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Ein mitfühlender Brief an die notleidende Musikbranche

Dieses Thema im Forum "Musik, Filme, Computer und andere Medien" wurde erstellt von boy_X, 11 April 2003.

  1. boy_X
    boy_X (32)
    Verbringt hier viel Zeit
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    nicht angegeben
    Allmählich sind eure Klagen wirklich herzergreifend, liebe Labelchefs,
    Musikmanager, Besitzer von Medienkonglomeraten: Wieder ein Umsatzminus
    von 11,3 Prozent, meldet ihr gerade aus Deutschland; wieder 65
    Millionen CDs weniger verkauft, stöhnt ihr aus Amerika. Und dass
    jemand wie die Grammy-Siegerin Norah Jones ziemlich viele Tonträger
    verkauft hat, dafür hat ihr Produzent Arif Mardin eine lustige
    Begründung: "Ihre Musik spricht ältere Menschen an, die noch nicht
    wissen, wie man sie illegal aus dem Netz zieht." Jeden Tag kündigt ihr
    neue Allianzen an, neue Vertriebswege im Internet, neue Angebote für
    den Konsumenten. Jeden zweiten Tag verklagt ihr irgendwen auf
    Milliarden von Dollar Schadensersatz - und immer öfter zerrt ihr euch
    auch gegenseitig vor Gericht, wie im neuen Napster-Prozess,
    Bertelsmann gegen den Rest der Industrie. Falls ihr also den Eindruck
    erzeugen wollt, ihr wärt völlig kopflos - dann ist euch das bisher
    recht gut gelungen.
    Warum es euch so schlecht geht, meint ihr zu ahnen: Die Menschen sehen
    keinen Grund mehr, Musik zu kaufen. Sie laden Songs über Tauschbörsen
    aus dem Internet herunter, sie verschenken wie die Wilden selbst
    gebrannte CD-Kopien. Alles sonnenklar. Die Idee hingegen, dass eure
    Künstler fauler und unkreativer werden, dass die Popmusik insgesamt an
    Qualität verloren hat, die schließt ihr kategorisch aus. Gut, das
    wollen wir vorläufig glauben- ihr müsst es ja wissen. Manchmal
    allerdings wirkt es so, als wüsstet ihr überhaupt nicht mehr, was ihr
    tut.
    Die Idee mit dem Kopierschutz zum Beispiel - die Leute, die euch
    dieses Konzept aufgeschwatzt haben, solltet ihr teeren, federn und
    vierteilen. Reduziert man das technische Gelaber auf den lächerlichen
    Kern, dann ist die Idee ungefähr folgende: Wir bauen ganz viele Fehler
    in die CDs ein, damit man sie kaum noch abspielen kann. Hand aufs
    Herz: Ist es in der Geschichte des Kapitalismus je gelungen, mehr
    Produkte zu verkaufen, indem man sie schlechter macht und ihre
    Lebensdauer verkürzt? Das ist der erste Punkt. Der zweite ist, dass
    mancher wahre Musikfan gerade sehr viel Geld in den todschicken MP3-
    Player von Apple investiert hat, den so genannten iPod. Vereinfacht
    ausgedrückt dient ein iPod dazu, sehr viel Musik in der Manteltasche
    zu haben, ohne dass man die dazugehörigen CDs mitschleppen muss. Wisst
    ihr, was passiert, wenn ein stolzer iPod-Besitzer zum ersten Mal
    versucht, die neue Robbie- Williams-CD auf sein Gerät zu überspielen?
    Er stellt fest, dass der Kopierschutz das verhindert. Dann steuert er
    eine Tauschbörse im Netz an, um sich die Songs im nötigen Format zu
    holen, und entdeckt: Um das komplette Album kostenlos herunterzuladen,
    in perfekter Qualität, braucht er 15 Minuten. Glaubt ihr im Ernst,
    dass so ein Kunde jemals wieder eine kopiergeschützte CD kauft?
    Lasst ab von euren Feinden!
    Außerdem wird es immer smarte Programmierer geben, die jeden
    Kopierschutz knacken können. Und sie werden immer den Drang verspüren,
    ihre illegalen Kopien massenweise an weniger smarte Menschen zu
    verschenken - so funktioniert nun einmal der Kodex der Hacker.
    Digitale Daten, das ist ein Naturgesetz der modernen Medienökonomie,
    wollen frei durch die Netze fließen. Wenn ihr dieser Tatsache jetzt
    ins Auge blickt, könnt ihr euch Jahre der Frustration ersparen. Diesen
    Strom nämlich stoppen zu wollen, das wäre .. . - okay, hier brauchen
    wir ein großes Bild: Es wäre so sinnlos wie der Versuch, die Weltmeere
    trockenzulegen. Kein Gericht, kein Gesetz der Welt kann das erreichen.

