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Die Vorlesung

Dieses Thema im Forum "Geschichten, Gedichte und Nachdenkliches" wurde erstellt von SottoVoce, 13 Juni 2004.

  1. SottoVoce
    SottoVoce (34)
    Sehr bekannt hier
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    Verheiratet
    Liebe? Was ist Liebe? Diese Frage beschäftigte mich seit Tagen. So kaute ich auch jetzt auf dem hinteren Ende meines Kulis herum und dachte über dieses Problem nach. Woran erkennt man, dass man liebt? WEIß man das auf einmal? Ist da auf einmal so eine Art Gewissheit – hey, dieser Mann, der ist es? Oder wie sieht das aus?
    Es war ein wolkiger Tag, aber trocken. Ich saß in einer Vorlesung auf meinem Platz am Fenster, bekam von dem langweiligen Gemurmel unseres VWL-Dozenten aber nichts mit. Gedankenverloren starrte ich die graue Wolken an, die der Wind in Fetzen über den Himmel trieb.
    Und wenn man dann weiß, dass man liebt, wenn diese Hürde dann also – wie auch immer – genommen ist, wie sieht das dann aus? Tut man alles für den Anderen? In mir drinnen schüttelte es sich bei dem Gedanken daran. Mein Blick wanderte unwillkürlich zu meiner Freundin zwei Plätze weiter, die eifrig jedes Wort mitschrieb, dass der Dozent von sich gab. Sie liebte ständig, ihrer Aussage nach. Mal diesen Mann, mal jenen, und immer war sie unglücklich dabei. Sie wollte eine Beziehung, ich schätze, sie dachte vom ersten Tag des Kennens an darüber nach, ob ihr potentieller Freund als Vater ihrer Kinder in Frage käme, oder ob er später einmal das Gras im Familiengarten ordentlich mähen würde. Und die Männer bekamen grundsätzlich Panik und flohen. Sie war wirklich eine Liebe, fröhlich und offen, aber so fixiert auf „die Liebe“. So wollte ich nun wirklich nicht enden!
    Mein Blick schweifte wieder nach draußen und verfolgte einen Vogel, der sich in Kreisen über den Baumwipfeln bewegte, die vom Wind hin und her gepeitscht wurden. Das war ein Tag, an dem ich gerne draußen gewesen wäre. Am Meer irgendwo, wo es Sand gab und kilometerweit NICHTS. Ich würde mir die Haare zerzausen lassen, mit geöffneten Armen gegen den Wind rennen, bis mir von der Anstrengung heiß war, ich würde einfach GENIEßEN.
    Und wenn man dann die richtige Liebe gefunden hatte – wie viel sollte man dann einstecken, um sie zu behalten? Ich hatte eine andere Freundin, die schon seit längerem einen Freund hatte. Er war schon sehr lieb und nett – aber er verletzte sie dauernd. Er hatte sie zuerst zu seiner Geliebten gemacht und erst später dann seine Frau verlassen, und im Moment vernachlässigte er meine Freundin wirklich. Sie litt sehr, allerdings hielt sie eisern zu ihm und verteidigte ihn mit Zähnen und Klauen, wenn man es wagte, etwas gegen ihren Schatz zu sagen. War das noch gesund? Muss man LEIDEN, wenn man liebt?
    Der Vogel war nun nicht mehr da, ich beneidete ihn. Er hatte es so gut, dort oben in der Luft. Ich hätte gerne mit ihm getauscht und mich frei durch die Luft bewegt. Bei diesem Wind musste das herrlich sein! Einfach al eine Weile nichts denken. Sie treiben lassen, mit dem Wind zu fliegen oder sich dagegen zu stemmen.
    Wieder wanderten meine Gedanken. Und wenn man dann wusste, dass derjenige, den man liebte, der Richtige war und einem nicht unnötig weh tun würde – woher konnte man dann wissen, dass er einen zurück liebte? Sagen konnte das doch jeder! Aber wie konnte man sicher sein, dass das nicht nur so dahingesagt war? Ich wollte ja nicht betrogen werden!
