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Auf der Suche nach Normalität

Dieses Thema im Forum "Kummerkasten" wurde erstellt von Gravity, 6 September 2006.

  1. Gravity
    Verbringt hier viel Zeit
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    nicht angegeben
    Ich frage mich jetzt schon seit einiger Zeit: "Was ist normal?" In den letzten Jahren seit meiner Schulzeit ist so ziemlich alles aus der Bahn geraten. Ich komme mir vor, als wenn das Leben was ich gerade führe falsch ist. Das mein Leben eigentlich ein anderes ist. Ich komme mir auch vor wie ein Alien, weil ich die sozialen Defizite spüre, die ich habe. Ich komme mir vor wie in einem Alptraum. Ich habe mir in der Zeit meiner Isolation durch die soziale Phobie viele Dinge angewöhnt, die anders sind als bei anderen. Ich hab buchstäblich auf einem anderen Planeten gelebt - auf meinem. Und jetzt komm ich nicht mehr auf der Erde klar. Überall wo ich hingehe, komme ich mir Fremd vor, bin nirgends zu Hause. Und ich komme mir überall vor wie ein Sonderling.

    Ich bekomme keine Arbeit, weil mir vermutlich mein Lebenslauf im Wege steht. Zusätzlich dazu, dass ich in Vorstellunggesprächen ein schlechtes Bild abgeben muss, weil ich dabei total unter Stress und Panik stehe. Nachwirkungen meiner sozialen Phobie.
    Bei Frauen ist es fast genau das selbe. Ich hab seit Jahr und Tag keine Freundin bekommen. Meine Vermutung ist, dass ich mich ihnen gegenüber irgendwie falsch verhalte. Nicht das richtige tue, nicht normal bin - im Sinne von wie die anderen. Ich weiß auch nicht genau, was in Ordnung ist und was nicht. Was kann ich machen, was nicht. Und wann kann ich was machen.

    Seit einiger Zeit nun, versuche ich "Normal" zu werden. Das heißt für mich, dass ich mein Verhalten ändern muss, anpassen an die Umwelt. Mein Denken umstellen, so denken wie andere. Über Dinge so denken, wie andere es tun. Das selbe Fühlen wie andere. Selbst wenn diese Dinge nicht im besten Licht stehen.
    Meine Art hat mich dahin geführt, wo ich heute bin. Und die Art anderer Leute, wo hat die sie hingeführt? Also kopiere ich die Menschen, die ein Leben führen, was ich okay finde. Menschen mit einem normalen Leben, normalen Beziehungen.

    Obwohl die Suche nach Normalität mein persönlicher Wunsch ist und ich glaube, dass es für mich das bessere Leben ist, so hab ich aber auch das Gefühl, dass es gleichzeitig ein Aufgeben ist. Ich gebe auf. Ich gebe mein Leben auf, mein Verhalten und meine Art zu denken. Ich glaube, dass es mich nirgendwo hingeführt hat und es mir nicht hilft. Von der Normalität verspreche ich mir jedoch, dass es mich weiterbringt. Normalität heißt für mich auch, dass ich das Spiel der anderen mitspiele - nach ihren Regeln. Dass ich mich nicht mehr sträube gegen alle Regeln und ich nicht ständig nach einem Weg zum Mogeln suche. Mein Spiel, spielt keiner außer mir - und das kann nicht funktionieren. Und ist einsam.
    Ich erhoffe mir auch, dass aus einem "ich-muss-jetzt-das-darüber-denken-und-fühlen" ein "ich-denke-darüber-so" wird; in der Hoffnung, dass es mir mehr Punkte im Spiel bringt. Ich schalte mich selber ab und versuch einfach den Menschen in mir machen zu lassen. Nicht mehr versuchen, Unterschiede aufzuzeigen, sondern normal zu sein.
     