    Das alles hat, im übrigen, nichts mit Musik zu tun. Es betrifft alle
    digitalen Informationen - ihr spürt nur, aus verschiedenen Gründen,
    als erste den Wandel der Zeit. Wenn ihr also das Gefühl habt, in einen
    Sog geraten zu sein, aus dem ihr nicht mehr rauskommt - dann habt ihr
    völlig recht. Und die bange Frage, wann genau die Dinge schiefgelaufen
    sind, lässt sich klar beantworten: Vor zwanzig Jahren, mit der
    Einführung der CD. Damals habt ihr die Entscheidung getroffen, eure
    Ware, die bisher aus analogen Schwingungen bestand, in Nullen und
    Einsen zu verwandeln und digital unters Volk zu bringen. Nullen und
    Einsen ist es aber völlig gleichgültig, ob sie auf eine Silberscheibe
    gepresst werden, auf einer Festplatte oder in einem iPod lagern, oder
    ob sie gerade mit irrer Geschwindigkeit durch eine Telefonleitung
    rauschen. Damals ist eure Ware körperlos und endlos reproduzierbar
    geworden. Dass dies für eine Branche, die Silberscheiben in bunte
    Hüllen steckt und dafür Phantasiepreise verlangt, gefährlich werden
    musste - völlig klar. Denn am Ende seid ihr eine Verpackungsindustrie.

    Hier allerdings zeigt sich auch ein Ausweg, der einzige vielleicht.
    Denn dafür, dass ihr eine Verpackungsindustrie seid, sind eure
    Verpackungen lächerlich einfallslos. Ein Heftchen mit schlechten
    Begleittexten, eine Klarsichthülle, die sofort zerbricht - kann das
    alles sein? Bisher musstet ihr nichts tun, es ging euch, wenn wir
    ehrlich sind, auch viel zu gut: Das Geld reichte sogar für Michael
    Jacksons Neverland und die sechzehn Schrankkoffer von Jennifer Lopez
    und all die Rapper-Paläste. Das ist nun vorbei. Zum Glück! Eure Preise
    müssen kleiner und eure Verpackungen größer, glamouröser,
    interessanter werden. Nehmt euch ein Beispiel am DVD-Geschäft: Im
    Grunde keine technische Revolution, sondern eine Revolution des
    Drumherum. Die Filme sind genauso scharf wie ein normales Fernsehbild,
    ob man's glaubt oder nicht - aber die Extras, die Stunden von
    Zusatzmaterial, die liebevollen Kommentare, Editionen, Sammlerboxen!
    Das kaufen die Leute wie die Irren. Und keiner beschwert sich über die
    Preise.
    Gerade die avancierten iPod-Besitzer, die bis zu 4000 Songs in einer
    Box von der Größe eine Zigarettenschachtel speichern können, die
    Hunderte von Platten immer mit sich herumtragen - sie kennen diese
    neue Sehnsucht: Musik auch wieder körperlich zu besitzen, die
    dazugehörigen Bilderwelten zu betrachten, dazu Texte und Analysen zu
    lesen. Ein Album muss mehr sein als ein Eintrag in einer
    iPod-Playliste - aber es muss auch mehr sein als ein paar Bits und
    Bytes im öden Standardgefäß eurer CD. Labelchefs, Musikmanager,
    Besitzer von Medienkonglomeraten! Lasst ab von euren Feinden, den
    Raubkopierern und Nichtzahlern, und konzentriert euch auf eure
    Freunde! Verpackt eure Werte mit Liebe und Intelligenz. Denn falls
    eure zentrale These wahr ist, dass der Strom der Kreativität und
    Schönheit, den ihr kanalisiert, niemals abreißen wird, woran wir ja
    gerne glauben möchten - dann geht es ja wirklich nur um das Drumherum.

