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Erinnerungen nach Amoklauf...

Dieses Thema im Forum "Kummerkasten" wurde erstellt von User 53338, 19 März 2009.

  1. User 53338
    Meistens hier zu finden
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    offene Beziehung
    Hallo liebe PL-Gemeinde,

    kein weiterer Diskussionsthread, sondern eine persoenliche Geschichte.

    Bei den ganzen Amokdiskussionen taucht immer wieder ein Wort auf: Mobbing.

    Mobbing klingt irgendwie harmlos. Nach Stifte wegnehmen und Buecher herunter werfen. Ich wurde in meiner Schulzeit auch lange Jahre gemobbt und ich kenne diese Fantasien, die man hat. Es ist eine kleine Fluchtmoeglichkeit um der taeglichen Hoelle zumindestens gedanklich zu entkommen. Die Fantasie, ein Ort in der man stark ist.


    Viele Erinnerungen die nun nach dem Amoklauf an die damalige Zeit wieder aufgerufen werden. Besonders eine, die nun 11 Jahre zurueck liegt. In dieser Erinnerung hoere ich immer noch ihr Lachen, wie sie mich nieder druecken, das Holz das sich in meinen Ruecken bohrt. Nach Jahren spuere ich wieder die kalte Luft, die in meine nackte Haut schneidet und spuere ihre Spucke wieder ueber meinen Koerper laufen. Haende die mich festhalten, runterdruecken, mir die Kleidung runter reissen. Und immer zu ihr Lachen... als waere es lustig.

    Verdammt, wir waren damals doch erst 12! Mit 12 habe ich an so etwas nicht gedacht. Und ich haette nicht gedacht, dass man mich so sehr hassen kann, dass man mich zu zweit vergewaltigen will.


    Was habe ich also falsch gemacht? Was war damals so furchtbar an mir?


    Sie haben damit noch geprahlt. In der Schule. Lehrer haben es gehoert, ganz sicher. Sie haben es ja auch jeden Tag gesehen, wie ich in der Klasse die Hoelle auf Erden hatte. Ich war sogar eine zeitlang so naiv und glaubte, wenn man sich den Lehrern anvertraut, wird es besser. Geholfen hat nie jemand.


    Am Ende war ich sogar die Schuldige. Irgendwann nach Erfurt. Weil ich einfach nicht in das gut Buergerliche Bild gepasst habe, weil ich anders war. Ploetzlich musste ich zur Direktorin, weil ich Band-T-Shirts trage? Weil irgend so ein Amoklaeufer Slipknot und Rammstein gehoert hat? Ploetzlich war ich das Ziel? Und was war mit denen, die Dickies, Adidas und Nike getragen haben, diese Schuhmarken die man aus allernaechster Naehe sehen kann, wenn ihre Fuesse immer wieder auf einen eintreten?


    Irgendetwas in mir ist verloren gegangen, als ich auf diese Schule gegangen bin.


    Aber wir muessen uns bestimmt um Killerspiele kuemmern... Mobbing ist nicht so schlimm.
     
    #1
    User 53338, 19 März 2009
  2. mahalanobis
    Verbringt hier viel Zeit
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    vergeben und glücklich
    dein beitrag klingt nicht danach, das du eine diskussion führen willst, trotzdem wollte ich dir für diesen eindringlichen beitrag danken und ein paar eigene gedanken äussern. das thema ist zu prekär, als es unter den tisch fallen zu lassen.

    die "härte" deines mobbings habe ich nicht widerfahren, doch sind mir "Zwangshierarchien" in der Schule auch bekannt. das äusserte sich bei mir hauptsächlich in gerede hinter meinem rücken, was ich mehr oder weniger hören sollte, wo ich meistens schlecht gemacht wurde oder unwahrheiten erzählt worden sind. das führte zu den verhaltensweisen, das man versuchte, den leuten aus dem weg zu gehen, wenig aufsehen erregte, sich allgemein ruhig verhalten hat.

