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Eisige Wasser

Dieses Thema im Forum "Geschichten, Gedichte und Nachdenkliches" wurde erstellt von Bea, 9 November 2005.

  1. Bea
    Bea (30)
    Verbringt hier viel Zeit
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    vergeben und glücklich
    Eisige Wasser

    Die Straße. Die Ampel. Die Brücke.
    Alles war wie immer, als sich Piero auf dem Weg von seinem Atelier zur Wohnung seiner Eltern befand. Er lief dieselbe Strecke wie seit Jahren. Die Autos fuhren in rasender Geschwindigkeit an ihm vorbei. Die Ampel war wie immer rot, die Brücke kostete ihn wie immer Kraft, als er sie überquerte. Und doch, es war eben nicht wie immer. Neben sich spürte er eine Leere. Um ihn herum schien alles schwarz und kalt, obwohl die Sonne schien und es heiß war. Sie fehlte. Die, die immer neben ihm ging, hatte eine finstere Leere hinterlassen.

    Piero betrat die kleine Wohnung. Seine Familie hatte sich bereits um den großen Tisch versammelt, auf dem der Topf stand. Zwei Stühle waren noch frei. Er setzte sich auf den einen, sah traurig zum anderen. Dann sprachen alle ein Gebet. Piero war nicht bei der Sache. Wozu noch beten? Hatte Gott sie geschützt? Nein! Er hatte zugesehen, hatte zugelassen. Gott war ein Niemand. Wenn es ihn gab, hatte er keine Macht. Seine Mutter schöpfte gerade etwas der dicken Bohnensuppe auf seinen Teller. Er aß lustlos sein Abendmahl, stand auf, verbeugte sich leicht und ging aus dem Zimmer. Vor dem Mietshaus angekommen sah er in den Himmel. Die Dämmerung war bereits fortgeschritten, die ersten Sterne funkelten. Trotzdem machte sich Piero auf den Weg, um noch einmal in sein Atelier zurückzukehren.

    Die Brücke. Die Ampel. Die Straße.
    Alles war wie immer, als sich Piero auf dem Weg von der Wohnung seiner Eltern zu seinem Atelier befand. Er lief diese Strecke wie seit Jahren. Nein, es war nicht wie immer. Die Ampel war grün, die Brücke überquerte er mit Leichtigkeit. Es war anders und doch, die Autos fuhren nun langsamer, hatten die Lichter angeschaltet. Um ihn herum senkte sich die Dunkelheit, es wurde kühler. Es war doch wie immer.

    Piero betrat das kleine Atelier im siebten Stock. Die schrägen Dachfenster ließen das Mondlicht ein. Der kleine Raum mit den Staffeleien, Bildern und Farbklecksen wurde in ein gespenstisches Licht gehüllt. Piero setzte sich vor das Fenster, nahm seine Farben zur Hand und griff nach einer Leinwand. Seine Trauer wollte er in dieses Bild bannen, wollte sie so überwinden. Wie in Trance setzte er Strich um Strich, malte Linie um Linie. Ein Gewirr aus bunten Strichen blieb zurück, die sich kreuz und quer über das Bild zogen. Piero schüttelte den Kopf, stand auf. Er legte die Farben zur Seite, verschränkte die Arme vor der Brust und trat an eines der kleinen Fenster. Die Dunkelheit hatte sich inzwischen über die Stadt gelegt, in wenigen Fenstern brannte Licht. In sein Atelier schien der Mond, erleuchtete es immer noch in gespenstischem Licht.
    Piero schüttelte den Kopf. Es brachte nichts, jetzt noch weiter zu malen. Er würde kein Gemälde zustande bringen, das ihm gefiel, seinen Ansprüchen gerecht wurde.

    Die Straße. Die Ampel. Die Brücke.
    Alles war wie immer, als sich Piero auf dem Weg zurück befand. Die Straße war nun beinahe leer, nur ab und an fuhr ein Auto vorbei. Die Lichtkegel erschienen in der Ferne, wurden größer, rasten an ihm vorbei und verschwanden hinter ihm.
    Es war wie immer und doch war es anders. Auch diesmal war die Ampel grün, er überquerte die Straße, erklomm kurz darauf die Brücke. Oben blieb er stehen und sah auf den reißenden Fluss hinunter. Einfach hinabspringen. Einfach in die Fluten eintauchen. Einfach vergessen. Erbost über seine Gedanken schüttelte er den Kopf, setzte seinen Weg fort.

    Seine Familie schlief bereits, als er die Wohnung betrat. Es musste weit nach Mitternacht sein, ihn fröstelte. Er zog sich aus, legte sich auf sein Bett. Neben ihm lag niemand, er war allein in diesem Bett. Eine Gänsehaut lief ihm den Rücken hinunter und stellte die Härchen seiner Haut auf. Er fror. Er fror, weil die Wohnung nicht geheizt war. Er fror, weil die Kälte über den Steinboden sein Bett hinauf kroch. Er fror, weil die Kälte in sein Herz Einzug gehalten hatte und langsam aber sicher über ihn triumphierte.
    Noch vor allen anderen stand er am nächsten Morgen auf, wusch sich mit dem eisigen Wasser des Vortags vor einem winzigen Spiegel. Ein Schatten lag auf seinem Gesicht. Er lockerte ein wenig seine Muskeln, trank ein Glas Milch und aß ein wenig Brot. Bevor noch jemand erwachte, war er bereits wieder aus der Wohnung verschwunden.

