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Kummer in mehreren Kapiteln

Dieses Thema im Forum "Kummerkasten" wurde erstellt von Gravity, 7 April 2006.

  1. Gravity
    Verbringt hier viel Zeit
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    nicht angegeben
    Vorwort

    Es Freitag abend und ich hab mal wieder ganz schlechte Laune. Nicht das es am Freitag liegt, sondern eher an einer ganzen Reihe von Dingen, die schon mehr oder weniger Lange drücken.
    Eigentlich ging es schon am Mittwoch los, da hab ich und meine Clique unser Urlaubsvideo von Sylvester 03/Neujahr 04 angeschaut. Natürlich war ich auf dem Bild drauf - und es hat mich nicht so wirklich begeistert; aber dazu später. Seitdem ist meine Stimmung ziemlich in den Keller gerutscht. Und heute gab es dann den Tropfen, der das Faß nun zum Überlaufen bringt. Was in diesem Faß drin ist, ist lang und vielfältig. Und weil ich keinen anderen Ort hab, wo ich mich mal Auskotzen kann, und das Internet geduldig ist, kipp ich das Faß hier aus.

    Vermutlich wird es sehr laaaang werden. Zu lang, damit es irgendjemand ernsthaft lesen könnte.


    Kapitel 1
    Hartz-IV - schon viel zu lang ALG2

    Was soll ich sagen, ich bin arbeitslos - und das bereits viel zu lang. Wenn einem dieser Umstand auch so viel freie Zeit verschafft, dass ich nicht weiß wohin damit, bedeutet er doch stillstand.
    Das Geld was rein kommt, was da heißt ALG2, reicht zum Überleben. Aber nur solange nichts größeres anfällt wie kürzlich der TÜV fürs Auto.
    Warum ich hier gelandet bin, ist ein langer und schlingernder Pfad. Und hat sogar durchaus einen wichtigen Faktor, aber dazu ein anderes Kapitel (das nächste). Mein "Karriere" beim Arbeitsamt fing schon früh an: Direkt nach der Schule. Keine Ausbildungsstelle. Zum Arbeitsamt wollte ich nie und ich hatte bis dato immer erheblich Vorurteile gegen Arbeitslose. Und schon war ich schneller als mir lieb war, selber einer von "denen". Gerade in der Anfangszeit hatte ich daran schwer zu beißen. Ich traute mich als Arbeitsloser nirgends mehr hin. Ich hatte zwischendurch mal Aushilfsstellen - aber das wars dann auch. Zwischendrin gabs auch mal eine Ausbildungsstelle - welche ich aber abbrach - siehe nächstes Kapitel. Irgendwann kam dann auch mal der Bund - hab mich für 23 Monate dort "eingeschrieben" und hab die Zeit mehr schlecht als recht dort verbracht.
    Danach kam erstmal nichts. Dann eine Maßnahme vom Arbeitsamt (2 Jahre, Berufsvorbereitung). Danach endlich eine Ausbildung - oder genauer: Umschulung. Den Abschluß vor der IHK im Juni 2004. Und seitdem.... arbeitslos.
    Dank der Umschulung gabs noch nicht mal ALG1 oder Arbeitslosengeld wie es da noch hieß. Um die Sozialhilfe - wo ich auch nie hin wollte - gab großes gerangel und solche verzögerungen, dass ich schließlich keine bekam. Meine Lebensversicherung war einfach zu hoch. Genau 600 Euro von 1200 Euro waren zu viel. Problem: Nehm ich jetzt 50% raus, vermindert sich auch die Auszahlungssumme entsprechend. Also komplett auflösen: Einzahlungssumme bis dahin 4000 Euro. 2800 Euro also in Luft aufgelöst wegen dem blöden Sozialamt. Nur um schließlich doch nichts zu bekommen. Meine Konto war bis zur Auflösung so leer, dass ich ohne nicht mehr auskam. Die Bank schickte mir bereits "Liebesbriefe" und die Miete wurde auch nicht mehr ausgezahlt. Und weil die Auflösung ja ein Einkommen wäre -so das SozAmt - bekam ich auch jenen Monat nichts. Tja, und Januar... ratet mal!
    Dank einer tollen Reform eines VW-Managers, der von Bedürftigkeit keine Ahnung hat, gabs nur Hartz-IV bekannt als ALG2. Also wieder Arbeitsamt... Eigentlich sollte ich dem Peter Hartz ja dankbar sein. Mit ALG2 bekomme ich mehr als mit Sozialhilfe. Richtig leben kann man damit trotzdem nicht. Auch der selbstbeschaffte ein-Euro-Job kann da nicht viel dran ändern. Arbeitslosigkeit heißt Stillstand.
    Es ist ja nicht so, dass ich nicht versucht habe einen Job zu bekommen. Aber wenn ich die Zahl der Anzeigen passender Jobs sehe, ist da nicht viel los auf dem Arbeitsmarkt. Im Schnitt kommen da drei Jobs im Monat zusammen! Wenns ein guter Monat ist auch mal vier! Ich hab schon andere Suchen lassen, weil ich dachte ich spinne rum oder so. Ich krieg sogar ein schlechtes gewissen, wenn kein Job in der Zeitung steht. Initiative Bewerbungen kann man sich schenken, die verschwinden irgendwo im Nirvana. Und die kalte Aquise bringt auch nichts - mal abgesehen davon, dass ich da eh eine schlechte Figur mache...
    Ich hab mich 23mal mit Bewerbungen beschäftig. Jedesmal komme ich wieder zu dem Punkt, wo meine Bewerbung allesamt okay sind. Auch da dachte ich schon, dass ich irgendwas falsch machen muss, wenn 99% Absagen kommen. Aber nein, alles scheint okay.
    Das andere 1% endet in einem Vorstellunggespräch. Und endet genau dort. Woran es liegt? Keine Ahnung, vermutlich gebe ich auch da eine schlechte Figur ab. Daran konnten wohl auch Training, Üben und Vorbereiten nichts ändern. Einmal sagte man mir, dass sie so ungefähr 200 Bewerber hätten. Prima - die haben bestimmten auch nicht so einen geilen Lebenslauf wie ich.
    Nicht das in meinem Lebenslauf nur einmal das Wort "arbeitslos" oder nette umschreibungen wie "pflege der Großeltern" vorkäme. Ich konnte es so deichseln, dass alles schlüssig, ohne Arbeitslosigkeit und Lücken erscheint. Ganz ohne Lügen. Allerdings bleibt die Tatsache, dass die ersten acht Jahre nach der Schule ganz ohne Ausbildung daher kommen und die Ausbildung aus einer Umschulung besteht. Das ich dabei den selben Abschluß habe wie alle anderen, ist dabei nur nebensache. Das nützt mir anscheind auch die IHK-Gesamtnote "gut" nichts. Auch das nur knapp 10% so ein Ergebnis bei meinem Jahrgang hatten.
    Ich krieg die Krise, wieviele immer schreiben "Berufserfahrung". Woher nehmen, wenn keiner einen Einsteiger nehmen will. Das ich mich schon lang vor der Ausbildung mit der Thematik (Computer) beschäftigt habe, lässt eh keiner gelten. Gründe finden sich immer dafür - oder auch dagegen.
    Am liebsten sind mit immer noch die Anzeigen von der Post AG. Die suchen direkt die eierlegende Wollmilchsau. Mit amerikanischer Berufsbezeichnung (Senior-IT-irgendwas). 10 Jahre Berufserfahrung, nicht älter als 35, und und und.
    Schon klar, dass die Anforderungen eher allgemeine Wünsche darstellen und keine Bedingung sind. Aber wer weiß, bei 200 Bewerbern kann man da schon mal wählerisch sein.

    Ich bin frustriert. Ich hab den Eindruck, dass ich mich auf den Kopf stellen kann und trotzdem keinen Job kriege. Ich seh mich schon in fünf Jahren immer noch auf der Suche. Und dann immer die schönen Berichte im Fernsehen von den ganzen Hartz-IV-geschädigten. Sind zwar alles Extremfälle worüber die Berichten, aber schön ist es trotzdem nicht.
    Ich denke, nach wie vor, dass die Bewerbungsgespräche, wenn nicht an meinen Qualifikationen (die nur aus dem IHK-Zeugnis bestehen), an mir selbst scheitern. Ich hab noch immer den Verdacht, dass ich mich nicht gut verkaufen kann. Wenn nicht sogar ein schlechtes Bild abgebe.

    Und mein restliches Leben außerhalb der Jobsuche besteht dann nur noch aus dem Kleinst-Ein-Euro-Job und ganz viel Zeit. Ach ja, zwischen durch auch mal Freunde treffen. So meist am Wochenende. Soviel Zeit wie ich hab, wünscht sich so mancher. Wenn ich sie verkaufen könnte, würde ich es tun... moment, das nennt sich ja Job. Da nun mal so kein Geld reinkommt mit dem man große Sprünge machen kann, bedeutet es stillstand. Anschaffungen erfordern eine lange Zeit sparen und selbst dann denkt man sich, vielleicht sollte ich es sparen, falls mal was größeres passiert.

    Daneben mache ich mir sorgen um meinem Ruf. Was wird nicht alles über Arbeitslose und Hartz-IV Empfänger erzählt! Und meine Befürchtungen sind da besonders, dass ich dann von anderen auch so behandelt werde. Abwertend, Diskriminierend und mit Unstellungen. Meine Nachbarn werden wohl wissen, dass ich keinen Job hab - bin ja ständig zu Hause. Ich trau mich gar nicht vor fünf Uhr einkaufen zu gehen - "böse Sozialschmarozer, haben ja ewig Zeit". Ausschlafen geht auch nicht unbedingt, "böse Schmarozer, können ja den ganzen Tag pennen!"
    Wenn das alles so toll ist, dann macht es doch selber! *grr*

    Das alles drückt sehr auf meine Stimmung. Vor allem, dass man scheinbar so wertlos für die Wirtschaft ist. Was ist so eine Ausbildung wert? Ich fühl mich so, als wenn ich mich ganz ohne Ausbildung bewerbe. Wofür hab ich mir die Ausbildung denn so hart erkämpft? Ich fühl mich dabei so wertlos und Gesellschaftlich ausgestoßen.
    Ich hab auch Angst, dass es ein Teufelskreis wird. Schlecht fühlen -> schlechteres Auftreten -> schlechtere Chancen -> schlechter fühlen... oder eine andere Variante: lange Arbeitslos -> schlechtere Chancen -> länger Arbeitslos...

