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Die Prophezeihung

Dieses Thema im Forum "Geschichten, Gedichte und Nachdenkliches" wurde erstellt von Shiny Flame, 5 Februar 2008.

  1. Shiny Flame
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    Verlobt
    „Und?“, frage ich die fragile, rothaarige Frau, während unsere Blicke sich über der Kerzenflamme in meiner Küche trafen. „Wo siehst du mich in zwanzig Jahren?“ Wir lachen beide, denn es ist doch ein bisschen albern, sich hier völlig ohne Karten oder Kaffeesatz gegenseitig die Zukunft vorauszusagen, doch irgendwie passt es in diesem Moment. Sie grinst mich an.

    „Hmm, da muss ich erst mal überlegen. Lass mal sehen. Also, du lebst mit deinem Freund zusammen, obwohl, ich glaube, er ist auch dein Mann. Eure Kinder... wie soll ich sagen... Ja, ich sage einfach mal, sie sind die einzigen in der Klasse, die mit gestreiftem Pulli und Blümchenhose rumlaufen dürfen, wenn sie das wollen. Sie sind furchtbar glücklich dabei. Sie dürfen auch mit Fingerfarbe die Wände im Kinderzimmer anmalen und so.“ Sie hält inne. Mir gefällt das Bild.

    „Dein Sohn ist inzwischen Teenager oder fängt grade an damit, er ist so jemand, der keine Markenklamotten trägt, der lange Haare hat und Skate-Board lieber mag als Fußball und dem es völlig egal ist, was andere davon halten. Jemand, der zu sich sich selbst stehen kann und den die Lehrer abwechselnd bewundern und verfluchen. Ich glaube, er ist grade zum Klassensprecher gewählt worden. Er ist auch jemand, den alle Mädchen gern zum großen Bruder hätten, weil er so was ruhiges, zuverlässiges ausstrahlt.“

    Ich zögere. „Heißt das, er findet nie eine Freundin? Wenn alle ihn nur als großen Bruder sehen?“
    Lilia überlegt kurz und blickt in die Ferne. „Nein, ich glaube, er wird eine Freundin finden, die genau so etwas besonderes ist wie er und mit der er sich wirklich auf tiefem Level verstehen wird. Aber sie werden gleichzeitig auch gute Freunde sein.“ Ich nicke. Damit kann ich leben. Und meine Tochter wird auch ein ganz besonderes Kind werden, fröhlich, lebendig und mitreißend, das sehe ich selber jetzt schon. Alle werden ihrem Charme erliegen.

    „Aber was ist mit mir?“, fragte ich dann. „Das ist jetzt erst mal nur das Drumherum!“
    „Sei doch nicht immer so ungeduldig, Sabine!“
    „Doch, bin ich aber!“, schmolle ich.
    „Das ist alles ganz schön schwer zu sehen, hörst du? Ich muss mich erst mal von außen zu dir hin arbeiten, ja?“
    „Ok, mach weiter. Meinetwegen auch mit dem Drumherum.“
    „Dein Mann... Dein Mann ist deinen Extravaganzen erlegen und verehrt dich dafür, aber gleichzeitig ist er auch bodenständig genug, um sich von dir nicht mitreißen zu lassen, sondern ruhig sitzen zu bleiben und dich wieder auf den Teppich zu bringen. Genau das brauchst du auch. Und trotzdem liebt er dich so, wie du bist. Er macht auch irgendetwas künstlerisches.

    Euer Zusammenleben ist ein bisschen gemütlich chaotisch, jeder von euch ist ein eigener Mensch und respektiert die anderen, ihr geht liebevoll miteinander um, könnt konformistisch tun und doch untereinander darüber lächeln, ihr versteht euch richtig gut in eurer Familie und die Kinder haben einen friedlichen Raum, in dem sie Freiheit und doch Stabilität und Wärme finden. Das dein Sohn so etwas besonderes wird, verdankt er auch dir. Ich habe das Gefühl... Ja, wie soll ich das beschreiben... Ihr balanciert euer Zusammenleben jeden Tag neu aus, so dass ihr immer wieder ein bisschen herausgefordert seid. Aber irgendwie... ist es auch genau das, was ihr möchtet, und deswegen seid ihr zufrieden damit.“ Sie schweigt eine Weile und ich denke angestrengt nach. Ist es das, was ich will?