    klingt eigentlich nicht schlimm, nur ist das problem an der sache, das man diesem kreis nicht entfliehen kann, weil man diese leute jeden tag um sich rum hat. das macht die sache so schwierig. mein vorteil war, das ich einen intakten freundeskreis (auf den das ähnlich wie auf mich zutraf) , familiären rückhalt hatte und meine freizeit für mich interessant gestalten konnte.

    unweigerlich kommen da, wie die die ts schon schrieb, gedanken der rache. bei den meisten von uns bleibt es theoretisch, bei manchen nicht. die frage ist, was hängen bleibt.

    mehr oder weniger abgeschlossen habe ich mit dem thema, als ich beim klassentreffen einen der damaligen "wortführer" direkt als arschgesicht tituliert habe. mag kindisch klingen, mir hats gut getan.

    um den bogen zu den amokläufen zu spannen, die hintergedanken von robert und tim für die taten kann ich verstehen ( bedeutet nicht gut heissen). das macht die art der opfer deutlich. was mir aufgefallen ist, wo der amokläufer auf dem klassenfoto stand. passt genau ins raster eines ausgegrenzten, möglicherweise gemobbten schülers.

    eine these, die ich heute im heise forum gelesen habe, klingt für mich plausibel und finde mich da zum teil wieder: "Amokläufe entstehen aus sexueller Frustration". falls es interessiert, hier nachzulesen.
     
    #2
    mahalanobis, 19 März 2009
  3. nobody44
    nobody44 (30)
    Sorgt für Gesprächsstoff
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    nicht angegeben
    Tja... ich bin eigentlich immer ein passiver Leser gewesen, aber zu so einem Beitrag muss ich meinen Senf dazugeben.

    Also wenn dir das passiert ist, dann tut mir das sehr Leid für dich. Es liest sich eher nach einem Filmausschnitt und nicht nach dem Lebensabschnitt einer 12 jährigen Schülerin.

    Wir hatten in der sechsten Klasse auch einen Schüler, der oft gemobbt wurde und wenn ich jetzt so drüber nachdenke bin ich echt enttäuscht von mir selbst, weil die meisten (mich eingeschlossen) einfach nur zusahen, Lehrer wie Schüler. Die gingen zwar nicht soweit wie du es beschrieben hast, aber doch definitiv zu weit.

    Aber was ich eigentlich sagen will: Ich gebe dir vollkommen Recht. Mobbing ist ein sehr ernstes Thema, was zu häufig als Kleinigkeit angesehen wird. Wenn du noch nicht mit deinem Ehemann darüber gesprochen hast, wird es langsam Zeit dafür. Er kann dir sicher besser helfen als wir, behaupte ich mal ;-).

    Zu dem Link mit der sexuellen Frustration: Halte ich für unwahrscheinlich bis unmöglich ;-).
     
    #3
    nobody44, 19 März 2009
  4. happy&sad
    happy&sad (33)
    Verbringt hier viel Zeit
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    nicht angegeben
    Mobbing... ja, das kann einen wirklkich kaputt machen.
    Ich wurde auch gemobbt in der Schule. Damals war ich 10. Das ging etwa ein halbes Jahr lang. Ich hatte einfach nur noch Angst vor der Schule. Auch wenn es nie so weit ging wie bei dir, ich wurde 'nur' von älteren Schülerinnen eingekreist, von einer zur anderen geschubst, beleidigt und ausgelacht. Aber wenn man das regelmäßig durchmacht, ist selbst das die Hölle auf Erden.

    Nach etwa einem halben Jahr hat meine Mutter etwas gemerkt. Ich habe mir so etwas nie anmerken lassen zu Hause, aber irgendwann fielen die Mauern. Die Lehrer haben nicht bemerkt, das Schulgelände war sehr verwinkelt und genau da musste ich durch zum Pausenaufenthalt, von einer weiß ich aber, dass sie es bemerkt, aber sich nicht darum gekümmert hat. Ich bin damals zu ihr, als ich mich von der Mädchengruppe lösen konnte und habe ihr alles erzählt. Sie fragte mich auf welcher Schule ich sei (wir hatten mehrere Schule in einem großen Gebäude) und sagte dann, dass sie nicht für mich zuständig sei... Ich kann nicht sagen, dass ich auf sie wütend wäre, ich bin einfach nur enttäuscht und traurig. Wie kann man jemanden so eiskalt die Hilfe verweigern?
    Irgendwann habe ich angefangen jede meiner Pausen in der Bibliothek zu verbringen, weil die Mädchen dort nichts machen konnten. Aber wenn ich Pech hatte erwischten sie mich auf den Weg dorthin oder zurück zur Klasse oder Toilette.