    #1
    Gravity, 6 September 2006
  2. Supersucker
    Verbringt hier viel Zeit
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    Verheiratet
    ich kann aus deinem Post nicht herauslesen, warum du dich als "unnormal" bezeichnest.Gib uns mal ein paar Beispiele
     
    #2
    Supersucker, 7 September 2006
  3. Seerosengieser
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    in einer Beziehung
    Anders zu sein bedeutet nicht immer gleich Unangenehm zu sein. Etwas konkreter wäre die Sache schon leichter für deine Leser, wobei der Text dann freilich etwas an seiner Philosphischen Ader verliert^^
    bye
    Seerosengieser
     
    #3
    Seerosengieser, 7 September 2006
  4. Ekolabine
    Ekolabine (27)
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    vergeben und glücklich
    Selbsthilfegruppe? Psychologe?
    Das sind jedenfalls die Dinge, die die Erwachsenen uns Jugendlichen immer raten, wenn wir uns anders verhalten wollen. Wenn sie jemand nicht der Masse anpassen will. Okey, mann kann es auch als "Phase" abstempeln. Aber mit 30 ist es glaub ich keine Phase und kein "Auffallen will - Drang"...
     
    #4
    Ekolabine, 7 September 2006
  5. Gravity
    Verbringt hier viel Zeit Themenstarter
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    nicht angegeben
    Konkrete Beispiele... nicht leicht. Das sind so allgemeine Sache wie Verhaltensweisen oder Denken. Also ein Beispiel wäre da, dass ich bislang immer versucht hab "besonders" zu sein. Also irgendwie anders. Entweder, in dem ich entsprechende Meinungen vertrat. Oder aber vor allem, in dem ich ungewöhnliche Hobbies und Interessen so zurecht gerückt hab, dass man sie sehen und bemerken musste. Oder aber auch: Alle haben Schnupfen gehabt - dann muss ich betonen, dass ich fast nie schnupfen hab. Oder wenn über Alltagsdinge geredet wird, betone ich gerne die wissenschaftliche Seite davon und betone vor allem, dass ja alles ganz anders ist und nicht so, wie alle andere das so denken.
    Naja, die Beispiele sind jetzt nicht furchtbar gut. Die klingen eher nach "nerviger Person"; das stimmt aber so nicht. Es geht nicht um Besserwissen oder sowas, sondern um die Betonung des Anders-sein. Ok, manchmal auch mit Beimischungen von Überlegenheitsbestrebungen, frei nach dem Motto "ich weiß mehr als ihr" oder "nur ich kenn die Wahrheit".

    Das was mich anders machte, war dann meine soziale Phobie, die ich in der Schule bekommen hab. Mit Angst vor allen sozialen Situationen hab ich auch alle entsprechenden Situationen gemieden. Über die Jahr entstanden dadurch soziale Defizite. So weiß ich heute zum Beispiel kaum, wie ich mich einer Frau nähern soll. Und zwar nicht als Freund oder Mensch. Da wäre das zum Beispiel auch: Frauen sehe ich immer nur als Menschen. Und da fällt dann bei mir auch das sexuelle Interesse schnell unter den Tisch (Hurra! Ich denke nicht nur mit dem Schwanz!). Und nur allzu gern war ich der beste Freund der Frauen (Hurra! Ich will nicht nur Sex!). Und was soll ich sagen: So kriegt man weder Freundin noch Sex.
    Ich hab aber auch bei anderen Menschen schwere Probleme. Höflichkeitsfloskeln wie Begrüßungen, Verabschiedungen oder sowas, die kommen nicht von selbst. Das sind sogar Dinge, auf die ich mich konzentrieren muss. Wenn es dann mehrere Leute werden, wird es anstrengend. Bei den Gesprächen breche ich mir einen ab, weil ich bloß nichts falsches sagen will. Eine Ahnung, was richtig ist, hab ich aber auch nicht. Gespräche gleichen eher einem voran stolpern - so zumindest mein Gefühl. Bei Gesprächen fühle ich mich gehetzt, getrieben und gestresst. Ich fühle mich nicht mehr wie ich selbst, viele Gesprächsinhalte kommen nicht von mir, sondern irgendwie automatisch. Wie ein Reflex auf mein Gegenüber. Und ich komme mir dabei falsch vor - auch hier ohne zu wissen, was richtig ist.

