Willkommen auf Planet-Liebe

diskutiere über Liebe, Sex und Leidenschaft und werde Teil einer spannenden Community! :)

jetzt registrieren

Frühlingsfee (!Vorsicht! Lang und romantisch!)

Dieses Thema im Forum "Geschichten, Gedichte und Nachdenkliches" wurde erstellt von Shiny Flame, 18 Mai 2006.

  1. Shiny Flame
    Beiträge füllen Bücher
    6.934
    298
    1.627
    Verlobt
    Frühlingsfee (!Vorsicht! Lang und romantisch! - und leider nur ausgedacht)

    1.
    Dass Marek wichtig ist, wusste ich schon, bevor ich ihn das erste mal sah. Ich hörte es in dem Ton, in dem mein neuer Freund seinen Namen aussprach. Ich sah es, als er das Zimmer betrat, und ich spürte es, als er mir bei der Begrüßung in die Augen schaute. Er hat blaue Augen, wirklich blaue, die für Leute mit meiner bernsteindunklen Irisfarbe immer etwas gleichermaßen Beunruhigendes und Befremdendes haben.

    Vielleicht war es sein Humor, der mir so gut gefallen hat. Er ist intelligent genug, um mich zu überraschen, und boshaft genug, um mich zu erfreuen. Vielleicht lag die Faszination auch in der melancholischen Traurigkeit in seinen Augen, in denen immer ein bisschen Einsamkeit funkelte. Heute, wo ich meiner einsamen Wohnung sitze, draußen nur der Winterwind und die hereinbrechende Dunkelheit, kann ich es nicht mehr sagen.

    Mir war von Anfang an klar, dass ich gerne mit ihm befreundet sein wollte. Dagegen bezweifele ich, dass er mir am Anfang mehr als nur einige flüchtige Blicke widmete. "Süß", nicht etwa "interessant", lautete sein Urteil, nachdem mein neuer Freund mich seiner Clique vorgestellt hatte. Also hatte ich Zeit, dieses Menschenexemplar aus den Winkeln meiner unschuldsvoll geschminkten Augen weiter zu beobachten.

    Von außen sieht er ganz normal aus, abgesehen von den tiefblauen Augen. Ein paar Lachfältchen hat er im Gesicht, ein Grübchen unter dem Kinn, dazu helle, unauffällige Haare. Er bewegt sich mit der unaufdringlichen Geschmeidigkeit derer, die es nicht nötig haben, Eindruck zu schinden. Vielleicht rührt sein mysteriöses Charisma, das so stark auf mich gewirkt hat, auch daher, dass er nur redet, wenn er etwas zu sagen hat? Aber vielleicht ist es auch ein Rätsel und muss hingenommen werden wie die Schönheit einer Meeresbrise im Sommer.

    Ich mag Rätsel.

    Auf meiner Suche nach Antworten fragte ich meine Freundin Felicitas. Für sie war das Geheimnis keines. Er ist abgrundtief ehrlich, zu sich und zu anderen, meinte sie. Dabei guckte sie traurig aus dem Fenster.


    2.
    Als ich Felicitas das erste Mal sah, stand sie vor meinem Chor und sang ein Lied, dass sie selbst komponiert hatte. Von meinem versteckten Platz in der dritten Reihe staunte ich sie an, verwundert über ihre Musik, die mein Herz ohne Vorwahrnung berührte. Was ist das für ein Zauber, fragte ich mich. Ihre Freunde müssen sehr glücklich sein, dass es sie gibt.

    Aber ich hätte mich nie getraut, sie anzusprechen. Ich hielt sie für wesentlich älter als mich, dabei war ich ihr nach der Zeitrechnung dieser Welt fast zwei Jahre vorraus und mit sechzehn noch ein schüchternes Mädchen.

    In ihren Augen schimmerte die zeitlose Schönheit der Elfen. Hinter ihrem fröhlichen Lächeln konnte man eine tiefe Traurigkeit erahnen, als ob sie das verloren hätte, was ihr am meisten bedeutete. Doch diese Trauer verwandelte sich in ihrer Musik in Schönheit. Als wäre sie nur halb aus dieser Welt und halb aus einer anderen, deren machtvoller Zauber einen nicht mehr loslässt.



    Jahre später sollten wir uns wieder begegnen. Eine Freundin brachte ihr Songtexte von mir zum Vertonen und fragte, ob sie in unserer Band mitspielen wollte. Vielleicht war das ein Sakrileg, denn aus ihrer Musik sprach der Zauber der Anderwelt, während ich nur eine Schülerin war, die sich für eine Dichterin hielt. Aber das schien sie nicht zu stören. Mit der gleichen Unbekümmertheit, mit der sie in ferne Länder reisen konnte, ohne zurückzuschauen, schenkte sie mir erst ihre Musik und dann ihre Freundschaft.

