nicht glücklich. Ich bin nur zufrieden“, sagte er und nahm einen zweiten Schluck aus der Flasche.
    „Ich habe Geld, einen guten Beruf, eine Wohnung und ein Auto. Ich habe drei bis vier sehr gute Freunde und bin in meinem Bekanntenkreis als Doktor Sommer bekannt. Frag mich was zu deinen Beziehungsproblemen, und ich löse sie dir. Für einen Vollwaisen hab ich eigentlich viel erreicht.“
    Der Teddy starrte nur geradeaus.
    „Es ist ja nicht so, daß ich traurig sein würde. Verglichen mit anderen Menschen habe ich noch nicht einmal das Recht, mich zu beschweren. Zum Beispiel Pablo, der Penner, der immer dahinten beim Bäcker im Eingang pennt.“ Er deutete mit der Bierflasche die Straße hinab.
    „Pablo“, fuhr er fort, „hat den falschen Menschen vertraut. Er hatte Frau und Kind und wollte nur ein Haus bauen. Dieser beschissene Anlageberater hat ihn dann in den Dreck geritten. Pablo lebt seit zehn Jahren auf der Straße und hat immer noch 700.000 Mark Schulden.“
    Er nahm einen dritten Schluck und dachte kurz nach. Dann sagte er: „Aber Pablo war glücklich.“
    Er schaute auf die Straße hinab. Einige aneinandergekuschelte Pärchen bummelten durch die Fußgängerzone und genossen die winterlich-romantische Stimmung. Die Klaviermusik erreichte eine besonders wehmütige Passage.
    „Die da unten, die sind glücklich. Jetzt gerade plagen sie keine Sorgen.“
    Der Teddy starrte nur geradeaus.
    „Sie haben sich selbst. Das ist genug. Kein Außenstehender wird das verstehen oder nachvollziehen können, aber wenn du diesen beiden jetzt eine Million dafür bietest, daß sie diesen Moment abbrechen und getrennt nach Hause gehen, würden sie dich verächtlich ansehen und weitergehen. Ich denke konfus, oder?“
    Der Teddy starrte nur geradeaus.
    „Ich denke konfus.“ Drei schnelle Schlucke, und die erste Flasche war leer.
    Jetzt war es am schlimmsten. Die Leere im Kopf blieb. Ein gedankliches Vakuum. Die schwarzen Wolken in seinem Herzen verdichteten sich zu einem elegischen Brei der Beklemmung, und das schwarze Loch in seinem Magen fraß und fraß unaufhörlich jedwedes Anzeichen von Zufriedenheit, innerer Erfüllung und Freude. Die Stimme der Sängerin, die von der CD trällerte, erreichte herzzerfetzende Intensität.
    Vor seinem Fenster stoppte ein anderes spazierengehendes Pärchen. Er konnte von der jungen Frau hören, wie sie sagte „Mir ist kalt“. Der junge Mann zog sich dicht an sich, gab ich einen zärtlichen Nasenstüber und legte seine Stirn auf ihre. So schauten sie sich nur wenige Sekunden lang in die Augen.
    Für ihn oben am Fenster war dieses Bild ein Minuten dauernder Schnitt mit einem Messer durch sein gewitterwolkengetränktes Herz, das just in dem Moment brach, als sich das Pärchen in dieser Position nur einen leichten Kuß auf die Lippen hauchte.
    Das schwarze Loch in seinem Magen wurde zu einer explodierenden Sonne, sein zerschlitztes Herz lief mit einem Schlag aus und sein sowieso schon gedankengeleerter Kopf fiel unkontrolliert auf das Fensterbrett. Leise begann er zu schluchzen.
    Seine wasserdurchfluteten Augen blickten noch ein letztes Mal auf den zum Sterben schönen Sternenhimmel, bevor sie in einem salzigen Ozean untergingen. Er stand auf, nahm den Teddy aus seinem Holzgestell und schmiß sich auf sein Sofa. Fest drückte er das Stofftier an sich und schluchzte vor sich hin.
    „Einsamkeit...“, sagte er zu dem Teddy, als er sich wieder halbwegs gefaßt hatte, „Einsamkeit kann töten.“
    Und niemand, der ihn liebte, war da, der ihn trösten konnte.
     
    #1
    User 13029, 21 März 2004
  2. cat85
    Gast
    0
    lässt sich wie gewohnt bei dir schön lesen...und wieder total traurig! :zwinker:
     
    #2
    cat85, 21 März 2004
  3. LadyEttenna
    0
    Einfach klasse.........schöne Wiedergabe der Stimmungslage....bekannte Bilder, wenn man sich auch mal so gefühlt hat.

    Sag mal, willst du nicht mal ein Buch mit deinen Kurzgeschichten rausbringen? Ich find sie wirklich wirklich gut!!!! Triffst es immer genau.....genau mitten ins Zentrum.

    Kann cat nur zustimmen, immer wieder gut zu lesen. Und das sie traurig sind oder diese Stimmung vermitteln.....thats life!
     
    #3
    LadyEttenna, 21 März 2004
  4. forgiven
    Gast
    0
    Wow, mir fehlen echt die Worte. Dein Schreibstil is echt beneidenswert. Und gleichzeitig erschrecken mich die Parallelen in deinem Text.
    Mach weiter so, bin gespannt auf neue literarische Ergüsse von dir. :zwinker:
     
    #4
    forgiven, 21 März 2004
  5. SickOfLove
    SickOfLove (34)
    Verbringt hier viel Zeit
    97
    91
    0
    Single
    klasse !
     
    #5
    SickOfLove, 21 März 2004
  6. User 10541
    Verbringt hier viel Zeit
    491
    101
    0
    nicht angegeben
    Wirklich klasse.
    Genau so komm ich mir auch oft vor.

    Die Idee mit dem Buch möcht ich auch unterstützen.´

    Tres
     
    #6
    User 10541, 22 März 2004
  7. User 13029
    Verbringt hier viel Zeit Themenstarter
    2.014
    121
    0
    Es ist kompliziert
    Also, erstmal vielen Dank für Euer Lob, das tut richtig gut.

    Zur Idee mit dem Buch: Jederzeit, aber nennt mir mal einen Verlag, der mein Geschreibsel gut genug findet. :zwinker:
    Ich muß auch dazu sagen, dass diese Story hier irgendwie ein positiver Ausnahmefall ist... für mich persönlich ist es mein Meisterwerk, weil da ganz ganz viel "Ich" drin ist... das ist in meinen anderen Texten zwar auch der Fall, aber speziell in diesem hier. Ich glaube, ich konnte nie besser Gefühle beschreiben als in diesem Text.

    Aber wie gesagt: Wenn sich ein Verleger findet (was ich bezweifle *g*), bin ich der letzte, der sich gegen ein Buch wehrt.
     
    #7
    User 13029, 22 März 2004

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