    Die andere Art der Andersartigkeit ist die Arbeitslosigkeit. Ich will arbeit haben - ich möchte sie einfach nur haben, um damit einen gewissen Grad von Normalität zu haben. Mehr Geld ist dabei ein netter Nebeneffekt. Auch das bessere Ansehen in der Gesellschaft, entspricht eher meiner Vorstellung von Normalität. Aber ich komme anscheiend von der Ausnahme "Arbeitslosigkeit" nicht weg. Ich find einfach keine reguläre Arbeit.

    Mein Umgang mit Frauen, den ich schonmal angesprochen hab, entspricht bis heute nicht meinen Vorstellungen von Normalität. Ich behandel sie wie Menschen, nicht wie Frauen. Das gipfelte schon darin, dass ich am Überlegen war, wozu überhaupt eine Freundin?

    Ich fürchte, dass "Auffallen wollen" doch irgendwie daran beteiligt ist. Mit dem Einrichten der Normalität fällt das aber wohl flach. Normal heißt, in der Masse zu verschwinden. Ich finde das nicht schlimm, in der Masse findet man sich in zahlreicher Gesellschaft.

    Was den Psychologen - oder besser Therapeut - angeht. Keine Ahnung, ob der da so helfen kann - und obs die Krankenkasse mitmacht. Ich beschränk mich darauf, bei anderen abzuschauen. Ich beobachte, was die anderen machen - und versuch es auch so zu machen. Was anderes würde der Thera wohl auch nicht vorschlagen.
     
    #5
    Gravity, 7 September 2006
  6. Ekolabine
    Ekolabine (27)
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    vergeben und glücklich
    Eine Frage.. Hast du keine Familie, also aller Eltern, Geschwister, Großeltern? Wenn man sich mit der Familie trifft, dann begrüßt man sich doch schon und da ist jeder anders. Ich spring die meisten Menschen zur Begrüßung regelrecht an und umarm sie vor Freude [also Verwandte oder Freunde]...

    Nur so, noch als Anmerkung zur Gesellschaft in der Masse... die ist teilweise ziemlich beschissen... hast du dann überhaupt keine Menschenkenntnis, wenn du dich vor sozialen Situationen gedrückt hast?
     
    #6
    Ekolabine, 8 September 2006
  7. Gravity
    Verbringt hier viel Zeit Themenstarter
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    nicht angegeben
    Familie habe ich schon, aber von anspringen kann da keine Rede sein. Das beschränkt sich auf die normale Begrüßung. Umarmen oder sowas ist mir innerhalb der Familie auch eher unangenehm.

    Menschenkenntnis habe ich. Und was für eine. Die funktioniert aber nur, wenn ich mit den jeweiligen Menschen nicht in näheren Kontakt trete. Rede ich mit den jenigen oder bin sonst wie vom Ansprechen "bedroht", dann steh ich so unter Stress und Anspannung, dass sich alles nur noch um diesen oder diesen möglichen Kontakt dreht. Das ist, als wenn ich irgendwo unfreiwillig runterrutsche und nur noch aufpassen kann, dass ich nicht falle - was mich dabei voll und ganz in Anspruch nimmt.

    Normal sein, wäre da für mich, dass ich mich mit anderen einfach nur Unterhalten kann - ohne Stress, ohne Anspannung. Ein entspanntes, lockeres Gespräch.
     
    #7
    Gravity, 10 September 2006
  8. seek
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    Hi Gravity,

    mir geht es ziemlich ähnlich wie Dir!

    Einen Ausweg weiß ich nicht wirklich. Ich habe nie gelernt, wie man sich normal verhält und bleibe daher irgendwie fremd zu allem Menschen.

    Ich suche nach Möglichkeiten, mit anderen in Kontakt zu treten. Doch wenn ich frage wie, merke ich, dass die anderen in einer ganz anderen Welt leben. So weiß ich zum Beispiel nicht, wie ich ein Gespräch anfangen soll... und so bleibe ich allein.