    Ich hätte gewarnt sein sollen, als sie mir erzählte, dass sie auf dieser Erde noch nie einen Ort oder Menschen gefunden hatte, nach dem sie nach dem Fortgehen Sehnsucht verspürt hatte. Vielleicht hätte ich sie fliehen sollen wie das Feuer, schon ahnend, dass sie mir das Herz zerreißen würde. Doch ich war zu sehr damit beschäftigt, die Erfahrung zu machen, dass es in mir eine Sehnsucht gab, gegen die kein Heilmittel als ihre Musik half.

    In einer Vollmondnacht leisteten wir einen wortlosen Schwur. Wir gingen im Wald spazieren und teilten unter verschatteten Bäumen unser Leben, redeten über Musik, Liebe und Träume. Ohne Worte spürten wir, dass wir zusammengehörten, auf eine Weise, die keine von uns in Worte fassen konnte. Vielleicht erinnerten wir uns, dass wir vor hundert Leben schon zusammengehört hatten, durch stärkere Bande verbunden als die des Körpers. In ihren Augen fand ich meine Inspiration zurück, und die Welt wurde zu einem schöneren Ort, einfach, weil sie in ihr lebte.

    Von dieser Nacht an nannte ich sie Fee des Frühlings, Frühlingsfee. Mir gab sie den Namen Herbstelfe. Obwohl in diesem Namen schon Abschied und Novembernebel mitschwingt, war ich glücklich wie nie zuvor. Mit einem Mal hatten meine geschichten neue Kraft bekommen und die Sonne leuchtete auch im Herbst mit der ganzen Kraft eines verliebten Frühlingstages. Ich glaubte, nicht mehr ohne sie leben zu können.


    Während ich mit den Männern Jahr für Jahr, Leben für Leben, das Spiel der fliegenden Herbstblätter spielte, mich schminkte und wankelmütige Gedichte schrieb, während dieser Zeit arbeitete Felicitas an ihrem Abitur, hielt ihre Familie zusammen und erschuf neue Musik.

    Aber sie verliebte sich nie.

    Einmal hat sie es versucht, das weiß ich noch. Er war Musiker und begleitete sie auf dem Klavier, wenn sie Geige spielte. Doch dabei konnte ich den Zauber ihre Töne nicht mehr im Herzen spüren. Um ehrlich zu sein, ich war ziemlich eifersüchtig auf ihn, während sie sich Mühe gab, verliebt zu sein.

    Sie war höflich zu ihm und nett und siechte dahin. Nach drei Monaten verabschiedete sie sich von ihm und zog davon, mit jenem unschuldig süßen Lächeln, hinter dem die Traurigkeit lauerte, nie wie eine sterbliche Frau lieben zu können. Vielleicht müssen Feen manchmal grausam sein, ohne es zu wollen

    Der arme Musiker blieb mit einer Wunde im Herzen zurück. Wer einmal ein Zauberwesen geliebt hat, kann sienie mehr vergessen. Er wird bei jedem Rauschen des Windes an sie erinnert, spürt jedes Wasserplätschern wie einen Schlag in seinem Herzen und wird ruhelos. Wer sollte das besser wissen als ich?


    3.
    Mit einem Mal, Jahre später, gab es einen Mann in meinem Leben, der sich anschickte, länger zu bleiben. Er brachte neue Menschen in mein Leben, einer davon Marek. Und irgendwann begegneten sich Marek und Felicitas, an einem ganz normalen Abend ohne Kirschblüten oder Sonnenuntergänge.


    Uff, an der Stelle versagen meine Finger. Ich glaube, ich schaffe es heute nicht, aufzuschreiben, wie es weiter geht.
     
    #1
    Shiny Flame, 18 Mai 2006
  2. ~Kappa~
    ~Kappa~ (34)
    Verbringt hier viel Zeit
    33
    91
    0
    vergeben und glücklich
    *hüstel* Hier wartet jemand sehnlichst auf eine Fortsetzung.. :zwinker:

    Hat mir bis hierhin sehr gefallen!
     
    #2
    ~Kappa~, 23 Mai 2006
  3. Shiny Flame
    Beiträge füllen Bücher Themenstarter
    6.934
    298
    1.627
    Verlobt
    *g*

    Na dann muss ich mich wohl mal wieder an die Arbeit machen... Mal gucken, wie viel ich heute schaffe...

