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Bruder durch Unfall verloren, Bruch mit den Eltern

Dieses Thema im Forum "Kummerkasten" wurde erstellt von nosleep, 16 Oktober 2006.

Status des Themas:
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  1. nosleep
    Verbringt hier viel Zeit
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    Single
    ...ich weiss jetzt nicht ganz, wo ich anfangen soll.

    Vor knapp einem Jahr ist mein Bruder tödlich verunglückt, nachts, auf einer Bahnstrecke zwischen 2 größeren Städten. Was in der Nacht genau passiert ist, weiss niemand. Er hatte vorher bei meiner Oma und Tante vorbeigeschaut und es ging ihm gut. Dann ist er mit Freunden feiern gegangen, auf der Fahrt zu einer Art Jugendtreff haben sie noch teilweise geplant, was sie die nächsten Tage machen (was man abends machen könnte, wenn sie wieder Geld haben etc.). Sie haben einen drauf gemacht, Alk und ein bisschen gekifft. Irgendwann um ca 01:00 war mein Bruder nicht mehr da, seine Freunde sind ihn suchen gegangen; erst dachte man „der ist frische Luft schnappen, der kommt schon wieder“. Kam er aber nicht. Weil sie dachten, er hätte sich auf den Weg nach Hause gemacht, gingen sie auch schliesslich. Hier verliert sich seine Spur.

    Um ca. 4 Uhr wurde er von einem Zug, 3 km entgegengesetzt zur Richtung, die nach Hause führte auf freier Fläche irgendwo in der Einöde, tödlich erfasst.

    Den Zeitpunkt weiß man daher, da der Zugführer einen Schlag wahrgenommen hat und dies (+ Kilometerstand) nach Anweisung per Funk weiterzugeben hat. Daraufhin hat der Bundesgrenzschutz die Strecke abgefahren und ihn tot neben den Gleisen aufgefunden. Aufgrund dessen, dass sein Körper für so einen Unfall sehr unversehrt war (keine äußerlichen Entstellungen), hat die Staatsanwaltschaft eine Obduktion der Leiche angeordnet.
    Was mein Bruder da zu suchen hatte, ist nicht erklärbar. Es war die falsche Richung, er kannte die Gegend vorher nicht.

    So wie ich es sehe, hatte mein Bruder genug vom Feiern und sich abgeseilt. Er hatte schon immer leicht autistische Züge. Vielleicht ist er auch nicht die ganze Zeit die Bahnstrecke entlangegangen, sondern erst später auf sie gestoßen. Vielleicht ist er anschliessend die Bahngleise entlangegangen, um sich an ihnen zu orientieren und hat sich damit der Gefahr ausgesetzt. Um es vorweg zu nehmen: Ich glaube nicht, dass es ein Suizid war. Jeder, der mit dem Leichnam (Bestatter, Obduktion, Aufbarung etc.) zu tun hatte, hat gesagt, dass sie noch nie so einen unversehrten Körper nach einem Bahnunfall zu Gesicht bekamen. An dem Abend hatte er Sachen für die nächsten Tage geplant etc....


    Das nächste Problem, was ich habe, sind meine Eltern. Und zwar wie sie sich vor und nach dem Unfall (gegenüber meinem Bruder, der Verwandschaft und mir) verhalten haben. Daher muss ich jetzt ein bisschen ausholen, um alles einigermassen zu erklären.

    Um das ganze ein wenig abzukürzen (sonst müsste ich x-Seiten schreiben):

    Meine Eltern und ich gerieten immer wieder ziemlich aneinander, was auch einige Zeiten der Funkstille nah sich zog. Ich ging erst zum Bund (keinerlei Kontakt; eigene, selbstfinanzierte Wohnung), dann nahm ich wieder Kontakt auf, studierte 2 Semester, im 3. begann es zu knirschen und ich bekam Probleme; gleichzeitig wurde das Verhältnis zu den Eltern wieder schlechter bis kein Kontakt mehr bestand. Im 4. Semester versuchte ich es noch zu retten, aber es ging nicht mehr. Draufhin wechselte ich die Uni und den Studiengang.