    Hilft Dir jetzt nicht wirklich...

    lg
     
    #8
    seek, 10 September 2006
  9. born2bloved
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    Ich bin auch von deinem Planeten :smile:

    Du hast in deinen Beiträgen ziemlich genau auf den Punkt gebracht woran ich auch schon länger leide. Besonders dieses "Voranstolpern im Gespräch" kann ich sehr sehr gut nachvollziehen. Ich denke dennoch, es ist bei mir besser geworden. Mir persönlich hat das Theaterspielen ziemlich dabei geholfen. Aber seit dem ich mein Abitur habe, komme ich natürlich auch nicht mehr zur Theater AG, was leider wieder zu einer schlagartigen verschlechterung geführt hat.

    Als ich während der Zeit in der Theater AG darüber nachgedacht habe, warum mir es jetzt leichter fällt soziale Kontakte zu pflegen, oder mich zu Unterhalten, bin ich darauf gekommen, dass ich einfach mehr als sonst unter Menschen war. Du beschreibst ja selbst es sei Stress für dich. Besonders wenn viele Leute die du kennst in deiner Umgebung sind (wie z.b. auf Volksfesten wo dazu noch massig fremde sind). Ich denke das ist wie eine Spinnenphobie. Wenn dir einmal im Jahr ne Spinne über die Hand krabbelt, ist es Stress pur, Panik, Angst. Bist du täglich damit konfrontiert, gewöhnst du dich daran.

    Ich hab es gerade gestern wieder gemerkt, dass ich die Woche davor praktisch nicht unter Menschen war. Ich war auf einem großen Volksfest wo viele Leute aus meiner Stufe die jetzt, und viele bekannte aus der Stufe die das Jahr davor, Abi gemacht haben anwesend waren. Nach den Standard Gesprächsthemen (was machst du, wo wohnst du jetzt, was wills du danach machen), die doch recht rasch beantwortet sind, fehlt es an jeglichem Gesprächsstoff. Aus frustration habe ich mich dann in mich selbst zurückgezogen, alle anderen versucht auszublenden und bin nur so bei den anderen Mitgeschlendert ohne genau zu wissen wieso ich eigentlich keinen bock hab mich jetzt mit irgenjemandem zu unterhalten. Und wenn mich jemand angeschaut hat, bin ich bewusst ausgewichen um meine RUhe zu haben. Im Kopf schwirrten tausend gedanken, ich hatte stress. An eine lockere Unterhaltung war nicht zu denken.
    Der Abend war dann praktisch gelaufen weil ich auch nicht die Möglichkeit hatte mich mental zusammenzureißen und mich neu auf irgendjemand einzulassen um mit demjenigen ein Gespräch zu führen.

    Würde ich jeden Tag auf solch ein Fest gehen, hätte ich da wohl weniger Probleme mit. Kennst du den Film "Und täglich grüßt das Murmeltier?". Der Protagonist erlebt darin den selben Tag immer und immer wieder. Nach dem er 10 mal den gleichen Tag gelebt hat, kennt er die persönliche Geschichte all derjenigen denen er Tag täglich immer wieder begegnet, weil er jeden Tag lockerer aufsteht, da er ja schon genau weiss was ihm heute passieren wird, wem er begegnen wird. Ich bin der Meinung, dass man soziale Dinge genauso üben kann wie eine Sportart oder ein Instrument. Jeden Tag spielen und irgendwann geht es leicht von der Hand.

    Bist du in irgendwelchen Vereinen, wo du regelmäßig Leute triffst?