    Also, sie begegneten sich an einem ganz normalen Abend ohne Kirschblüten oder Sonnenuntergänge. Mareks Freundin war krank geworden, so dass wir zu viert an einen einsamen See schwimmen gingen. Vor dem grauen Himmel zeichnete sich die Silhouette eines Baukrans ab, die Mücken sirrten umher und zerpieksten mir die Haut, und wir veranstalteten ein Wettschwimmen einmal durch den See und zurück.

    Lange Zeit lagen Felicitas und ich vorne, aber nach und nach fiel ich zurück und Marek schob sich nach vorne, so dass ich mit meinem Freund etwas verspätet ankam. Wir kamen dazu, als die beiden sich etwas gezwungen unterhielten, wie Leute, die noch nicht so richtig wissen, ob sie sich etwas zu sagen haben...

    Die Ankunft von meinem Freund und mir wurde dankbar begrüßt, aber offenbar hatte Marek ihr in der Zwischenzeit davon erzählt, dass er in diesem Sommer in ein Vogelschutzcamp fahren würde, an der Nordsee, und Felicitas hatte gefragt, ob noch Plätze frei waren. Dumme Fee. Hat einfach nur von der Nordsee und den Vögeln geträumt. Sie war so unschuldig, ganz anders als ich. Ihr wäre nie in den Sinn gekommen, einen Mann anzuflirten, der schon eine Freundin hatte.

    ***

    Als mein Freund und ich aus unserem Urlaub zurückkehrten, war Felicitas wieder einmal fort. Unerklärlicherweise war sie ein weiteres Mal aus meinem Leben verschwunden, in ein anderes Land oder eine andere Welt. Nun, ich hatte gelernt, auf sie zu warten, und so fuhr ich abends mit meinem Freund an den Sommersee und übte mich in Geduld. Wenn es an der Zeit war, würde sie zurückkommen und mir erzählen, was sie fortgeführt hatte.

    Als sie wieder auftauchte, hatte sie sich verändert. In ihren offenen, klaren Augen war mit einem Mal ein Lächeln, das nicht mehr von einer anderen, sondern von dieser Welt erzählte. Obwohl sie sich körperlich überhaupt nicht verändert hatte, erschien sie mir mit einem Mal als Frau, als irdisches Wesen... wie ich. Die größte Magie von allen hatte endlich auch sie besiegt, zum ersten Mal in mehr als zwei Jahrzehnten. Felicitas hatte sich verliebt.

    Was war anders an Marek als an den Männern zuvor? Warum war es ihm gelungen, ihr Herz zu berühren, wo alle anderen gescheitert waren? Lag es vielleicht an dieser Ehrlichkeit, die ihr stärker als alles andere von ihm in Erinnerung blieb?

    Vielleicht lag es auch daran, dass sie nicht fürchten musste, dass er sie einfangen wollte. Denn Marek war nicht frei, von meiner Fee geliebt zu werden. Zwei Wochen lang durften sie glücklich sein, ohne dass Felicitas fürchten musste, in die Fesseln einer Beziehung geschlagen zu werden. Und wieder zurück zu Hause würde Marek seiner Freundin alles beichten.

    Sie waren beide so dumm! Marek glaubte wohl wirklich (oder wollte glauben), dass seine Freundin Verständnis für einen kleinen Ferienflirt hätte. Und Felicitas glaubte ihm und wollte nicht mehr. Denn Feen fürchten sich davor, eingefangen zu werden. Und sie wissen nicht, dass keine Freundin lächelnd Verständnis hat, wenn ihr Freund fremdguckt.

    Wer fragte danach, auf der Insel, als sie durchgefroren ihre Schlafsäcke zusammengezipt hatten, um sich zu wärmen? Damals, als hinterher keiner mehr sagen konnte, welches Lachen und welche Hand zuerst da gewesen waren, welche Lippen zuerst Zauberworte in fremde und plötzlich so vertraute Ohren flüsterten?

    Niemand kann heute mehr sagen, welche Glut welches Feuer entzündete, verborgen zwischen Dünen und Nordseehimmel, angefacht vom salzig riechenden Nordseewind. Wer traut sich schon, danach zu fragen. Der Wind, der aus dem Nordem weht, bringt keine ungetrübt süßen Liebesromanzen und kein palmenumsäumtes Glück. Er singt von Freiheit, von der harten Arbeit, die Dünen vor der unerbittlich heranrollenden Nordsee zu schützen, und von der unerbittlichen Wahrheit, die beide wissen und für kurze Zeit vergessen wollen.