    Meinen Bruder traf es schwerer: In ihren Augen war er nichts, da er gezwungen war, die Schule mit einem schlechten Hauptschulabschluss zu verlassen; sie wussten, dass er kiffte. Er musste sich alleine durchschlagen und bat nach einer einjährigen Odyssee unsere Oma (mit der meine Mutter kein Wort redete, weil sie nach dem Tod ihres Vaters die Höhe der Erbschaft per Anwalt anzweifelte) und anschliessend seine Tante um Hilfe. Meine Tante verschaffte meinen Bruder eine Stelle für freiwilliges, soziales Jahr -vorläufig ohne das Wissen meiner Mutter, weil mein Bruder sie darum bat-. Meine Eltern strichen meinem Bruder selbst jegliche finanzielle Unterstützung (auch das Kindergeld behielten sie mit der Begründung ein, mein Bruder solle sich davon keine Drogen kaufen können). Das FSJ tat meinem Bruder gut, da er endlich einen geregelten Tagesablauf und ein einigermassen eigenständiges Leben hatte. Er wäre in die Altenpflege übernommen worden, wollte aber lieber Krankenpfleger werden und hatte sich drauf beworben. Soweit kam es nicht, weil sich der Unfall ereignete.

    Die Beerdigung trug teils sehr skurile Züge, meine Eltern ritten bei so ziemlich jeder Gelegenheit auf der Drogengeschichte rum (ihrer Meinung nach wäre es besser gewesen, wenn er einen Entzug für Schwerstabhänige gemacht hätte). Sie versprachen, die Ergebnisse des Obduktionsberichtes mir zukommen zu lassen. Ich reagierte sonst sehr reserviert gegenüber meinen Eltern, weil ich wusste, dass ich ihre Sicht der Dinge nicht einen Moment teile und explodieren würde, wäre ich der Sache länger ausgesetzt (kann Beispiele nennen, das ist aber hier nicht so wichtig). Sie sahen meinen Bruder vor dem Tod nicht so wie er war und taten ihm Unrecht. Und ihre Sicht der Dinge änderte sich auch danach nicht.

    In der Zwischenzeit brach meine Mutter mit meiner Tante, da sie meinte hintergangen worden zu sein (meine Tante hatte ihr nicht erzählt, dass sie meinen Bruder geholfen hatte) und weil sie meinte, anfangs hätte meine Tante sich zu sehr in die Organisation bzgl. der Sachen, die bei einem Tod zu erledigen sind, eingemischt.

    2 Monate nach dem Tod meines Bruders verlangte mein Vater Nachweise bzgl. des Studiums, obwohl ich ihm diese (so vollständig wie nur möglich; was ich zuvor in einem kurzen Gespräch klar machte) geschickt hatte. Ich reagierte nicht, er strich mir den Unterhalt komplett. Daraufhin war für mich klar, dass ich von meiner Seite nicht mehr den Kontakt aufbaue. Weiterhin haben meine Eltern mir anschliessend auch nicht die Ergebnisse des Obduktionsberichtes zukommen lassen (auf der Beerdigung habe ich gesagt, dass es mir extrem wichtig ist).

    Nun ist beinahe ein Jahr vergangen, ich finanziere mein Studium und Unterhalt mit einem Nebenjob. Kein Spaß in den Zeiten von Studiengebühren.

    Von meiner direkten Familie will und erwarte ich nichts mehr. Mit dem 'größeren' Familienkreis (Oma, Tante, Onkel, Neffe) hab ich jetzt wieder richtigen Kontakt, der gerade in letzter Zeit wieder enger geworden ist, mir hilft und mich stützt.

    Ich versuche die Geschichte hinter mir zu lassen, aber es geht nicht. Ich hab das Gefühl, als ob es heimlich zuviel Einfluss auf mein Leben hat. Es geht mir nicht dreckig, es geht mir aber auch nicht gut; es ist eher eine Art Gleichgültigkeit. In letzter Zeit wird mir auch immer mehr bewußt, dass ich ab einem gewissen Punkt irgendwie keine Nähe zu Personen (ganz im Allgemeinen) mehr zulasse; es ist keine bewußte Entscheidung, sondern das Abblocken passiert irgendwann. Es ist so, dass ich nicht weiss, wie ich damit umgehen soll. Ich will das alles hinter mir lassen, kann es aber nicht.
     
