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"Du sollst es sein" - ein Märchen

Dieses Thema im Forum "Geschichten, Gedichte und Nachdenkliches" wurde erstellt von Shiny Flame, 26 März 2007.

  1. Shiny Flame
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    Verlobt
    Als ich elf Jahre alt war, war ich noch Kind genug, um an Märchen zu glauben, an Fabelschlösser und geheime Tore hinter dem Sonnenuntergang zwischen Garten und Tankstelle. Doch gleichzeitig wandelte sich mein Inneres langsam und unaufhaltsam zur Frau, und eine neue Schwäche hatte in mir Platz gefunden, ohne dass ich einen Namen für sie finden konnte.

    Die Sonnenaufgänge über nebligen Feldwegen und steinigen Flussufern schmeckten auf einmal nach Verzweiflung und unendlicher Begierde, die schmerzhaft war und irgendwo zwischen Bauch und Herz begann. Es musste jemanden geben, so spürte ich ohne Worte, der dieses neue, unbekannte Weh verdiente und mich in einem Taumel aus Glück und Extase erlösen konnte. War es der blonde Junge aus der Parallelklasse?

    Doch ein anderer erhob Anspruch auf mich. Morgens, wenn ich im winterlichen Dunkel das Haus verließ, lauerte er mir auf und umfing mich fest und schattenhaft, während meine kurzen Beinchen tapfer in die Pedale strampelten, um gegen sein Zerren voranzukommen. Der Wind küsste meine Haare und riss mich mit sich, auf dem kleinen Fahrrad über die Feld- und Schotterwege, während langsam die Sonne aufging und ich mich fürchtete, zu spät zur Schule zu kommen. Dann, wie aus einer jähren Laune heraus, versperrte er mich den Weg und forderte mich heraus, lachte mich aus, ruinierte meine Haare und vertrieb den verzauberten Nebel.

    Wie ich ihn hasste, meinen Feind! Tag für Tag mehr, während er mir harte, fiese Schneekristalle ins Gesicht peitschte und Regen in meine Handschuhe trug. Morgen für Morgen verabscheute ich ihn, während er mir von Kälte und Klarheit und Sommer und Sehnsucht erzählte, ohne Worte, direkt zwischen Herz und Bauch, wo das seltsam fremde Gefühl mitunter ganz plötzlich wehtat. Oh ja, ich glaube schon, dass ich ihn hasste, wenn ich mit der schweren Schultasche im Fahrradkorb wieder von ihm aufgehalten wurde und zehn Minuten am Bahnübergang warten musste, jede von ihnen ein gefühlter Strich im Klassenbuch!

    Das Dunkel der Nacht wurde grauer und grauer, während ein endloser Zug von Güterwagen vorbeirasselte. Jeder einzelne von ihnen war ein großes Ungeheuer, das nach Metall roch, wie der Wind mir erzählte. Mit eiskalten Lippen küsste er meine Wange und forderte mich heraus, ihn zu haschen, mich ihm hinzugeben. Er zerrte herausfordernd an meiner Jacke wie ein gieriger Liebhaber, der es nicht erwarten konnte, sofort zur Seele vorzudringen, ohne erst den Umweg über die körperliche Vereinigung machen. Denn der Wind konnte ein Menschenmädchen nie lieben wie ein Menschenjunge es getan hätte. Irgendwo in mir drin spürte ich eine Antwort, und sie erstaunte mich.

    „Du sollst es sein“, flüsterte ich, und niemand außer uns und den langsam vorbeirollenden Wagen konnte es hören. Vielleicht schrie ich auch, es spielt keine Rolle. Beide wussten wir, es war ein heiliger Schwur, und ich begriff nicht, wie die Worte auf meine Lippen kamen: „Wenn du es willst, dann werde ich dich lieben. Andere werden kommen und gehen, aber diese erste Liebe meines Lebens soll für immer dir gehören.“ Andere Worte fand ich nicht, aber der winterlich kalte Luftzug, der durch meinen Reißverschluss drang, war seine Antwort, und es war genug für uns beide. Mit halbgeschlossenen Augen legte ich den Kopf nach hinten, bot meinen beschalten Hals und den ganzen Körper der Liebe und seiner eiskalten Liebkosung, für immer, bis der letzte Waggon vorbeigefahren war.

    „Fang mich!“, rief ich dann ausgelassen und fuhr wieder los, verspielt wie das Kind, das ich eigentlich noch war und das noch viel zu jung für heilige Liebes- und Treueschwüre war. Huii, wie brauste er und schob mich über den schmalen Matschweg der Abkürzung, wo die Gefahr so groß war, wegzurutschen und in der Pfütze zu landen, besonders wenn man raste wie ich. Von allen Seiten kam er, liebkoste meine Haare, fuhr durch jede Kleiderritze eiskalt bis auf meine Haut und trug mich auf Händen zur Schule, wo ich wohl hinmusste. Jeden Morgen wartete er auf mich. Die Kälte seiner Berührung konnte mich nicht mehr verletzen, aber ich freute mich schon auf den zärtlich streichelnden Lufthauch, die im Sommer unter meine Rock fahren würde.