    Vielleicht können zwei Wochen länger als ein ganzes Leben sein, wenn sie nur wirklich gelebt werden.

    Vielleicht wird es genügen, wenn nur Felicitas abends Gitarre spielt und sich an seiner Gegenwart berauscht. Zwei Wochen kann man greifen, und die Zukunft ist so weit weg von hier.

    Vielleicht wird es ausreichen, wenn Marek sich Felicitas' fröhliche blaue Augen fest in sein Herz schließt, weil der nächste Winter kommen wird. Bestimmt wird es reichen, wenn er zu Hause hin und wieder von ihrem koboldhaften Lachen träumen kann.

    ***

    Allerdings wird es auch weh tun, mehr, als die beiden es sich jetzt vorstellen können, wo der Regen noch an die Zeltwand klopft.



    4.
    Am meisten tut mir Mareks Freundin leid, die von ihrem heimkehrenden Freund eine Geschichte erzählt bekam, die ihr Herz und ihren Stolz sehr verletzt haben müssen. Die Worte "nur gekuschelt" haben in den Ohren einer verletzten Frau einen äußerst faden Beigeschmack, der doch vor allem nach Bitterkeit schmeckt. Selbst, wenn sie noch so ehrlich sind.

    Nein, für sie lag kein Zauber in diesem Sommer, auch wenn sie erwartungsgemäß Verständnis hatte und gequält lächelte, um ihn nicht ganz zu verlieren.

    Vielleicht sollte ich härter über Marek und Felicitas urteilen. Denn es war doch so falsch, Mareks Freundin wehzutun. Das hätte nicht passieren dürfen. Aber ich habe doch selbst schon so viel falsch gemacht im Leben, wie kann ich da andere verurteilen? Immerhin belog Marek seine Freundin nicht und brach nach seiner Rückkehr den Kontakt zu Felicitas ab. Was für ein schwacher Trost.

    ***

    Meine Güte, bald wird es Mitternacht. Felicitas hat heute Abend nicht mehr angerufen, jetzt wird sie es wohl auch nicht mehr tun. Warum ist ausgerechnet heute Nacht mein Freund nicht da? Warum muss ich hier sitzen und eine Geschichte erzählen, die außer mir niemanden interessiert, und kann nicht einfach schlafen gehen? Früher hat Felicitas mich zu wunderschönen Songtexten inspiriert, heute ist es ihre Abwesenheit, die mich antreibt, weiter zu erzählen. Bestimmt ist sie heute bei ihm, und... Nein, ich will nicht daran denken. Aber ich muss es die ganze Zeit.

    ***

    Solange Felicitas Augen noch leuchteten bei der Erinnerung an diesen Urlaub, was für mich alles in Ordnung. Ein bisschen Trauer macht die Erinnerung an die Liebe süßer, und daraus entsteht ja neue Musik. Sie sollte so glücklich sein, wie es nur ging.

    Aber irgendwann wurden ihre Augen traurig und ihre Schultern hingen tiefer herab, ob sie nun an ihn dachte oder nicht. Nur wählte sie nicht den Weg der Ablenkung mit einem anderen Mann, wie ich es getan hätte. Nein, sie stürzte sich in die Arbeit. Und neben all meinen Gedanken über Frühlingsfeen, denen man ihre Freiheit lassen muss, damit ihre Flügel nicht zerknittern, gibt es noch einen anderen Grund, aus dem ich sie normalerweise nicht allzuoft anrufe. Sie hat wirklich viel Arbeit in ihrem Studium. So fiel es ihr nicht allzu schwer, sich noch mehr hineinzuhängen.

    Dass etwas nicht stimmte, merkte ich, als sie sich selbst belog. Sie war zwar ehrlich genug, um zuzugeben, dass sie sich mit ihrer Arbeit von etwas ablenkte. Aber noch vier Monate später konnte sie mir erklären, warum es mit Marek und ihr sowieso nicht geklappt hätte. Das Studium, seine Arbeit, er war gar kein Musiker, und sowieso wollte und würde sie sich nie in eine fremde Beziehung drängeln.... Es war das erste mal, dass ich sie weinen sah, weil ein anderer Mensch ihr fehlte, weil Marek den Kontakt in beiderseitigem Einverständnis völlig abgebrochen hatte. Das Leuchten in ihren Augen war erloschen und sie wirkte klein und zerbrechlich.