    „Dich... Dich sehe ich mit hennaroten Haaren und einem beige-braunen Leinenkleid, um den Hals vielleicht eine Lederkette mit einem runden Anhänger und im Haar eine Messingspange, afrikanisches Kunsthandwerk oder so etwas.“
    „Och nein, Lilia, sag, dass das nicht wahr ist!“
    „Wieso nicht?“
    „Kein schwarzes Kostüm? Keine hochgesteckten dunklen Haare? Keine beruflich erfolgreiche Karrierefrau?“

    Sie zögert wieder und blickt in die Ferne. Dann zaubert ihr zartes Lächeln wieder Grübchen auf ihre Porzellanhaut. „Nein, kein schwarzes Kostüm.“
    „Ich will aber! Du beschreibst mich hier so... Als ob ich so eine beschissene alternative Tussi geworden bin! Davor hatte ich immer Angst! Ich will nicht in die Öko-Nische, ich bin lebendig und hab keinen Bock auf dieses oberflächliche Heile-Welt-Gefasel!“
    „Hmm, lass mich erst mal weiter machen. Muss doch gar nicht alternative Öko-Nische heißen! Du stehst mit einem Pinsel in der Hand und hochgesteckten wuscheligen Haaren zwischen lauter ungewaschenem Geschirr und bist sehr glücklich, ach ja, hinter dem Ohr klemmt noch ein Bleistift, weil du wieder an irgendeiner Geschichte arbeitest.“

    Das gefällt mir auch nicht. „Och nö, Lilia, sag nicht so was!“
    „Warum nicht?“ Ihre Stimme ist sanft und glücklich, als ob sie gerade etwas Wunderschönes erblickt hat.
    „Ich bin felsenfest überzeugt, dass ich das mit dem Geschirr bis dahin in den Griff bekommen habe!“
    Lilias glückliches Lachen reißt mich mit. „Nein, Sabine, das wirst du nie schaffen. Dafür bist du einfach nicht der Typ.“
    „Du bist doof! Du wirst ja sehen, ob ich das schaffe!“
    „Ja, Sabine, genau das werde ich sehen... oder eben nicht.“ Wir lachen beide, und ich bin doch ganz zufrieden, dass ich immer noch Künstlerin sein werde.

    „Als nächstes das Thema Geld... Hmm, ich sehe nicht so viel Geld, aber sehr viel Zufriedenheit und Wärme. Wobei... Du trägst ein gutgeschnittenes Leinenkleid mit Perlmuttknöpfen, und das Geschirr ist nicht abgewaschen, also habt ihr beide wahrscheinlich Arbeit, aber du arbeitest nicht voll, damit du auch Zeit für deinen ganzen künstlerischen Kram und die Kinder findest. Die Sofas sind auch schön und geschmackvoll... Nun, ich glaube, Geld spielt bei euch einfach nicht die Rolle, weil ihr beide auch so glücklich seid.“
    „Ok...“
    „Hmm, und ich sehe einige Frauen um dich herum, du bist irgendwie so der künstlerische Mittelpunkt, vielleicht gibst du Kurse an der VHS?“
    „Och nein, Lilia, kein Zickenterror in meinem Leben! Nimm das wieder raus!“
    „Nein, tu ich nicht!“
    „Tust du wohl!“
    „Tu ich nicht!“
    „Willst du damit behaupten, dass mein Leben so aussehen wird?“

    Im Kerzenlicht wirkt Lilia wie ein Wesen aus einer anderen Welt. „Gefällt es dir?“
    Ich horche leise in mich hinein, ob mir so eine Zukunft tatsächlich gefallen würde. Dann erschrecke ich und greife nach Lilias Hand.
    „Lilia!“
    „Ja?“
    „So viel Glück... Das ist doch gar nicht für mich bestimmt!“ Unsere Fingerspitzen berühren sich ganz leicht.
    „Du hast ja noch 20 Jahre, bis es so weit ist.“
    „Das muss man erst mal ertragen können, so viel Glück...“ Unsicher schaue ich sie an. Sie lächelt liebevoll. „Dann muss ich wohl gleich heute anfangen, mich darauf vorzubereiten, sonst schaffe ich das in der Zeit doch gar nicht mehr, oder was meinst du?“

    Unsere Augen halten aneinander fest. Sie sagt: „Ja, das musst du wohl.“
    „Heißt das, ich darf gar nicht mehr an die Vergangenheit denken und daran, wie viel Angst ich davor habe, dass ich wieder verletzt werde?“
    „Das ist einzig und alleine deine Entscheidung, Sabine.“
    Ich zögere. Wenn ich tatsächlich mutig genug bin, trotz aller Enttäuschungen wieder auf eine schöne Zukunft zu vertrauen, dann riskiere ich, dass es wieder ekelhaft wehtut. Aber Lilias zauberhaftes Lachen lässt mir keine andere Wahl.

    „Ja, ich will. Ich wähle die Zukunft.“
     
    #1
    Shiny Flame, 5 Februar 2008
  2. eisbärin
    eisbärin (31)
    Verbringt hier viel Zeit
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    0
    vergeben und glücklich
    schöne Geschichte
     
    #2
    eisbärin, 6 Februar 2008

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