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Die Hölle dauert sieben Tage

Dieses Thema im Forum "Geschichten, Gedichte und Nachdenkliches" wurde erstellt von Shiny Flame, 13 April 2008.

  1. Shiny Flame
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    Das hier ist eine wahre Geschichte.

    Die Hölle beginnt heute Abend und sie wird sieben Tage dauern. Der Morgen wird wie blutige Verzweiflung über mein Dachfenster mit der abbröckelnden weißen Farbe hereinbrechen, wenn ich aus immer neuen Alpträumen hochschrecke und verzweifelt um mich schlage, erfüllt von einer Panik, deren Ursache ich nicht begreife. Es ist die Angst davor, zu lieben, zu vertrauen, einem anderen die Macht zu geben, mir das Herz mit einer diabolischen Komposition aus Gefühlen in winzigste Teilchen zu zerfetzen.

    Geliebt habe ich Dich schon in dem Augenblick, in dem ich das erste mal ungeschützt in Deine Augen schaute und darin verbrannte. Wie habe ich mich da gefürchtet! Wie zitterte mein Herz und galoppierte davon! Ich wollte um mich schlagen und weinen, ich wollte schreien und die unerträgliche Welt in Stücke reißen, ich wollte die Arme ausbreiten und fliegen, höher und weiter, immer tiefer, in den Mittelpunkt der Galaxie, wo blauweiß strahlende Sonnen und die Abgründe der schwarzen Löcher in einem ewigen Tanz aus Schönheit umeinander kreisen, während ich in Deinen Augen versinke, ertrinke, es nicht mehr ertrage, mein Atem stockt und ich sterbend neugeboren werde.

    Nichts davon tat ich. Ich schloss die Augen, legte den Kopf in den Nacken, seufzte und erschauerte, und mein Körper fand zitternd die Erleichterung, nach der ich gesucht hatte, die tausend andere Männer mir schon geschenkt hatten, ohne meine Seele auch nur im Geringsten zu berühren. Aber in dieser Nacht hatte es begonnen, ohne dass ich es begriffen hatte.

    Wie ich mich schämte! Wie ich Dich hasste und Dir Rache schwor, wie ich mich mit jedem Versuch, Dir zu entfliehen, noch tiefer ins Netz Deiner Blicke verirrte! Die Augen Deiner Freundin, die nichts wusste und alles ahnte, waren traurig und vorwurfsvoll, wenn sie Dich ansah, und eine Welle aus Schuld schwappte über mich und nahm mir das bisschen Luft, dass ich in Deiner Gegenwart noch erhaschen konnte.

    Ein verstohlener Blick von Dir zu mir enthielt Myriaden Umarmungen und Küsse, so dass ich erbebte, schwankte, taumelte, nach unten blickte und zu atmen vergaß, bis mein Herz immer schneller raste und aussetzte, bis die Schwärze vor meinen Augen mich fast zu Boden sinken ließ und ich mich an allem festhalten musste, was meine gefühllosen Finger noch ertasten konnten, und seien es die Hände eines anderen Mannes... Grausames Spiel, das wir hier spielten, ohne das Ziel oder die Regeln zu begreifen! Grausames Spiel, mit meinem Herzen und dem Deiner Freundin, mit meinem Stolz, meiner Würde und meinem Mitgefühl für sie! Wie kannst Du ihr so wehtun, warum belügst Du sie?

    Ich ertrage es nicht mehr, habe ich zu Dir gesagt. Ich verbrenne, verglühe, vergehe, werde bald zu einem Schatten verblassen, werde mich auflösen, nur noch ein Bündel Sehnsucht sein, warten, hoffen, verzweifeln, meinen Selbstrespekt verlieren, irgendwann werde ich allen erzählen, was Du mir geflüstert hast in den Momenten, die nur uns beiden gehörten. Irgendwann werde ich Dich zerstören, wie Du mich zerstört haben wirst. Meine Rache wird grausamer sein als alles, was Du Dir in Deinen kühnsten Träumen ausmalen kannst, weil auch das Leid, das Du mir bereitet hast, alles übersteigt, was meine süßesten Alpträume mir je hätten malen können.