    Es ist Frust. Ich liebe jeden, der daher kommt und rum posaunt, "Wer einen Job haben will, der kriegt auch einen!" Es gibt nichts, was ich tun könnte, um meinen Frust wirksam abzubauen. Ich könnte solche Leute zu brei hauen - auf der Stelle. Den Frust würde es aber nicht besänftigen. Ich steh ohnmächtig vor solchen Aussagen und kann dazu nichts sagen. Ich will einen Job, krieg aber keinen. Stell ich mich dumm an? Will ich eigentlich gar keine Job? Streng ich mich nicht gut genug an? Was stimmt mit mir nicht? Liegt es an meinem Aussehen? Daran, dass ich Arbeitslos bin? Weil ich dick bin? Weil ich klein bin? Weil ich nicht dem Bild eines dynamischen, jungen Mannes entspreche? Weil ich kein Model-typ bin? Weil ich keine 23 Zertifikate habe? Weil ich schwächen bei der Selbstdarstellung habe? ...
    Ich habe keine Ahnung. Ich weiß nichts. Ich weiß nur, dass ich einige Probleme und Charakteristiken habe. Von den meisten will keiner was hören. Ein paar mögen gesellschaftlich nicht anerkannt sein. Andere sind nicht akzeptiert, da müsse man sich nur mal zusammenreißen.

    Ich kann einfach nicht mehr. Ich weiß nicht, was ich noch tun soll. Ich will einen Job haben. Ich suche auch immer danach. Ich nutze Gelegenheiten. Ich mach alles, was in meiner Macht steht. Und manchmal, in meinen Sternstunden, schaffe ich sogar noch mehr.

    Aber es reicht nicht.

    Kapitel 2
    Soziale Phobie

    Für den, der nicht weiß, worum es geht:
    link: http://de.wikipedia.org/wiki/Soziale_Phobie

    Meine Phobie habe ich mir in der Schulzeit abgeholt. Das fing so in der sechsten/siebten Klasse mit Hänselleien an. Das wurde immer stärker und massiver. Es nahm dann auch irgendwann Rufmord-Charakter an. Dinge wurden behauptet, die nicht stimmten. Blöde Witze wurden gemacht. Aufgezogen wurde ich.
    Und ich? Ich konnte mich nicht wehren. Sei es weil ich kein Talent darin hatte oder weil mir die Übung fehlte. Vielleicht hat man meinen Widerstand auch einfach erstickt. Wann immer ich mich wehrte, war es anlaß zu weiterem Hohn und Spot.
    Hilferufe an andere habe ich schon gegeben. Die Lehrer ignorierten mich. Von meinen Eltern hieß es nur, "Wehr Dich nicht, dann verlieren sie die Lust." Ja, klar. Sie haben so sehr die Lust verloren, dass es immer schlimmer wurde. Das lief dann soweit, dass sogar die Lehrer meinten, man müsse was wegen mir tun. Aber nicht für mich, sondern gegen mich! Ich würde die anderen ja immer stören mit meinem Verhalten oder ich würde mich ja nie waschen und wäre auch nach dem Sport unerträglich. Stimmen tat es nicht, aber wer glaubt das schon, wenn die halbe Klasse das selbe erzählt.
    Der Widerstand bei mir brach. Es ließ sich auch nichts mehr tun, außer die Schule zu wechseln. Wo es dann munter weiter ging. Andere Schüler, selbes Problem. Logischer Weise muss man annehmen, dass es allein an mir lag, wenn sie unabhängig voneinander das selbe taten.
    Heute weiß ich: Ja, es war so. Ich war früher Außenseiter. Und zwar solange, dass ich mich auch von allen anderen unterschied. ich war weder im Aussehen und Styling, noch in allem anderen "up to date". Ich hatte eine seltsame Brille, komische Frisur und keine angesagten Klamotten. Das war wohl der Anlass. Und weil ich mir nicht zu helfen wusste oder auch darin sehr ungeschickt war, verlief mein Widerstand im Sand. Allen Lächerlichkeiten preisgegeben. Anpassung an die anderen - zwecklos, es war nur ein neuer Anstoß zu neuem Spot.

    Die Schule war dann irgendwann zu ende. Ich konnte das kaum erwarten. Kaum hatte ich auf meiner Abschlußfeier das Zeugnis in der Hand flüchtete ich auf nimmer wiedersehen nach Hause. Und blieb dort.
    Durch den ganzen Streß in der Schule durch die "lieben" Mitschüler, hatte ich keine Kraft mir eine Ausbildungstelle zu suchen. Zumal ich Angst davor hatte, weil es ja dort wieder losgehen könnte. Ein Jahr später hatte ich eine Ausbildungstelle. Für ein paar Wochen. In der Berufsschule ging das ganze von vorne los. Wieder Hohn und Spot. Und wieder versagte ich in allem im "sich wehren", "ignorieren" oder "im zusammenreißen". Ich schwänzte, in dem ich es ausnutzte, dass ich mich selber Entschuldigen konnte. Meinen Eltern verheimlichte ich es, weil von dort maßig Ärger drohte - aber keine Hilfe.
    Natürlich kam es raus und es gab riesen Ärger. Ich erzählte alles, aber nichts wurde gelten gelassen. Ich hätte mich ja nur zusammenreißen müssen... Aber keine Hilfe.
    Irgendwann kam der Bund. Seltsamerweise war das eine reine Erholung. Zwar hatte ich auch hier meine Ängste, aber ich verstand mich weitgehends mit den Kameraden.

    Die soziale Phobie hatte mich bereits noch während der Schule voll im Griff. Alles drehte sich nur noch um Angst. Davor wie ich es den anderen Recht machen konnte. Wie ich meine Angst verheimlichen konnte. Wie ich vor anderen flüchten konnte - unauffällig. Wie ich Spot vermeiden könnte. Ach ja, und denen die mich mochten, wollte ich mich nicht "zu muten".

    Davon waren auch meine Verliebtheits-Phasen geprägt. Dank der schulischen Konditionierung, war ich so drauf, dass ich dem Mädchen, in das ich verliebt war, nicht zu nahe treten wollte. Schließlich waren Berührungen von mir was schreckliches und ekliges. Und natürlich konnte man sich mit mir ja auch nicht sehen lassen. Ich glaubte wirklich, dass es schlecht für sie sei, mit mir zu tun zu haben. Was durchaus richtig war, wenn man die Reaktion meiner Konditionierer zugrunde legt.

    Und das ganze Spiel zog ich bis zum Jahr 2001 durch. So ungefähr zehn Jahre. Zwar lernte ich bereits anfang 1997, dass das was ich hatte eine soziale Phobie sei, nutzen konnte ich das Wissen jedoch nicht. Dann kam ja auch der Bund.
    Erst ende 1999 schaffte ich es nach einem halben Jahr "vorbereitung" in Therapie zu gehen. Bei mir wars aber schon so schlimm und Lebensbestimmend, dass es erstmal gar keine Verbesserung gab. Selbstwertgefühl und Selbstbewusstsein waren quasi überhaupt nicht vorhanden. Ich hatte sogar vor dem Therapeuten Angst. So musste er bei Adam und Eva bei mir anfangen. Aber ich war unheimlich froh, dass er das alles nicht als Spinnerei abtat und die Sache ernst nahm - endlich sollte ich mich mal nicht zusammenreißen. Endlich Hilfe - wenn sie auch erstmal nicht helfen konnte.

    Etwa zur gleichen Zeit, ende 99, kam ich auch durch die soziale Phobie im Eilverfahren über das Arbeitsamt zu einer Maßnahme. Diese Maßnahme war eine berufsvorbereitende Maßnahme und hörte auf den ganz bösen Namen "Berufsvorbereitende Maßnahme für psychisch Behinderte". Ganz toll fürs Selbstbewusstsein... Da kriegte ich ja wieder zustände - wurde aber weitgehends eines anderen belehrt. Wirklich "psychisch Behindert" wie man es sich immer vorstellt, waren nur zwei von den restlichen 20. Die anderen hatten eher unauffälligere Sachen wie Psychosen. Gut war auch, dass es da Betreuer gab und ich einen echten Glückstreffer hatte. Ein Betreuer, der immer ein offenes Ohr hatte, das dazu auch nie voll wurde. Aber hier gings dann aufwärts.

    Der entgültige Knall, der meiner Phobie einen herben Schlag versetzte kam Januar/Februar 2001. "Schuld" waren die Frauen. 2000 erlebte ich einen noch nie erlebten Overkill in Sachen Frauen. Dreimal verknallt in einem Jahr. Und einmal eine in die ich fast verknallt war. Und das mir wo ich sonst nur einmal pro Jahr gewöhnt war. Aber was noch unterschiedlich war: Sie redeten mit mir und es war gar nicht schlimm für sie. Zumindest erstmal nicht.
    Da meine alte Weltsicht "Keine Frau mag dich!" noch immer aktiv war, hatte ich mir in einer selbsterfüllenden Prophezeiung genau die Frauen rausgesucht, wo es nichts werden konnte. So hörte ich dann drei Mal den Satz "Du bist nett, aber..." in einem Jahr!
    Dann kam Lisa. Sie war eine Ausnahme - sie sucht mich aus und ich nicht sie. So konnte das Weltbild von mir erstmal nicht greifen. Ich reagierte trotzdem falsch: Mit unglauben. Ich konnte nicht glauben, dass sich jemand in mich verknallt. Und das obwohl ich mit ihr eine Wellenlänge hatte, wie mit keiner anderen zuvor oder danach. Sie hat mir Andeutungen gemacht, dass ein Wink mit dem Zaunpfahl nichts dagegen war. Und dann nach drei Monaten kam der große Schlag. Ich hab zu lange gebraucht und ein anderer war zur Stelle. Er war geschickter und nicht so zögerlich wie ich. "ich hab jetzt einen Freund", hieß es da von ihr...