    ***

    Jetzt bin ich erwachsen. Irgendwann, so hoffe ich, wird endlich diese Schwäche verschwinden, von der der Wind mir immer noch manchmal wispert, diese Begierde, die kein sterblicher Mann je völlig befriedigen konnte.

    Als junge Frau, die ich jetzt bin, trage ich ordentliche Hosen und fahre ein Auto, in das der Wind nicht eindringen kann. Die Frisur, die er einst zärtlich und leidenschaftlich zerstörte, wird mit Haarnadeln und Haarspray so adrett hochgesteckt, dass ich keine neuen Ausreden mehr brauche, um ihm aus dem Weg zu gehen. Ich habe einen schönen Beruf, ich verdiene genug Geld für meine teuren Wollkostüme, unter denen die Beine schwitzen, und ich habe einen liebevollen, aufmerksamen Mann, der mich meistens ganz glücklich macht.

    Ja, mein Leben ist schön. Nur im September und Oktober, wenn die milden Sommerbrisen verschwinden und die heftigen, wilden Herbststürme den Baum im Innenhof unseres Häuserblocks hin und her peitschen, dann wird mir merkwürdig. Meistens bleibe ich drinnen. Ich möchte nicht riskieren, hinauszugehen und nur kalte Luft auf der Strumpfhose zu spüren, keine verwehten Küsse voller Liebe und Schmerz. Aber noch viel mehr fürchte ich diese Küsse und das, was sie in mir anrichten könnten.

    So lange der Wind in den Ästen rauscht, bin ich rastlos. Ich verliebe mich gerne im Herbst, aber die beiden letzten Jahre bin ich treu geblieben und habe mich beherrscht. Der, mit dem ich jetzt zusammen bin, will mich heiraten, und ich werde es wohl tun. Er ist ein guter Mann. Er hält mich warm und sicher im Arm, wenn draußen der Sturm tobt.

    ***

    Wenn ich irgendwann alt und faltig werde, vielleicht hässlich, vielleicht mit schönen Knitterfalten von einem schönen Leben, wenn mein Mann stirbt und meine noch ungeborenen Kinder mich verlassen werden, dann werde ich nicht mehr schön und jung wie jetzt sein. Meine Freundinnen werden älter werden und sterben, das weiß ich, auch wenn ich meistens nicht daran denken mag. Denn jetzt bin ich jung.

    Irgendwann, in ferner Zukunft, wenn ich mit meinem Rollwägelchen über eine Großstadtstraße gehen werde, werde ich unter meiner Stützstrumpfhose verbotene kalte Finger führen, das weiß ich jetzt schon. Der Wind wird meine weiße Dauerwelle verwuscheln, die dann nicht mehr wie jetzt mit Spray und Haarnadeln hochgesteckt sein wird. Mit sanften oder leidenschaftlichen luftigen Küssen wird er meine Ohren liebkosen, in denen die Hörgeräte stecken werden, und den zerknitterten und formlosen Hals, der achtsam in ein mit Paisley-Muster bedrucktes Tuch gewickelt sein wird.

    Dann werde ich lachen, weil ich endlich begreifen werde. Wie als elfjähriges Mädchen werde ich den Kopf nach hinten legen, mit geschlossenen Augen, und mich mit verstohlenem Lächeln dem einzigen Geliebten hingeben, dem mein Körper immer gleichgültig sein wird. Wird die Seele durch ein schönes Leben nicht noch schöner, trotz aller vermeintlichen Untreue?

    „Du bist es immer gewesen“, werde ich flüstern. Mehr nicht. Wir werden es beide verstehen. Vielleicht werde ich am nächsten Tag, mitten im tiefsten Winter, mit nichts als einem dünnen Sommerkleidchen am Leib auf die Straße gehen, so dass der Wind ein letztes Mal meinen Körper liebkosen kann, bevor mich die Lungenentzündung ins Krankenhaus bringt. Wenn der Körper dann hustend und gequält verlöscht und auf der Erde zurück bleibt, wird meine Seele auf den Flügeln des Windes reiten und wir werden endlich vereint sein.

    Vielleicht wird eines Tages ein anderes Kind auf seinem Fahrrad zur Schule fahren, ein Junge, und vielleicht werden es meine Finger sein, die sich ihm entgegenstemmen und in seinem Herzen die neue, uralte und unsterbliche Sehnsucht erwecken?
     
    #1
    Shiny Flame, 26 März 2007
  2. Packset
    Gast
    0
    ....
     
    #2
    Packset, 26 März 2007
  3. Welpie
    Welpie (33)
    Verbringt hier viel Zeit
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    Single
    Ja eine echt tolle geschichte, hoffe sehr das ich mehr von dir lesen werde.

    Lg Welpie
     
    #3
    Welpie, 28 März 2007

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