    Willst Du das wirklich, habe ich Dich gefragt. Willst Du mich quälen, mich foltern, mein Leid ins Unerträgliche steigern, mir die Hölle auf Erden schenken und mich im schmerzenden Nebel der Ungewissheit in einer Extase aus Zerrissenheit zerbrechen lassen? Oder willst Du mich lieben, mir treu sein, mich halten und mir vertrauen, mein sein für immer, bis die Sterne vom Himmel fallen und unsere Seelen aufsteigen, um sich mit ihnen zu vereinen? Das ist die Wahl, vor die ich Dich stelle, habe ich gesagt. Du hast zwei Monate Zeit, um Abschied zu nehmen.

    Zwei Monate werde ich auf Dich warten, werde mich Tag für Tag ans Leben klammern, Abend für Abend den Kalender durchstreichen, Nacht für Nacht von Dir träumen. Zwei Monate werde ich warten, während Sandkörner und Stunden durch die Uhr rinnen, während Galaxien und schwarzen Löcher umeinander kreisen wie Sand, der unerbittlich durch den Trichter fließt, zwei Monate, in denen die Knospen am Zweig über meinem Dachfenster erblühen und wieder verwelken können, bis die vertrockneten Blüten vom Wind davongetragen werden und ich mein Herz festhalten muss, damit es ihnen nicht folgt und sich auf dem Weg zu Dir in den Stürmen verliert. Zwei Monate lang werde ich die Hölle ertragen können. Länger nicht.

    Jetzt sind es noch sieben Tage.
     
    #1
    Shiny Flame, 13 April 2008
  2. Katjesjesjesjes
    Verbringt hier viel Zeit
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    Single
    Wow, respekt, ich liebe diesen Text.

    Mir fehlen schon fast die Worte. Man kann sehr gut mit dir mit empfinden und ich wünsche dir, dass es die schönste Hölle auf Erden werden wird.
    Viel Glück und erzähl mal, wie es weiter geht.
     
    #2
    Katjesjesjesjes, 14 April 2008
  3. Shiny Flame
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    Die Farbe der Hölle ist rot und quält mich wie ein Sadist mit einer Gerte in der Hand, während ich gefesselt am Boden liege und mir auf die blutigen Lippen beiße, damit ich nicht weine. Rot wie die Liebe, wie die Leidenschaft, die durch meine Adern tost, wie die Wogen aus verzweifeltem Zorn, die mich umlodern wie das asbestschmelzende Feuer in Satans äußerstem Refugium, wo die unwichtigeren Sünder mit glühenden Zangen gequält werden. Ich habe die glatte Oberfläche der Hölle kaum angekratzt, so scheint es mir, aus der es nun rot hervorsprudelt, mich überschwemmt, wie Napalm verbrennt und aus der Bahn wirft. Ich spüre, dass ich noch weit von der Mitte des Leides entfernt bin, vom Zentrum der Qualen, die Du mir bereiten wirst, vom Abgrund Deines Herzens, in dem ich meine Seele verloren habe in einem Absturz aus Sehnsucht. Die Hölle, deren Flammen mich verbrennen und läutern werden, hat kaum begonnen, und ihre Farbe ist rot.

    Gestern hast Du mit mir telefoniert, bevor Du schlafen gingst. Müde und erschöpft wolltest Du noch einmal meine Stimme hören. Oder war es nur Pflichtgefühl? Denn der Nachmittag gehörte Deiner Freundin! Zwei Monate hatte ich Dir gegeben. Zwei unerträglich lange Monate, und Du bist immer noch mit ihr zusammen! Du sagst mir jeden Tag, dass Du mich liebst, und bist immer noch mit ihr zusammen! Versteckst mich wie ein schmachvolles Geheimnis, während sie Deine Hand halten darf, dort, wo es alle sehen! Meine Augen sind bleich und durchsichtig, erschöpft vom ständigen Wechselbad der Gefühle. Gestern hast Du mit mir telefoniert.