    Und da kam meine Krise. In mir brach alles zusammen. Der letzte Rest Selbstwert und Selbstbewusstsein. Auch alles was ich mir wieder aufgebaut hatte. Auch die Selbstbilder und Weltbilder brachen zusammen. Nichts funktionierte mehr. Die Programme, die ich im Kopf hatte, funktionierten nicht mit der Welt, wie ich sie zum schluß erlebt hatte. Alles änderte sich.

    Nach dem Zusammenbruch wurde es bedeutend besser. Urplötzlich nahm mein Selbstbewusstsein zu und erhöhte sich auf nie gekannte höhen. Auch das Selbstwertgefühl verbesserte sich. Ich machte Dinge, vor denen ich immer Angst hatte.

    Den Stand hab ich noch heute. Obwohl, er hat was gelitten seit der Arbeitslosigkeit. Ich würde gern noch weiter. Und was mich am meisten stört: Die Phobie ist nicht weg.
    Ich spüre noch immer die Angst, in die in mir lauert. Zu jeder Gelegenheit.


    Und sie macht mir auch heute Abend zu schaffen und macht Freundschaften nicht zu einem Spaziergang. Ich habe direkt Angst, wenn die Freund mal nicht anrufen. Oder noch viel Schlimmer: Wenn sie was machen und sie mich nicht mit einbeziehen. So wie heute vielleicht, wo eine Bekannte Geburtstag feiert. Befreundet sind wir nur sehr leicht. Sie ist in der Clique drin - aber so richtig haben wir keinen Draht zu einander. Ich fühl mich wegen der ausgebliebenden Einladung ausgestoßen...
    Darum gehen meine Ängste überhaupt: Angst davor Ausgestoßen zu werden, nicht gemocht zu werden. Außen vor zu sein.

    Das macht Körbe bei Frau auch so schwer. Oder andere Päarchen... Aber: Anderes Kapitel.

    Die Phobie ist noch da. Vermischt mit Unsicherheiten, Komplexen und anderen unschönen Dingen. Immer die Frage, bin ich okay? Mögen mich andere? Und die Gedanken, hoffentlich denken sie nicht schlecht über mich. Was wenn doch? Reden sie hinter meinem Rücken über mich?
    Immer wieder sind dann da Phasen, wo es anfängt schlimmer zu werden. Dann wenn ich fast denke, dass es Realität ist und sie es tatsächlich tun. Dass ich nicht überall dabei sein darf. Dass sie hinter meinem Rücken über mich lästen. Schlechtes von mir denken.
    Oder das Geburtstagskind: Dass sie mich nicht mag. Und noch schlimmer, dass sie die Anderen auf ihre Seite zieht und gegen mich aufbringt. Vielleicht gerade jetzt...

    Vielleicht machen sie auch nichts dergleichen. Vielleicht auch kein Geburtstag. Meine Angst ist vielleicht ein weiteres Mal nur wieder eine Luftnummer.
    Ich hätte Anrufen können, fragen können, ob wir uns heute Abend treffen... Aber ich hatte Angst! Angst, dass sie sagen, dass sie bei ihr auf dem Geburtstag sind. Und dann wäre es wieder da gewesen: Das bestätigte Gefühl der Ausgrenzung...
     
    #1
    Gravity, 7 April 2006
  2. miezmiez
    miezmiez (30)
    Verbringt hier viel Zeit
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    vergeben und glücklich
    so, ich hab mir alles durchgelesen :smile:.

    weiß gar nicht, was ich dir da genau raten soll. ich finds jedenfalls schlimm, dass damals so über dich gehetzt wurde..und dass die lehrer, die pädagogen, da noch mitgemacht haben, find ich unfassbar.:mad:
    ich denke aber, dass in einem erwachsenen freundeskreis sowas nicht mehr der fall ist. also, dass so krass gehetzt wird, dass es den anderen psychisch kaputt macht. mehr fällt mir dazu im moment nicht ein..für die weitere suche einer arbeitsstelle wünsche ich dir viiiel erfolg!
    achja, würdest du nochmal zum therapeuten gehen? und als was hast du ne ausbildung?
     
    #2
    miezmiez, 8 April 2006
  3. Gravity
    Verbringt hier viel Zeit Themenstarter
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    nicht angegeben
    Du hast es tatsächlich alles gelesen. Wielang hast Du gebraucht um den... Roman durchzulesen? *Orden-verleih*

    Ich hab ne Ausbildung als IT-Systemelektroniker.

    Noch mal zum Therapeuten... hmm. Darüber hab ich auch schon nachgedacht und ich bin mir nicht sicher. Ich tendiere eher zu nein, weil ich mich nicht "krank" genug fühle und auch immer wieder gute Phasen dazwischen hab.

    Jetzt kommen diese Lästereien nicht mehr vor, zumindest nicht im näheren Umfeld und da wo es noch vorkommt, das ist weit weg. Und wohl auch Normalität. Das Problem ist wohl einfach das was ich "Echo der Phobie" nenne. Die alten Ängste und Gedanken quellen manchmal wieder hoch und dann kann es auch schon mal sein, dass sie mich auf dem falschen Fuß erwischen.
     
    #3
    Gravity, 8 April 2006
  4. whitewolf
    Verbringt hier viel Zeit
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    Ich hab jetzt auch alles gelesen!

    Zunaechst mal moechte ich sagen, dass der Text vorzueglich geschrieben ist. Du hast eine flotte Schreibe und bringst Dein Problem auf den Punkt. Im Gegensatz zu vielen anderen langen Kummerkastenpostings ist Dein Beitrag keinesfalls ermuedent zu lesen, sondern man klebt foermlich an dem Text.

    Zu den eigentlichen Problemen: Du schreibst, dass es Dir beim Bund am besten gefallen hat. Gibt es da nicht Moeglichkeiten unterzukommen? Da werden doch sicherlich auch IT Leute gesucht.

    Desweiteren solltest Du auf jeden Fall die Therapie weiter machen, auch wenn sich Erfolge nur langsam oder sogar unmerklich einstellen.
     
    #4
    whitewolf, 8 April 2006
  5. miezmiez
    miezmiez (30)
    Verbringt hier viel Zeit
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    vergeben und glücklich
     
    #5
    miezmiez, 8 April 2006
  6. Gravity
    Verbringt hier viel Zeit Themenstarter
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    nicht angegeben
    Für eine militärische Laufbahn beim Bund bin ich inzwischen zu alt und im zivilen Bereich suchen die da nichts. Geschaut hatte ich nämlich auch schon.

    Was die Therapie angeht. Ich war ein einhalb Jahre in Therapie. Fast regelmäßig jede Woche einmal - wenn der Thera nicht gerade Sommerurlaub hatte oder ich mal nicht konnte. Ich vertrete eigentlich den Standpunkt, dass ich mir selbst helfen kann, wenn ich mich dazu aufraffe. Da gibts Tage an denen ich das schaffe und Tage wo es mir nicht gelingt.
    Dazu kommt auch, dass ich mich zwar manchmal schon Therapiebedürftig fühle, aber auf der anderen seit auch wieder zu oft in einer "ich pack das"-Stimmung bin und mich praktisch selbst therapiere. Tatsächlich bin ich richtig gut darin geworden, vor allem was Selbstanalyse und der gleichen betrifft. Schwierig wird es dann für mich, wenn es nach "außen" geht. Also alles was von mir weg geht zu anderen hin.
    Zur Zeit ist das Hauptproblem mein Verhalten gegenüber anderen. Mir gefällt mein Verhalten nicht, weil es mir unauthentisch und auch irgendwie unerwachsen vorkommt. Ich fühl mich im nachhinein öfters wie ein kleine Kind. Ich habe auch oft das Gefühl, nicht so gewesen zu sein, wie ich wirklich bin.
    Ich fall aber auch immer sehr schnell in meine alten Verhaltensweisen zurück wenn ich nicht darauf achte. Das Problem dabei ist, dass der Kontakt mit anderen Stress für mich bedeutet, weil ich dann mit den Personen beschäftigt bin und unbewusst bei mir wohl eine Menge der alten Gedanken, Weltbilder und Programmen ablaufen. Da vergesse ich praktisch, mich wirklich so zu verhalten wie ich wirklich bin oder mich so zu geben, wie mir gerade wirklich ist. Ich denk dann nicht dran und merke es erst später. Allerdings bleib ich dran und ich glaube, dass es mir schon irgendwann gelingen wird.
     
    #6
    Gravity, 8 April 2006
  7. Gravity
    Verbringt hier viel Zeit Themenstarter
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    Kapitel 3
    Frauen - Meine Grenzen mit Minenfeld


    Ich und die Frauen, das ist definitiv ein Kapital für sich. Das beginnt bei mir mitten in den besten Zeiten meiner sozialen Phobie. Da wo andere ihre Jugend haben und sich austoben, war ich ständig auf der Flucht, auf'm Sprung und eigentlich immer dann schon weg, wenns auch nur im Ansatz Sozial wurde.
    Ich hatte - vor sagen wir zehn Jahren - eine recht verdrehte ansicht was mich und die Frauen betraf. Da ich ja unausstehlich war, man sich mit mir nicht blicken lassen konnte und keine Frau mich mochte, so zumindest das antrainierte Welt- und Selbstbild, musste ich einen Weg finden trotzdem mit der Verliebtheit umzugehen. Verknallt habe ich mich zwischen den Minderwertigkeitskomplexen und den Unsicherheiten schon noch. Fataler Weise folgte ich da zielsicher mein Weltbild und ließ mich von ihm zu jenen Situationen führen, die mein Weltbild nur bestätigten.