    #1
    nosleep, 16 Oktober 2006
  2. Gaggi
    Gaggi (23)
    Verbringt hier viel Zeit
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    Single
    Tja....ziemlich hart. :geknickt:
    Sowas nimmt einen natürlich ziemlich mit.Leider kannn ich dir keinen guten Ratschlag geben. :kopfschue
    Bis auf einen : Sieh nach vorne, das Leben geht weiter. :mad:
     
    #2
    Gaggi, 16 Oktober 2006
  3. User 20976
    (be)sticht mit Gefühl
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    vergeben und glücklich
    holla. mehrere ziemlich schwierige aspekte. du hast deinen bruder verloren. außerdem streit bzw. kein kontakt mehr mit deinen eltern. und wie dein bruder gestorben ist, allein das gibt dir ja zu denken. auch wenn du eben davon ausgehst, dass es ein dummer unfall war und kein suizid, wirst du eben nicht erfahren, was sich genau ereignet hat - das kann ganz schön quälen. und fragen und "hätte, könnte, wäre doch"...

    du wirkst zu dem, was dir passiert ist, recht distanziert, wobei das natürlich auch täuschen kann. hast du gelegenheit gehabt, um deinen bruder zu trauern? stand er dir früher sehr nahe? wie war der kontakt zu ihm, als du dich von deinen eltern distanziert hattest? oder fühlst du dich auch da blockiert - also zu den gefühlen für deinen bruder? du schreibst von einer blockade zu den menschen in der gegenwart.

    womit könnte das forum hier dir denn helfen? gehts ums gefühleloswerden - oder um konkrete unterstützung? hast du fragen?

    das alles hinter dir lassen... nun, es ist noch alles sehr präsent. und "unverarbeitet" (wobei ich "ich muss das erstmal verarbeiten" kaum mehr hören kann). dein bruder ist vor nicht mal einem jahr gestorben. hast du von ihm richtig abschiednehmen können? also innerlich? dass dieses unglück so verquickt ist mit dem streit mit deinen eltern, ist natürlich nicht grad "optimal", genauer gesagt: ziemlich schlimm. denn einerseits willst du den streit mit deinen eltern vergessen und keinen kontakt mehr. andererseits ist da dein bruder - willst du ihn vergessen? auch wenn du "das alles" hinter dir lassen willst?

    hm, ich weiß nicht, ob ich dir ne hilfe bin mit meinen vielen fragen... einen tip habe ich noch, im internet gibt es eine seite mit dem namen "leben ohne dich", www.lod.de. dort gibt es eine rubrik geschwister, unter anderem auch ein forum (allerdings relativ klein), pinnwand genannt. auch ein geschütztes forum, zu dem nur betroffene zutritt haben. vielleicht ist es ja nicht verkehrt, wenn du dich mit dem verlust deines bruders und was das für dich bedeutet, auseinandersetzt?

    vielleicht ist deine gleichgültigkeit auch ein selbstschutz?
     
    #3
    User 20976, 17 Oktober 2006
  4. nosleep
    Verbringt hier viel Zeit Themenstarter
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    Als ich zum Bund zuhause auszog, fühlte mein Bruder sich wahrscheinlich von allen im Stich gelassen -auch von mir-. Ich habe mich in einigen zeitlichen Abständen bei ihm gemeldet, was er von sich aus nicht getan hat. Nachdem er bei seiner Oma und Tante ein bisschen eine Stütze bekommen hat und wir uns am Anfang seines FSJ lange über die Familie ausgesprochen haben und merkten, dass wir viele Dinge ähnlich sehen, hatten wir ein gutes Verhältnis. Ein knappes Vierteljahr vor seinem Tod, begann er sogar sich von sich aus zu melden. Da machte er einen ganz anderen Eindruck als zuvor, wo es nur schlecht für ihn lief; ich hatte da das erste mal das Gefühl, dass ich mich nicht um ihn kümmern und aufpassen muss, sondern dass es ihm gut geht. Von daher würde ich sagen, das Verhältnis war gut, wir hatten nur nicht die Gelegenheit viel miteinander zu unternehmen (400km Entfernung). Das einzige was mich schmerzt, ist die Art und Weise wie er gestorben ist, dass das Leben für ihn vorbei war, bevor es richtig begonnen hat und dass ich noch gerne mehr mit ihm unternommen hätte. Aber ich gebe weder mir noch jemand anderen die Schuld dafür, was passiert ist.
    Ich weiss noch nicht, ob ich innerlich richtig Abschied nehmen konnte. Es ist ein schwieriger Prozeß und man weiss nicht, ob der vorbei ist oder nicht.

    Vielleicht habe ich mir gedacht, dass es hier andere Leute gibt, die ähnliche Schicksalsschläge durchgemacht haben und ich somit sehe, wie die damit umgegangen sind.