    Nachdem meine Mutter es wusste hat sie meinem früheren Klassenlehrer davon erzählt. Der war schon lange nicht mehr für mich zuständig, hat sich aber (im Gegensatz zu der anderen Lehrerin) für mich eingesetzt.
    Auch wenn die Mädels keine Strafe bekamen, wenigstens haben sie an dem Tag damit aufgehört.
    Noch heute kommen mir die Tränen wenn ich an diese Zeit denke...

    Als es später noch einmal drohte anzufangen gab ein ein Mädchen aus meiner Klasse, das auf meiner Seite stand. Vor ihr hatte jeder Respekt, niemand, auch nicht ältere oder Gruppen trauten sich an sie heran.
    Als ich nach einiger Zeit wieder einmal angepöbelt wurde stand sie plötzlich vor mir und sagte "Wer an sie heranwill muss erst einmal an mir vorbei". So, wie man es aus Filmen kennt.
    Dafür bin ich ihr noch heute dankbar. Den Rest der Schulzeit, bis sie die Schule vorzeitig verließ, hatte sie ein Auge auf mich.

    Solche Menschen sind Gold wert!
    Ich weiß nicht, wie es weitergegangen wäre, wenn sie nicht grundsätzlich auf der Seite der Schwächeren gewesen wäre (nicht nur mir). Trotzdem gehörte sie immer zu den beliebtesten Mädchen, ihr hat ihr Engagement nicht geschadet (hört man ja sonst oft, das diejenigen, die andere verteidigen, direkt unten durch sind).
     
    #4
    happy&sad, 19 März 2009
  5. zickzackbum
    Verbringt hier viel Zeit
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    nicht angegeben
    Auszüge aus dem "Artikel" :
    Man kann nicht jede Forschungsfrage beweisen. Diese Aussage halte ich für unsinnig, denn das klingt ja ganz so, als ob man Forschung sein lassen sollte, es bringt ja eh nichts, da man eh alles beweisen kann, wenn man nur will.
    Kann man eben nicht.

    Die Frage ist nur, ,ob man komplexe Wirkungszusammenhänge zu stark abstrahiert und daher zu sehr vereinfacht und deshalb zu falschen Ergebnissen kommt, weil man einseitig an das Problem herangeht.

    Richtig wäre es daher zu sagen: Wenn man an eine Studie zu einfach strickt und sich dann nur auf deren Ergebnisse verlässt und die Ergebnisse anderer Studien unter den Tisch fallen läßt, dann kommt man zu falschen Interpretationen.

    Und genau das wird hier gemacht, wenn es um die Beurteilung der Auswirkungen von Gewaltspielen, Musik oder ungewollter sexueller Enthaltsamkeit auf Gewaltbereitschaft geht.


    Persönlich kann ich jetzt für mich nicht sagen, dass sexuelle Enthaltsamkeit zu Gewaltphantasien führt :zwinker: .


    Ich glaube, dass Mobbing einer der stärksten Faktoren ist, die zur Erhöhung der Gewaltbereitschaft führen. Wenn jemand ständig einer Ohnmacht und Hilflosigkeit ausgesetzt ist sich demütigen lassen zu müssen und auch noch verpflichtet ist jeden Tag an diesen Ort der Demütigung zu gehen (Schulpflicht) und ihm niemand beisteht, dann wird aus Hilflosigkeit schnell Hass und Aggression. Warum schlägt man zu, wenn man mit Worten nicht mehr weiter kommt ? Aus Hilflosigkeit.

