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Die weiße Feder - 2004

Dieses Thema im Forum "Geschichten, Gedichte und Nachdenkliches" wurde erstellt von Haika Ree, 10 Oktober 2006.

  1. Haika Ree
    Haika Ree (26)
    Verbringt hier viel Zeit
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    vergeben und glücklich
    „Willst du denn gar nichts Essen, Lynn?“ Ich fühlte die Blicke meiner Mutter die mich dabei beobachteten wie ich geistesabwesend in meinem Kartoffelpüree herumstocherte. Aus dem Augenwinkel sah ich, wie mein Vater, der in seine Zeitung vertieft war, kurz aufschaute und einen Blick zu mir herüberstreifen ließ. „Nein, Mama, entschuldige bitte!“ „Ach, du brauchst dich doch nicht zu entschuldigen, steh ruhig schon auf, ich mache heute die Küche!“ Ich nickte dankend und erhob mich. Langsam und ab und zu leise seufzend schritt ich aus dem Esszimmer in den breiten Flur, schritt ihn entlang, Richtung Treppe. Noch nie kamen mir die hellblauen Wände, die altmodische Kommode und die vielen schönen Bilder entlang des Korridors so kalt und ausdruckslos vor. An einem der kunstvollsten Gemälde blieb mein Blick hängen. Es war mein Lieblingsbild. Kjell hatte es mir zu meinem sechzehnten Geburtstag geschenkt. Ein weißes Pferd mit gigantischen schwingen, so lebendig als ob es aus der Leinwand herausspringen würde galoppierte Anmutig durch den schwarzen Nachthimmel der mit tausenden von kleinen funkelnden Sternen geziert war. Immer wenn Kjell fort war, stand ich viele Stunden vor diesem Kunstwerk, das wie Kjell sagte, das beste Bild war das sein Pinsel und seine Farbe je zustande gebracht hatten. Doch jetzt, wo ich ihn vielleicht niemals wieder sehen würde, schmerzte mich jede Sekunde, die mir das geflügelte Pferd in die Augen sah. Warum nur? Warum musste das alles passieren? Unaufhaltsam bahnten sich Tränen ihren Weg durch mein Gesicht und tropften an meinem Kinn hinunter. Ich wollte ihn vergessen, sofort, und er sollte auch mich vergessen. Wenn alles anders gekommen wäre, müssten unsere Herzen vielleicht nicht all das Leid ertragen, sich so verletzen lassen. Mein Herz klopfte immer heftiger. In meinen Venen brodelte es vor Hass auf, die Welt, auf das Schicksal, Wut stieg immer stärker in mir hinauf und verebbte schließlich wieder zu Trauer. Ich konnte den Anblick des Bildes nicht mehr ertragen, wischte mir die Tränen aus dem Gesicht und rannte die Treppe hoch in mein Zimmer. Mit einem lauten Knall flog die Tür hinter mir ins Schloss. Schluchzend ließ ich mich auf mein Bett fallen, vergrub das Gesicht in meinem weichen Federkissen, das Stofftier, das Kjell mir einst schenkte, fest an mich gedrückt. Es war ein großer, kuscheliger Vogel. Ähnlich einem Adler, schneeweiß und sehr fein gearbeitet. Als ich ihn ansah schlichen sich so viele wundervolle Erinnerungen an die lange Zeit, die ich mit Kjell zusammen war, in meinen Kopf. „Sollten wir jemals getrennt sein, werde ich die Welt anflehen, mich zu verwandeln, in einen großen Vogel, sodass ich zu dir zurückfliegen kann!“ Das hatte er einst gesagt, doch so schön es auch klang, den Glauben an die Wunder dieser Erde hatte ich verloren. Ich vermisste ihn so, dabei hatte ich ihn doch gestern noch gesehen. Je schlechter ich mich fühlte, desto mehr Vorwürfe machte ich mir. Wie musste es erst Kjell gehen, der Junge der trotz seiner familiären Schwierigkeiten stets fröhlich und freundlich anzutreffen war. Er tat mir so leid. Er hatte seine geliebte Mutter verloren, ein Autounfall hatte ihr das Leben genommen. Dadurch war er gezwungen zu seinem Vater, den er jahrelang nicht gesehen hatte, nach Kalifornien zu ziehen. Am liebsten wäre ich mit dorthin gegangen und nicht hier zu Hause in Irland geblieben. Und obwohl Kjell es viel schwerer hat als ich und die Trennung durch die vielen Kilometer genauso hinfort wünschte wie ich, verließ er mich doch mit einem Lächeln im Gesicht. Schon immer war er ein schrecklicher Optimist, der in allem und jedem das Gute erkennt. Ein mutiger und hilfsbereiter junger Mann mit großer Leidenschaft für die Ölmalerei. Gestern erst war er weggezogen, gestern noch haben sich unsere Lippen berührt. Ich kann es noch immer spüren, dieses warme, prickelnde Gefühl das den gesamten Körper mit unbeschreiblichem Glück erfüllt. Tief einatmend setzte ich mich auf. Verschwommen sah ich auf meinem Schreibtisch, ein paar Schritte von meinem Bett entfernt, das Foto vom letzten Sylvester, das erst vor sechs Wochen gemacht wurde, stehen. Ich weiß es noch ganz genau, damals glaubten wir noch, für immer zusammen bleiben zu können. Wir waren uns sicher, das uns nichts und niemand