    Grüße
    b2bl
     
    #9
    born2bloved, 10 September 2006
  10. Gravity
    Verbringt hier viel Zeit Themenstarter
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    nicht angegeben
    Naja. Mit der Spinnenphobie ist es recht einfach - Spinnen sind immer Spinnen. Die Varianten denen man begegnet sind nicht so verschieden. Auch das Verhalten ist recht gleich. Deswegen funktioniert eine Konfrontationstherapie recht gut. Genau wie bei Hunden, Höhen, engen Räumen oder offenen Räumen.
    Das was Du da beschreibst nennt sich "soziale Phobie". Das Problem mit ihr ist, dass die Menschen wesentlich unterschiedlicher und unvorhersehbarer Reagieren als alles andere. Die tägliche Konfrontation mag im Einzelfall helfen, aber auch nur, wenn man positive Erfahrungen sammelt. Ist das nicht so, und wenn es auch nur einen hauch negativ ist, dann verstärkt jedoch die Ängste. Es ist dann einfach nur mehr vom selben. Und sowas hilft nicht.
    Ich hatte vor Jahren eine Langzeit-Therapie; zusammen mit ein paar anderen günstigen Faktoren, ist meine Phobie wesentlich schwächer geworden. Im Gegensatz zu früher, bin ich heute doch recht locker. Aber ich bin fern von "normal". Wie schon beschrieben, geht das in bestimmten sozialen Situationen sofort wieder rund. Ich hab zwar nicht so richtig das Gefühl das ich Panik hab - ich weiß nicht wie sich Panik anfühlt - aber die Situationen sind für mich mindestens sehr unangenehm und belastend. Sie motivieren nicht zur einer Wiederholung und tragen auch nicht zu einer Verbesserung des Problems bei; selbst wenn die Situation einen positiven Ausgang oder vorteilhafte Folgen hat.

    Mir hilft eher ein "entpersonalisieren" der Situation. Ich stell es mir dann wie ein Holo-Deck vor - das aus Star Trek. Alles um mich herum ist nur eine holographische Projektion und nicht echt. Es ist eine Simulation, ein Spiel. Wenn ich die Umwelt dann so sehe, fällt alles sofort viel leichter, weil es nicht mehr "persönlich" ist oder werden kann. Egal was da kommt, durch den Charakter einer Simulation, greift es mich nicht mehr an.
    Ein Variante ist die Vorstellung, dass alles nur ein Traum ist. Ein Traum der so vor sich hinplätschert und ebenfalls keine persönliche Bedeutung hat, außer eine Reflektion auf mein Verhalten zu sein.
    Ich denke allerdings, dass dies mein Problem nur aussetz, es aber nicht löst. Außerdem entstehen durch diese Vorstellungen neue Probleme: Distanzieren. Die Distanz zu den anderen wächst. Schließlich sind sie ja nicht echt und deswegen befasse ich mich nicht mehr weiter mit ihnen. Das was mich schützt, entfernt mich auch von ihnen. Man kann nicht Teil der Welt sein, die man nicht ist.

    Jain. Ich bin gerade dabei mich in einen Verein zu integrieren. Im Juni hab ich beschlossen, mich einem Bogensportverein anzuschließen. In einem Akt von Courage habe ich mich dann da reingehängt, einen Vorkurs mitgemacht und nehm jetzt erstmal so an den Anfängerkursen teil. Bis dann die Anmeldung fest gemacht wird. Da sind dann doch recht viele Personen dort. Sogar einige aus meiner ganz speziellen Risikogruppe "Schüler". Auch die Trainier stellen ein eigenen Risikogruppe dar. Aber es geht so ganz gut. Ich unterhalte mich ja auch mit denen - aber Stress hab ich trotzdem jedesmal damit. Und unnormal komme ich mir auch jedesmal vor.

    Ich denke, was da fehlt ist eine starke positive Resonanz. Alles was nicht so stark ist, kommt nicht so wirklich gegen meine Wahrnehmungbariere an. Da muss ich dann immer bewusst meine Wahrnehmung steuern. Oft gelingt es mir nicht während der Situation, weil die mich voll in Anspruch nimmt. Meistens merke ich positive Dinge erst, wenn ich im Nachhinein die Situation nochmal durch gehe und gezielt danach suche.
    Starke positive Erfahrungen sind dann allerdings auch so stark und unerwartet, dass sie mich erstmal regelrecht "baff" machen und ich erstmal nicht weiß, wie ich damit umgehen soll oder wie ich darauf reagieren soll. Das braucht dann erstmal ein paar Momente, bis ich mich daran angepasst hab.