    Was ist mit Familiendramen ? Erst kurz nach dem Amoklauf hat wieder ein Familienvater fast seine gesamte Familie erschossen. Soweit ich gelesen habe ist die Ursache für solche Familiendramen meist eine empfundene Aussichtslosigkeit, z.B. der Verlust des Arbeitsplatzes verbunden mit Existenzängsten oder die drohende Scheidung. Auch hier sieht man, dass scheinbar aus Hilflosigkeit und Ohnmacht heraus Aggressionen entstehen, die dann zu solchen Gewalttaten führen.
     
    #5
    zickzackbum, 19 März 2009
  6. Piratin
    Piratin (38)
    Beiträge füllen Bücher
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    Verheiratet
    Meinem Bruder haben auf dem Pausenhof immer ein paar Rüpel die Mütze weggenommen und sie hin und her geschmissen um den kleinen Kerl rennen zu sehen.

    Gut, dass seine große Schwester schon mit 13 ein langer Lulatsch von 1m75 war, und die Rüpel ordentlich verdroschen hat. :engel:

    Die Mütze flog nie wieder.

    Hilfe suchen ist auf jeden Fall eine gute Idee, auch wenn man keine große Schwester hat.
     
    #6
    Piratin, 19 März 2009
  7. Party_Girl
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    vergeben und glücklich
    Ich wurde auch 6 Jahre lang gemobbt. Wurde auch geschlagen und psychisch wirklich fertig gemacht so sehr das ich eigentlich alle 2 Wochen ne Magenschleimhautentzündung hatte und 2 mal im Krankenhaus gelandet bin deswegen. Ich spiele auch solche "Killerspiele".

    Zum Beispiel GTA 4, GTA San Andreas und Vice City. Ich würde auch niemals Amokklaufen wegen solchen spielen wenn man das spielt ist man in einer Virtuellen Welt sobald der PC oder die Konsole aus ist ist auch diese andere Welt weg.

    Ich sage auch nicht das ich wegen dem Mobbing Amokk laufen würde aber es ist um weiteres schlimmer als so ein Killerspiel wo die jetzt mal wieder bestimmt verbieten wollen die Politiker. Aber mal nachdenken was wirklich der Auslöser sein könnte ist denen ja anscheinend egal weil so doof kann ma ja echt nicht sein.
     
    #7
    Party_Girl, 19 März 2009
  8. User 62847
    User 62847 (26)
    Verbringt hier viel Zeit
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    7
    nicht angegeben
    Hallo!

    Der Beitrag hat mich gerade wirklich zum nachdenken angeregt, hab also direkt mal auf Antworten geklickt.

    Ich möchte mit meinem Thread nichts verallgemeinern, natürlich gibt es auch Ausnahmen. Ich möchte lediglich ein paar meiner Gedanken schildern.

    Was ist denn der Grund, weshalb sich viele Jugendliche in die virtuelle Welt flüchten? Wer im realen Leben enttäuscht wird, (Misserfolge in der Schule, Mobbing, keine Freunde, etc...) der findet im Internet, in Killerspielen oder sonstwo Bestätigung. Dort kann jeder "stark" sein und Erfolg haben. Gefährlich wird es, wenn die virtuelle Welt auf die reale Welt übertragen wird. Computerspiele suggestieren die eigene Macht, Macht über seine virtuelle Umwelt, über seine Gegner. Und das ist ein Teufelskreislauf.

    Wer auch im realen Leben "Macht" ausüben oder sich bemerkbar machen möchte, muss zu drastischen Mitteln greifen. Mit Gewalt hat jeder die Macht über den anderen. Für einen kurzen Moment im Leben stark sein und vorallem Macht zu haben, das muss für solche Leute ein "befriedigendes" Gefühl sein.

    Meiner Meinung nach, sind "Killerspiele" nur die sekundäre Ursache, die primären liegen ganz woanders. Denn ein Mensch, der sich in seiner Umwelt wohl fühlt und nur hobbymäßig spielt, begeht keinen Amoklauf.