    Kein Frau mag mich: Ich verliebte mich mit traumwandlerischer Sicherheit in Frauen, die mich tatsächlich nicht näher mochten. Es war nicht so extrem, dass ich mir jene aussuchte, die keinen Hehl daraus machten oder mich offensichtlich nicht mochten. Immerhin war ich nur falsch programmiert, aber nicht doof. Da ich ja ständig abschätzte wer eine "Gefahr" für mich darstellte und wer nicht, hab ich wohl meine Menschenkenntniss über die Gebühr trainiert und ausgebildet. Wohl deswegen fand ich immer wieder Frauen und Mädels, die zwar nett waren - auch zu mir - bei denen aber definitiv nicht mehr drin war als eine Freundschaft. So kam es dann auch immer wieder dazu, dass mein Weltbild bestätigt wurde: Sie mochte mich nicht.
    Die angebotene Freundschaft hab ich wohl mittels der selektiven Wahrnehmung ignoriert. Freundschaft war überhaupt ein Problem bei den Frauen. Ich weiß bis heute nicht wie, aber ich hab es bei jeder Frau, in die ich verknallt war, geschafft innerhalb weniger Wochen zum besten Freund zu avancieren. Oder zur "besten Freundin", wie ich es heute nennen würde. Die Konsequenzen, welche daraus erwachsen, kennt man zu genüge. Trag mal die Einkaufstasche... Meinst Du den Rock kann ich in der Disco anziehen? Der und der Kerl ist ja so süß, kannst Du ihn mal nach dem Namen fragen? Natürlich kann man auch die Bettgeschichten anhören; nicht nur von dem Typen, sondern auch von allen Ex-en und ONSs. Das beständige und recht unangenehme Gefühl eines Messer im eigenen Herzen, dass gerade jemand umdreht, nahm ich irgendwie in kauf. Es gehörte auch schon irgendwie dazu. Vielleicht ist das der Preis, den man bezahlen muss, damit sie einen bemerkt und entdeckt, wie nett man eigentlich ist und ihr nie was tun würde...

    Die andere Marotte war, dass ich ja "unausstehlich" war und man sich mit mir nicht blicken lassen konnte. Das sie es doch getan haben, während sämtlicher Shopping-Touren oder ich auch den Eltern vorgestellt wurde, ignorierte ich abermals.
    Die Bestätigung gabs dann in der Form, dass sie mich nicht immer zu Discos mitnahm oder zu den anderen Freunden. Oder auch an andere Orte die Spaß machen. Meistens traf man sich nur innerhalb geschlossener Räume um zu Reden, um zu Erzählen was die Woche alles schief gegangen ist und wie doof doch Männer sein können. Den Schrank durfte ich auch umstellen oder ihr den Computer wieder fit machen.

    Das prägte eigentlich bis ende 2000 alle Frauengeschichten. Wie schon erwähnt gab es 2000 für mich den Frauen-Overkill. Das fing mit einer jungen Frau an, die mit mir in dieser berufsvorbereitenden Maßnahme war. Ich schlich mich an sie heran und sprach sie darauf an, dass wir ja fast im selben Ort wohnten. Damals fuhr ich mit dem Bus, weil ich kein eigenes Auto hatte; sie fuhr hingegen öfters mit dem Auto ihrer Mutter. So vereinbarten wir, dass sie mich morgens abholte. Verknallt hab ich mich nebenbei auch noch. Sie war auch ein Grund, warum ich damals 9kg in 5 Wochen abnahm. Dazu muss man sagen, dass sie Magersucht hatte und ich anfing das zu kopieren. Speck genug hatte ich um mir das leisten zu können.
    Okay, sie hatte einen Freund, was für mich aber erstmal nicht schlimm war. Hier konnte ich mir alles über den Freund anhören, der nie Zeit hatte und nicht immer Freundlich war. Trennung - nein, danke, dann wäre ich ja allein. Zwischen durch fiel auch mal der Satz "Wenn Du eine Freundin hast, hat sie es gut...."
    Hallo? Nimm mich... dann hast Du alle Vorteile! Aber nein, es kam anders. Die Konkurrenz schläft bekanntermaßen nicht und tauchte dann jemand auf, der es ebenfalls auf sie abgesehen hatte. Das Problem für mich war, dass sie sich irgendwie auch für ihn interessierte. Ab da war ich dann erst recht fünftes Rad am Wagen. "Ich treff mich mit ihm, kannst ja mit kommen.", natürlich war ich dabei - mit steigender Eifersucht, aber auch mit zunehmender Ohnmacht, weil ich mich immer ausgrenzter fühlte und "er" immer mehr bekam. Ich kann mich noch erinnern, wo sie anrief und sagte, "Ich fahr gerade nach Bonn, da können wir uns ja treffen." Sie erzählte auch, dass sie ihn gerade abholte und mit ihm dahin fuhr... Ich weiß nicht was es war, aber irgendwas in mir war furchtbar alamiert. Ich war richtig aufgelöst. Also nichts wie weg in die Stadt. Aber da wurde es krank. Ich wollte sie suchen und heimlich beobachten, heraus finden ob da was läuft. (Als wenn das nicht lange klar war...). Tja, ich fand sie dann auch: HÄNDCHEN HALTEND!!!! Ich war so geschockt, dass es nur noch Großbuchstaben verdient. Ich bekam weiche Knie und flüchtete bevor sie mich sahen. Wir trafen uns dann wie verabredet kurze Zeit später. Ich weiß nicht mehr wie es dazu kam, aber es fiel dann der Satz unter vier Augen "Ich find Dich ja wirklich nett, aber..."
    Du bist nur ein guter Freund. Ich war wohl so von der Rolle, dass ich richtig bleich gewesen sein muss. Sie fragte noch, ob es mir gut geht. Blöd wie ich war, bin noch mitgegangen. Kurz darauf kam von ihm der Satz "Tut mir ja Leid, aber man muss da auch ein wenig egoistisch sein!" Wir sind noch zu so einem Raggae-Fest hin, wo ER hin wollte. Da diente ich ihm dann auch noch als Bier-halter, als er mit ihr irgendwas machen wollte. Damals hab ich mich gefragt, warum der Blitz in der Bühne eingeschlagen ist und nicht in ihn... oder in mich....

    Die zweite Eskapade war dann einen Monat später. Da gab es eine Astrid in Oberfranken. Zu der Zeit hatte ich auch regen Mailkontakt mit ein paar Mädels und war entsprechend etwas selbstbewusster geworden - für meine Verhältnisse. Wir haben auf Telefon umgestellt und uns dann auch getroffen - bei ihr in 480km Entfernung. Ich fand sie sah super gut aus und war süß - nicht das ich das irgendwann mal gesagt hätte. Vor allem nicht zu ihr. Wir waren dann mit einer Freundin von ihr unterwegs, hab bei ihr Übernachtet - in einem andern Raum wohl gemerkt. Am nächsten Tag hab ich die Mutter kennengelernt und irgendwie mochten wir uns nicht.

    Anmerkung zu mir: Damals war Mode ein Fremdbegriff für mich. Das war etwas, was nur anderen passiert und nur andere haben. Das Objekt namens Brille, das bei mir auf der Nase saß, war vielleicht mal in den 80ern akzeptabel - aber nicht im Jahr 2000. Dazu kam dann mein schöner Pullover in Schlabber-Größe. Nicht zu vergessen die ausgelatschten Sportschuhe mit abgelaufenen Profil. So tauchte ich da bei ihr auf. Und Sportlich sah ich mit 70kg auf 163cm auch nicht aus. So tauchte ich bei ihr auf...

    Ich fuhr nach dem Wochenende meines Lebens wieder nach Hause. Ich konnte nicht vergessen, dass sie mich zur Begrüßung umarmt hatte. Nur kurz, wie man es bei einer Begrüßung so macht - aber für mich war es die Welt! Ich fand es berauschend. Sie hatte mich angefasst! Sie fand mich nicht eklig! Sie berührte mich! Oh, Gott, dass darf sie keinem erzählen, wenn sie sich was wert ist... Was war ich verknallt - mit allen Konsequenzen (Verringert Intelligenz, verringerte Wahrnehmung, rauschartige Zustände...) und mit allen Komplexen (Sie darf sich mit mir nicht sehen lassen...).
    Von da an rief ich, wohlgemerkt ICH, jeden Tag an. Wir telefonierten regelmäßig eine Stunde lang. Tja, bis zu dem Tag, wo ich ihr sagte, oder besser in einer E-Mail schrieb, was ich für sie empfinde. Ab da wars vorbei. Ich fiel vom Himmel direkt in meine Privathölle, die nicht nur ein weiteres mal bereits vorgeheizt war, sondern mir bereits bestens bekannt. "Du bist nett, aber..."
    So wie bei der Dame zuvor, wo eine Woche nach meinem Geständnis die Konkurenz Händchen halten durfte, war plötzlich eine Woche später ebenfall die Konkurrenz zur Stelle. Und sie war ja so verliebt... Drei Wochen später: Ich fuhr wie vom Affen gebissen dahin, weil in mir schon wieder jeder Alarm los ging; natürlich als Überraschung für sie. Ich war da und bekam dann mit, dass sie morgen zu ihm fährt. Naja, ich fuhr an dem Tag wieder nach Hause und sie zu ihm, wo dann Abends ne ganze Menge lief und danach wart von ihm nichts mehr gesehen... Natürlich war ich zur Stelle um sie zu trösten. Haben lange telefoniert und dergleichen... Und nach zwei Wochen ging es ihr dann wieder besser und... sie hatte den nächsten an der Angel! Mich hatte sie nie besucht, aber für ihn fuhr sie von Oberfranken bis nach Sylt - mit dem Zug... Ab da litt ich wie ein Schloßhund vor mich hin und das Verhältnis ging rapide den Bach herunter.... Das Ende war qualvoll, weil ich nicht so recht loslassen konnte und ich eigentlich nur noch die Entscheidung hatte ob das Messer links oder rechts herum gedreht werden sollte.