von einander trennen konnte. Ich strich mir erneut die Tränen aus den Augen um eine klarere Sicht zu gewinnen und tappte zu dem hellhölzernen Tisch hinüber. Der dunkelblaue Rahmen umrandete das Abbild des mir so vertrauten Paares auf dem Bild. Ich stand neben Kjell, in dicke Winterkleidung eingepackt, mit seinem bordeauxroten Schal um den Hals, hatte eine funkensprühende Wunderkerze in der rechten Hand, meine linke umfasste Kjells. Mit einem breiten Grinsen auf dem Gesicht lehnte ich meinen Kopf an seine Schulter. Seine freundlichen, tiefblauen Augen schauten direkt in die Kamera. Während ich eine kuschelige Wollmütze über meine langen roten Haare gezogen hatte, die ich an jenem Tage offen trug, bedeckte nichts seinen Kopf, außer seinem wirren, wuscheligen Schopf schwarzer Strähnen. Wie gerne würde ich jetzt meine Finger durch diese tollen, glänzenden Haare fahren lassen, wie gerne würde ich jetzt seine großen warmen Hände über meine Haut streicheln spüren. Nach einem kurzen Blick auf meinen Wecker, legte ich das Foto beiseite und zog mich um. Durch das leicht geöffnete Fenster zog ein leiser Windhauch in mein Zimmer, umspülte mich sanft mit seiner klaren Nachtluft. Ich knöpfte noch schnell die Hemdknöpfe meines Pyjamas zu und schlüpfte unter meine kuschelige Federbettdecke. Von meinem Bett aus konnte ich den Mond am dunklen Himmel stehen sehen, schon fast rund war er, ein paar Tage noch und es würde Vollmond sein. Langsam fielen mir die Augen zu, mein Atem wurde ruhiger und meine Gedanken erstickten in meinem Kopf. Jedoch fing ich so plötzlich zu träumen an das ich kaum merkte, das ich mich nicht mehr in der Realität befand. Ich träumte wie ich aufstand, mich anzog. Der Duft der frischen Brötchen, die meine Mutter vom Bäcker geholt hatte, zog die Treppe hinauf und durch die offene Tür in mein Zimmer hinein. Ich ging ins Bad und sah in den Spiegel. Meine Haare waren leicht verwuschelt, wie immer. Ich holte meine Haarbürste aus dem kleinen, blauen Wandschrank und begann meine langen roten Zotteln zu bändigen. Nachdem ich noch mein Gesicht gewaschen und meine Zähne geputzt hatte, polterte ich in rasantem Tempo die Treppe hinunter. Ich war in bester Laune, sorglos, glücklich, unbeschwert. Es war ein sonniger Samstagmorgen und mein Vater war das Wochenende über nach London geflogen. Manchmal musste er geschäftlich durch Europa reisen, er war schon fast überall und hat viel gesehen. Ich schätze ihn als einen sehr intelligenten Mann, der, obwohl er nicht sehr oft zu Hause ist, seine Rolle als Vater perfekt ausfüllt. Ich trabte in die Küche und setzte mich zu Mama an den Tisch. Sie hatte die duftenden Kaiser- und Mohnbrötchen schon aufgeschnitten, den Tisch gedeckt und uns Saft eingeschenkt. Ich dankte es ihr mit einem freundlichen Lächeln und einem netten Wort zu ihrer neuen Frisur. Nachdem ich den ganzen Tisch mit den Augen danach abgesucht hatte, haschte ich nach dem Glas mit der selbst gemachten Erdbeermarmelade. Sorgfältig strich ich einen Teelöffel davon auf die linke Hälfte meines Brötchens, legte mein Messer ab und biss genüsslich in mein heutiges Frühstück. Meine Mutter bestand darauf den Tisch selbst abzuräumen und sagte ich könne ruhig gehen. Ich bedankte mich und trat hinaus in den Flur. Ich steckte noch kurz meinen Haustürschlüssel ein und stürmte zur Tür hinaus. Ich schwang mich auf mein Fahrrad, das vor dem Haus stand und radelte davon. Die Luft war erfüllt vom Gesang der kleinen Vögel, die in den Gärten von Baum zu Baum flogen, Zweige und Gräser suchten um ihre Nester zu bauen. Blauer Himmel, nicht eine Wolke drohte sich vor die Sonne zu schieben, die den lauen Frühlingsmorgen in goldenes Licht tauchte. Sie wärmte mir den Rücken, spiegelte sich in den Seitenspiegeln der Autos am Straßenrand, den Fenstern der Häuser und warf ihre Strahlen von allen Seiten auf mich. Der ein oder andere traf mir in die Augen und blendete ein wenig. Ich fuhr die Straße hinunter bis zur Hausnummer 26b, die kleine Mietwohnung in der Kjell mit seiner Mutter Lisa lebte. Als ich ankam stand er bereits vor dem Haus und strahlte mich an. Auch er hatte sich schon auf sein Rad geschwungen und war bereit gemeinsam mit mir bis ans Ende der Welt zu gehen. Ohne viele Worte zu wechseln, wussten wir wohin wir fahren wollten und radelten still, aber zufrieden nebeneinander die Straße hinunter bis zu „unserem“ kleinen Pfad, der in „unseren“ kleinen Wald führte. Auf dem holprigen Sandweg schoben wir die Fahrräder lieber, tauschten ab und zu verliebte Blicke aus und summten leise vor uns hin. Natürlich summten wir „unser“ Lied. Laurent, ein guter Freund von