    Und genauso könntet ihr überleben: Als lässige und einfallsreiche
    Drumherum-Industrie.

    quelle: süddeutsche
     
    #1
    boy_X, 11 April 2003
  2. kaninchen
    Gast
    0
    Hab das nur mal überflogen, aber zu dem Thema: Ich hab kein Geld mir ne CD von 15 - 20 € zu kaufen... Und was soll ich mit ner CD auf der 2, 3 gute Lieder sind und der ander "Füllstoff"?? Richtig Geile CDs wo alle Lieder hammer sind kauf ich mir natürlich, aber sonst.... Bessere Musik, besserer Umsatz, ganz einfach...
     
    #2
    kaninchen, 11 April 2003
  3. *~The~Raver~*
    0
    da kann ich mich kaninchen nur anschließen...
    hm ich hätt zwar eventl. des geld um mir die CD's zu kaufen, aber wieso sollte ich für 3-4 lieder die mir auf einer CD gefallen 20€ ausgeben ? dazu mal ne beispiel-rechnung:

    sagen wir mal jeden monat 1 CD macht 20€ pro monat
    meine DSL-flat kostet ohne trafficbegrenzung 40€ pro monat

    40€ => ca. 720 stunden online im monat (theoretisch möglich)
    20€(preis der CD) => 360 stunden online

    wenn man nun annimmt, dass ein lied ungefähr 10min dauert um es runterzuladen und man immer einen stabilen down-stream hat, kommt man auf folgendes:

    360 stunden/monat =^ 21.600 minuten/monat
    21.600 minuten/monat : 10 minuten pro lied
    = 2.160 lieder im monat

    also könnte ich mir (betonung liegt auf KÖNNTE!! ) 2.160 lieder im monat ausm netz ziehen, zum preis von 1 CD und dann hätte ich aber auch nur die lieder, die ich wirklich will

    allerdings kauf ich mir trotzdem die eine oder andere CD, man kann ja die musik-industrie net ganz pleite gehen lassen (was die ja immer behaupten) :grin:
     
    #3
    *~The~Raver~*, 12 April 2003
  4. Jan-Hendrik
    0
    Moin :smile:

    Kenn mich in diesem Business ja nen bissel aus und einerseits verstehe ich die Plattenfirmen, andereseits die User wie Raver.

    Die CDs werden zwangsläufig teurer, wenn immer mehr benutzer Songs runterladen. Werden die CDs teurer, laden aber immer mehr Menschen Musik runter: Ein teufelskreis. schon bei 25000 illegal kopierten CDs, liegt die Plattenfirma bei +/- 0 € gewinne/Verlust.

    Ich finde folgende Idee eigentlich ganz ok: Man geht in einen Musikladen, hört sich Musik an und kann sich dann aus den verschiedensten Alben, Samplern & Maxis Songs zusammensuchen und sich eine eigene CD brennen. Diese Möglichkeit gibts ja schon teilweise im Internet. Und jedes Stück kostet dann einen bestimmten Geldbetrag. Bei Remixen (bes. im trance/techno/House-Bereich etc) ist es dann eben etwas günstiger, wenn man das Original auch mit draufpressen lässt...

    Zumindest vom Ansatz her sehr vernünftig!
     