    Etwas starkes positives ist zum Beispiel am Wochenende passiert, wo mir eine Freundin was nettes gesagt, was bei mir durch alle Barrieren durch ist und direkt ins innere gelangt ist. Das war irgendwie so ein allgemeines Gespräch, wo sie dann sagt, dass sie nur Jungs bis mitte zwanzig haben möchte. Da hab ich dann nach gehakt, dass ich dann mit meinen 30 wohl raus falle. Und da sagt sie dann wörtlich, "Nein. Dich würde ich nehmen."
    Das zog ohne umwege direkt durch. Bis irgendwo ganz tief in mir. Eigentlich warte ich auf solche Aussagen schon Jahre, ich bin da geradezu still am verdursten. Die Nacht darauf hab ich sogar von ihr und der Aussage geträumt. Das war nach Jahren der erste positive Traum, der auch emotional positiv war. Er reflektierte auch genau die positive Stimmung, die ihre Aussage auslöste.
    Und was ich für mich als Fortschritt sehe ist, dass ich es diesmal "wahrhaben" konnte. Ich glaube ihr das. Auch wenn ich die Aussage nicht so sehe, dass sie irgendwas mit mir anfangen will oder irgendwas in der Richtung. Aber ich sehe es als Aussage, dass sie mich schon irgendwie mag; und das ist genau die Erfahrung, die mir hilft, die mich zur Normalität bringt, mit der ich mich Normal fühle. Anerkennung. Gemocht werden. Dann nach sehne ich mich und ich verdurste geradezu, weil ich selten Wasser bekomme oder es nicht immer sehe; es sei denn, es ist so ein großer Schwall wie am Wochenende. Okay, jetzt wirds komisch...

    Ich glaube, dass Problem besteht nicht nur im Stress, den ich in sozialen Situationen hab. Es ist wesentlich komplexer. Das Problem ist auch, wie sich mein Gegenüber verhält - und zwar als Reaktion auf mein Verhalten, was durchaus gestresst wirken kann. Und in Folge dann auch wieder meine Reaktion auf seine Reaktion. Ich meine also, dass komplette Wechselspiel zwischen mir und den anderen. Ich habe die Befürchtung, dass ich mit meinem Stress, oder besser, mit meinem Verhalten unter Stress, die Situation genau in die Richtung bewege, vor der ich Angst habe: Abwendung. Das es also eine Art selbererfüllender Prophezeiung ist, nur mit dem Unterschied, dass ich nicht sage, dass es schief gehen wird. Sondern ich geh mit der Erwartung hinein, dass es schief gehen *könnte*. Allein die Chance darauf, erzeugt in mir Stress. Und leider überwiegen noch die negativen Erfahrungen, als dass sich da was aufbessert.
    Problematischer Weise kann ich auch nicht unbegrenzt "üben" und neue Situationen angehen, weil mir dazu einfach die Kraft fehlt. Die muss ich derzeit auch noch auf mein restliches Leben aufteilen, welches im Moment auch nicht gerade einfach ist. Mein Leben ist ja der andere große Punkt, wo ich mir Normalität wünsche. Es ist ja leider nicht nur der soziale Teil. So muss ich haushalten und mir überlegen, wann ich wo und wieviel Energie aufwende und aufwenden kann.
     
    #10
    Gravity, 11 September 2006
  11. born2bloved
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    Die Vorstellung mit dem Holodeck gefällt mir. Ich kann total nachvollziehen was du über positive Anerkennung und selbsterfüllende Prophezeiungen erzählst. Das ist fast unheimlich. Ich wusste nur nie dass es sich dabei tatsächlich um eine Krankheit handelt die von einem Psychologen behandelt werden kann. Ich habe mir immer eingeredet alle anderen hätte mehr oder minder die gleichen Probleme. Ich fühle auch nie Panik oder ähnliches wenn ich mich mit anderen Unterhalte. Es schwirren mehr so Gedanken im Kopf herum, was man als nächstes sagen könnte. Und aus lauter Druck der bei längeren Gesprächspausen entsteht sag ich dann irgendeinen seltsamen Satz, den ich dann am liebsten gleich zurücknehmen will und schwups hab ich ne negative Erfahrung und eigentlich keinen Bock mehr auf das Gespräch. Innere Anspannung spüre ich dabei nur dann wenn ich mich mal bewusst darauf konzentriere.