    Es war ziemlich viel das heute abend das alles aufzuschreiben. Ich werd jetzt drüber nachdenken und vielleicht irgendwann später noch dazu was schreiben.
     
    #4
    nosleep, 17 Oktober 2006
  5. User 20976
    (be)sticht mit Gefühl
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    vergeben und glücklich
    ich denke, dass allein das aufschreiben dir schon helfen kann - mir jedenfalls geht es so, dass durchs aufschreiben mir einiges klar wird.

    es ist schön, dass dein bruder und du euch angenähert habt. schlimm, dass sein leben so beendet wurde, bevor er seinen weg gefunden hat... aber ich will hier keine phrasen dreschen.

    ich kann verstehen, dass du jetzt kein gutes verhältnis zu deinen eltern hast nach allem, was vorgefallen ist, und dass du die streitigkeit mit ihnen hinter dir lassen willst. sie haben viele fehler gemacht, wie es scheint, und waren von deinem bruder enttäuscht - ihn und jetzt auch dich so fallen zu lassen, ist wirklich hart.

    ob ein endgültiger bruch richtig ist, kann ich nicht beurteilen - vielleicht vergeht noch mehr zeit und dann könnt ihr nochmal miteinander reden. aber das musst du jetzt ja nicht entscheiden. jetzt verzichtest du auf kontakt und kümmerst dich um dein leben.


    vielleicht magst du dich ja mit anderen geschwistern, die ihre schwester oder ihren bruder verloren haben, austauschen. wie viele menschen hier geschwister verloren haben, weiß ich nicht, aber ich habe schon von todesfällen bei geschwistern hier gelesen.

    edit: ich ändere mal die thread-überschrift, denn themen mit "diffusen" werden öfters übersehen. ich hoffe, das ist okay. vielleicht gibt es so mehr reaktionen auf deinen beitrag.
     
    #5
    User 20976, 17 Oktober 2006
  6. MAiON
    MAiON (27)
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    Single
    hey du

    hört sich ziemlich übel an was da passiert ist. mein allergrößtes beileid :frown: wenn ich daran denk wie des wär wenn mein bruder weg wär ne..
    aber wieso hattet ihr beide so ein schlechtes verhältnis zu euren eltern? gut bei deinem bruder wegen den drogen aber als elternteil macht man sich doch gerade da gedanken ''was ist nur schief gelaufen?'' und versucht ihn wieder rauszukriegen. wie kann man nur so kalt sein? sogar nach der beerdigung?!
    und wie sie gefühlslos dir gegenüber reagiern können ist für mich auch unerklärlich, traurig..

    grüßle MAiON :traurig:
     
    #6
    MAiON, 17 Oktober 2006
  7. weramausi
    Gast
    0
    ganz schön scheiße... ich meine, bei mir war es ein pferd, das ich mehr als alles liebte, dass ich selbst einschläfern musste, aber sowas ist natürlich noch härter... diese gleichgültigkeit macht dich sicher fertig... ambesten, du sucht dir eine neue lebensaufgabe, setzt dir ein ziel,dass du erreichen willst. anders kommst du da nicht mehr heraus. oder du gehst zu nem psychiater und lässt dir dort helfen. der kennt sich mit sowas aus und hat garantiert hilfe für dich parat....
    lass dich nicht hängen! das leben hat nun mal größe höhen und tiefen, aber sie sind dadurch geprägt, dass man immer wieder vom einen ins andere kommt!
     
    #7
    weramausi, 17 Oktober 2006
  8. nosleep
    Verbringt hier viel Zeit Themenstarter
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    Single
    Warum meine Eltern so handeln wie sie handeln, weiss ich ehrlich gesagt nicht mehr. Sie sind mir mittlerweile fremd geworden. Sie liegen an und für sich mit jedem im Streit, mit dem sie länger zu tun haben (Nachbarschaft, Bekanntschaft, Verwandschaft, mit ihren Kindern, mit ihren eigenen Eltern). Ich würde es zwischenmenschlich-beziehungsgestört nennen. Sie kommen meiner Ansicht nach auch weder mit sich selbst noch miteinander aus. Sie haben nur die Gewissheit, dass wenn sie sich trennen würden, sie niemand anderen zum Zusammenleben finden würden, der es mit ihnen aushält.