    #4
    Jan-Hendrik, 12 April 2003
  5. mhel
    mhel (35)
    Verbringt hier viel Zeit
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    nicht angegeben
    @Jan-Hendrik

    Die Idee hört sich gar nicht mal schlecht an aber die wird sich die Musikindustrie sehr schnell selbst verbauen weil dann jede Plattenfirma denkt das sie dann ja Minus macht und die andere mehr Gewinn.
     
    #5
    mhel, 13 April 2003
  6. Jan-Hendrik
    0
    Tjaja... dann muß sich die Plattenfirma eben mal anstrengen und zusehen, dass sie die Zielgruppe wieder besser erreicht und nicht nur zwei "gute" & 20 "schlechte" Songs produzieren lässt....
     
    #6
    Jan-Hendrik, 13 April 2003
  7. boy_X
    boy_X (32)
    Verbringt hier viel Zeit Themenstarter
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    nicht angegeben
    hm was mich stoert sind auch die extrem hohen Gehälter fuer manche künstler in den usa. Ich mein was die im vergleich zu normal sterblichen verdienen ist schon wahnsinn. Und wuerden sie bei diesen stars mal sparen koennten sie die cd's auch einiges billiger verkaufen un dann wuerde ja auch der umsatz wieder steigen...
     
    #7
    boy_X, 13 April 2003
  8. Jan-Hendrik
    0
    Die Stars werden von den Plattenfirmen ja teilweise gar nicht mal sooooo hoch vergütet... zwar schon nicht schlecht, aber Britney, Christina und N Sync sind Ausnahmen. Richtig Kohle machen die mit Werbeverträgen....
     
    #8
    Jan-Hendrik, 13 April 2003
  9. *~The~Raver~*
    0
    ändern, bzw zum positiven verbessern könnte man da viel. aber so wie es aussieht sind die plattenfirmen einfach zu träge und zu bequem dazu.
    zum glück gibt es (zumindest bei meiner musikrichtung :grin:) ein paar kleine erfolgreiche labels, die nicht so an die große industrie gebunden ist.
     
    #9
    *~The~Raver~*, 13 April 2003
  10. Jan-Hendrik
    0
    @Raver: Bestätigt durch DJ :grin:
     
    #10
    Jan-Hendrik, 13 April 2003
  11. *~The~Raver~*
    0
    seh ich genauso :grin:
    da ich selber einer bin.... *g*

    die plattenfrimen sollten vielleicht mal schauen was die DJ's so auflegen *g* weil ich glaub die haben mehr ahnung, was ihre gäste hören wollen als die musikindustrie ;-)
     
    #11
    *~The~Raver~*, 13 April 2003
  12. Jan-Hendrik
    0
    Joa... die Plattenfirmen (vor allem die großen Labels) haben ja imemr Trendforscher im EInsatz :zwinker:

    DJs wissen eh immer, was angesagt ist :zwinker: vor allem im Trance/Techno-Bereich wissen DJs 1-2 Monate im Vorraus, was kommen wird.... wozu gibt's White-Labels (e.g. Boney M 2005 :zwinker:)
     
    #12
    Jan-Hendrik, 18 April 2003
  13. *~The~Raver~*
    0
    jup.. da tät dann nur eins helfen... eigene samplers rausbringen :grin:
     
    #13
    *~The~Raver~*, 19 April 2003
  14. *BlackLady*
    0
    Also wenn mir auf einer CD wirklich alle Liede gefallen, kaufe ich mir sogar die CD. Ja! :grin: Aber da sowas eigentlich so gut wie nie passiert, sehe ich nicht ein, dass ich dafür soviel Geld zahlen soll.
    Das letzte Mal ist mir das übrigens bei "Tool -> Lateralus" passiert. Dafür habe ich gerne 11,99 € gezahlt.
     
    #14
    *BlackLady*, 19 April 2003
  15. *lol*

    Also im Moment rege ich mich mehr darüber auf, dass meine Zimmertür immer wieder aufspringt wenn ich Musik mit viel Bass laut drehe als Mindereinnahmen der Plattenmillionäre....scheiß verzogene Holztür :grin:
     
    #15
    nawerbinschwohl, 19 April 2003

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