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Ein Brief

Dieses Thema im Forum "Geschichten, Gedichte und Nachdenkliches" wurde erstellt von User 13029, 23 Februar 2004.

  1. User 13029
    Verbringt hier viel Zeit
    2.014
    121
    0
    Es ist kompliziert
    Ein Brief
    Annika und Benjamin waren wohl am ehesten das, was man meint, wenn man von einem Pärchen spricht, das sich wie ein altes Ehepaar verhält. Obwohl sie erst zwei Jahre lang zusammen waren, dachte man, wenn man sie sah, dass diese zwei schon ihr ganzes Leben miteinander verbracht haben.
    Ihre Beziehung war von einem ganz besonders banalen Umstand bewegt: Liebe. Beide hatten das Gefühl, zueinander zu passen wie Topf und Deckel. Und da sie schon einige Zeit zusammenwohnten, hatten sie auch schon einige Rituale. Zum Beispiel legte Benjamin jeden Morgen, kurz bevor er um fünf zur Arbeit fuhr, einen Briefumschlag auf den Tisch. Darin befand sich dann immer ein DIN A 4 – Zettel mit einem kurzen Liebesspruch, einem verliebten Satz oder ähnlichem. Sobald Annika morgens dann völlig verpennt die Küche betrat und den Briefumschlag öffnete, hellte sich ihre Miene immer auf. Das war für sie immer der schönste Moment das ganzen Tages. Genau wie der, wenn immer um 6.30 Uhr morgens das Telefon klingelte. Dann meldete sich Benjamin immer und wünschte ihr einen schönen guten Morgen. Kurzum: Annika konnte nicht mehr ohne Benjamin sein und umgekehrt.
    Letzte Woche hatten sie sich aber gestritten. Es ging darum, ob man sich vor einer Hochzeit verloben solle oder nicht. Benjamin war der Ansicht, das die Verlobung nur Kinderkram ist und gar nix mit ner Hochzeit zu tun hat. Annika beharrte auf dem Standpunkt der Romantik und meinte, das müsse eben so sein. An dem Donnerstagabend hatten sie sich das erste mal so in den Haaren, dass sie ohne gegenseitiges Gutenachtbussi in verschiedenen Betten schlafen gingen.
    Aber trotzdem klingelte für Benjamin dann wieder um vier der Wecker. Er schlurfte in die Küche, kochte Kaffee, frühstückte und holte dann den allmorgendlichen Briefumschlag für seine Freundin. Dann holte er den Wagen aus der Garage und fuhr los. Es war ein kalter Morgen, es hatte in der Nacht geregnet und nun begann es zu frieren. Benjamin merkte in jeder Kurve das entstehende Glatteis und fuhr entsprechend vorsichtig. Als er auf die Autobahn fuhr, konnte er den Wagen schon fast nicht mehr halten; die allwinterliche Glatteishölle war ausgebrochen.
    Noch dachte sich Benjamin dann auch nix dabei, als der LKW in seinem Rückspiegel auftauchte. Die Polizei rekonstruierte später, dass der Laster Benjamins kleinen Fiat überholte und viel zu früh wieder auf die rechte Spur einscherte. Durch die Vollbremsung geriet der Kleinwagen außer Kontrolle, geriet von der Strecke und kugelte sich mehrmals überschlagend die nächste Böschung herab. Der Fahrer war sofort tot.
    Gegen sechs Uhr schreckte Annika im Schlaf hoch. Ein grässlicher Albtraum hatte sie geplagt, und als sie so schweißgebadet im Bett saß, kroch schon ein ungemütliches Gefühl in ihr hoch. Sie wusste genau: Irgendwas stimmte da nicht. Während sich ihr Kopf mit diesen Gedanken plagte, schlurften ihre Füße sie in die Küche. Dort bot sich auf dem Küchentisch das übliche Bild: Eine frisch gefüllte Kaffeekanne, Brötchen und der tägliche Umschlag. Annika setzte sich erst mal und beruhigte ihre albtraumgeplagten Nerven mit ein paar Tassen Kaffee, als das Telefon klingelte.
    Es war ungefähr halb sieben, und sie freute sich darauf, die Stimme ihres Lieblings zu hören. Wie jeden Morgen. Aber dieses komische, unheimliche Bauchgefühl war immer noch da. Annika nahm den Hörer ab, meldete sich mit verschlafener Stimme und vernahm am Ende ihrer Leitung einen völlig Fremden.
    „Annika Schmitz?“ fragte die fremde Stimme.
    „Ja, die bin ich... und Sie?“
    „Oberwachtmeister Müller. Ich habe eine sehr unangenehme Nachricht für Sie.“
    Das Unwohlsein in Annikas Bauch wurde stärker.
    „Was ist denn passiert?“
    „Nun, heute morgen hat sich hier auf der Autobahn kurz vor der Abfahrt Nummer 32 ein Unfall ereignet, an dem ein auf Sie zugelassener Fiat beteiligt war.“
    Annika wurde heiß und kalt. Sie schluckte, heulte, hoffte. Alles in einer Sekunde, dann fragte sie:
    „Wer saß denn am Steuer? Doch nicht etwa Benjamin...“
    „Laut des Personalausweises ein gewisser Benjamin. Kennen Sie den Mann?“, fragte Müller.
    Annika konnte nicht mehr sprechen. Annika war nur fassungslos.
    „Der Mann ist bei dem Unfall ums Leben gekommen. Es tut mit leid“, glauben konnte Müller aber keiner. Annika war nicht mehr fassungslos. Sie stand in dem größten schwarzen Loch des Universums. Ohne nachzudenken, legte sie einfach auf. Ihr Kopf war völlig leer. Sie schwankte in die Küche zurück. Hier hatten sie gestern Abend noch gesessen. Hier hatten sie über Sinn und Zweck einer Verlobung diskutiert. Sich regelrecht gezofft. Annika war unfähig zu begreifen, dass Benjamin hier nie mehr sitzen würde.
    Nicht mal einen letzten Gruß hatte sie von ihm – bis ihr Blick auf den Briefumschlag fiel. Mit zitternden Händen öffnete sie das Kuvert. Nur noch einmal „Ich liebe Dich“ lesen, nur noch einmal das Gefühl kennen, die ganze Welt umarmen zu können.
    Als Annika den Brief aus dem Umschlag zog, fielen ihr zwei Sachen aus dem Umschlag, die bei der Landung auf den Küchenboden klimperten. Sie fuhr herab und sah, dass es zwei goldene Ringe waren. Einer davon passte ihr haargenau. Mit zitternden fingern faltete sie den Brief auseinander.
    Dort stand in verschnörkelten, mit Füllern geschriebenen Buchstaben Benjamins letzter Gruß: „Heirate mich.“
     