    Heute wolltest Du chatten, so hast Du mir dabei gesagt. Ich sollte Dir wieder einmal den Arbeitstag versüßen, mit Dir reden, träumen, tausend virtuelle Dinge tun. Aber Du bist gar nicht da! Einsamkeit ist auch eine Farbe der Hölle. Einsamkeit, enttäuschte Sehnsucht, gebrochene Schwüre und Versprechen, all diese Dinge färben das Rot der Hölle mit einer schmierigen Schwärze, die unerträglich für mich wird. Du bist nicht da, und dabei waren wir doch verabredet! Chatten ist so gefährlich. Man sagt so viel, verrät so viele Träume, erzählt viel zu früh viel zu viel. Woher soll ich denn wissen, ob Du meine Liebe wirklich erwiderst, wenn Du es mir nur sechsundzwanzig Mal ins Gesicht und achtzehn Mal am Telefon gesagt hast? Geschriebene Worte zählen nicht, sie gehen viel zu leicht von der Hand und können Lügen verbergen, die das Gesicht verraten würde.

    Am Anfang war meine Liebe noch rein und klar und frei von der Gier, Dich zu besitzen, doch je mehr ich Dich entdeckte, je mehr meine Seele Deine erkannte und begriff, wie nahtlos und fest wir ineinander passen, desto hungriger verlangte es mich nach Dir. Chatten war der einzige Weg, auf dem wir tatsächlich miteinander reden konnten, denn wenn wir uns sahen oder auch nur die Stimme des anderen hörten, dann, stottertest Du und mir brach der Atem, während ich meine zitternden Hände zu verstecken suchte. Ein geistloses, dümmliches Lächeln entstellte unser beider Gesichter, und die gestammelten, verworrenen Worte dienten nur dazu, die Pause zwischen zwei Küssen zu überbrücken. Sinn oder Bedeutung besaßen sie nicht, außer dass wir uns immer wieder vergewissern mussten, dass der Andere tatsächlich in greifbarer Nähe war und wir uns in die Augen schauen konnten, wenn wir es denn wagten, den Blick zu heben.

    Diese Küsse! Die süße Extase Deiner Lippen, der Schleier aus Nebel, der auf uns herabsank und uns umhüllte, verbarg, emporhob und davon trug auf die geheime Insel der Liebenden, zu sanftweißen Stränden und zärtlich rauschenden Wogen, zu gleißender Sonne und nächtlichem Feuer, bis wir irgendwann erstaunt die Augen öffneten und feststellten, dass wir immer noch im Restaurant saßen und die Welt die gleiche war. Welche Süße lag darin! Und welche Verzweiflung, als ich Dich wieder gehen lassen musste und wusste, Du kehrst zu ihr zurück und wirst meine Tränen nicht sehen...

    Die Welt wird nie wieder die Gleiche sein. Denn ich habe mich gewandelt. Habe durchlitten, was niemand durchleiden sollte, habe gebrannt, wie niemand brennen sollte, liebe noch immer, wie niemand lieben sollte, der seinen Verstand behalten will. Liebe? Oder viel eher dreckige, widerliche, wertlose, entwürdigende Verknalltheit? Wer soll das unterscheiden, wenn er so tief wie ich in diesem Dschungel gefangen ist? Ich begreife nicht mehr, wie ich in diese Geschichte rutschen konnte, ich verstehe nicht länger, welcher Wahnsinn mich hier gefangen hält. War es nicht irgendwann, vor einhunderttausend Jahren oder so, ein netter Flirt, ein prickelndes Spiel zweier Menschen, die schon viel zu viel gespielt hatten? Wie konnte es so weit kommen?

    Ich weiß nur noch eins, und daran klammere ich mich verzweifelt fest in der Hoffnung, am Ende meinen Verstand zurückgewinnen zu können:

    Jetzt sind es nur noch sechs Tage.
     