    Es tut weh, jemanden wirklich zu lieben. Und noch viel mehr weh tut es, wenn man diese Person nicht mal sehen darf, sie noch nicht einmal anrufen kann und nicht erfährt, wie es ihr geht. Es ist ein Gefühl, dem man nicht entgehen kann, dass einem das Herz zerreißt. Das einzige, was ein bisschen hilft, ist Arbeit. Felicitas begann in ihren freien Stunden fanatisch zu joggen, jeden Tag noch ein bisschen schneller, noch ein bisschen weiter. Vielleicht konnte sie nur schlafen, ohne ständig sein Gesicht zu sehen, wenn sie völlig erschöpft war.




    5.
    Ich kann viel verzeihen. Wenn eine Freundin meinen Geburtstag vergisst, ständig zu spät kommt oder meinen Freund anbaggert, verzeihe ich ihr, ohne mit der Wimper zu zucken, weil ihre Freundschaft mir kostbar ist. Aber obwohl ich gerne verzeihe und die Vergangenheit beiläufig zur Seite werfe, als wäre sie nicht mehr als ein Irrtum von vorgestern, so konnte ich Marek doch eins nicht verzeihen:
    Er hatte Felicitas zum Weinen gebracht.

    Kann sich die Einstellung zu einem Menschen, der einem sympathisch ist und mit dem man gerne befreundet sein möchte, in so kurzer Zeit so grundlegend ändern?

    Mit einem Mal hielt ich es nicht mehr aus, mit Marek am gleichen Tisch zu sitzen. Wie sollte ich ihn ansehen? Worüber sollte ich mit ihm plaudern, wenn ich ihn hasste? Stellvertretend für Felicitas, die immer noch kein böses Wort auf ihn kommen ließ...

    Es war mir unerträglich geworden, mitanzusehen, wie dieser Mann seine Freundin beiläufig küsste, wie er ruhig wie eh und je am Tisch saß, um seinen Mund das gleiche feine Lächeln wie vor dem letzten Sommer. Sein Humor war genauso trocken und mitunter boshaft, wie er mich zuvor fasziniert hatte. Nur der gelegentliche Blick, mit dem er für einen Sekundenbruchteil mein Gesicht ausforschte, war anders. Fast traurig. Aber ich wollte es nicht sehen und wich ihm aus.

    Was hatte meine Felicitas ihm über mich erzählt? Sah er in meinen Augen die Erinnerung an sie? Fühlte er beim Klang meines Lachens einen Stich der Sehnsucht nach ihr durch sich hindurchzucken, so wie mich bei der Niederschrift dieser Worte wieder und wieder ein Stich der Eifersucht durchfährt?

    Nein, ich wollte ihn nicht mehr sehen. Schließlich belegte ich einen Schwimmkurs, der es mir unmöglich machte, mittwochs zum Spieleabend zu kommen.

    ***

    Es kam der Tag, an dem der Spieletreff bei uns zu Hause stattfand. Marek würde da sein, dieser Gedanke ließ mich nicht los, als ich im Schwimmbad meine Bahnen zog. Sowie ich nach Hause käme, würde ich ihm nicht mehr aus dem Weg gehen können, würde wieder die Mitwisserin des Geheimnisses zwischen ihm und meiner Fee sein. Eine merkwürdige Freude an meiner inneren Zerrissenheit erfüllte mich, meine Schwimmzüge gerieten aus dem Rhythmus und ich musste mehr als einmal Wasser schlucken. Prompt bekam ich einen Krampf, der es mir unmöglich machte, diesen Abend noch weiter zu schwimmen. Vielleicht wollte ich es auch gar nicht.

    Als ich nach Hause kam, setzte ich mich als Zuschauerin an den Tisch, an dem mein Freund und Marek saßen und spielten. Das Spiel ist mir entfallen und ich erinnere mich nur an meine Nervosität, die an Verliebtheit erinnerte. Würder er mich anschauen? Würde er heute abend mit mir reden?

    Tatsächlich schaute er mich an und begrüßte mich höflich mit Umarmung, niemandem wäre irgendetwas aufgefallen. Das Spiel wurde fortgesetzt. Doch mir war klar, dass es so nicht weitergehen konnte. Irgendetwas würde heute Abend passieren.

    Zuerst einmal war seine Freundin am zweiten Spieltisch schneller fertig, so dass sie sich mit einem Küsschen verabschiedete und vor ihm nach Hause ging. Mein Freund ging auch früh ins Bett und ließ mich als Gastgeberin in der Küche sitzen, um die letzten Gäste auf den Heimweg zu bringen. Außer Marek und mir behauptete niemand mehr, Lust auf Eis zu haben, und so blieben wir alleine in der Küche zurück, ein Alibi-Schälchen Stratiatella-Eis vor uns. Aber so hat es wohl kommen müssen. Wir haben es beide darauf angelegt. Und jetzt wird Stratiatelle für mich für immer nach dieser Nacht schmecken.