uns beiden, hatte es zu unserem einjährigen Jubiläum für uns geschrieben. Er war als er 11 war aus Frankreich hierher gezogen. Er sagte es gefiele ihm hier sehr gut. Seit der sechsten Klasse waren Kjell und ich nun schon zusammen, seit 4 langen Jahren. Als wir an unserem Stammplatz, einer kleinen, im Frühjahr und Sommer wild von bunten Blumen gesprenkelten Waldlichtung, angekommen waren, ließen wir unsere Fahrräder auf den Boden fallen. Ich spürte wie seine Hände zärtlich die meinen umschlossen, mich an ihn heranzogen bis mein Kinn seine Brust berührte. Ich schloss die Augen. Tief atmete ich den mir angenehmen Duft Kjells ein und lehnte mich sanft gegen ihn. Ich fühlte wie sich seine Arme sanft um mich legten, wie sie mich sachte hin und her wogen. Ich war so glücklich, keine Angst und keine Sorgen fanden den Weg in mein Bewusstsein. Es war angenehm warm und alles schien friedlich. Doch auf einmal färbte sich der Himmel dunkel, es wurde finster um mich herum und ich riss die Augen auf. Die Blätter der vielen Laubbäume färbten sich schwarz, verloren all ihre Kraft und fielen ohne einen Ton zu Boden. Ich spürte das Gras und die Blumen unter meinen Füßen vertrocknen, sich tot anfühlen und doch kein Geräusch verursachen wenn man darauf trat. Ringsum schienen die Vögel zu sterben, die in der Luft umher geschwebt waren. Sie erstarrten plötzlich und sanken regungslos auf die Erde als hätte man alles Leben aus ihnen herausgesaugt. Ich bemerkte wie der Boden unter mir weicher wurde, fast flüssig. Ich stand mit den Schuhen immer noch darin, konnte die merkwürdige Konsistenz der Masse sehen. Die Erde blubberte, brodelte und schien keinerlei Halt mehr zu geben, doch versinken tat ich nicht. Schließlich tropfte sie unter mir in die Tiefe, wie merkwürdiger schwarzer Schleim, der alle Farbe von seiner Umgebung absorbierte und sich mit ihr davon stahl. Im nächsten Augenblick war nichts mehr unter und nichts mehr über uns. Kjell hielt mich noch fester, ich fühlte seine Angst, die nun auch in mir hochstieg. Und dann fielen wir, fielen einfach hinab. Immer schneller und schneller rasten wir in die beklemmende Finsternis. Ich schloss die Augen, zitterte am ganzen Körper, spürte Kjells hastigen Atem und las die Furcht aus seiner klammen Stimme, die wie beruhigend auf uns und unsere Umwelt einredete, in Worten, die ich nicht verstehen konnte. Danach fühlte ich nur noch einen starken Luftzug, hörte es rauschen und dann, ganz unerwartet absolute Stille. Ich öffnete vorsichtig die Augen, als wenn mich der bloße Anblick des Geschehens verletzen könnte und was ich sah, ließ vor Überraschung das Blut in meinen Adern stoppen, als hätte mein Herz für einen Moment aufgehört zu schlagen. Weiße Federn wirbelten durch die Luft, umkreisten uns. Zwei große, weiße Flügel, gigantische Schwingen ragten aus Kjells Schulterplatten heraus und trugen uns wie schwerelos durch die Luft. „Sollten wir jemals getrennt sein, werde ich die Welt anflehen, mich zu verwandeln, in einen großen Vogel, sodass ich zu dir zurückfliegen kann!“ Einen Moment lang hallten noch seine Worte in meinen Ohren, dann erwachte ich.
    Ich setzte mich auf und rieb mir die Augen. Der Traum war so real gewesen das ich mich einen kurzen Moment sammeln musste, bis ich wieder wusste wo ich war und was ich tat. Mit der linken Hand strich ich ein paar Falten in meinem weißen Bettlaken glatt. Draußen war es noch dunkel, doch dort wo die Sonne aufgehen würde, war bereits ein heller Streifen am Horizont zu sehen. Ich schob meine Decke zur Seite und stand auf. Meine Knie zitterten leicht. Ich nahm mein zerknautschtes Kopfkissen an zwei Ecken in die Hand und schüttelte es kräftig. Dabei sah ich wie eine schneeweiße Feder von meinem Bett auf den azurblauen Teppichboden segelte. Ich legte das Kissen bei Seite und ließ mich auf die Knie fallen. Mit den Fingerspitzen berührte ich vorsichtig die weiße Feder. Sie musste unter meinem Kopfkissen gelegen haben, doch es war keine Daune, wie sie in Kissen oder Decken enthalten war, es war eine richtige Flugfeder, eine die aus den Schwingen eines riesigen, weißen Vogels stammen musste. Die Feder fest von meiner Hand umschlossen trat ich zum Fenster, öffnete es und lehnte mich hinaus. Am Ende des Tals, hinter den Bergen konnte ich den ersten Zipfel der aufgehenden Sonne erspähen. Ich streckte beide Arme in die Luft, der Wind umspülte die Feder in meiner Hand, versuchte sie mir zu entreißen, doch ich hielt sie fest. Nun wusste ich es ganz sicher. Egal wie weit ich und Kjell auch voneinander getrennt sein mögen, wir sind doch zusammen, er ist an meiner Seite – für immer.
     
