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Es geschah auf dem Weg zur Arbeit

Dieses Thema im Forum "Geschichten, Gedichte und Nachdenkliches" wurde erstellt von banklimit, 14 Januar 2005.

  1. banklimit
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    Es geschah auf dem Weg zur Arbeit

    Die alte Dame zog mit leicht zitternden Händen das Fotoalbum aus dem Regal. Hier, im Wohnzimmer ihres Apartments, war es gemütlich warm. Draußen war es eisig kalt. Die Sonne war schon fast untergegangen. Aus dem fünften Stock hatte man eine schöne Aussicht über den Wald, der von Nebelschwaden durchzogen war. Darüber lag eine tief hängende Wolkendecke. Die alte Frau fühlte sich wohl in dem Heim am Rande der Großstadt.

    Sie legte das Album auf den Tisch, zündete zwei Kerzen an und dimmte das Licht der Stehlampe etwas. „Damit wir es hier schön gemütlich haben“, sagte sie. Als sie das Album öffnete, fielen einige lose Fotos auf den Tisch. „Oh, die habe ich gar nicht eingeklebt“. Ich nahm eines der Fotos in die Hand. Es war ein altes Schwarzweißbild, auf dem drei junge Mädchen am Strand saßen. Sie trugen altmodische Badeanzüge und lächelten übermütig in die Kamera. Eines der Mädchen fiel mir sofort auf: das ganz linke. Es hatte ein erfrischendes Lächeln das hübsche Gesicht sprühte förmlich vor Lebenslust! Die alte Dame beugte sich langsam zu mir herüber und beäugte das Foto. „Was hast du da? Oh das bin ich, erkennst du mich?“ Das schöne Mädchen war sie, das sah ich sofort. Ich drehte das Foto um, wo mit Kugelschreiber geschrieben das Datum stand: August 1939. „Da war ich siebzehn, noch blutjung! Damals wusste ich natürlich noch nicht, was die Zeit mir bringen würde...zehn Jahre später sollte ich meine große Liebe treffen.“ Sie hielt inne und sah für einen Moment in den düsteren Wald hinaus.

    „Wie...wie hast du ihn eigentlich kennen gelernt?“, fragte ich neugierig. „Ach weißt du, das ist schon so lange her. Aber ich will es dir gern erzählen.“ Sie begann und ich lehnte mich in das Sofa zurück. „Weißt du, nach dem Krieg, da hatte ich in einer Firma in der Stadt eine Stelle in der Verwaltung. Es waren keine schweren Aufgaben, nur etwas Papierkram. Irgendwie musste man ja über die Runden kommen. Ich musste jeden Tag mit der U-Bahn zur Arbeit fahren...“

    Und während sie so erzählte, verschwamm die Realität vor meinen Augen und ich träumte mich in ihre Geschichte hinein. Es war an einem Morgen im Herbst 1949. Die U-Bahn kam rumpelnd aus dem Tunnel heraus und fuhr in den Bahnhof ein. Sie zog die schwergängige Tür mit beiden Händen auf und stieg ein. Die Innenverkleidung bestand aus dunklem Holz und ein paar flackernde, in die Decke eingeschraubte Glühbirnen sorgten für eine armselige Beleuchtung. Sie blickte sich nach einem Sitzplatz um. Wie immer zu dieser Zeit waren jedoch alle Plätze besetzt. Nur ein Stehplatz war noch frei, neben einem gepflegt aussehenden Herrn ihres Alters. Sie erinnerte sich, dass sie ihn schon öfters auf dieser Linie gesehen hatte. Er war ihr aufgefallen. Immer trug er einen Mantel, Anzug und Hut. Unter dem Arm hatte er eine lederne Aktenmappe. Seine Gesichtszüge waren fein und vornehm. Er lächelte ihr höflich zu. Sollte sie sich zu ihm stellen? Sie war schüchtern wie ein junges Mädchen. Sie hatte nicht viel Zeit zu überlegen, denn die U-Bahn setzte sich mit einem Ruck in Bewegung. Sie konnte sich gerade noch an einem Haltegriff festhalten, was sicher sehr unbeholfen aussah. Verlegen stellte sie sich neben den Mann und sah zu Boden.

    „Sie nehmen jeden morgen diesen Zug, nicht wahr?“ sagte er nach einer Weile zu ihr. Sie spürte, wie ihr die Röte ins Gesicht schoss. Zugleich war sie aber auch erfreut, dass er sie angesprochen hatte. Seine Stimme war weich und warm. Sie traute sich kaum, ihn anzusehen. „Ja...äh...also ich arbeite in der Stadt, wissen Sie?“ Sie war so aufgeregt, dass sie kaum ein Wort herausbekam. Sie unterhielten sich während der restlichen Fahrt und immer wieder blieb ihr scheuer Blick für kurze Momente an seinen schönen Augen hängen.

    So kam es, dass sie sich jeden Morgen in der U-Bahn trafen. Eines morgens fragte er sie: „Dürfte ich Sie vielleicht auf einen Kaffee einladen?“ Sie nahm die Einladung dankend an. Sie hatten einige Tage später die erste Verabredung und von da an trafen sie sich immer öfter. Sie verliebten sich ineinander. Manchmal gingen sie abends am Fluss spazieren und er hielt ihre Hand. Er erzählte ihr davon, was er im Krieg erlebt hatte. Von der Gefangenschaft im kalten Russland, von seiner Kriegsverletzung, von seinen Gefühlen und Gedanken. Es war der Beginn einer lebenslangen Liebe.