    #3
    Shiny Flame, 14 April 2008
  4. Shiny Flame
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    Heute geht es mir verrückterweise seltsam gut und beschwingt, so als ob ein gnädiges Schicksal mir eine Verschnaufpause gönnen will zum Dank dafür, dass ich gestern meiner Freundin, der es so schlecht ging, geholfen habe, statt immer nur an mich selbst zu denken. Ich bin froh über diese Atempause. Es ist ein wackeliges Gleichgewicht, so scheint mir, das nur stabil bleibt, so lange ich mich nicht allzu viel bewege oder nachdenke. Wie in dieser seltsamen Phase zwischen Schlaf und Wachen, wenn das Gefüge der Wirklichkeit sich um einige Atombreiten verschiebt und verborgene Fäden und Zusammenhänge auf einmal ganz deutlich sichtbar werden, wenn das Chaos seine verborgene Ordnung enthüllt und sie größer und schöner ist als alles, was wir Sterblichen uns mit unserem beschränkten Verstand ausdenken können, und seien wir noch so kreativ.

    Ich kann nicht beurteilen, ob ich tatsächlich so etwas wie eine tiefere Weisheit hinter meinem Leid entdeckt habe oder ob mein zur Zeit schlummernder Verstand sich vor dem Irrsinn nur versteckt hat, um in fünf Tagen entsetzt festzustellen, was ich bei meinem Ausflug in den Wahnsinn für seltsame Gedanken ausgebrütet habe. Im Moment spielt es für mich auch keine Rolle mehr. Ich fühle mich, als ob ich von den Wellen des Lebens getragen werde und sie mich unversehrt an den Stromschnellen vorbeiführen werden, wenn ich mich ganz weich und schlaff mache, keinen Widerstand biete. "Halte aus", wispert eine sanfte, zärtliche Stimme in meinem Geist und ich schließe erleichtert und voller Vertrauen die Augen und spüre, wie das Wasser schneller und schneller mit mir davonfließt.

    Fühle ich mich jetzt so frei, weil ich dem schlimmsten, grausamsten, unerträglichsten Schmerz freiwillig ins Gesicht blicken konnte, der hoffnungslosesten Unsicherheit und der unvernünftigsten Hingabe? Weil ich es bis ans Ende der zwei Monate aushalten werde können und dieser Mut mich endlich vor meiner uralten Angst vor Zurückweisung, vor mangelnder Liebe und Einsamkeit befreien wird? Denn im Moment vertraue ich, obwohl es keine Sicherheit gibt, keinen Beweis, der mir Recht gibt, keine Träne, die ich seinetwegen nicht schon geweint habe. Ich mache mein Vertrauen, meine Angst, meine Unsicherheit, meinen Schmerz dem Universum zum Geschenk, weil es alles ist, was ich noch habe. Es ist alles, was ich geben kann, denn meine Liebe gehört längst nur ihm und ihm alleine.

    War es nicht so, dass jedes Mal, wenn einer von uns eine weitere Barriere hob und den Anderen tiefer schauen ließ voller Angst, er würde zurückgestoßen sein und verschwinden, dass dann im Anderen eine Tür aufging, die genau auf diese Offenbarung gewartet hatte? Wurde das Band zwischen uns nicht immer tiefer, je mehr wir dagegen ankämpften und uns aus dem Weg gingen, weil dadurch die Sehnsucht wuchs und wuchs und wuchs? Träumte ich nicht einmal, ich würde über eine nebelverhangene Ebene blicken, über der die Sonne langsam aufging, während eine Stimme zu mir sagte: "Dein Zauber ist jetzt gewirkt. Du kannst weiter kämpfen und um dich schlagen, oder du bleibst einfach stehen und schaust, wie alles sich entfaltet. Es ist nicht mehr aufzuhalten, es ist zu mächtig."

    Mit dem Verstand kann ich so etwas nicht länger begreifen. Aber vielleicht muss ich das auch nicht, vielleicht ist der Verstand manchmal ein schlechterer Ratgeber als das Herz. Wenn Liebe und Vertrauen Wahnsinn sind, dann kann ich diesen Wahn wohl noch ein kleines bisschen länger ertragen.

    Noch fünf Tage.
     
    #4
    Shiny Flame, 15 April 2008
  5. Shiny Flame
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    Rachegedanken

    Was? Da habe ich gestern doch tatsächlich behauptet, so etwas wie inneren Frieden zu verspüren, ein wackeliges Gleichgewicht aus dem Gefühl von Freiheit und der gelassenen, abgeklärten Hinnahme des Unabänderlichen? War ich denn komplett verrückt? Wie konnte ich so dreist und unverschämt lügen? Das kommt ja schon fast an die Dreistigkeit heran, mit der Du immer wieder behauptest, mich zu lieben, um dann doch mit Deiner Freundin um die Häuser zu ziehen! Lügen und Unverschämtheit, eine unerträgliche und wirklich hassenswerte Kombination!