    Die Brücke. Die Ampel. Die Straße.
    Alles war wie immer, als er an diesem Morgen zu seinem Atelier ging. Die Brücke bereitete ihm Mühe, die Ampel war wie immer rot. Auf der Straße fuhren die Autos nun wieder schneller, hatten das Licht ausgeschaltet.

    Als er sein Atelier betrat, warf die Sonne gerade zaghaft die ersten Strahlen durch die Fenster. Er betrachtete das Bild, das er Tags zuvor gemalt hatte. Die weiße Leinwand mit den dünnen, farbigen Strichen erweckte einen fröhlichen, ausgelassenen Eindruck. Enttäuscht schüttelte Piero den Kopf. Er wollte seine Gefühle zeigen: Die Leere. Den Schmerz. Die Dunkelheit und Kälte. Wütend nahm er Pinsel und Farbe zur Hand. Schwungvoll ließ er den Pinsel über die Leinwand streichen, schwärzte das Bild immer mehr, bis nur noch wenige farbige oder weiße Stellen übrig waren. Er nickte, wusch den Pinsel in einer kleinen Schüssel aus, trat zurück, nickte erneut. Jetzt war es sein Bild, denn ein Hoffnungsschimmer war noch da, irgendwo, tief in seinem Herzen.
    Unruhig schritt er auf und ab. Ihm fehlte die Inspiration. Er blieb vor einigen unfertigen Gemälden stehen, betrachtete sie, ging weiter. Schließlich stand er vor einer abgedeckten Staffelei. Er wusste genau, was darunter war. Er wusste auch, dass er es nicht sehen wollte. Er wusste aber, dass er es fertigstellen musste, um es zu verkaufen. Es war ein Meisterstück und er wusste es.

    Die Straße. Die Ampel. Die Brücke.
    Der Weg war immer noch derselbe, alles war wie immer. Und wieder einmal kam er unverrichteter Dinge nach Hause. Der Bohneneintopf stand bereits auf dem Tisch, er musste sich lediglich setzen, wieder ein unnützes Gebet murmeln, essen. Er tauchte ein kleines Stück Brot in die Suppe, kaute lustlos darauf herum. Die anderen unterhielten sich nebenher, nur er saß stumm da, aß und stand, als er fertig war, auf, ging hinaus.

    Die Brücke.
    Er blieb stehen, blickte wieder auf den Fluss. Da war sie wieder, sie erschien im Wasser, spiegelte sich darin, als er hinab blickte. Die Fluten waren verlockend, doch er riss sich los, schritt weiter.
    Die Ampel. Die Straße.
    Alles war wie immer, als er sich auf dem Weg zum Atelier befand.

    Piero betrat das Atelier, ging schnellen Schrittes auf das verhüllte Gemälde zu. Er zog das Tuch schwungvoll herab, ließ es achtlos auf den Boden fallen. Auf der Leinwand erstrahlte ein schönes Lächeln in einem noch schöneren Gesicht. Das Gesicht dieses Mädchens, das regelrecht strahlte, war am rechten Rand des Bildes, neben ihr erstreckten sich die Äste und Blätter eines Baumes.
    Eine einzelne Träne rann Pieros Wange entlang. Er nahm sich seine Farben, mischte einen regnerischen Grauton und überpinselte die lebensfrohen Farben des Baumes. Dann ließ er das Lächeln aus dem Gesicht des Mädchens, seines Mädchens, verschwinden, ließ sie sogar weinen. Die goldblonden, gelockten Haare hingen wirr von ihrem Kopf über die Schultern herab, das zuvor hellrote Oberteil wurde nun in dunkles, trübes Blutrot getaucht. Die strahlend blauen Augen bekamen einen dunklen Schatten und statt des Baumes, durch dessen Blätterdach die Sonne geschienen hatte, regnete es nun. Er nickte leicht, legte Pinsel und Farben beiseite. Er blickte aus dem Fenster. Die Sonne schien noch immer hell und heiß in das Zimmer, in den Strahlen tanzten Staubkörner. Die Luft wurde stickig und er trat erleichtert aus dem Raum. Er hatte das Gemälde vollendet, würde es zu einem guten Preis verkaufen können.

    Die Straße. Die Ampel. Die Brücke.
    Alles war wie immer, als sich Piero auf dem Weg von seinem Atelier zur Wohnung seiner Eltern befand. Er lief dieselbe Strecke wie seit Jahren. Die Autos fuhren in rasender Geschwindigkeit an ihm vorbei. Die Ampel war grün, die Brücke überquerte er mit Leichtigkeit. Und doch, es war eben nicht wie immer. Neben ihm spürte er eine Leere. Um ihn herum schien alles schwarz und kalt, obwohl die Sonne schien und es heiß war. Sie fehlte. Die, die immer neben ihm ging, hatte eine finstere Leere hinterlassen.
    Oben blieb er stehen und sah auf den reißenden Fluss hinunter. Einfach hinabspringen. Einfach in die Fluten eintauchen. Einfach vergessen...
     
    #1
    Bea, 9 November 2005
  2. ryoutai
    ryoutai (29)
    Verbringt hier viel Zeit
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    91
    0
    nicht angegeben
    Ist noch Platz auf der Bruecke?
     
    #2
    ryoutai, 13 November 2005
  3. Wüstensand
    Verbringt hier viel Zeit
    409
    101
    0
    vergeben und glücklich
    :cry: ist noch platz unter der brücke?
     
    #3
    Wüstensand, 13 November 2005

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