    „...ja und später hat er sich hochgearbeitet und wurde Direktor in seiner Firma. Wir sind viel gereist, mit dem Motorrad sind wir durch ganz Europa gefahren. Wir hatten eine wunderbare Zeit. Hätte ich ihn nicht so geliebt - ich hätte seine Krankheit nicht durchgestanden. Ich hätte ihn nicht bis zur letzten Stunde gepflegt, wäre er nicht meine große Liebe gewesen.“

    Wieder sah die alte Dame gedankenverloren aus dem Fenster hinaus. Ich sah sie an. Ihr Haar war längst ergraut und die Haut war voller Falten. Die zitternden Hände waren mit Altersflecken übersät. Aber wenn man genau hinsah, dann konnte man in ihr das schöne Mädchen erkennen, das sie einst war. Noch immer hatte sie die hohen Wangenknochen, die ihrem Gesicht einen gewissen Stolz verliehen. Und manchmal, für den Bruchteil einer Sekunde, meinte ich in ihre Augen ein freches Funkeln zu sehen - wie auf dem alten Foto, als sie siebzehn war.
     
    #1
    banklimit, 14 Januar 2005
  2. *Wildrose*
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    Die Geschichte ist echt wunderschön geschrieben.... auch ziemlich traurig..

    Hast du das wirklich erleb?? :zwinker:
     
    #2
    *Wildrose*, 16 Januar 2005
  3. banklimit
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    Ja, vielleicht :zwinker:
     
    #3
    banklimit, 16 Januar 2005
  4. *Wildrose*
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    Okay, ich merke schon, du schweigst lieber darüber, nicht wahr? :zwinker:
     
    #4
    *Wildrose*, 17 Januar 2005
  5. banklimit
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    was ist denn deine meinung, glaubst du es ist wirklich so geschehen?
     
    #5
    banklimit, 17 Januar 2005
  6. *Wildrose*
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    Ich weiss es nicht genau, ich könnte mir vorstellen, dass du so eine Situation schon mal erlebt hast, vielleicht nicht ganz so wie sie geschrieben ist...
    Aber ich denke da sie sehr gefühlvoll meiner Meinung nach geschrieben ist, kann jemand nur so schreiben der soetwas schonmal erlebt hat.

    Bekomme ich vielleicht jetzt eine Antwort? :zwinker:
     
    #6
    *Wildrose*, 18 Januar 2005
  7. banklimit
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    du hättest eine bekommen, aber böse mädchen bekommen keine antworten :zwinker:
     
    #7
    banklimit, 18 Januar 2005
  8. *Wildrose*
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    Ich bin ja nur in bestimmten "Lebenslagen" böse, also darfst du mir das ruhig sagen... :zwinker:
     
    #8
    *Wildrose*, 19 Januar 2005
  9. banklimit
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    hauptsache ist doch, die geschichte ist schön, oder? was spielt es da für eine rolle, ob es wirklich so passiert ist. aber - ist es denn so abwegig, dass es niemals hätte geschehen können? eigentlich nicht, oder? :zwinker:
     
    #9
    banklimit, 19 Januar 2005
  10. *Wildrose*
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    Okay, ich gebe es auf :zwinker:

    Nein, abwegig ist es nicht aber man hätte es auch gerne gewusst, ob es erlebt ist oder nicht..
     
    #10
    *Wildrose*, 20 Januar 2005
  11. banklimit
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    schade, ich dachte das fräulein hätte meinen hinweis verstanden :frown:
     
    #11
    banklimit, 20 Januar 2005
  12. *Wildrose*
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    Wenn du das also jetzt so ausdrückst, dann kenne ich wohl doch die Antwort auf meine Frage :zwinker:
     
    #12
    *Wildrose*, 23 Januar 2005
  13. Hoppelhase
    Gast
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    die geschichte ist echt superschön, echt mal was anderes so aus der vergangenheit zu erzählen :smile:

    das sie sich noch so lange um ihn gekümmert hat erinnert mich an meine eigene verwandschaft. ich habe einen großnkel der sehr krank ist, leidet an pakinson und alsheimer und hat wirklich nicht mehr viel zeit vor sich vorraussichtilich. und meine großtante kümmert sich rührend um ihn obwohl es ihr iegentlich fats zu viel arbeit ist, und aus psychisch total belastet. er mus gewickelt , gefüttert etc werden doch sie macht das alles gerne für ihn denn sie sagt mir immer wenn ich da bin das er der beste mann ist den sie sich denken könnte, der ehrlichste, einfühlsamste, aufrichtigste, zärtlichste mann und vater den sie sich denken könnte
    ich muss immer heulen wenn ich sowas mitbekomme, echt, so sein leben abzuschließen ist doch wirklich das schönste überhaupt, also nicht so krank, aber so voller liebe .. das ist für mich der beweis das er die wahre liebe wirklich gibt :smile:

    ich finde das ist der größte liebesbeweis den es gibt, jemandem nicht von der seite zu weichen in der allerschlimmsten zeit die er hat
     
    #13
    Hoppelhase, 9 April 2005
  14. Coole Geschichte

    Ich finde die Geschichte sehr schön! Vielleicht hättest du sie besser in der ICH-Form geschrieben (Man könnte sich immer in die Lage hineinversetzen!)
    Aber ich finde sie echt schön!

    000sonnenschein
     
    #14
    00sonnenschein, 13 April 2005
  15. coolcookie
    Gast
    0
    Eine sehr schöne Geschichte! :-
     
    #15
    coolcookie, 21 Mai 2005

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