    Dann kam eine Variante meines Dramas. Aufgrund meiner Leiden mit Astrid schrieb ich etwas in ein anderes Internetforum, wo es darum ging was ich mir mit ihr Vorstellte. Davon fühlte sich eine bis dahin Unbekannte so von angesprochen, dass sie sich traute mir eine E-Mail zu schreiben. Sehr schnell, so nach der dritten oder vierten E-Mail wurden die Themen recht persönlich. In den Schreiben folgte ich auch einer anderen Strategie als bisher: Ich dachte mir, ich schreib einfach so wie es ist. Zu vor hatte ich immer Angst was falsches zu schreiben und gab mir Mühe, alle E-Mails dahin zu designen, dass sie sich gut anhören und meine Ziele verfolgen. Manche nennen das auch manipulierende Suggestivtexte.
    Schon nach einer Woche wechselten wir dann zum Telefon über. Die Gespräche waren mindestens eine Stunde lang, wenn sie mir auch wie fünf Minuten vor kamen. Unser Rekord war Weihnachten wo wir es auf sechs einhalb Stunden brachten. Wir hatten wohl sowas wie eine Wellenlänge, auch wenn ich das vor lauter Stress wegen dem sozialen Kontakt nicht wirklich merkte. Wir entdeckten so viele Gemeinsamkeiten, dass es unheimlich wurde. Unheimlich wurde es spätestens da, wo ich das Telefon abnahm, ohne das es geklingelt hatte und sie dran war...
    Überhaupt lief das Telefonieren mit ihr anders. Ich war es nicht der dauernd anrief, sondern wir riefen uns abwechselnd an. Einen Tag ich, dann sie. Und sie machte was, was vorher auch keine für mich machte: Sie kam die 200km mit dem Zug rauf zu mir. Wir trafen uns das erste mal zwei Wochen nach dem ersten Telefonieren. Auch die üblichen anderen Probleme waren nicht von belang: Sie war nicht nur eine Handspanne größer als ich, sondern auch ein gutes Jahr älter.
    Interessant und sehr neu war dann auch die Erfahrung am Bahnhof zum Abschied. Wir umarmten uns... geschlagende 15 Minuten! Ich war vollkommen überwältigt. Ein Kuss wäre wohl passend gewesen - aber keiner traute sich. Ich war so unsicher, ob es angebracht war, ob es richtig wäre. Und ich hatte Angst, dass ich sie damit vertreibe.
    Wir trafen uns auch ein zweites Mal ein paar Wochen später. Wieder kam sie zu mir. Sie schenkte mir sogar einen kleinen Teddy. Und am Bahnhof wieder diese Abschiedsszene. Diesmal mit Eskimokuss von ihr - also Nase reiben. Von ihr aus! Ich wollte oder konnte es nicht wahr haben. Spätestens hier hätte ich was tun müssen: Küssen oder sowas.
    Vorher hatte sie mir noch eine Anleitung für sie selbst gegeben: "Ich mach immer einen Schritt weiter und schaue ob der Andere mitgeht."
    Dazu dann der Eskimokuss... wie deutlich brauch ich es eigentlich? Ich hätte es wohl auch damals in Schriftlich und dreifacher Ausfertigung mit amtlicher Beglaubigung nicht geglaubt.

    Dann bahnte sich das Drama an. Das Drama, in dem ich die besten Vorzeichen und Bedingungen gegen mich selbst wende und in einer meisterlichen Leistung Amor in den Hintern trete und mich wieder in meine Privathölle begebe - die Heizung läuft bereits...
    Mitte Januar meldete sich die Konkurrenz. Sie hatte ein Problem mit ihrem Laptop. Natürlich hatte sie daran gedacht, mich zu fragen, aber ich sei ja soweit weg und sie kennt da jemand, der sich da auch auskennt. Das sie sich deswegen mit ihm Abends um acht trifft, fand ich schon komisch. Zum Glück waren wir für den nächsten Tag verabredet - ich zu ihr. Morgens rief ich dann bei ihr an, um mir noch mal die Bestätigung zu holen, dass auch alles klar geht. Keiner geht dran.... Auf dem Handy war sie dann direkt dran. Nein, das Telefon hat sie nicht gehört, sie war noch am Schlafen. Unwahrscheinlich, außerdem kannte ich sie gut genug... meine innerer Alarm fing wieder an gaaaanz laut zu schreien.
    Und als ich dann bei ihr war, durfte ich mir die ganze Zeit was von dem Typen anhören. Ein Abschiedsknuddeln am nächsten Tag gabs auch nicht mehr. Und danach war das mit dem Telefonieren auch nicht mehr wirklich gut.
    Eine Woche später hieß es dann, das sie jetzt einen Freund hätte...
    *ding* Stockwerk Privathölle erreicht.

    Ab da ging dann der Kontakt auch recht schnell bergab, bis zu einem Punkt wo ein Jahr später eine erneute Kontaktaufnahme von ihr aus geblockt wurde.


    Hier klinkte es dann bei mir aus. Nach dem sie einen Freund gefunden hatte - der nicht ich war - brach es in mir zusammen. Ich fiel in eine depressive Phase und fühlte mich unendlich leer. Da war nichts mehr in mir übrig. Ich konnte nichts mehr empfinden außer das Messer an seinem Stammplatz in meinem Herzen. Vielleicht ist es das, was man gebrochenes Herz nennt.

    So sehr diese Frau auch der Auslöser für meine Schmerzen war, so war sie aber auch der Auslöser für einen grundlegenden Wandel. Alte Welt- und Selbstbilder zerbrachen. Ein Fegefeuer brannte alles nieder, vernichtete ganze Herrscharen an Gedanken und Meinungen. Sichtweisen zersplitterten in tausend Stücke. Und übrig blieb eine Menge von NICHTS. Leere. Gähnende Leere.

    Es kam der März 2001, wo ich wie Phönix aus der Asche stieg. Wo nichts ist, kann man viel neues bauen. Und genau das tat ich. Ich beschäftigte mich mit mir selbst. Laß Bücher über Psychologie und über das Flirten. Perspektiven änderten sich und ich bekam neue Erkenntnisse - vor allem über mich selbst.
    Aus dem "keine Frau mag mich", wurde ein "ich seh nur die Frauen, die mich nicht mögen. Aber wo sind die anderen?". Hier erkannte ich auch erst, welch fatale Fehler ich bei der letzten Frau gemacht hatte. Was ich verpasst habe, was ich hätte nur tun müssen. Woran es gescheitert ist.
    Ich erkannte mich selbst. Ich sah, dass ich da ein paar Schönheitsfehler hatte, die die ganze Sache ungünstig beeinflusst. Da wäre die Brille mal wieder zu nennen. Lisa hat sich nicht davon aufhalten lassen, aber welche kann das noch? Dann der dicke Bauch. Die Klamotten hatte ich bereits geändert - aber da war noch Raum für mehr. Und so ging es dann immer weiter.

    Der Aufstieg war so schnell und steil, dass der mein Therapeut nach vier weiteren Sitzungen meinte, ich würde das jetzt auch so schaffen und im zweifel könnte ich jederzeit wieder kommen.


    Ende 2001 kam dann die nächste Frau. Keine Angst, ich machs kurz. Sie gehörte wieder in mein altes Schema. Gute Freunde, viel für sie machen - aber nicht mehr. Ich durfte mir wieder alles von anderen Typen anhören und litt selber vor mich hin. Ich hab es auch erst vor kurzem geschafft, mich von dieser Frau entgültig zu verabschieden. Es war auch recht Einseitig, das meiste ging von mir aus. So lieb und nett ich sie auch fand, so schlecht ging es mir dabei.


    Es ist noch nicht vorbei. Meine Komlexe und meine alten Programme, so dämlich sie auch sind, wirken manchmal noch nach. Im Stress, den ich hab, wenn ich mit anderen Menschen zu tun habe, vergesse ich schnell, mich anders zu verhalten. Mich so zu verhalten, wie ich wirklich bin und wie ich es wirklich für richtig halte. An schlechten Tagen bricht das auch mal stärker hervor. Und zur Zeit, belastet mich ja so das ein oder andere, dass ich generell schwierigkeiten damit habe.

    Frauen. Ich fühl mich zur Zeit damit überfordert. Und zu Minderwertig - wo wir wieder die Komplexe haben. Ich hab befürchtungen, dass meine Reihe von Schönheitsfehlern das ganze zu meinen Ungunsten beeinflusst. Das wäre der nach wie vor dicke Bauch. Dann hab ich deutlich sichtbar weniger Haare auf dem Kopf. Schaut nicht auf das Profilbild, dass ist von 2001. Oder weil ich klein bin. Oder weil ich beim Lächeln immer so aussehen, als wenn der Unterkiefer zu klein geraten ist (was nicht ganz von der Wahrheit entfernt ist). Aber das ist ein weiteres Kapitel.

    Frauen. Ich kämpfe zur Zeit wieder damit, mich nicht Minderwertig zu fühlen. An Tagen, die mies sind, fühle ich mich für jede Frau nicht gut genug. Ich krieg dann sogar Komplexe, wenn sie deutlich jünger ist als ich. Es reicht eigentlich schon, wenn sie größer ist als ich. Und das wo ich paradoxerweise größere Frauen recht interessant finde. Ich hab dann das Gefühl, wie ein kleines Kind vor meiner Mutter zu stehen. Natürlich darf man das wieder keinem sagen - nicht nur das sowas verpöhnt ist und schnell zum Vorurteil "Muttersöhnchen" und "Ödypus" führt, nein, es macht auch irgendwie unattraktiv. Und zu allem Überfluss krieg ich dann den nächsten Komplex: Man will ja eigentlich groß und stark für die Frau sein. Man will alles niedermähen was ihr im Weg steht und sie vor allem beschützen. Aber als kleines Kind....? Vor allem hab ich auch Angst, dass andere mich so sehen, wie ich mich fühle. Das steht mir auf dem Weg zu Frauen ständig im Weg.