    Sollten sich die Politiker dann nicht eher den primären Ursachen zuwenden? In vielen Familien wachsen Kinder nicht mehr behütet auf, in vielen Schulen wird tatenlos der Gewalt zugeschaut. Wo soll das noch hinführen?! Wie viele Kinder/Jugendliche müssen noch leiden?

    Auch ich kenne das Gefühl, alleine auf der Welt zu sein. Es ist schlimm, wenn man sich als "Problemkind" fühlt, niemanden zum reden hat und sich von der Gesellschaft nur noch unerwünscht fühlt. Und mir kann keiner erzählen, dass man das so einfach wegstecken kann! Und ja, auch ich habe mich damals (mit ca. 12) ins Internet geflüchtet. Dort habe ich Anerkennung und vermeintliche "Hilfe" bekommen. Ob diese "Hilfe" immer gut ist, ist die andere Frage....ich bezweifel es mittlerweile....Das Internet ist ein ganz gefährliches Pflaster für psychisch labile und kranke Menschen. Hier zieht man sich meistens nur gegenseitig runter und rutscht noch weiter in ein Loch. Ich habe damals meine Wut auf die Umwelt gegen mich selber gerichtet. Aber was, wenn die Frustration so groß ist, dass das nichts mehr bringt?! Wenn eh alles egal ist...?! Ich weiß, dass ist krank aber ich kann es in gewisser Weise nachvollziehen. Und die Schuld dafür gebe ich primär unserem Gesellschaftssystem. Kleines Beispiel: Warum muss es ein "3-Klassen-Schulsystem" geben? Viele Kinder haben überhaupt keine Chance und werden gleich in die unterste Schublade gesteckt. Klar, dass das Frustrationen auslöst...wenn man eh keine Chancen auf ein besseres Leben hat....

    Bondage, ich kann dich sehr gut verstehen. So krass wie bei dir war es bei mir nicht. Wobei man eigentlich nicht davon reden kann, bei wem es schlimmer war. Das Empfinden ist sehr subjektiv und Mobbing ist wohl immer schlimm. Ich wurde etwa 9 Jahre lang gemobbt und auch ich habe Spuren davon getragen. Irgendwann habe ich wieder einen Halt im Leben gefunden und germekt, dass ich liebenswert bin. Aber was, wenn diese Einsicht nicht mehr kommt?! Ich wäre nicht der Typ dafür, deshalb Amok zu laufen aber diese Menschen gibt es leider. In der Verzweiflung tut man viel um auf sich aufmerksam zu machen...

    Ich wünsche dir Bondage, dass du die schlimme Zeit in deinem Leben irgendwann "vergessen" kannst und mit dir im Reinen bist. Du bist bestimmt ein liebenswerter Mensch! Und niemand auf dieser Welt hat es verdient, so zu leiden!

    Liebe Grüße, ann

    Edit: Natürlich hast du Recht damit, dass man nicht vorher sagen kann, wer eine solche Tat begeht, aber es gibt meiner Meinung nach ein gewisses "Täterprofil". Aber vergessen dürfen wir die "Normalos" nicht. Wer weiß schon, wie es in denen ausschaut? Von mir hätten viele auch nicht gedacht, welche massiven Probleme ich habe. Es ist falsch zu sagen: Schüler, die gemobbt werden, bestimmte Band T-Shirts tragen, "aggresive" Musik hören und Killerspiele spielen, begehen eine schlimme Tat. Aber die Gefahr ist leider doch relativ groß, dass solche Menschen eine solche Tat begehen.
     
    #8
    User 62847, 19 März 2009
  9. Maxx
    Sehr bekannt hier
    1.379
    198
    623
    Single
    Mobbing kommt in vielen Varianten vor. Die Ausübung kann sehr direkt und brutal oder aber auch sehr subtil erfolgen. Oft sind die Grenzen fliessend und aus zuerst vielleicht harmlos gemeinten Aktionen seitens des Mobs kann für den Betroffenen nach und nach bitterer Ernst werden. Häufig registrieren sowohl Täter wie auch Betroffene weder die möglichen Auswirkungen, die durch das Mobbing unmittelbar erfolgen können noch wird über die Langzeitfolgen nachgedacht, die ein solches Verhalten mit sich ziehen kann.