    Ja, ich... nein, ich... Ich... Verdammt, ich kann nicht schreiben, dass ich Dich hasse! Es wäre doch gelogen! Ich liebe Dich doch. Nichts Böses soll auf Dich kommen, alles Licht der Welt soll auf Dich strahlen, jedes winzige Quentchen Glück soll die Existenz vor Dir ausschütten, damit Du genauso achtlos darüber hinwegtrampelst wie über meine Gefühle und die Deiner Freundin. Ich h...

    Da spielt plötzlich ein sardonisches Lächeln um meine ausgetrockneten und verblassten Lippen. Alles Licht der Welt? Oh ja, genau das soll auf Dich strahlen, hier und jetzt, in diesem Augenblick! Alpha-, Beta- und Gammastrahlen, ultraviolettes und infrarotes Licht, der seltsame Welle-Teilchen-Dualismus der Photonen auch im sichtbaren Spektrum, dazu gleich noch ein paar Neutrinos, die zwar überhaupt nichts bewirken, sich in dieser Aufzählung aber trotzdem gut anhören. Alles Licht der Welt auf einmal, oh ja! Ein heller, versengender Blitz aus Licht soll auf Dich herunterstrahlen und mir dabei gleich noch das Herz herausbrennen, damit ich Deinen Verlust anschließend nicht spüre, ganz genau so soll es passieren, oh ja!

    Dir, mein Geliebter, Dir schwöre ich Rache. Langsame, genussvolle, kreative Rache, die sich langsam aufbaut und viele Jahre Zeit hat, um sich zu voller Blüte zu entfalten. Die vulgäre Version mit dem Tipp beim Finanzamt, dem Petzen bei Deiner Freundin, dem Blamieren im Freundeskreis oder gar - brrr, wie geistlos - dem Versand von Paketen mit ekelerregenden Inhalten habe ich nicht nötig. Das ist platt und zeugt von mangelnder Intelligenz. Nein, meine Rache wird kunstvoll sein wie ein teures Gemälde, wie ein genialer Roman, wie eine begnadete Komposition eines großen Musikers, und sie wird sich nicht in sinnloser Zerstörung erschöpfen, sondern sich zur Keimzelle meiner künftiger Größe auswachsen. Ich werde dort glücklich sein, wo Du es nicht geschafft hast.

    Du hast einmal davon geträumt, mit 30 mindestens drei Musikalben veröffentlicht zu haben. Jetzt bist Du 31 und kein CD-Cover trägt Deinen Künstlernamen. Oh, wie mir das Leid tut für Dich. Wie furchtbar garstig mir das Leid tut. Ich bin jetzt 25 Jahre alt, mein Traum war es, mir als Schriftstellerin einen Namen zu machen. Jetzt sieht es ganz danach aus, als ob ich keine andere Wahl mehr habe, als mit 29 meinen dritten Buchvertrag zu unterschreiben, immerhin muss ich über Dich hinauswachsen. Das bedeutet, dass ich jetzt echt unter Druck stehe, mich mit dem Schreiben ranzuhalten, statt mich immer wieder in Selbstmitleid zu verlieren und von Dir zu träumen. Denn nächsten November beginnt mein Referendariat, und nach einem 10-Stundentag regelmäßig die Zeit zu finden, noch eine weitere Stunde zu schreiben - das wird anstrengend. Aber für meine Rache werde ich diesen Preis wohl bezahlen können.