    Frauen. Da hab ich dann andere Probleme. Vorurteile. Ängste. Ich hab Angst, dass ich an eine Superzicke gerate. Nicht das ich glaube, dass sie sich überhaupt mit mir einlassen würde...
    Oder das ich nicht Interessant bin, weil ich nur wenige und uninteressante Hobbies habe. Ich halte mich ja eigentlich auch für Humorlos, stimmt zwar nicht so recht, aber kann ich über alles lachen und bin schon gar kein Komiker. Ich hab auch Angst, dass meine Gefühle, die ich nur als seicht empfinde, der Zukünftigen nicht reichen. Da wäre dann auch das Vorurteil, das Frauen die Liebe des Partners groß zum Ausdruck gebracht kriegen wollen. Und man es ihr ständig zu jeder gelegenheit sagen muss. Ich trau mir das nicht zu. Ich kenn mich. Ich fühle es auf Dauer nur recht seicht und drücke es eher in kleinen Berührungen aus, als mit Worten oder Geschenken.
    Ich fürchte auch, dass mir zum Verhängnis wird, dass ich mich nicht für einen Romantiker halte, sondern in einer Beziehung wohl eher der Kumpeltyp bin.
    Auch das ich gerade Arbeitslos bin, wird nicht gerade ein Pluspunkt sein. Ich seh mich da ja ständig Vorurteilen ausgesetzt - somit auch von Frauen. Zumindest hab ich Angst, dass es so ist.

    Vielleicht fehlt mir einfach mal wieder eine "Lisa", wo alles wieder auf Positiv steht, wo ich mal wieder das Gegenteil von meinen Ängsten erleben kann. Natürlich müsste ich dafür auch wieder was tun. Da enstehen wieder Pläne, was ich tun kann, damit ich wieder Frauen anspreche oder auch nur auf sie zu gehen kann.
    Ich müsste vor allem meine Komplexe bei Seite legen und den Mut haben, mich zu trauen. Zu meinem Leidwesen glaube ich, dass ich immer Frauen treffen, die mich gerade nicht mögen oder sich nicht mehr vorstellen können. Daraus lässt sich nur all zu schnell ableiten, dass es keine anderen Frauen gibt.
    Das ist wie mit der Arbeitssuche. Ich glaube, dass mir mein Lebenslauf und meine mangelnde (Berufs/Frauen)Erfahrung zum Verhängnis wird. Das mein Zeugnis nicht gut genug ist. Da wäre auch wieder die Sache, dass ich glaube, kein gutes Auftreten zu haben, irgendwie komisch oder unauthentisch zu wirken.

    Für mich ist das ein großes, komplexes Thema, was ich nicht gut überschauen kann. Ich hab das Gefühl, nur ein Teil davon zu sehen und nie das Ganze zu erblicken. Und das es so Komplex ist, dass ich es nicht erfassen kann. Das es Seiten hat, die ich als Mensch nicht erfassen kann, selbst wenn ich noch so intelligent wäre. Das es an den natürlichen Grenzen scheitert.
    Und deswegen habe ich auch das Gefühl, dass ich bei Frauen meine Grenzen erreiche. Ein Fehltritt und ich verletz mich wieder - vielleicht weil ich mich wieder vertan habe.
    Eine Grenze mit Minenfeld.
     
    #7
    Gravity, 8 April 2006
  8. whitewolf
    Verbringt hier viel Zeit
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    nicht angegeben
    Wie aeussert sich denn Deine soziale Phobie genau?

    Was ich von der Krankheit weiss ist, dass Leute schon Panikattacken bekommen, wenn sie beim Baecker 2 Broetchen kaufen muessen. Ok, das moegen die extremen Faelle sein. Das scheint ja bei Dir nicht der Fall zu sein.

    Wenn man auf der Schule gemobbed wird, wie Du beschrieben hast, dann ist klar dass das zu Angstzustaenden fueheren kann. Ob das dann aber gleich eine soziale Phobie ist?

    Beim Bund scheinst Du die Symptome ja offensichtlich nicht gehabt zu haben, weil Du nicht gemobbed wurdest. Wie erklaert das denn Dein Psychotherapeut?

    (Ist nur ne Frage. Ich hab von der ganzen Materie auch nur eine sehr diffuse Vorstellung)
     
    #8
    whitewolf, 9 April 2006
  9. Gravity
    Verbringt hier viel Zeit Themenstarter
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    0
    nicht angegeben
    Das ist eine komplexe Sache und nicht so leicht zu erklären.

    Also... ich fang mal von vorne an, ob es direkt eine soziale Phobie wird, wenn man gemobbt wird. Nein, das tut es nicht. Jeder Mensch ist anders, es soll Menschen geben, den macht Mobbing nie was aus oder sie können damit umgehen. Ich konnte es nicht.
    Das Problem was damals bestand war, dass das Mobbing dauernd und massiv vorkam. Zusätzlich hatte ich keine geeigneten Strategien um dagegen vor zu gehen, noch hatte ich darin irgendwelche Übung.
    Ich hatte versucht (mehrfach) mir Hilfe von Außen zu holen. Lehrer blockten ab und meine Eltern machten auch nichts, außer mir Dinge vorzuschlagen, die ich nicht konnte oder eh schon erfolglos machte. Ich sah mich so machtlos dem Mobbing ausgeliefert. Es gab nichts was das Mobbing irgendwie abfedern konnte. So nahm es dann seinen Lauf. Erst war es Verärgerung über die Mitschüler. Das wurde dann zu unbehagen. Schließlich kam es dazu, dass ich schon mit dem Mobbing rechnete. Als mein "Wehren" nicht mehr half, resignierte ich. Irgendwann wars dann so massiv, dass ich zu Zweifeln begann. Dann dachte ich, alle sehen mich so wie in den Mobbing-Themen. Und dann kehrte es sich gegen mich, das es irgendwie auch so sein muss, wenn alle das denken.
    Und da war ich dann bei der sozialen Phobie, wo die Ängste vor den Kontakten nach Außen überhand nahmen und mein Leben sehr stark einschränkten.
    Soziale Phobie werden Ängste genannt, die sich auf soziale Situationen beziehen. Das ist ein sehr großes und weites Feld und auch wenn ich mir nur ein paar Punkt "ausgesucht" habe, so waren meine Ängste schon das, was als soziale Phobie klassifiziert wird.

    Früher war meine soziale Phobie wesentlich stärker als heute. Da hab ich alles vermieden, was mich nur irgendwie dem Urteil anderer aussetzen konnte. "Das Urteil der Anderen war für mich zwangsweise negativ bis vernichtend. Es musste einfach so sein. So war es ja immer."
    Das auch der Grund, warum ich nach der Schule anfänglich keine Ausbildung hatte. Es drohten Vorstellungsgespräche, die ja Urteile in Reinkultur sind. Es war gemischt mit Minderwertigkeitskomplexen, dass ich eh nicht reiche, ständig falsch bin und keine Leistung erbringen kann.
    Auch auf die Straße zu gehen war schwierig, immerhin konnte man da ja von anderen gesehen werden. Während meiner Zeiten der Arbeitslosigkeit ging ich erst nach 17 Uhr auf die Straße, damit keiner auf die Idee kommt, dass ich so ein Sozialschmarozer oder fauler Sack bin, der keine Arbeit hat.

    Dazu muss erwähnt werden, dass das ganze auch von meiner Familie gestützt wurde. Mein Vater war immer zur Stelle, wenn es darum ging Urteile zu verteilen. Demnach hing ich die ganze Zeit nur vor dem Computer, schlafe immer bis zum Mittag, esse nur Ungesund und Leistungen erbringe ich auch nicht. Meine Mutter hat das ganze passiv unterstützt, in dem sie nichts tat. Sie hatte auch eine Art, wo sie einen vorwurfsvollen Unterton in ihrer Stimme hat, ohne es zu wollen. Auch wenn es dann um Dinge ging wie Vorstellungsgespräche, wurde immer betont mich ordentlich anzuziehen, mich anständig zu verhalten. Mein Vater meinte ja immer, dass ich zu salopp auftrete und schlampig zu den Gesprächen hin gehe. Das Stimmte zwar nie, aber ich glaube auch nicht, dass seine Urteile irgendwas mit der Realität zu tun hatten. Er sagte es, weil es ihm in den Sinn kam.
    Ich fühlte mich dann bei den Kommentaren immer so, dass das was ich mache nicht reicht und nicht gut genug ist. Ich hatte schon einen Anzug, und ich hatte das Gefühl es reicht nicht. Und ich hatte das Gefühl, dass ich mich irgendwie falsch verhalte...

    Auch bei Frauen schlug die Phobie sehr stark an. Auch hier war es sehr von Minderwertigkeitskomplexen durchsetzt. Ansprechen in eigener Sache war tabu, "so was von mir war ja eklig." Gabs Alibis, weil man das auf andere Dinge schieben konnte als mich selbst, ging es auch nur so gerade eben, wenn es sich nicht vermeiden ließ oder aber die Verliebtheit nach Wochen so stark war, dass ich mich etwas überwinden konnte.

    Es viele Dinge, die noch von der Phobie betroffen waren. Kurz gesagt, sie war dort sehr stark, wo ich dem Urteil anderer Menschen ausgesetzt war. Und ganz besonders da, wo das Urteil wichtig wurde.
    Panik als solches... keine Ahnung. Ich weiß nicht, wie sich Panik anfühlt. Vielleicht war ich immer nah dran, aber Panik hätte auch ein vernichtendes Urteil bedeutet. So durfte ich keine Panik bekommen. In den Situation beschränkte ich mich darauf, wie stranguliert zu "funktionieren". Gefühlte Luftknappheit, Schweissausbrüche und Stress bis in den Himmel. So bin ich durch meine Ängste durch. Immer mit einem letzten Rest Selbstkontrolle, aber nur noch wenig Kontrolle über meine Gedanken.


