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Es wächst mir über den Kopf

Dieses Thema im Forum "Kummerkasten" wurde erstellt von Jacqueline, 18 Juni 2007.

  1. Jacqueline
    Jacqueline (28)
    Verbringt hier viel Zeit
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    Single
    Ich beschreibe euch am besten erstmal die Situation:

    Im März diesen Jahres starb mein Onkel. Nun lebt meine Tante allein (Ich sollte vielleicht besser noch dazu sagen, dass Onkel und Tante für mich eher die Position von Oma und Opa mütterlicher Seite eingenommen haben, da zu denen kein Kontakt besteht.). Nun ist Sterben und Tod ein Thema, das eigentlich "normal" ist, denn es gehört zum Leben dazu. Allerdings glaube ich, wird meine Tante einfach nicht mit der Trauerbewältigung fertig.
    Das, was mich jedoch daran so sehr belastet, dass ich langsam verzweifle ist, dass meine Tante sich nur noch mir gegenüber anvertraut. Ich bekomme ständig SMS von ihr, in denen sie schreib, sie müsse mit jemandem reden und in absolut jeder SMS steht, ich solle ihr nicht böse sein. Es gibt nie einen Grund, weswegen ich ihr böse sein könnte, doch sie denkt immerzu, es könne ihr alle Welt wegen etwas böse sein. Immer wieder erkläre ich ihr, dass ihr keiner böse ist, aber sie scheint es nicht einzusehen... ich weiß nicht mehr, wie ich ihr das noch verständlich machen soll.

    Nun ja, weiter in den Erklärungen. Was alles nochmals verkompliziert ist, dass meine Eltern schon nicht mehr gut auf sie zu sprechen sind. Eben weil sie immerzu denkt es sei jemand böse mit ihr, bzw. weil sie immer noch so sehr weinerlich ist und in jedem Thema, das angesprochen wird, einen Bezug zu ihrem verstorbenen Mann findet. Zudem wollen sie sie nicht ständig bei sich haben, um auch mal ihre Ruhe zu haben und einen Moment für das private Leben. Das kann ich auch irgendwo verstehen, aber gleichzeitig kann ich mir gut vorstellen, dass es wahnsinnig schwer ist, in einer Wohnung zu leben, die man 40 Jahre lang mit jemandem geteilt hat und in der einem alles an den verstorbenen Partner erinnert.

    Trotz dem ich mir das alles vorstellen kann und trotz dem ich gerne für sie da bin und ihr helfen möchte (schließlich ist sie mir wichtig) kann ich nicht allein für sie da sein. Es wird mir zu viel sie ständig wieder aufzubauen und kaum später wieder die nächste "Sei-mir-nicht-böse-SMS" zu bekommen. Ich würde mir Hilfe von meiner Familie wünschen, doch die sind froh um jeden Moment in dem sie mal nichts von ihr hören müssen. Also habe ich überlegt, dass jemand mit mehr Ahnung von Trauerbewältigung ihr helfen muss. Doch ich weiß nicht genau, an wen ich mich da wenden soll. Kann mir vielleicht jemand einen Rat geben, was ich tun soll und an wen ich mich wenden kann. Ich wäre auch dankbar für Anregungen, wie ich auf diese SMS noch reagieren kann, sodass sie einsieht, dass ihr niemand böse ist.
    Kann ich ihr beispielsweise einfach vorschlagen, zu einem Therapeuten zu gehen, der ihr helfen soll, einfacher über die Trauerzeit hinweg zu kommen. Oder könnte sie sich dann auch noch von mir "abgeschoben" fühlen? Ich glaube, wenn das passiert, dann ist alles vorbei und sie tut sich wirklich etwas an. Angedeutet hat sie das schon oft genug.
    Mein Freund meinte, ich solle mich am besten nochmal mit ihr persönlich hinsetzen (wenn er dabei ist versucht sie sich immer zu verstellen, also kann ich ihn da leider nicht zu einem solchen Gespräch mit ihr mitnehmen) und ihr die Sache mit der Trauertherapie oder wie immer man das nennt, ans Herz legen. Aber ich hab einfach Angst, dass sie dann denkt ich wolle nur nichts mehr mit ihr zu tun haben und will sie mir vom Hals schaffen. Wenn sie sich dann wirklich etwas antun würde, hätte ich sicher mein Leben lang Schuldgefühle. Was kann ich also tun?
    Ich bin nicht stark genug, sie allein "aufzufangen", aber fallen lassen kann ich sie auch nicht. Meine restliche Familie kann ich in dem Bezug vergessen. Mein Freund unterstützt mich schon so weit er kann, aber er kann in dem Fall nicht mehr machen, als mich aufzubauen und mir zuzuhören. Aber an der Sache an sich ändert sich nichts. Meiner Tante muss irgendwie geholfen werden. Und das kann ich nicht allein.
    Ich bin dankbar für jede ernst gemeinte Anregung, die in der Sache weiterhelfen könnte, also schreibt mir bitte, falls ihr eine Idee habt.
    Vielen Dank!
    Eure Jacqueline
     