    Eine Zeitlang redeten wir über alles Mögliche, Arbeit und Freunde, bis ich um Mitternacht müde genug war, um ins Bett zu gehen. Bis die Frage endlich gestellt wurde, die während des ganzen Vorgeplänkels im Raum geschwebt hatte. Wie geht es eigentlich Felicitas? So betont beiläufig, dass ich fast in hysterisches Gelächter verfallen wäre. Meine Müdigkeit war schlagartig verschwunden.

    ***

    Vor langer Zeit hatte ich einmal einem Mann auf dem Bahnhof Gesellschaft geleistet, während wir eine halbe Stunde auf seinen Zug gewartet hatten. Damals war es ähnlich spät in der Nacht gewesen, und ähnlich wie in dieser Nacht hatte ich die meiste Zeit mit Zuhören verbracht. Jener Mann, den ich damals bis zur Selbstaufgabe geliebt hatte, hatte mir von seinen Zweifeln an seiner geplanten Hochzeit erzählt. Der Hochzeit mit einer anderen Frau, wohlgemerkt.

    Obwohl ich diese Zweifel damals aus tiefstem Herzen geteilt hatte, hatte ich nichts davon ausgesprochen. Wenn er die andere verlassen wollte, das hatte ich instinktiv gewusst, dann würde es seine Entscheidung sein müssen, nicht die meine. Stattdessen hatte ich meine Gefühle damals heruntergeschluckt und schweren Herzens die entscheidende Frage gestellt: Liebst du sie?

    Damals, vor langer Zeit und einer Hochzeit, hatte diese Frage alle Zweifel aus seinem Gesicht getilgt, um einem zufriedenem Lächeln Platz zu machen. Ich brauchte seine Worte gar nicht zu hören, um meine Antwort zu wissen. Vielleicht schimmerten in meinen Augen Tränen, aber ohne ein einziges verräterisches Zittern in meiner Stimme hatte ich meinen Traum beiseite gefegt wie einen Irrtum von Vorgestern und gesagt: "Dann musst du sie auf jeden Fall heiraten."

    In diesem Moment hatte ich etwas wichtiges erkannt. Manchmal muss man sich entscheiden, ob man einen Menschen lieben oder besitzen will. Beides zugleich geht nicht immer. Aber es kann unglaublich hart sein, sich für die Liebe zu entscheiden.

    Dass ich in jener Nacht damals in mein Kissen geweint hatte, als ob mein Herz zerrissen worden wäre, ist eine andere Geschichte, die nicht hierhin gehört.

    ***

    Ich weiß nicht mehr, was ich zu Marek gesagt habe. Aber der Damm war gebrochen und er erzählte mir nun über sein Leben, seinen Zweifeln und dem was gut war in seiner Beziehung. Ich weiß noch, dass ich ihm die Fragen stellte, die er brauchte, um sich zur Wahrheit zu tasten, dass ich zustimmte oder schwieg, um seiner Seele Platz zu lassen für die Erkenntnis, die er suchte. Wenn er Felicitas wollte, musste es seine Entscheidung sein. Wenn nicht, würde auch das geschehen.

    Schließlich verdichtete sich das Schweigen zwischen uns wieder zu meiner Frage nach seiner Freundin, nach der anderen, der, mit der er zusammen war. "Liebst du sie?"

    Auch dieses Mal war das Schweigen eigentlich Antwort genug.

    "Ich weiß es nicht", sagte er leise.

    "Und Felicitas?"

    Er schwieg, und ich ließ die Stille fordernd werden. Ich verstand, was er meinte. Mit seiner Freundin war es gut. Friedlich, harmonisch, ein netter Alltag mit gelegentlichen Streitereien. Ein Mensch zum Kuscheln, ein geregelter Hafen im Alltag. Und die Kälte im Herzen, weil man sich tief innen doch mehr gewünscht hat und abgrundtief einsam ist, weil man es nicht geschafft hat, die Seele des anderen mit der eigenen zu berühren. Es ist das Schicksal viel zu vieler Menschen (auch das eines Mannes, der inzwischen geheiratet hat).

    Aber würde es mit Felicitas auch so sein?

    Geh weiter, Mann, du hast die Antwort noch nicht gefunden!, dachte ich mit aller Kraft, auch wenn ich die Antwort selbst noch nicht kannte. Felicitas alleine war nicht alles, was er suchte, soviel zumindest wusste ich. Doch dann fand ich die Antwort selbst, musste sie nicht mehr von seinen Lippen hören.