    Beim Bund war es deshalb etwas einfacher, weil da die eigene Kleidung keine Rolle spielte: Es gab die Uniform. Außerdem war es keine Schulsituation, das schwächte meine Ängste ebenfalls etwas ab. Aber die Phobie war trotzdem da. Meist trieb mich die Angst vor Strafen voran. So kam der Druck von zwei Seiten. Was auch half, meine Eltern waren nicht in der Kaserne. Ich mochte Wochenenddienste: Keine Eltern, keine Vorgesetzten. Da war das erste mal, dass ich wieder sowas wie Ruhe empfand. Nach Jahren.
    Die Symptome hatte ich aber trotzdem, gerade dann wenn es um Vorgesetzte ging. Bei den Kameraden waren sie schwächer, aber nicht wirklich weg. Was auch positiv war, war die Tatsache, dass ich jetzt ja kein Arbeitsloser mehr war.

    Mein Therapeut führte das darauf zurück, dass ich beim Bund nicht mehr im destruktiven Familiensystem war. Auch die Entspannung bei Wochenenddiensten wies genau darauf hin.
    Er war es dann auch, der mich dazu ermuntert hat von zu Hause auszuziehen. In meiner berufsvorbereitenden Maßnahme, bekam ich genügend Übergangsgeld um mir eine Wohnung leisten zu können. Übrigens war das Jan 01 wo ich auszog... oben schrieb ich ja was, von meinem Wandel im März 01.... nicht wahr? Zufall?
    Mein Therapeut und ich fanden heraus, dass meine Familie mich ständig am Boden hielt und mich zum Fallen brachte. Er sagte zur mir, "Solange sie bei ihren Eltern wohnen, kann ich viel an ihnen herum therapieren. Jeder Erfolg wird bei ihnen zu Hause sofort wieder vernichtet."
    So ging es dann Herbst 2000 nicht nur um die Belastung durch meine Frauen Geschichte, sondern auch um meine Familie. Gut fand mein Therapeut auch die Geschichte mit Lisa, weil es mir mal eine andere Art von Frau zeigte und mich einer anderen Situation aussetzte. Alles spielte da irgendwie zusammen.
    So zog ich aus, bekam eine Krise wegen den Frauen, aber ich erholte mich und erfand mich neu - und es war kein Elternhaus da, um das schnell wieder zu vernichten.
    Das klappte so gut, dass mein Therapeut Mai 01 bereits der Meinung war, dass ich jetzt auch allein weiterkomme.


    Heute hab ich immer noch Symptome der Phobie. Aber sie sind lange nicht mehr so stark wie früher. 2001 hatte ich plötzlich auch wieder Freunde. Es gab auch in dem Jahr günstige Faktoren, die mich positiv beeinflussten. Ich war von 2000 bis 2004 nicht wirklich arbeitslos, sondern war irgendwo unter. Das half auch. Ich machte auch positive Erfahrungen in Praktikas, wo es gut lief und ich lob bekam. Aber wichtig war auch, es gab keine Eltern mehr, die das ganze wieder kaputt machten.
    Vorstellungsgespräche sind bei mir nach wievor mein Problemkind und damit auch alles, was dazu führen könnte. Ich bin zwar bei weitem nicht mehr so nervös oder neben der Spur wie früher, aber es ist trotzdem noch ziemlicher Stress und belastet mich sehr stark.
    Auch irgendwo hin gehen, mal was fragen, stellt ein Problem dar. Verkäufer was fragen, nach dem Weg fragen oder sonst wie an andere herantreten ist schwierig. Das hört sich wie Schüchternheit an, ist es vielleicht auch - aber weitaus stärker und kräftiger. Es ist so stark, dass es mein Leben noch immer einschränken kann.
    Unterstützt durch meine starke Introvertiertheit, neige ich auch dazu ein sehr passiver Mensch zu werden. Ich mache nur was, wenn es sein muss. Und auch nur dann, wenn der Druck oder die Dringlichkeit hoch genug ist.
    Es wirkt sich auch auf Freundschaften aus, wo auch immer mal wieder die falschen Gedanken auftreten und ich mich das eine oder andere nicht traue. Freundschaften werden auch sehr eigenartig dadurch, weil ich ich sie öfters auch als "Alibi" benutze, um mal raus zu kommen. Ich geh mit ihnen raus, um mal überhaupt raus zu kommen. Allein mache ich das nicht.
    Telefonieren ist auch sehr schwierig. Insbesondere mit Fremden oder da, wo Fremde oder fast Fremde ran gehen könnten.
    Oder was ich auch neulich hatte: In meiner Stammfrittenbude, kennen sie mich inzwischen und wissen was ich immer will. Das ist mir unheimlich und unangenehm. Mir fehlt dann der Schutz der Anonymität. Ich krieg immer erst mal einen Schock, wenn mich praktisch Fremde erkennen und ansprechen. Da drängt es dann bei mir danach die Frittenbude zu wechseln. (hab ich noch nicht getan)

    Ich glaube, was ich so den ganzen Tag oder die ganze Woche so denke und fühle, hört sich für Andere sehr krass an. Das weckt Vorstellungen, dass ich mich nichts traue und ständig Panik schiebe. Ich glaube aber, dass andere es eher als starke Schüchternheit und Zögerlichkeit interpretieren. Manchmal kommt es auch als Verschlossenheit und Unfreundlichkeit vor. Aber keiner würde jetzt sagen: Du bist ein Phobiker.
    Ich hab gelernt, dass recht gut zu tarnen und als was anderes darzustellen. Keiner weiß, wie es mir früher ging, wie schlimm es da war. Im Gegensatz dazu, ist es heute die totale Freiheit.

    Ich bin aber noch nicht fertig. Ich will mehr. Ich möchte noch freier werden, mehr Dinge tun können ohne das es Mühe und Stress bedeutet.
    Nur ist das auch nicht so leicht. Erst muss die Angst überwunden werden und dann hab ich auch noch mit ungünstigen Faktoren zu kämpfen. Und ich hab andere Probleme, die da ebenfalls mit reinspielen, wie zum Beispiel die angesprochenen Komplexe, die zwar auch nicht mehr so stark sind, aber nach wie vor vorhanden sind.
    Und weil das ganze noch nicht verworren genug ist, sind alle Aspekte mal stärker und mal schwächer, so dass ich mir nie sicher sein kann, was ich jetzt schon wieder habe.

    Wie gesagt, es ist eine komplexe und verworrene Sache. Sie erzeugt Leiden und schränkt mein Leben mehr ein, als ich das gerne möchte.
     
    #9
    Gravity, 9 April 2006
  10. metamorphosen
    Sehr bekannt hier
    3.418
    168
    227
    vergeben und glücklich
    Bei diesem Text ist es etwas schwierig Dir eine angemessene Antwort zu schreiben. Ich schreib trotzdem einfach mal, was mir dazu einfällt. Ich hoffe ich liege mit manchen Interpretationen nicht allzu falsch, denn trotz der langen Texte lässt sich ja eine Persönlichkeit und eine solche Situation nicht so leicht erfassen.

    Du hast vieles erreicht und Dich nicht unterkriegen lassen. Das verdient eine Menge Respekt. Die Dinge, die einem üblicherweise Halt im Leben geben, wie Familie, Freunde, Partnerin und Job, sind bei Dir problembelastet. Trotzdem bist Du nicht stehengeblieben und hast resigniert, sondern Dich weiterentwickelt.

    Was die Partnerin angeht, hat wohl einfach ein kleines Quentchen gefehlt, ein kleines bisschen mehr hätten die alten Verhaltensmuster durchbrochen werden müssen. In diesem Moment warst Du einfach nicht weit genug, da nutzt es nichts hinterherzutrauern, zu diesem Zeitpunkt ging es offenbar einfach nicht anders. Der Knoten war nicht zu lösen.

    Du kannst aus dieser Erfahrung mitnehmen, dass Du liebenswert bist und das Dir Beziehungen grundsätzlich offenstehen, wenn Du Dir nicht im entscheidenden Moment selber im Weg stehst.

    Immer noch haben in manchen Momenten Deine Ängste Dich im Griff, auch wenn in anderen Momenten Du die Oberhand behältst.

    Du scheinst eine starke Persönlichkeit zu sein und Du wirst Deine Probleme so oder so selber meistern müssen. Aber warum nimmst Du nicht dabei nochmal die fremde Hilfe in Anspruch, die Dir doch schonmal weitergeholfen hat? Es ist meiner Meinung nach Dein gutes Recht alles in Anspruch zu nehmen, was Dein Leben endlich befreien könnte.

    Was den Job angeht, kann natürlich niemand so richtig beurteilen, wie Du bei einem Bewerbungsgespräch auftrittst. Die Selektion ist heutztage natürlich hart und kleine Schwächen können die Chance schon erheblich mindern. Die Leute die souverän auftreten und sich hervorragend verkaufen können haben es da wesentlich einfacher.

    Dein Lebenslauf, auch wenn Du die Lücken füllen konntest, wird sich wahrscheinlich nicht nach einer Topkraft anhören. Ob Du Chancen nicht genutzt hast, oder niemals Chancen bekommen hattest um Dich zu beweisen, ist erstmal zweitrangig. Kein Entscheider möchte ein großes Risiko eingehen, da das dann auf ihn zurückfällt, wenn es schief geht.

    Von daher wird das Bewerbungsgespräch sicher noch bedeutender, denn da hast Du dann die Möglichkeit, Dein Gegenüber von Dir zu überzeugen. Da dürfen Deine Ängste und Selbstzweifel Dir aber nicht im Weg stehen, sonst wird das schwierig.