    Der Wind schien langsam zum Sturm zu werden. Jetzt wäre es schön, in einem kleinen Häuschen hinter den Dünen zu sitzen, heißen Tee zu trinken, vor einem Kaminfeuer und den Sturm um die Ecken heulen zu hören. Aber alleine??? Nein, das wäre nur mit einem richtigen Partner schön.
    Mein Blick wanderte unwillkürlich eine Reihe weiter nach vorn und blieb an dem breiten Rücken eines Freundes hängen. Er schrieb heimlich unter dem Tisch eine Sms. Unwillkürlich lächelte ich. Er war das einzige männliche Wesen, das so Sms-verrückt war wie ich. Und er war Schuld daran, dass meine Gedanken jetzt so Karussell fuhren.
    „Du bist so eine tolle Frau“, hatte er gesagt.
    „Jetzt hör aber auf“, hatte ich abgewehrt, weil mir das Kompliment unangenehm war und ich urplötzlich an die wilden Gerüchte denken musste, die in unsere Kurs umher schwirrten, dass ich sein Schwarm sei und so weiter.
    „Doch, ich meine das ernst! Du bist lustig, lieb, großzügig, nett, fröhlich. Aber du hast nie einen Freund.“
    Ich hatte mich über das Kompliment gefreut, aber die Richtung unseres Gespräches gefiel mir nicht.
    „Nein, ich will keinen. Neben den Vorlesungen und der Arbeit hätte ich eh keine Zeit für ihn.“ Das war gelogen und er wusste es. Ich war eine der besten des Kurses – obwohl ich eine der faulsten war.
    Er hatte dann das Thema fallen gelassen und wir hatten miteinander gescherzt wie sonst auch. Doch die Gedanken hatten sich in meinem Kopf fest gesetzt. Wieso hatte ich keinen Freund? Wieso wollte ich keinen. Ich war dann zu dem Schluss gekommen, dass ich Angst davor hatte. Erst fand ich den Gedanken albern, aber vermutlich war das tatsächlich der Grund. Ich hatte Angst davor, auf die Schnauze zu fallen.
    Ich bemerkte, dass ich immer noch auf seinen Rücken starrte. Er hatte zu tippen aufgehört und starrte auf sein Handy. Wahrscheinlich wartete er auf die Sendebestätigung.
    Schnell wandte ich den Blick wieder aus dem Fenster, aber diesmal sah ich kaum etwas. Vor meinem inneren Auge hatte sich das Bild des gemütlichen Kamins eingebrannt und der Sessel gegenüber war leer. Ein deprimierendes Bild...
    Als mein Handy in meiner Tasche vibrierte, war ich froh, aus meinen Gedanken gerissen zu werden. Ich warf einen flüchtigen Blick auf den Dozenten, aber der bekam gar nicht mit, dass der halbe Kurs geistig abwesend war, dann fummelte ich das Handy aus der hinteren Tasche meiner Hose.
    Die Sms kam von einer Reihe vor mir. Und da stand: „Und was wäre mit einem Freund, für den Du Zeit hättest WÄHREND den Vorlesungen?“ Ich spürte, wie ich rot wurde, mein Herz begann zu rasen, ich hatte auf einmal Angst, von meinem Handy wegzuschauen. Was ist, wenn der Text verschwand, wenn ich wegsehen sollte?! Ich spürte, wie er sich vorne umdrehte und nach mir sah. Mein Herz schlug einen aufgeregten Salto, als ich aufsah.
    Unsere Blicke begegneten sich. Gegen meinen Willen schlich sich ein Strahlen in mein Gesicht. Er sah es, und lächelte auf einmal. Und plötzlich erschien wieder das Bild vor dem Kamin vor meinem inneren Auge. Diesmal saß jemand in dem Stuhl – ER.
    Und auf einmal wusste ich, was Liebe war.
     