    Das Problem bei der Holotaktik ist glaube ich, dass ja doch gerade die persönlichen Gespräche diejenigen sind, die als positiv erlebt werden. Wie das mit deiner Freundin z.B.. Mit deiner Frage ob du mit 30 denn zu alt wärst, hast du ja das Gespräch eigentlich bewusst auf eine sehr persönliche Ebene transportiert.

    Hat dein Psychologe mit dir mal analysiert, woher so eine soziale Phobie kommen kann, und wie sie ganz konkret bei dir entstanden ist? Bei mir hängt es sehr stark mit der Schulzeit zusammen in der Jahrelangen mobbing an der Tagesordnung stand, während der ich leider kein bisschen Unterstützung von meinen Eltern erhalten habe, die das ganze mit "Du bist alt genug das selber zu regeln" abhakten. Daher hab ich mir dann überlegt dass ich mit exakt diesen Leuten ins reine kommen muss, also quasi mich selbst von innen heraus zu ändern um dann ohne große Holodeckvorstellungen ganz normal ins Gespräch zu kommen. Schließlich scheinen die meisten Menschen ja völlig Mühelos ohne groß Nachzudenken oder angespannt zu sein sozioale Kontakte zu pflegen. Nur zu beobachten was andere "normale" machen, und das zu kopieren bessert zwar deine aktuelle lage, aber nur bis zu einem bestimmten Grad, der auch nicht zufriedenstellend ist. Du wirst nämlich letztlich nicht mehr wahrgenommen.

    Ich kannte selber viele solche Leute, die eigentlich immer sehr unsicher wirkten, aber sich in normalen Gesprächen immer grad so behaupten konnten. Meistens haben sie ein großes Vorbild aus dem unmittelbaren Freundeskreis von dem sie meinen "Der ist cool. Der hat viele Freunde, ist erfolgreich und ne hübsche Freundin hat er acuh. Also muss ich nur so sein wie der". Diese Menschen haben sich für mich als die profillosesten und langweiligsten herausgestellt. Man kann einfach nicht nachahmen was man halt nunmal nicht ist.
     
    #11
    born2bloved, 12 September 2006
  12. Gravity
    Verbringt hier viel Zeit Themenstarter
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    nicht angegeben
    Ich war bei keineim Psychologen, sondern bei einem Psychotherapeuten. Das ist ein Unterschied. Für die Therapie war es nicht von belang, woher die Phobie kam oder wie sie wann entstanden ist. Die Therapie - eine Verhaltenstherapie - geht davon aus, dass die Phobie ein antrainiertes Verhalten ist: Ein denkbar unvorteilhaftes Verhalten, was das eigene Leben massiv verschlechtert. Ich stimme dem Ansatz zu, es entspricht meinen eigenen Erfahrungen und Beobachtungen. Die Therapie hatte somit eine Verhaltensänderung zum Ziel. Es ist ein Training, auf bestimmte Situationen in Zukunft anders zu reagieren, mit etwas anderem als Angst. Das ganze wird dabei vom Therapeuten quasi "gecoached". Er bleibt dabei, redet mit einem über die eigenen Erfahrungen und überlegt gemeinsam mit einem, was man machen könnte, was nicht so gut gelaufen ist und vor allem, was gut gelaufen ist.

    Ich für mich selber wusste von anfang an, woher ich meine Phobie hatte: Aus der Schulzeit. Damals war ich starken und ständigem Mobbing ausgesetzt. Es gab dabei dann auch keine Stelle, die gegenwirken konnte. Meine Lehrer machten eher mit, als zu helfen. Und meine Eltern taten das auch mit Sätzen wie "Du musst Dich nur zusammenreißen" ab. Das ist teilweise noch heute so. Irgendwie können sie es einfach nicht verstehen. Sie meine zwar, dass sie es verstehen und es ihnen manchmal auch so gehen würde. Aber wenn ich davon rede, dass ich manchmal einfach keine Kraft hab, irgendwas bestimmtes zu machen, dann seh ich direkt, dass sie es nicht verstehen. Sie können sich wohl nicht vorstellen, dass einfache Dinge, wie etwas zu fragen oder jemand anzusprechen, selbst wenn es nur um die Uhrzeit geht, unheimlich viel Kraft kosten kann.