    #1
    User 13029, 23 Februar 2004
  2. Sternenzauber
    Verbringt hier viel Zeit
    252
    101
    0
    nicht angegeben
    Schön, aber traurig..Das gibt einem doch gleich wieder das Gefühl, dass man nie im Streit außeinander gehen soll.
     
    #2
    Sternenzauber, 24 Februar 2004
  3. Hasi05
    Hasi05 (29)
    Verbringt hier viel Zeit
    219
    101
    0
    vergeben und glücklich
    *tränen in den augen hat* wunderschöner text der einen zum nachdenken bringt.
     
    #3
    Hasi05, 24 Februar 2004
  4. Tigerlili
    Tigerlili (32)
    Verbringt hier viel Zeit
    142
    101
    0
    Single
    *mitheulundsofortmeinenfreundanrufumihmzusagen,wiesehrichihnliebeunddaßmirmeinezickereienletztewocheunheimlichleittun*
     
    #4
    Tigerlili, 24 Februar 2004
  5. Panzerfahrer
    0
    Thread uralt, mir egal

    Klasse!! Mehr fällt mir dazu net ein!! Ich hab sogar ne Gänsehaut!
     
    #5
    Panzerfahrer, 26 August 2004
  6. smok
    Gast
    0
    Wow ... das nenn ich mal eine Gänsehautgeschichte ..
     
    #6
    smok, 26 August 2004
  7. Leonie_16
    Gast
    0
    Echt großes Lob! Des is wirklich ne Geschichte die unter die Haut fährt!
     
    #7
    Leonie_16, 28 August 2004
  8. WOW..... ich bin einfach nur sprachlos.......
     
    #8
    Polinalkrimizei, 28 August 2004
  9. jeff499
    jeff499 (35)
    Verbringt hier viel Zeit
    25
    86
    0
    nicht angegeben
    WOW........................*schluck*.......................*schnief*
     
    #9
    jeff499, 31 August 2004
  10. maveriz
    Verbringt hier viel Zeit
    16
    86
    0
    nicht angegeben
    ----
     
    #10
    maveriz, 4 September 2004

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