    Hmm. Da fällt mir gleich der nächste kleine Schritt ein. Als Sängerin bin ich auch nicht völlig untalentiert, möchte ich mal behaupten, und ein Freund von mir möchte schon seit Längerem ein paar Tracks gemeinsam mit mir produzieren. Meine jetzige emotionale Zerrissenheit gibt mir schließlich auch Material für mehr als einen Songtext. Warum soll ich Dich, meinen Geliebten, nicht auch auf Deinem eigenen Gebiet übertreffen? Warum soll ich mich wertlos fühlen, warum soll ich weinen und mich verstecken, warum soll ich sehnsüchtig auf einen Mann warten, der mich aus meinem selbstgewählten Unglück erlösen wird? Ich werde Dich übertreffen, das ist viel besser als traurig und hilflos auf Deine Entscheidung zu warten. Ich werde Dich bei dem übertreffen, was Du aufgegeben hast, um reich zu werden, und wonach Du Dich tief in Deiner Seele immer noch sehnst.

    Ist das nicht grausamer als alles andere?

    Du hast noch vier Tage.
     
    #5
    Shiny Flame, 16 April 2008
  6. Shiny Flame
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    Halte aus! flüstert die Stimme aus meinen Träumen. Halte aus und du wirst mit Glück belohnt werden, das größer ist als alles, was du dir bisher vorstellen konntest. Ich will höhnisch lachen, aber nicht einmal dafür habe ich noch die Kraft nach dieser durchwachten Nacht. Der Schmerz ist allgegenwärtig, ich kann ihn nicht genau lokalisieren. Natürlich ist er hauptsächlich im Herzen angesiedelt, das ist ja klar, und von dort strahlt er in den Magen und blockiert den Hunger, strahlt in die Lungen, so dass ich langsamer atmen muss und nicht einmal das wunderbare Glück einer tiefen, entspannten Brise aus Sauerstoff genießen kann, ohne dass meine Rippenmuskulatur schmerzt. Gestern konnte ich mich noch mit Racheplänen, Freunden und sechs neu gelernten Gitarrengriffen ablenken, aber heute ist das nicht mehr möglich. Es ist genauso verboten wie die Flasche mit den verlockenden 38 Volumenprozent neben meinem Bett, genau wie alles andere was mich davon ablenken könnte, nach innen zu schauen und zu spüren, wie sich das Inferno langsam entfaltet und erblüht.

    Der Schmerz ist inzwischen eine allumfassende Größe. Ich spüre ihn in meinen Kniekehlen, dem linken großen und dem rechten kleinen Zeh, in meinem Nacken, meinem linken Ohr, meiner Kopfhaut, in jedem winzigen Muskel meines Körpers, und wenn ich es mir richtig überlege, dann sogar in meinen Haarspitzen, obwohl das bei Licht betrachtet eigentlich nicht wirklich möglich ist. Tabletten dagegen sind genauso verboten wie es letzte Nacht Baldriantropfen gegen die Schlaflosigkeit waren. Nur Musik hören ist erlaubt. Ein bisschen Tanzen, wenn mein erschöpfter Körper das mitmacht, aber das tut er nur selten. Sonst liege ich apathisch auf meinem Bett, lasse den Schmerz kommen und gehen und wie Wellen durch mich hindurchfließen, spüre ihm nach, genau wie jedem beengtem Atemzug.

    Mein Liebster, Du hast gestern nicht angerufen, obwohl Du es versprochen hattest. Du bist seit Tagen nicht online. Montag noch nicht mal, obwohl Du mich am Vortag darum gebeten hattest. Das letzte "Ich liebe Dich" von Dir am Telefon ist schon drei Nächte her, vor zwei Nächten habe ich Deine Stimme das letzte Mal gehört. Diese Zeiträume erscheinen gar nicht so lange, wenn man sie von außen betrachtet, aber ich weiß ja, dass es in Wahrheit dreitausend Jahre waren, auch wenn das außer mir niemand mitgekriegt hat.

    Nach so langer Zeit bleiben nur winzige Spüren einer Existenz wie Deiner in meinem Leben zurück, die von den Archäologen nur mühsam gedeutet werden können. Hatten die ganzen Rückzugssignale, die Du mir Anfang der Woche gesendet hast, nicht schon den Sinn, mir mitzuteilen, dass Du mich verlassen willst, oder war es wirklich nur Stress auf Deiner Arbeit? Bei Dir kann eine Frau sich ja nicht darauf verlassen, dass Du ehrlich bist, dass sehe ich ja an Deinem Verhalten gegenüber Deiner Freundin. Ich kann nur mit der Akribie einer Archäologin nach Antworten suchen, in SMS, die Du mir vor dreitausend Jahren geschrieben hast, in Chatlogs, die noch deutlich älter sind, und ganz, ganz langsam kann ich spüren, wie in mir die Stärke wächst, die mich befähigen wird, das zu ertragen, was Du mir Sonntag mitteilen wirst.