    Wenn die Hintergründe des Mobbings mal näher betrachtet werden, dann geht es leider oft auf das Prinzip der Kausalkette zurück. Der Täter ist bzw. war auf irgendeine Art selbst Opfer der Gesellschaft oder wird von einer ihm übergeordneten Person gemobbt. Die angestauten Aggressionen richten sich aber in vielen Fällen nicht zurück gegen den Mobber, sondern auf ein schwächeres Glied in der Kette, das als Ventil missbraucht wird. Als überspitztes Beispiel wird der Familienvater von seinem Arbeitgeber gedemütigt, dieser selbst zu Aggressionen neigender Mann schluckt seinen Ärger aber hinunter, um seinen Job zu behalten und lässt seinen Unmut stattdessen an seinem Sohn aus. Dieser mobbt deshalb gemeinsam mit seiner Clique in der Schulklasse einen schwächeren Mitschüler, um seiner Wut Luft zu machen und der Gemobbte aus der Schule terrorisiert daraufhin zu Hause seinen kleineren Bruder, worauf dieser wiederum sein Haustier quält usw. Ich persönlich neige diesbezüglich zu ganz anderen Reaktionen. Sollte ich mal in die Situation gelangen, wo ich Opfer werde, dann würde sich meine Wut und der Hass auf jeden Fall so stark auf den Täter fixieren, dass sich eventuelle Aggressionen nicht auf unbeteiligte Leute, sondern direkt zurück auf den Mobber ausrichten würden.

    Ich war in der Vergangenheit mal am Rande betroffen von Mobbing, wozu ich auch Aktionen zähle, die gemeinhin vielleicht noch nicht als Mobbing gelten. Die seelischen Schmerzgrenzen der Menschen sind in dieser Hinsicht unterschiedlich und manch einer steckt körperliche Gewalt leichter weg als ein anderer verbale Entgleisungen, die sich gegen seine Person richten.

    So oder so können die Auswirkungen verheerend sein. Von Hass auf die Täter oder ähnlich gestrickte Personen bis hin zu einem allgemeinen Menschenhass oder gar Selbsthass. Sozialer Rückzug bei gleichzeitigem Wunsch mit Menschen in Interaktion zu treten und ein vollwertiges Mitglied der Gesellschaft zu sein. Je stärker Betroffene sich dadurch in die Isolation flüchten und darin verharren, umso schwieriger wird es für sie da rauszukommen. Und zwar ungeachtet dessen ob der Betroffene den Absprung schaffen will oder nicht. Im schlimmsten Fall ist er ein Leben lang sozial gebrandmarkt, weil er den Weg in die Mainstream-Gesellschaft und zu deren Verhaltenskodex nicht mehr zurück findet. Falls dieser Wunsch dazuzugehören aber dennoch irgendwo in ihm verankert bleibt, dann kann das bittere Folgen für seine Psyche und sein Leben haben.

    Wie schon mal kürzlich erwähnt stelle ich insbesondere schwerere Fälle von Mobbing, die mit körperlicher Gewalt und bestimmten Demütigungen einhergehen, auf die Stufe eines Verbrechens, wie als Beispiel des sexuellen Missbrauchs. Nur weil die Gewaltakte und Demütigungen keine sexuelle Komponente haben, bedeutet das eben nicht zwangsläufig, dass die Folgen und Spätfolgen für einen Betroffenen nicht genauso verheerend sein können. Nur wird in unserer scheinmoralischen Gesellschaft Mobbing eher geduldet und verharmlost, während der Sexualstraftäter laut Volksmund kastriert werden sollte und nach Meinung einiger emotional aufgewühlter Zeitgenossen sogar auf den elektrischen Stuhl gehört. Würde Mobbing jeglicher Art strafrechtlich verfolgt und die Taten ähnlich wie Sexualstraftaten stigmatisiert werden, dann würden einige Dinge in unserer Gesellschaft anders verlaufen.