    #1
    Haika Ree, 10 Oktober 2006
  2. ein mädel
    Gast
    0
    schöön... :smile::smile::smile:, des is des einzige was ich dazu sagen kann :smile:
    (am ende vllt ein klein wenig kitschig, aber sonst sehr real; sie is aber nicht wahr oder??)
     
    #2
    ein mädel, 11 Oktober 2006
  3. Haika Ree
    Haika Ree (26)
    Verbringt hier viel Zeit Themenstarter
    59
    91
    0
    vergeben und glücklich
    Nein, sie ist nicht wahr, ich habe sie ursprünglich für einen Wettbewerb geschrieben
     
    #3
    Haika Ree, 12 Oktober 2006
  4. Shiny Flame
    Beiträge füllen Bücher
    6.934
    298
    1.627
    Verlobt
    Würde dich bitten, bei so langen Texten mit (Doppel-)Absätzen zu arbeiten... Hab einen ziemlich kleinen Bildschirm, sonst ist das Lesen zu anstrengend!
     
    #4
    Shiny Flame, 20 Oktober 2006
  5. Feel
    Verbringt hier viel Zeit
    67
    93
    4
    Single
    Wow...

    Wirklich schön....Die Geschichte regt zum Träumen an...:smile:
    Nicht schlecht!!!!:zwinker:
     
    #5
    Feel, 20 Oktober 2006

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