    Ein Konfliktschema ist z.B.: Es schaukelt sich quasi an Kleinigkeiten hoch. Sie nehmen sich selbst permanent in einer Opferrolle wahr, die ihr Handeln, das weit jenseits jeglicher Verhältnismässigkeit steht, 'rechtfertigt'. Wahrscheinlich fühlen sie sich auch im Recht und würden sich selbst als friedfertig und friedsuchend bezeichnen, die mit besten Absichten und Gewissen -auch für ihr Gegenüber- handeln und niemals wollten, dass bestimmte Dinge sich so entwickeln, wie sie es nun mal tun. Aber hart und kalt Handeln tun sie dennoch. Wenn ich im Moment an meine Eltern denke, brodeln nur Wut und Verachtung hoch.

    Man kann sich fragen, wie verletzt jemand sein muss, der sich so verhält. Aber es überfordert, so jemanden gleichzeitig in einer Täter- und Opferrolle zu sehen. Auch gibt es nicht wirklich Einflüsse von aussen in ihrer Vergangenheit, der die Art und Weise, wie sie mit anderen umgehen, rechtfertigen würde. Sie hatten es nicht leicht, aber das führt nicht automatisch dazu, dass man sich so verhält.


    Um nochmal auf die letzten Konflikte zurückzukommen:

    Meine Eltern haben sich erhofft, dass ich ihnen zustimme, dass sie sich gegenüber meinem Bruder richtig verhalten haben und alles Menschenmögliche getan haben. Ich habe ihnen keine Vorwürfe gemacht. Aus meiner Sicht tragen sie keine Schuld an seinem Tod, haben ihn aber davor unter aller Sau behandelt. Aber diese Meinung kannten sie schon vorher, aus der habe ich kein Geheimnis gemacht.

    Auf der Beerdigung haben sie ihn als gescheiterten, verzweifelten, nicht glücklichen Menschen, der nicht gerade durchs Leben ging und unfähig war, sein Leben selbstständig zu gestalten, darstellen lassen. Dieses Bild stimmte meiner Meinung nach noch nie, aber sie hatten aber schon über Jahre, in denen mein Bruder sich nochmals änderte, keinerlei Kontakt mehr zu ihm. Sie waren während der Beerdigung mehr damit beschäftigt, ihr nun traumatisches Verhältnis zu ihrem Sohn aufzuarbeiten als von dem Menschen Abschied zu nehmen, der er am Ende war.

    Was auch sehr oft bei einem Konflikt vorkommt, ist, dass meine Eltern immer sofort die untereste Grenze suchen und diese in Frage stellen um zu sehen, wie weit man geht um diese zu bewahren. Mit so einer Einstellung haut man Trümmer zu Staub.

    Nach der Beerdigung ging ich auf Distanz* zu ihnen, da ich es mich überfordert hätte, den Tod meines Bruders zu verarbeiten und gleichzeitig mit ihnen auskommen zu müssen. Das, was uns jetzt noch verband und die unterste Grenze darstellte, war der Unterhalt. Der Uninachweis war quasi ein Vorwand oder Mittel zum Zweck um den Unterhalt in Frage zu stellen (hier auch wieder die Opferrolle: es sei nicht wahrheitsgemäß, man würd sie hintergehen, täuschen und verraten). Mein Vater war überzeugt, dass ich nach ein paar Wochen angekrochen komme. Für mich war es nur inakzeptabel, dass jemand mit dem rumpresst, was mir schlicht zusteht. Das ist sowas von arm, von so jemanden will ich nichts mehr. Ich könnte es mir einklagen, aber ich will von solchen Menschen kein Geld mehr.

    Was dem Ganzen den Boden ausgeschlagen hat, war, dass sie den Obduktionsbericht für den Preis einer Kontaktaufnahme gegen mich instrumentalisierten. Es war auf der Beerdigung ausgemacht worden, dass sie das Ergebnis des Obduktionsberichtes mir zukommen lassen. Es kam bis heute nicht.
    Der Bericht wäre interessant gewesen, um ein genaueres Bild davon zu bekommen, was an diesem Abend vorgefallen ist (Blutuntersuchung, genaue Todesursache). Letztendlich ist es egal, was darin steht, es wird mein Verhältnis zu meinem Bruder in keinster Weise ändern und lebendig machen tut es ihn auch nicht. So wie ich es von Dritten gehört habe, wurde aber nichts in der Menge in seinem Blut gefunden, was den Unfall erklären würde.

    Mittlerweile macht es keinen Unterschied mehr, ob sie mir das Ergebnis der Obduktion noch zukommen lassen oder mir wieder Unterhalt zahlen. Es ist quasi 1 Jahr diese Realität gelebt worden, die mir gezeigt hat, wozu sie fähig sind.