    "Wir suchen alle nach irgendetwas, einem Funken, der uns lebendig macht und spüren lässt, dass es noch etwas anderes gibt, nach dieser ganz besonderen Magie, für die es keine Worte gibt. Und wenn wir sie dann gefunden glauben, merken wir, dass der andere auch nur ein Mensch wie wir ist", sagte ich leise. "Und wir suchen weiter und weiter..."

    Wie sollte er auch wissen, dass er dem Ziel schon so nahe gewesen war?

    Bitte versuch es, dachte ich leise. Bitte geh das Risiko ein. Auch, wenn es einem von uns beiden später furchtbar wehtun wird...




    6.
    Es ist so spät in der Nacht. Eigentlich schon früh. Die Nacht ist wie im Flug verstrichen, während ich diese Geschichte aufgeschrieben habe. Mittlerweile bin ich müde genug, um vielleicht doch noch ins Bett zu gehen, um vielleicht doch noch etwas Schlaf zu finden und Felicitas und Marek eine Zeitlang zu vergessen. Andererseits: Lohnen sich die zwei, drei Stunden, die ich jetzt noch liegen bleiben könnte? Wenn ich jetzt aufhöre, zu erzählen, dann werde ich bestimmt nicht mehr den Mut finden, den Schluss aufzuschreiben.

    Also gut. Wenn ich morgen schon müde sein soll, dann auch richtig.

    ***

    Nachdem ich meinen Schwimmkurs mehr oder weniger aufgegeben hatte und mittwochs wieder mit zum Spielen kam, begannen wir ein neues Spiel. "Grüße von Felicitas", teilte ich dem blonden Mann im Vorbeigehen mit, ein unschuldiges Lächeln um meine Lippen spielend. So hatte ich teil an den feinen Fäden, die zwischen diesen besonderen Menschen gesponnen wurden. Mir gefiel der Ausdruck in seinen Augen, den ich damit hervorrief: Sehnsüchtig? Ironisch? Liebevoll?

    "Grüße zurück", murmelte er als Antwort, ohne die Lippen viel zu bewegen, was ich zum Anlass nahm, laut und lebhaft die neuesten Neuigkeiten vorzutragen, falls jemand in der Nähe stand und uns beobachtete. Was könnte unschuldiger sein als ein solches Gespräch? Was spannender?

    Für mich reichte es, dieses Spiel zu spielen. Ich genoss das Prickeln, das darin liegt, Geheimnisse vor den Augen meiner Mitmenschen weiter zu geben, und fragte nicht danach, wie es weiter gehen würde. Von mir aus hätte die Situation ewig in der Schwebe bleiben können. Felicitas lächelte mich an, wenn ich ihr die Grüße ausrichtete, und für wenige Sekunden konnte ich mir einbilden, dass ihr verzaubertes Lächeln mir galt. Das war Freude genug.

    Und Marek? Ungefähr einen Monat nach unserem Mitternachtsgespräch fand der Spielabend wieder bei ihm statt. Seine Freundin war, so wurde mir mitgeteilt, zu ihren Eltern gefahren. Sie kam nicht mehr zurück in die gemeinsame Wohnung, aber das wusste ich da noch nicht.

    ***

    Wieder einmal hatte ich Herzklopfen, als ich die Treppe hochstieg. An diesem Abend konnte ich meine Augen nicht von ihm losreißen, fast, als wäre ich selbst in ihn verliebt. Er strahlte die feine Sehnsucht derer aus, die dem anderweltlichen Leuchten in den Augen einer sterblichen Frau verfallen sind.

    "Wie geht es Felicitas?", fragte er mich leise, als ich mir die Schuhe auszog.

    "Gut", antwortete ich und überlegte. Felicitas, dieser schillernden und ehrlichen Feen-Frau schuldete ich es, nicht weniger als die die Wahrheit zu sagen. Weder Kupplungsversuche noch der Versuch, irgendetwas zu verhindern wären hier angemessen, auch wenn ich sie für mich behalten und niemals hergeben wollte. Aber was ist das, die Wahrheit? Um uns herum flatterten Begrüßungsgespräche, so dass ich wie in normaler, beiläufiger Konversation meine Worte fand:
    "Sie arbeitet viel, eigentlich zu viel. Ich habe den Eindruck, dass sie sich damit ablenkt, und das gibt sie sogar selber zu. Aber alles in allem: Sie ist glücklich, Marek. So glücklich, wie es im Moment halt geht. Wirklich!"