    #1
    SottoVoce, 13 Juni 2004
  2. Groudon
    Gast
    0
    Schöne Geschichte,sehr schöne Geschichte: 1-
    Hast du die erfunden,oder ist das echt passiert?
     
    #2
    Groudon, 13 Juni 2004
  3. ogelique
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    Hmmm.. Wer ist denn wohl die zweite Freundin in dieser Geschichte..? :zwinker: An wen erinnert sie mich bloss!?! *g*

    Schön geschrieben, Sotto, weiter so.
     
    #3
    ogelique, 13 Juni 2004
  4. SottoVoce
    SottoVoce (34)
    Sehr bekannt hier Themenstarter
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    Die Geschichte ist völlig frei erfunden - die Personen aber nicht. :zwinker:

    Und ja, ogelique, die zweite Freundin kommt mir auch bekannt vor! :grin:

    Danke für die Komplimente... :schuechte Hab das nur nachts noch so hingeschrieben...
     
    #4
    SottoVoce, 13 Juni 2004
  5. ogelique
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    Tja, wenn man eben mal nichts zu tun hat... :grin:
     
    #5
    ogelique, 13 Juni 2004
  6. the_eagle
    the_eagle (30)
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    vergeben und glücklich
    Schöööööööööööööööööööön!! :tongue: :tongue: :tongue: :tongue:
     
    #6
    the_eagle, 13 Juni 2004
  7. TermUnitX
    Gast
    0
    Hm, schöne Gedankenstränge, ansprechend geschrieben, schöne Geschichte! (...auch wenn ich glaube, dass da das lyrische Ich Liebe mit Verliebtsein verwechselt. ;-) ).
     
    #7
    TermUnitX, 14 Juni 2004
  8. SottoVoce
    SottoVoce (34)
    Sehr bekannt hier Themenstarter
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    Verheiratet
    Naja, aber darauf kommts nun auch nicht so an... :grin:
     
    #8
    SottoVoce, 14 Juni 2004
  9. [sAtAnIc]vana
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    nicht angegeben
    Klingt nach grosser Träumerei....

    vana
     
    #9
    [sAtAnIc]vana, 9 Juli 2004
  10. floderstarke
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    0
    nicht angegeben
    schöne geschicht echt
    hat mir sehr gut gefallen
     
    #10
    floderstarke, 11 Juli 2004
  11. Zehensocke
    Gast
    0
    Ja, auch mir hat diese geschichte gut gefallen.. :smile:
     
    #11
    Zehensocke, 11 Juli 2004
  12. büschel
    Gast
    0
    cool
     
    #12
    büschel, 22 November 2004
  13. zasa
    Verbringt hier viel Zeit
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    nicht angegeben
    seufz!
     
    #13
    zasa, 23 November 2004
  14. Ike
    Ike (35)
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    *seufz* Das hätte ich auch schreiben können. Danke Sotto.


    Und danke, zasa, für das Ausgraben des Threads.
     
    #14
    Ike, 23 November 2004
  15. SottoVoce
    SottoVoce (34)
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    Wieso hast Du Angst davor?
     
    #15
    SottoVoce, 7 Dezember 2004
  16. Ike
    Ike (35)
    Verbringt hier viel Zeit
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    Single
    Weil man sich nach 23 Jahren Singledasein so langsam dran gewöhnt hat. Ich will schon eine Freundin, aber das wäre halt etwas gaaanz Neues für mich...
     
    #16
    Ike, 7 Dezember 2004
  17. Berliner-Jung
    Verbringt hier viel Zeit
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    nicht angegeben
    Wenn das auch auf mich zutreffen würde. *Träum*
    Leider tut es das schon, aber nur teilweise... :flennen:

    Ansonsten Super Story mit gutem Tiefgang. Weiter so :smile:
     
    #17
    Berliner-Jung, 21 Dezember 2004
  18. Nastasia
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    vergeben und glücklich
    Ich finds auch voll schön geschrieben...
    Erinnert mich n bissle an meine Vorlesungen, schweife auch seeeehr gerne ab, bis ich von meiner Freundin nebendran wieder in die Realität gebracht werde.
    Mag mehr hören :smile:
     
    #18
    Nastasia, 9 Februar 2005
  19. gianna
    gianna (28)
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    Single
    hey, die geschichte gefällt mir echt richtig gut. Total schön geschrieben...
    LG gianna
     
    #19
    gianna, 14 März 2005

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