    Aber solange man dem Mobbing-Opfer sogar noch indirekt die Schuld zuweist und ihm zu verstehen gibt, dass es den Mob durch seine Art provozieren würde, und somit die Taten der Mobber indirekt gerechtfertigt werden, dann wird es hin und wieder eben immer mal wieder geschehen, dass ein Betroffener Amok läuft, um der vermeintlich stärkeren Gemeinschaft im Angesicht des Todes zu demonstrieren, dass im Grunde er der Stärkste und der Mutigste von allen war. Jede Kette ist so stark wie deren schwächstes Glied. Wird auf dieses eine Glied eingehackt, dann hat es durch seine Zerstörung eben die Macht, um die ganze Kette zu sprengen.
     
    #9
    Maxx, 19 März 2009
  10. SidewalkPlayer
    Sorgt für Gesprächsstoff
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    43
    7
    nicht angegeben
    Off-Topic:
    Was in meinen Augen auch sehr schlimm ist, ist die permanente Unterdrückung von bestimmten "Jugendlichen" die permanent den "Koitus mit der eigenen Mutter zelebrieren möchten", mal ganz vorsichtig ausgerückt. Hier wird regelmässig jemand abgestochen, ins Koma geprügelt, und wenn der Tag mal gut ist gibts bloß ein Paar Schläge oder das Handy wechselt den Besitzer.

    Man kann hier nicht aus dem Haus gehen, hier ist es schlimmer als in der DDR oder während der NS Zeit.
    Dass hier noch keiner völlig Ausgetickt ist, grenzt eigentlich schon an ein Wunder.
     
    #10
    SidewalkPlayer, 19 März 2009
  11. Luc
    Luc (29)
    Meistens hier zu finden
    2.148
    148
    108
    nicht angegeben
    Ich finde den Beitrag von ann und von Maxx sehr gut. Ich denke genau das Selber darüber. Natürlich regt auch der Beitrag des TS zum nachdenken.

    Was ich interessant finde ist, dass Leute, die keinerlei sochle Erfahrungen gemacht haben den erschossenen Opfer nachtrauern und halt eben den Täter einfach als Mörder hinzustellen, was ja auch Stimmt.
    Die Anderen, die früher eher das "Omega - Männchen/weibchen" waren, denken über den Täter nach und wie es zu sowas kommen kann.
     
    #11
    Luc, 19 März 2009
  12. User 44981
    User 44981 (29)
    Planet-Liebe Berühmtheit
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    Single
    Ich bin auch voll und ganz der Meinung, dass die Gesellschaft und insbesondere auch Leher an Schulen mehr für das Thema Mobbing sensibilisiert werden sollten.

    Allerdings wird in diesem Zusammenhang meiner Meinung nach gerade etwas grundlegend falsch gemacht:
    Der Begriff Mobbing wird inflationär verwendet.
    Jede normale, kleine, lächerliche und völlig normale Hänselei unter Mitschülern wird von einigen Leuten als Mobbing bezeichnet, so dass der ganze Begriff schon fast lächerlich wird und dadurch die wirklich schlimmen, schweren Fälle, die den Namen Mobbing wirklich verdient haben, nicht mehr die Beachtung finden, die notwendig wäre.

    Ich wurde früher in der Schule geähnselt - und ich sage ganz bewusst "geänselt", obwohl viele Leute sofort "gemobbt" sagen würden.
    Allerdings haben mir diese Hänseleien langfristig gesehen keineswegs geschadet, sondern mir viel mehr bei meiner Persönlichkeitsentwicklung geholfen.
    Früher war ich ein kleiner Choleriker und bin wegen jeder Kleinigkeit regelrecht explodiert wie das HB-Männchen, was natürlich von einigen Mitschülern provoziert wurde, weil meine "Explosionen" für die Zuschauer durchaus einen erheblichen Unterhaltungswert hatten.
    Aber erst durch diese Provokationen wurde ich intensiv mit meiner Schwäche konfrontiert und habe es im Endeffekt geschafft, gelassener zu werden und mit alltäglichem Ärger und Problemen, kleinen und größeren Provokationen, pserönlichen Misserfolgen, etc. viel gelassener umzugehen. - Ich wurde erst dadurch zu einem gelassenen, ausgeglichenen Menschen.
    Auch wenn diese Art der Konfrontation sicherlich nicht schön für mich war, war das immerhin ein Weg, einen schlechten Teil meiner Persönlichkeit abzulegen.