    Im Grunde weiß ich schon, dass Du wohl doch nicht zu mir kommen wirst, dass Du nicht den Mut aufbringen wirst, den Schritt in eine ungewisse Zukunft mit mir zu machen, mit mir, der Frau, deren Seele Du ganz zufällig berührt hast, ohne es zu wollen. Vielleicht hast Du nicht einmal mehr an den Termin gedacht? Vielleicht hast Du Sonntag auch einfach gar keine Zeit? Vielleicht magst Du Dich auch nicht entscheiden und willst weiterhin meine Liebe und die Sicherheit mit ihr genießen, weil Du armer Kerl in deinem sonstigen Leben ja wirklich genug Schweres und Verantwortung um die Ohren hast?

    Ich warte. Halte geduldig Stunde um Stunde aus. Mit Hoffnung oder ohne. Mit fiesen, subtilen, hinterhältigen Schmerzen oder ohne Luft zum Atmen. So langsam erwacht die Hölle endgültig aus ihrem Schlummer und greift mit liebevollen, krallenbewehrten Armen nach mir, küsst mich wie ein verliebter Folterknecht mit säuretriefendem Mund, bereit, mir eines ihrer mörderischen Gesichter nach dem anderen in beinahe unerträglichem Wechsel zu präsentieren und abzuwarten, wer stärker ist: Ich oder der Schmerz. Ich weiß noch nicht, wie ich das durchhalten kann, außer eben Stunde für Stunde weiter zu atmen. Irgendwann wird es Minute für Minute sein, wie ich fühle, wie ich fürchte, wie ich panisch zu vermuten beginne. Ich warte. Halte durch. Halte durch. Ich muss es einfach.

    Wenn ich das hier jetzt tatsächlich durchstehe, dann werde ich unverwundbar sein. Es ist wie das Bad in versengendem, heißen Drachenblut, das die antiken Helden unverwundbar gemacht hat. Vielleicht geht es gar nicht mehr um Dich, vielleicht ging es die ganze Zeit nur um mich und darum, dass ich endlich meiner eigenen Stärke ins Gesicht schauen muss, ohne mich dafür zu schämen?

    Wie gesagt, wenn ich das hier durchhalte. Es wird noch eine Weile dauern, fürchte ich. Auf dem Kalender sind natürlich nur noch drei Tage, aber dieser Zeitbegriff wurde von den verliebten fingern der Hölle ja längst außer Kraft gesetzt. Ich ahne als einzige, wie viele Jahre diese Tage tatsächlich dauern werden, ich weiß als einzige von dem seltsamen Mechanismus, nach dem die vor mir liegende Zeit in zwei Stunden noch einmal um ein Vielfaches gewachsen sein wird und in drei Stunden so lang sein wird, dass ich mir eine solche Furcht im Moment noch nicht einmal vorstellen kann. Jetzt, jetzt bin ich endlich in der Lage, höhnisch zu lachen.

    Jetzt sind es nur noch drei Tage.
     
    #6
    Shiny Flame, 17 April 2008
  7. batida de chaos
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    Oh ja, Liebe kann schon grausam sein. Gnadenlos fies, kann sie sein. So bezaubernd dieser Kerl auch sein kann, er ist ein elender Feigling :mad:

    Es ist ja schon okay, dass er nicht von heute auf morgen seine Freundin sitzen lässt. Es spricht ja einerseits auch für ihn, dass es ihm nicht leicht fällt sie aufzugeben. Doch dir hinter ihrem Rücken Liebesschwüre zuzusäuseln und dann nicht so konsequent zu sein, dazu zu stehen, das ist eben elendig feige. Es ist ziemlich dreist die Frist, die er von dir bekommen hat, auch noch so auszureizen. Hoffentlich hat er auch so richtig unruhige Nächte. Das wäre nur fair. Aber was ist schon fair? :hmm:

    Warum nur fühlt sich der Weg in die Hölle so himmlisch an, wenn uns so ein Satanbraten dort hin (ver)führt?
    Warum verschmähen wir den Engel, der uns voller Anbetung alle Seligkeiten des Himmel serviert aber verfallen auf der Stelle den feurigen Augen des Höllenhundes dessen Worte uns wie göttliche Musik klingen? Warum erscheint uns die Hölle manchmal wie der Himmel und umgekehrt? Weshalb liegen Himmel und Hölle nur so dicht beieinander?
    Vielleicht müssen wir erst durch die Hölle gehen um im Himmel zu
    landen... . :engel:

    Du merkst, mir fallen auch mehr Fragen ein, als Antworten.
    Ich sitze selbst gerade hier, irgendwo zwischen den brennenden Wünschen meinen Höllenhund zu verfluchen und ihm doch wieder nah sein zu wollen. Ich weiß, dass es in meinem Fall keine Aussicht auf eine Zukunft zu zweit gibt und dennoch komme ich nicht von ihm los, auch wenn ich es jetzt fast drei Monate ohne ihn ausgehalten und es mit anderen versucht habe. Aber manche Menschen sind, oder erscheinen einem, so außergewöhnlich, dass wir sogar durch die Hölle gehen, in der Hoffnung, ein Stückchen Himmel auf Erden zu bekommen.

    Ich wünsche dir die Kraft aller Elemente und zittere mit dir dem Sonntag entgegen :knuddel:

    Ganz liebe Grüße
    Batida
     
    #7
    batida de chaos, 18 April 2008
  8. Shiny Flame
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    Was ist der Unterschied zwischen zwei Tagen und siebentausend Jahren? Sind nicht beides nur Zahlen ohne den geringsten Bezug zu so etwas Stupidem wie der Realität? Bin ich denn noch zu irgendetwas in der Lage, außer sinnlos auf meinem Bett zu liegen, Musik zu hören, die Stunden zu zählen, zu dösen, ein bisschen zu lesen, zu träumen und meine Hände an Stellen meines Körpers wandern zu lassen, an denen ich viel lieber Deine spüren würde?

    Jetzt habe ich es geschafft, mir eine Hose anzuziehen und eine Jacke über mein Schlaf-T-Shirt zu werfen, und tatsächlich zum Supermarkt zu gehen und mir eine Tüte Kartoffelchips zu kaufen. Frustfressen. Wann, wenn nicht jetzt soll ich das machen?

    Gestern Abend war endlich der Zeitpunkt gekommen, an dem ich mich in der Lage fühlte, der Versuchung der Flasche mit den 38 Prozent nachzugeben. Ich habe ein altehrwürdiges, überliefertes Ritual für frustrierte Single-Frauen mit Liebeskummer zelebriert. Ein heißes Schaumbad mit Duftzeug drin, ein Teller mit Gemüsesticks, Knoblaudip, ein Obstteller mit viel Zucker und Zimt drüber gestreut und viel heißer Kakao, um eine Grundlage für die Prozente zu schaffen. Mein Bad roch sehr interessant.

    Mehr kann ich nicht erzählen. Ich fühle mich nicht mal mehr in der Lage, blumige Metaphern zu schmieden. Einfach nur noch Überleben.
     
    #8
    Shiny Flame, 18 April 2008
  9. Shiny Flame
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    Die sieben Tage sind vorbei. Endlich bin ich frei in meinem Herzen. Endlich. Endlich konnte ich all die Tränen vergießen, die sich angestaut haben. Jetzt habe ich wieder Zeit für mein Leben.

    Verrückterweise kommt er mich jetzt heute Abend besuchen. Fragt nicht. Offenbar ist er noch mit ihr zusammen. Er wird es wieder schaffen, mich zu belatschern. Das weiß ich jetzt schon. Aber was solls... Ich liebe ihn nun mal. Noch.

    Wir werden sehen, was die Zukunft bringt. Ich glaube nicht länger an so beschissene Ultimaten.
     
    #9
    Shiny Flame, 21 April 2008

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