    #1
    Jacqueline, 18 Juni 2007
  2. User 38494
    Sehr bekannt hier
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    Verheiratet
    hallo jacqueline!

    jeder trauert anders.
    für dich und deine familie ist es sicher schon mehr oder weniger bewältigt, aber das deine tante nach 40 jahren dann nicht binnen 3 monaten über so einen einschnitt in ihrem leben hinwegkommt ist doch eher normal.
    das kann schon ein, oder zwei jahre dauern und ganz wird sie das nie ablegen können, aber das halte ich auch für normal wenn man einen geliebten menschen verloren hat.
    sie wird noch eine ganze weile jede minute an ihn denken werden.

    mein vater ist 2004 gestorben und selbstverständlich trauert meine mutter auch jetzt noch um ihn, oder auch ich.
    ständig kommen einem gedanken was derjenige gerade sagen würde, tun würde.
    diese erinnerungen sind ja nicht nur an gegenständen gefesselt.

    meine mutter wohnt noch immer in dem haus, was mein vater gebaut hat.
    es hat eine ganze weile gedauert, bis sie beispielsweise seine sachen in die altkleider geben konnte, aber das ist auch dann ein schritt in die trauerbewältigung.

    sms ist natürlich eine feine angelegenheit, wenn man grad beim einkaufen ist und dann gesagt bekommt was man doch noch bitte mitbringen will, aber ernsthaftere gespräche kann man bestenfalls noch am telefon führen ... am besten natürlich indem man dem anderen gegenübersitzt.

    du kannst ihr sehr wohl sagen, das du ihr so gerne helfen möchtest und sie stützen möchtest, aber du das selber seelisch nicht verkraftest und selber eben nicht weißt wie du ihr am besten helfen könntest.
    du kannst ihr auch sagen, das sie bitte nicht immer sagen soll, das niemand böse auf sie sein soll, denn wenn sie dich kennt sollte sie doch wissen, das du ihr nicht böse bist.

    trauer ist eine schwierige sache.
    damals hat mir meine frau sicher sehr geholften und die tatsache das wir uns längere zeit mit dem sterben meines vaters abfinden konnten/mussten.

    jemanden aber jetzt wie ein rohes ei zu behandeln ist auch falsch und es ist sicherlich richtig demjenigen zu zeigen, das aus trauer auch schnell selbstmitleid entstehen kann.
    so dämlich der spruch ist und ich konnte es damals auch nicht mehr hören, aber das leben geht weiter und man hat sich gefälligst selbst am kragen zu packen, weil derjenige der gestorben ist das sicher so gewollt hätte.
    manchmal ist es gut aus diesem trott des grübelns heraus zu kommen.

    hat deine tante denn beschäftigung?
    hat sie eine freundin?
    geht sie regelmäßig aus dem haus um mal was anderes zu sehen?
    schwimmen, oder sonstwas?

    ich bin der meinung das es wichtig ist eine beschäftigung zu haben und menschen zu treffen um auf andere gedanken zu kommen, statt sich ständig grübelnd in der wohnung aufzuhalten.

    wenn dein freund dich unterstützen will, dann geht doch mal gemeinsam spazieren, oder versucht sie ins kino oder sonstwo hin zu schleifen.
    allerdings seid euch bewusst, das sie ständig von ihrem mann reden wird.
    kurzes schweigen und dann versuchen ein anderes thema anzureissen ist da wohl angesagt. eben zeigen, das man ihre gefühle respektiert.

    ich nehme mal an das deine tante so mitte 60 ist.
    ist sie in der kirche?
    du könntest versuchen da mal festzustellen ob und wann da veranstaltungen für senioren stattfinden.

    wie gesagt. jeder trauert anders, aber sollte es dem verstorbenen zu liebe so gestalten, das man versucht sein leben wieder auf die kette zu bekommen.

    meine mutter hatte den großen vorteil, das sie 5 kinder hat und wir selbst am tag als mein vater gestorben war alle an einem tisch saßen und nicht nur geweint haben.
    wir haben auch über seine anekdoten gelacht ... und wieder geweint ...

    ich drücke dir die daumen, das du selber aus deinem tief rauskommst und deiner tante das sie bald wieder freude am leben haben kann.

    http://www.palverlag.de/Trauerarbeit.html
     
    #2
    User 38494, 18 Juni 2007
  3. User 76250
    Planet-Liebe Berühmtheit
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    Single
    Ich hab damit keine Erfahrungen, aber ich hab über Google den Tabea e.V. gefunden, eine Beratungsstelle für Trauernde mit Sitz in Berlin und Lüneburg. In Celle gibt es einen Gesprächskreis (siehe hier). Und in Hannover gibt es eine gemeinnützige Beratungspraxis. Vielleicht hilft Dir das schon weiter...
     