    * darunter fallen folgende Situationen:
    Ich wurde als erster vom Tod meines Bruders benachrichtigt. Daraufhin hab ich es meinen Eltern mitgeteilt. Meine Mutter, 2 Sekunden nachdem ich gesagt habe, dass mein Bruder tot ist, waren ihre ersten Worte ...damit habe ich gerechnet...*
    Mein Vater bei dem Telefongespräch, in dem meine Eltern mich informierten, wie sich der Unfall im Groben zugetragen hatte ...man könne ihm keinen Vorwurf daraus machen, dass mein Bruder und ich im Leben nichts gepackt hätten...
    Meine Mutter auf der Beerdigung ... sie würde damit klar kommen, sie hätte schon lang vorher sich von meinem Bruder verabschiedet...*
    Schleifenschriftzug meiner Eltern für das Grab ...Lieben heisst loslassen...

    * ich würde es als Schutzbehauptungen auslegen, weil ich von anderen Verwandten weiss, dass es ihr sehr nahe geht.
    ________________________________________________________________________________

    Der endgültige Bruch...
    ...sich umdrehen und für immer gehen?

    An und für sich weiss ich, was es für eine Familie bedeutet, weil meine Eltern es mit ihren Eltern mehr oder weniger genauso gemacht haben. Das ganze ist dann nicht vorbei, sondern der Konflikt bleibt bis in die Ewigkeit konserviert. Wenn ich es so mache, was macht mich dann besser als meine Eltern? Je älter meine Eltern werden, desto härter wird das für sie. Werd ich dann noch gnadenloser und kälter als sie, so wie ich nicht werden will?

    Man könnte nun sagen, dass es ein ziemlich dummer Konflikt ist, in dem beide Parteien sich hoffnunglos ineinander verbissen haben aus Gründen, die es nicht wert sind. Jeder könnte ein bisschen einlenken und vergessen, was da gelaufen ist; das wär der Weg zu einer Lösung.

    Das Problem ist, das jeder Konflikt so verläuft, wenn ich nicht einlenke und nachgebe. Außerdem kann ich auch nicht vergessen oder verzeihen, weil die Ursachen tatsächlich in den Hintergrund rücken, wenn man mitbekommt, mit welcher Kaltblütigkeit sich jemand gegen einen entscheidet.

    Außerdem muss man sich fragen, was überhaupt noch zu retten ist. Selbst wenn man annimmt, dass alles bestens läuft und meine Eltern würden zur Vernunft kommen, anfangen, sich mir gegenüber korrekt zu verhalten und auf mich zugehen ohne mich zu bedrängen... ich glaube nicht, dass -selbst über die Zeit hinweg- eine halbwegs normale Mutter-Sohn bzw. Vater-Sohn Beziehung möglich wäre. Es ist zuviel passiert, es würde immer eine unüberbrückbar Distanz übrig bleiben; Nähe zuzulassen wär dasselbe wie einen Strassenarbeiter, der den ganzen Tag einen Presslufthammer bedient, eine schwierige Herzoperation duchführen zu lassen. Das, was meiner Ansicht nach überhaupt noch möglich wäre, wäre die Gräben zuzuschütten und dann jeden seines Weges ziehen zu lassen. Ein anschliessendes Gemeinsam ist so gut wie ausgeschlossen. Ich vermute, das ist für meine Eltern inakzeptabel.

    Mir ist Familie viel wert, aber das übersteigt meine Fähigkeiten, selbst wenn ich wollte. Der Weg, den ich bis jetzt zurücklegen musste, war und ist zu schmerzhaft als dass ich ihn noch einmal zurückgehen könnte.

    Defacto wird der Bruch schon gelebt, aber bis jetzt habe ich mich 'geziert', diesen Schritt mental zu abzuschliessen. So etwas ist nicht leicht, es ist wie wenn man sich einen Stück seiner eigenen Identität herauschneidet.


    Es kam die Frage, wie man mir überhaupt helfen kann. Das, worum es mir geht, ist glaub ich:

    Den Tod meines Bruders muss ich hinnehmen, es bleibt mir nichts anderes übrig. Manche Wunden hören niemals auf zu bluten... ich denke aber, dass das ein Stück weit normal ist und es eher falsch wäre, wenn es mir gleichgültig wäre.