    Wäre ich nie in dieser Art mit meinen Wutausbrüchen konfrontiert worden, wäre ich evtl. heute noch der Choleriker von früher und käme mit den alltäglichen Problemen, Misserfolgen und Enttäuschungen nicht zurecht.

    Von daher halte ich ein gewisses gegenseitiges Ärgern in der Kindheit und Jugend für eine wichtige Sache, um die Konfliktbewältigung zu trainieren und erlernen.

    Das soll richtiges Mobbing nicht verharmlosen. - Mir fehlt bei vielen Mobbing-Diskussionen nur eine klare Abgrenzung zwischen alltäglichen, normalen und meiner Meinung nach auch notwendigen Konflikten, Hänseleien, etc. und wirklichem, auch langfristig schädlichem Mobbing.
     
    #12
    User 44981, 19 März 2009
  13. User 68775
    User 68775 (32)
    Planet-Liebe Berühmtheit
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    348
    3.166
    Single
    Eigentlich stimme ich dem ganzen Beitrag zu, diesem Teil aber im Besonderen.

    Ich finde mich da ein wenig wieder, zwar war ich nicht cholerisch, aber doch ziemlich jähzornig und vor allem altklug. Dann hatte ich auch noch einen komischen Namen, war Lehrerliebling, gut in der Schule und fand cool sein doof.
    Ich wurde auch gehänselt, geärgert, es gab lustige Spottlieder, es wurde gelacht...
    Gut, es war nie Gewalt im Spiel, das ist wichtig zu erwähnen, außer dem üblichen Sachen wie Bein stellen wenn man die Hände voll hat oder so. Schultasche wegnehmen, Dinge verstecken...

    Wie dem auch sei, MIR hat das geholfen, Selbstvertrauen zu entwickeln, zu lernen, mir eine dicke Haut zuzulegen, gelassen zu bleiben, nicht alles persönlich zu nehmen... und es hat mir geholfen, ich selbst zu werden.
    Weil ich die Wahl hatte zu werden, wie alle andern, weil das cool war - oder zu bleiben wie ich bin, dazu zu stehen und mich zu verteidigen. Und unschöne Charakterzüge wie Jähzorn und Altklugheit im Zaum zu halten.
    Bis zur Mittelstufe hatte ich gelernt, wie ich sein kann wie ich bin, und trotzdem gut zurecht komme.

    Ich finde eben diese Hänseleien tragen stark zur Persönlichkeitsbildung bei, WENN man irgendwo einen Rückhalt hat, der einem sagt, "im Notfall bin ich da, aber lern selbst dich zu verteidigen" das war für mich meine Familie, die mir damit einen sehr großen Gefallen getan hat.

    Wirkliches Mobbing dagegen zerstört Persönlichkeiten.

    Wobei sich mir da die Frage stellt... wieso steckt die eine Art Mensch solche Bösartigkeiten gut weg und kann sie sogar in positives wandeln, während andere schon an kleinsten Grausamkeiten zerbrechen?

    Natürlich liegt einiges am Unterschied der Methoden... aber ist das alles?
    Die Gesellschaft, die Familie, das Umfeld formt die Kinder, jedes Kind, aber wieso kommen so unterschiedliche Ergebnisse dabei heraus...? Das ist für mich die wirklich interessante Frage.
    Was ist bei denen, die zB ähnliche kleine seelische Grausamkeiten erfahren haben wie ich anders, so anders, dass sie damit nicht zurechtkommen?

    Darauf weiß wohl keiner die Antwort - wobei sie vieles erleichtern würde...
     
    #13
    User 68775, 20 März 2009

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