    Was das Kopieren von anderen Menschen angeht. Oder das Ändern des eigenen Verhaltens. Ich sehe das Kopieren als Lernen. Ich schaue den anderen was ab - wenn es für mich funktioniert, dann ok, ich behalte es bei. Funktioniert es nicht, verwerfe ich das wieder.
    Was mein Verhalten anbetrifft: Ich sehe einen grundlegenden Unterschied zwischen meinem Verhalten und meiner Persönlichkeit. Wenn ich mein Verhalten ändere, ändere ich nicht meine Persönlichkeit. Ich bleibe immer ich - egal wie ich mich Verhalte.
    Wie ich mit anderen Menschen umgehe, das ist mein Verhalten. Das kann ich ändern. Ich kann dazu lernen, was neues lernen oder was altes verlernen. Ich kann lernen, etwas nicht mehr zu tun. Und das einzigste Hinderniss ist Geduld und Training. Man muss das neue Verhalten trainieren - solange bis es in Fleisch und Blut übergegangen ist. Bis es vom Bewusstsein ins Unterbewusstsein wandert und ohne Überlegen automatisch angewendet wird. So wie Fahrrad und Auto fahren.
    Menschen, die ohne Mühe ihre sozialen Kontakte pflegen können, haben sich dieses Verhalten auch irgendwann irgendwo mal angewöhnt. Genau das möchte ich auch. Das nenne ich "kopieren". Ich mach das, was in der Schule immer verboten war - ich schaue ab.

    Sicherlich kann man auch nicht auf einmal alles trainieren. Da steht noch immer das alte Verhalten im Weg und kontert mit Angst, Unsicherheit und anderen Gegenmaßnahmen. Darüber kann und muss man sich nicht hinweg setzen. Man darf es auch gar nicht, weil die Situationen sonst sofort ihren negativen Charakter verstärken.
    Man muss das langsam angehen. So war das auch mit meiner Therapie, und andere Therapien sind da genauso, man fängt mit den kleinst möglichen Schritten an. Man macht das, was einem am leichtesten fällt zuerst. Wenn man hier erfolge hat und positive Erfahrungen sammelt, kann es weitergehen mit den nächsten Schritten. Man nimmt dabei dann die Erfolgerlebnisse der vorangegangenen Schritte mit und ist entsprechend motivierter und zuversichtlicher für den nächsten Schritt. Und genau das kann schon den Teufelskreis aus Angst aufbrechen und einem die Chance geben, weiter zu kommen. Es kann sicherlich auch Rückschläge geben, so dass man nicht nur einen, sondern vielleicht sogar zwei, drei Schritte zurück muss. Und lieber einen Schritt zuviel zurück, als einen zuviel nach vorne. Es geht darum, dass man positive Erfahrungen sammelt, es ist kein Leistungskurs.

    So war das am Wochenende mit der Freundin so eine Sache, die sich durch Zufall aus der Situation ergeben hat. Ich hab schnell genug geschaltet und in eigener Sache nachgefragt. Es war ein Risiko, aber darüber konnte ich aus Zeitmangel nicht nachdenken. So hab ich dann Glück gehabt, dass etwas positives rauskam. Das dann noch so positiv war, dass es mir richtig durch Mark und Bein gegangen ist.
    Das ermutigt mich natürlich zu mehr. Oder auch vielleicht dazu, der Sache etwas genauer auf den Grund zu gehen. Ich hab sie ja eh schon "auserkoren" meine Hilfe zu sein, um "normal" zu werden. Ich möchte mit ihr den "normalen" Kontakt zu Frauen üben.
    Das andere wo ich positive Erfahrungen gesammelt habe war, dass ich jetzt einem Verein beitrete. Das war mir aber auch erst jetzt möglich und auch nur weil gerade ein paar andere Faktoren zusammenkamen, die das begünstigten. Diese Erfahrung war zwar nicht ganz so positiv, wie bei der Freundin, aber positiv genug, um weiter zu gehen.
     
    #12
    Gravity, 12 September 2006

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