    Mein emotionales, moralischen Dilemma mit meinen Eltern, von dem ich nicht weiss, wie ich ihm begegnen soll.

    Mein Seelenzustand: Mir gehts weder schlecht noch gut. Mir gehts eher gar nicht, ich weiss nicht wie es mir geht. Irgendwie hab ich das Gefühl, dass es nicht mehr mit Ablenken getan ist; sondern dass das Ablenken der falsche Weg ist, weil jedesmal wenn ich mich umdrehe, die Probleme noch da sind. Die Sache ist, dass ich die vielen Dingen, die passiert sind, rational erfassen und rational damit umgehen kann (sonst könnte ich das hier alles gar nicht hinschreiben), aber emotional noch nicht ganz mit denen durch bin oder gar nicht weiss, wie ich dazu emotional stehe. Das einzige mal, wo mir die Tränen kamen, war als er ins Grab hinab gelassen wurde. Ansonsten bin ich unfähig darüber zu weinen, weder was meinen Bruder betrifft noch wegen des Konflikts mit meinen Eltern. Daher bin ich mir unsicher wie es um meinen emotionalen Umgang dazu steht (die Tränen nur als Beispiel).






    Natürlich bin ich nur auf einer Seite des Konfliktes, die die absolute Wahrheit für sich nicht in Anspruch nehmen kann. Und wenn man den ganzen Text gelesen hat, fragt man sich, ob ich glaube keine Fehler gemacht zu haben, weil man in dem Text kaum Stellen findet, wo ich darauf eingehe. Ich bin nicht fehlerfrei, aber ich denke, dass ich noch einigermassen reflektieren kann, was ich mache.

    PS.: Der Beitrag wurde aus 2 Texten zusammengesetzt. Ich musste weit ausholen (aber sonst versteht man nicht ganz, worum es sich dreht).
     
    #8
    nosleep, 18 Oktober 2006
  9. User 20976
    (be)sticht mit Gefühl
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    vergeben und glücklich
    ich finde, dass du gut analysieren kannst.

    vielleicht kann dir "dennoch" ein psychologe helfen dabei, lösungsansätze für deinen bruch bzw. konflikt mit deinen eltern zu finden. ich kann nachvollziehen, dass du mit ihnen nichts mehr zu tun haben willst, und ich denke nicht, dass du deswegen kälter wirst, als sie es sind, nur weil sie das auch mit ihren eltern so erlebt haben. du könntest zu dem thema dich bei einem psychologen beraten lassen, zum beispiel an der uni - denn da gibt es auch eine psychologische beratungsstelle. ich hab das mal wahrgenommen an meiner uni, es tat gut. da erhält man noch eine perspektive von außen - natürlich auf dem basierend, was man erzählt hat.

    wäre das was für dich? die beratungen sind kostenlos und verpflichten zu nichts, davon erfährt auch kein dozent was. und man kann sich auch weitere anlaufstellen nennen lassen. grad zum thema trauern und "sich den problemen stellen" statt ewig ablenken.
     
    #9
    User 20976, 18 Oktober 2006
  10. sad silence
    Verbringt hier viel Zeit
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    vergeben und glücklich
    hmm ich überlege was ich dir am besten raten soll, du bist an einen punkt angekommen wo es nur noch 2 möglichkeiten gibt.

    1) du könntest von dir aus kontakt zu deinen eltern aufnehmen, ich bezweifle nämlich das deine eltern von alleine einlenken werden.

    2) die wahrscheinlichere möglichkeit ist: du schließt mit deinen eltern ab und läßt das kapitel hinter dir.versuch von nun an ohne deine eltern auszukommen und irgendwann wird es nicht mehr so schlimm sein das du keinen kontakt mehr zu ihnen hast.

    gruß silence
     
    #10
    sad silence, 18 Oktober 2006
  11. nosleep
    Verbringt hier viel Zeit Themenstarter
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    Single
    Ich hab es mal wahrgenommen an der alten Uni (weil das Studium mir zu Kopf stieg + familiäre Probleme), das hat nichts gebracht. Diejenige hat es sich angehört und das war es, daher bin ich da ein bisschen skeptisch. An unserer Uni gibt es nicht die Möglichkeit, nur gebührenpflichtige "Was machen bei Lernstress-/Konzentrationsschwierigkeiten" Kurse.