    #3
    User 76250, 18 Juni 2007
  4. Jacqueline
    Jacqueline (28)
    Verbringt hier viel Zeit Themenstarter
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    86
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    Single
    @ haarefan:
    Erstmal vielen Dank, dass du dir Zeit für so eine ausführliche Antwort genommen hast. Ich finde es sehr hilfreich eine Art "Erfahrungsbericht" von jemandem zu hören, der ähnliches erlebt hat.
    Allerdings hätte ich wohl noch erwähnen müssen, dass der Tod meines Onkels sehr plötzlich war, da es sich um eine Herzattacke handelte und er vorher nicht einmal vorbelastet war, was das Herz anging. Man konnte sich also nicht schon im Vorfeld darauf vorbereiten.
    Weiterhin ist meine Tante schwerwiegend gehbehindert und zudem sehr korpulent, sodass ihr längeres Stehen, Laufen und vor allem Treppen steigen nicht möglich ist, weswegen es schwer ist, sie zu Unternehmungen zu überreden. Sie und ihr Mann haben sich nun leider auch ziemlich von der Außenwelt abgeschottet gehabt, weshalb keine Freunde da sind, die sie mal besuchen gehen/ fahren könnte. Auch mit Hobbys sieht es eher mau aus. Genau deshalb fällt es mir ja so schwer, sie auf andere Gedanken zu bringen. Und vor allem finde ich es so mies, dass niemand sonst aus der Familie sich solche Gedanken darüber zu machen scheint, wie ich sie mir mache. Im Gegenteil, ich hatte schon eine Menge Ärger am Hals, als ich einfach mal so zu ihr hin bin, um ihr die Treppe zu wischen und die Gardienen abzunehmen. Ich dachte halt, es wäre einfach eine gute Idee, doch der Rest der Familie sah es als "Ausbeutung" an, und dass sie mich versuchen würde zu manipulieren, damit ich mehr zeit mit ihr verbrächte. Es ist so schwer!
    Auch wenn meine Tante nicht religiös ist (genau wie ich auch) habe ich auch schon mit dem Gedanken gespielt mal einen Pfarrer zu Rate zu ziehen, da der ja für so einen Fall ausgebildeter sein dürfte als ich.
    Auch mit deiner Alterseinschätzung lagst du sehr richtig. Sie ist jetzt knapp über die 60.
    Die Internetseite, die du deinem Thread beigefügt hast fand ich auch sehr hilfreich - danke dafür.

    @ BigDigger:
    Auch dir herzlichen Dank dafür, dass du trotz mangelnder eigener Erfahrung für mich etwas hilfreiches aus dem Netz herangesucht hast und vor allem dass du dich mit meinen Sorgen beschäftigt hast.
     
    #4
    Jacqueline, 18 Juni 2007
  5. Jacqueline
    Jacqueline (28)
    Verbringt hier viel Zeit Themenstarter
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    Single
    Hat niemand mehr noch einen Tipp für mich? Wäre wirklich dankbar dafür.
     
    #5
    Jacqueline, 19 Juni 2007
  6. sad silence
    Verbringt hier viel Zeit
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    vergeben und glücklich
    ich denke eine Gesprächsgruppe wäre eigentlich eine gute idee deine Tante sollte unter Leute kommen mit denen sie sich austauschen kann...sowas gibt es eigentlich in vielen Städten...die Leute von der Telefonsorge sind auch sehr kompetetent , du kannst deiner Tante ja mal die Nummer geben , nur für den Fall das sie sich mal mit jemand unbeteidigten unterhalten möchte...
    wäre Internet auch eine möglichkeit? Vllt ein Forum? Du könntest ihr zeigen wie sie auf die internetseite kommt(ein Lesezeichen anlegen) und ihr beim registrieren helfen...

    gruß silence
     
    #6
    sad silence, 19 Juni 2007
  7. Die_Kleene
    Verbringt hier viel Zeit
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    vergeben und glücklich
    Ich halte eine Gespärchsgruppe für eine gute Idee, am besten wäre es vielleicht, wenn du zumindest am Anfang mitkommen könntest.
    Ein Forum kann zwar ganz amüsant sein, fördert aber nicht den "realen" Kontakt zu anderen Menschen und genau das würde ihr helfen.

    Finde es übrigens sehr gut, dass du dich da so einsetzt!
     
    #7
    Die_Kleene, 19 Juni 2007

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