    Er nickte, und mein Herz zog sich zusammen, ohne zu wissen, warum.

    ***

    Ein letztes Mal richtete ich Felicitas am Telefon seine Grüße aus. Das letzte halbe Jahr war wunderschön für mich gewesen, denn eine Fee mit Liebeskummer hat viel Zeit für eine Freundin. Beinahe jede Woche hatte ich sie gesehen, und zwischen den ganz normalen Unterhaltungen ist Goldstaub in meine Augen geflogen und hat sich in meinem Herzen festgesetzt. Wenn ich jetzt vor der Wahl stünde, würde ich mich für den Besitz und nicht mehr für die Liebe entscheiden. Jedenfalls in dieser Nacht, in der ich sie so vermisse. Aber diese Wahl habe ich wohl nicht mehr, und vielleicht hatte ich sie nie.

    Ich bin so naiv gewesen. Ich habe geglaubt, es würde ewig so weitergehen, sie würde ewig in meine Frühlingsfee bleiben. Dabei weiß ich doch, dass man Feen nicht festhalten darf. Sonst zerbrechen ihre Flügel. Und es ist ein großes Wagnis, sie zu lieben. Hoffentlich weiß Marek das. Hoffentlich macht er sie glücklich, wo ich es nicht mehr kann.

    ***

    Als die beiden sich nach Mareks Trennung von seiner Ex-Freundin wiedertrafen, war es nur eine Frage von ein oder zwei Stunden, bis sie zu einem gemeinsamen Nachtspaziergang aufbrachen. Und jetzt sind sie zusammen fortgefahren, ich weiß nicht mal, wohin. Beide Handys sind ausgeschaltet.

    Es tut weh, jemanden wirklich zu lieben. Und noch viel mehr weh tut es, wenn man diese Person nicht sehen darf, sie noch nicht einmal anrufen kann und nicht erfährt, wie es ihr geht. Es ist ein Gefühl, dem man nicht entgehen kann, das einem das Herz zerreißt. Das einzige, was ein bisschen hilft, ist Arbeit. Musik hören. Schreiben. Wenn es sein muss, die ganze Nacht.

    Die Frühlingsfee ist fortgeflogen und lässt mich alleine zurück. Mir bleibt nur die golden-bittere Sehnsucht nach ihr, die den Seelenfrieden raubt und bleischwere Müdigkeit auf mich wirft. Jetzt wäre ich endlich erschöpft genug zum Schlafen, aber ich muss in einer halben Stunde los.

    Inzwischen geht draußen die Sonne auf und ich blicke mit einer seltsamen Klarheit auf die Welt um mich herum. Mir kommt es vor, als wären all die vielen Worte dieser Nacht nur ein Mantel für die Liebeserklärung, die ich nie aussprechen konnte. Aber was hätte es genützt, ihr zu sagen, was sie schon lange weiß? Sie kann doch nicht ändern, was sie ist.

    Feen müssen manchmal grausam sein, ohne es zu wollen.



    So, dass war's. Es würde mich mal interessieren, was ihr von der Geschicht haltet, außer dass sie ziemlich zu lang ist?
     
    #3
    Shiny Flame, 23 Mai 2006
  4. ~Kappa~
    ~Kappa~ (34)
    Verbringt hier viel Zeit
    33
    91
    0
    vergeben und glücklich
    Ohne viele Worte: wow!

    Ich habe nicht ohne Grund auf die Fortsetzung gedrängt.. :tongue:

    Mir gefällt das Thema sehr gut, Du bringst es richtig rüber und es macht Spaß es zu lesen.
    Zum Teil erinnert es an eigene Sehnsüchte und an die Grundzüge des Verliebt-seins...

    Einfach nur herrlich!
     
    #4
    ~Kappa~, 26 Mai 2006
  5. Packset
    Gast
    0
    ....
     
    #5
    Packset, 26 Mai 2006
  6. Molly
    Molly (33)
    Verbringt hier viel Zeit
    127
    103
    4
    Es ist kompliziert
    Och nee, wie schön...
    Hat definitiv was trauriges.
     
    #6
    Molly, 30 Mai 2006

jetzt kostenlos registrieren und hier antworten
Die Seite wird geladen...

Ähnliche Fragen - Frühlingsfee Vorsicht Lang
Engineer
Geschichten, Gedichte und Nachdenkliches Forum
29 April 2007
11 Antworten
N@$!r
Geschichten, Gedichte und Nachdenkliches Forum
8 Dezember 2006
3 Antworten
Shiny Flame
Geschichten, Gedichte und Nachdenkliches Forum
5 Oktober 2006
9 Antworten