    Ich habe schon überlegt, ob professionelle Hilfe da nicht besser wäre; nur hab ich keine greifbaren Symptome, nach außen hin gehts mir nicht schlecht. Auch müsste ich was mit dem Psychologen anfangen können; weil jemanden, der mir eine dreiviertel Stunde zuhört und 'ja...mmhh...ja' sagt und das war es, kann ich nicht gebrauchen. Da kann ich mich zuhause hinsetzten und es der Wand erzählen. Ein weiterer Grund ist, dass ich leider noch über meine Eltern privatversichert bin und sie somit mitbekommen würden, dass ich psychologische Behandlung wahrnehmen würde. Sowas sollte kein Grund sein, aber scharf bin ich trotzdem nicht darauf.

    Aber ich werd mich mal damit befassen und sehen, dass ich da Hilfe herbekomme. Wenn ich versuche mich mit 'normalsterblichen' Menschen darüber zu unterhalten, überfordert das schnell, zumindest habe ich die Erfahrung gemacht. Ausserhalb der Verwandschaft kennt auch nur eine Person die Geschichte beinahe vollständig. Bei anderen Personen hab ich nur vage vorgefühlt, ohne dass sie wußten worum es geht. Aber es war schnell klar, dass sie damit nichts anfangen konnten.
     
    #11
    nosleep, 18 Oktober 2006
  12. sad silence
    Verbringt hier viel Zeit
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    vergeben und glücklich
    ich kann verstehen das die meisten zuhörer damit überfordert sind.
    vllt wäre eine selbsthilfegruppe was für dich.(davon würden deine eltern auch nichts erfahren)

    gruß silence
     
    #12
    sad silence, 19 Oktober 2006
  13. Herodias
    Herodias (37)
    Verbringt hier viel Zeit
    40
    91
    0
    Verheiratet
    "Auch müsste ich was mit dem Psychologen anfangen können; weil jemanden, der mir eine dreiviertel Stunde zuhört und 'ja...mmhh...ja' sagt und das war es, kann ich nicht gebrauchen."

    Das ist ja nicht in jedem Fall so, soweit ich gehört habe, bieten einige Psychologen auch Probesitzungen an, um zu schauen, ob die Athmosphäre stimmt... Da es bei den Therapeuten auch verschiedene Richtungen gibt, solltest du dich im Vorfeld schon mal etwas informieren. z.B. bei www.psychotherapiesuche.de
     
    #13
    Herodias, 20 Oktober 2006
  14. Aha22
    Aha22 (27)
    Ist noch neu hier
    1
    1
    0
    Single
    Hey. Ich bin bei einer Online-Suche auf deinen Foreneintrag gestoßen.
    Im letzten Jahr ist einiges in meiner Umgebung passiert was einen zum denken anstößt.
    Ich frage mich nun was aus dir, nach dieser recht langen zeit, geworden ist?

    Wie geht es dir? Du hast am Anfang etwas von deinen Problemen mit der Nähe zu Personen geschrieben. Wie hat sich das entwickelt?

    Grüße.
     
    #14
    Aha22, 20 Februar 2013
  15. User 106548
    Planet-Liebe-Team
    Moderator
    3.534
    348
    4.626
    Verheiratet
    Off-Topic:
    Die Thread-Erstellerin war im Oktober 2006 das letzte Mal hier im Forum aktiv, Du solltest also davon ausgehen, dass sie Deine Frage nicht lesen wird.
    Aber andere User, die jetzt noch aktiv sind, haben vll auch ähnliche Erlebnisse gehabt. Erstelle doch einfach einen eigenen Thread, in dem Du Deine Geschichte erzählst und um Austausch mit anderen bittest.
     
    #15
    User 106548, 20 Februar 2013
    • Danke (import) Danke (import) x 1
  16. samm15
    samm15 (19)
    Ist noch neu hier
    22
    3
    2
    Single
    deine eltern handelten so weil sie sich sorgen gemacht haben und wusste anscheind nich wie und was das verhältnis zu dein elten betrifft ich glaube sie wollen dich auch nich noch verlieren denn trotz allen bist du ihr sohn jetzt -bist du ja leider nur noch der einzige deiner eltern leiden ja auch unter den tod von dein bruder denn schließlich war ja nach allem
    den trotzdem ihr kind
     
    #16
    samm15, 24 Februar 2013
  17. User 113006
    Planet-Liebe-Team
    Moderator
    2.287
    348
    3.572
    vergeben und glücklich
    Ich schließe den Thread, siehe Beitrag Mark11.
     
    #17
    User 113006, 24 Februar 2013

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