    Ich hab natürlich keine Ahnung, was Du fachlich drauf hast, aber wer solche Texte schreiben kann, wie Du das in diesem Thread gemacht hast, hat meiner Meinung nach ein gutes Potential. Du kannst Probleme analysieren, präzise Formulierungen finden, hast Durchhaltevermögen etc. Das sind Stärken aus denen Du Kapital schlagen solltest.

    Deine Sehnsucht fest in einen Freundeskreis integriert zu sein. lässt sich sehr gut verstehen. Dass Deine Angst vor Ablehnung sich ein Stück weit verselbstständigt hat, spürst Du selber. Nicht jeder muss Dich mögen. Freundschaften sind ein Geschenk und nicht der Normalzustand. Es gehört dazu das man mit einer gewissen Offenheit geben und auch nehmen kann.

    Menschen müssen ständig aufgrund der gegebenen Informationen Schlüsse ziehen und die Lage beurteilen. Das Du mit Deinen Eigenschaften und Deinem Wesen dabei nicht immer so gut wegkommst, kannst Du Dir denken. Viele Deiner Verhaltensweisen und Signale werden sicherlich falsch interpretiert. So kann in manchen Fällen, bei denen die Ablehnung nicht nur eine gedachte ist, einfach eine Fehlinterpretation verantwortlich sein, die Du ausräumen könntest.

    Insgesamt kann man nur sagen, geh Deinen Weg weiter. Die äußeren Widrigkeiten hast Du nur indirekt in der Hand, aber Deine Ängste weiter in die Schranken weisen, kannst Du selber. Du hast das ja schon in vielen Fällen getan.

    Gruß

    m
     
    #10
    metamorphosen, 10 April 2006
  11. Gravity
    Verbringt hier viel Zeit Themenstarter
    641
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    0
    nicht angegeben
    Kapitel IV
    An jenem Freitag



    Letzten Freitag hat es bei mir nach einer Geburtstagsfeier geknallt. Und zwar in Form einer da deutlich gewordenen seelischen Krise. Wie schon im Titel zu entnehmen, geht es dabei um Nähe und Körperkontakt innerhalb des Freundeskreises.

    Vorweg mein Bezug zu Nähe und Körperkontakt. Früher habe ich ihn vermieden, weil ich sehr starke Probleme damit und falsche Ansichten hatte. Inzwischen ist das mehr oder weniger erledigt, dabei habe ich aber ein Defizit zurückbehalten: Ich habe keinerlei Erfahrung wenn es um Nähe und Körperkontakt geht und habe auch nie wirklich eins von beidem gehabt. Somit fühle ich mich da wie ein Verdurstender.
    Ich habe mir über Jahre hinweg unbewusst eine Ersatzhandlung angeeignet, die mir über den Mangel hinweg half und so war es nie wirklich ein Problem. Nur vereinzelt kam es mal zu Situationen, die mich dann schon etwas depressiv machten. Nämlich immer dann, wenn ich andere sah, wie sie sich Nah waren und/oder Körperkontakt hatten. Nur wenn sich unauffällig die Gelegenheit ergab, führte ich auch mal bei jemand diese Nähe herbei; so umständlich das klingt, so umständlich war es für mich. Es war regelrecht ein "Erschleichen" von Nähe. Das hing durchaus mit einem verdrehten Selbstbild von Damals zusammen, wo ich Nähe nicht verdiente oder sie schlicht unerwünscht und der Kontakt mit mir für anderen Eklig war. Was aber auch nur meiner Einbildung entsprach. Und so verbrachte ich dann die letzten Jahre.

    Richtig zum Problem wurde es erst so ab mitte letzten Jahres, wo ich meine "Ersatzhandlung" aufgedeckt habe und sie damit nicht mehr funktionierte. Seit dem ich meinen Ersatz für Nähe und Körperkontakt aufgegeben habe, bekam ich zunehmen Träume über die Themen. Da ging es nur noch um Nähe und Körperkontakt. Paralell dazu haben auch Träume eingesetzt, wo es um Leiden ging. Ich glaube, dass beide Trauminhalte zusammengehören und das wiedergaben, was sich in mir unterbewusst abspielte. Zeitgleich wurde auch mein Verlangen, mein Bedürfnis nach Nähe immer größer.

    Ich hab meine Träume falsch gedeutet und mir ist nicht bewusst geworden, was sie mir sagen wollten und was sich da in mir zusammenbraute. Bis letzten Freitag - wo es dann heftig knallte.
    An dem Freitag fand eine Geburtstagsparty einer Freundin statt. In der letzten Stunde war nur noch der "harte Kern" da und alle fingen an langsam abzubauen. Mit mir zusammen vier Männer und fünf Frauen. Eine war schon die ganze Zeit bei Mann Nr. 1: Da wurden ihm Salzstangen gefüttert und rumgeblödelt. Mann Nr. 2 verstarb gerade auf einer Matraze, Mädel Nr. 2 lag daneben, ebenfalls am sterben. Mann Nr. 3 lag auf dem Boden, Mädel Nr. 3 fast auf ihm drauf. Mann Nr. 4, also ich, lag auf der Couch... Und was macht Mädel Nr. 4? Sie geht zu Mann Nr. 2 und legt sich daneben...
    So lag ich dann allein auf der Couch, während die anderen irgendwie mehr oder weniger miteinander beschäftigt waren. Da fing ich an mich einsam zu fühlen. Und es schlich sich bei mir das Gefühl ein, aussen vor zu sein, nicht dazu zu gehören... Da war dann auch wohl mein altes Trauma wieder da: Nähe von mir unerwünscht, Körperkontakt gilt es zu vermeiden.

    Die Tage davor gab es ähnliche Situationen. Die waren jedoch nicht mit einer Afterparty-Schlaff-Phase verbunden, sondern mit einer äußerst aktiven Kitzelphase. Das Problem für mich: Mich wollte keine Durchkitzeln. Ich musste mich da schon selbst einbringen und mit kitzeln - nur war das dann doch recht einseitig, weil nichts zurückkam. Die Mädels konzentrierten sich auf die anderen Jungs. Das war auch schon jedesmal eine Ohrfeige für die Seele. Jedesmal wars mit dem Gefühl des Aussen-vor-seins verbunden. Da fühlt man sich dann irgendwie unerwünscht und überflüssig.

    Den Freitag hat es mich dann richtig mitgenommen. Die Nächte darauf konnte ich nicht mehr vernünftig schlafen und auch tagsüber hab ich das in mir gespürt. Ich war regelrecht aufgelöst. Ich hab alle Samstag wieder gesehen - auch wenn ich vorher eine riesen Angst hatte. Die Angst konnte ich nicht mal genau benennen, ich hatte einfach Angst alle wiederzusehen. In meinem Kopf war sich die ganze Freundschaft am Auflösen, weil ich mich als Außenseiter sah. Sonntag waren wir Volleyball spielen, da war die Angst nicht mehr so groß. Es kam aber auch weder am SA noch am SO zu irgendwelchen Nähe-Situationen. Und inzwischen hab ich mich auch wieder was eingekriegt. Aber allein die Vorstellung von dem Abend erzeugt noch immer Herzklopfen in mir, als wenn da eine halbe Katastophe droht.


    Seitdem Vorfall habe ich mir viele Gedanken gemacht. Ich hätte weglaufen können, den Kontakt abbrechen können und alles dort aufgeben. Ich hab es aber nicht getan.
    Im Internet habe ich nach dem Begriff "Einsamkeit" gesucht und mich weiter mit dem Thema beschäftigt. Da hab ich dann auch einen entscheidenen Satz gelesen. Dieser Satz sagte soviel aus, dass der jenige der sich Einsam fühlt, sehr oft die Einsamkeit durch sein eigene Verhalten herbei geführt hat und durch die Einsamkeit im Verhalten so sehr abweicht, dass er für die "Normalen" anfängt fremd zu werden.
    Dieses Anderssein, die Abweichung im Verhalten, den Weltbildern und Meinungen, habe ich schon oft bemerkt. Ich habs dann "eigene Kultur" genannt. Am Rande meines Bewusstseins habe ich auch gemerkt, dass es durchaus befremdlich wirken kann. Allerdings habe ich auch auf die Toleranz meiner Mitmenschen gebaut. Allerdings musste ich entdecken, dass meine Mitmenschen auch einfach nur Menschen sind und sich Beziehung auf Gemeinsamkeiten begründen.
    Das brachte mich dann unweigerlich zu dem Punkt, wo ich mich fragte: Wie ist mein Verhalten ihnen gegenüber? Mache ich etwas falsch? Machen die anderen Männer etwas richtig, was ich mißachte?
    Und ja, ich denke, dass ich was gefunden habe. Aus (mir bekannten) Gründen verhalte ich mich gerne passiv und wenn nicht, dann verhalte ich mich wohl wie jemand, der von zwischenmenschlicher/m Kommunikation und Verhaltem nur rudimentäre Ahnung hat. Ich bin nicht grob, asozial oder sonst wie negativ in meinem Verhalten, sondern es ist einfach neutral. Es kommt wohl nichts bei mir rüber. Ich mach den Mädels keine Komplimente, ich mach mir keine Mühe, dass sie sich wohl fühlen und mach auch sonst einfach nichts. Und irgendwie klingt das Vertraut: So verhalten sie sich mir gegenüber auch: Neutral.

    So wie es in den Wald hineinschallt, so schallt es auch hinaus. Im Internet zum Thema Einsamkeit habe ich auch was über die Passivität gelesen. Von nichts kommt nichts - das sag ich sogar selbst dauernd. Wie also soll da was kommen, wenn ich nichts mache?
    Somit ist Lösung des Problems denkbar einfach: Auf andere zu gehen. So stand auch im Internet. Ich bin jetzt zwar auch kein Genie oder ein Talent darin, aber ich werd da jetzt wohl irgendwie aktiver werden. Zumindest kann ich von mir auch behaupten, dass ich nicht talentfrei bin. Vermutlich wird es einige hoffnungslos unbeholfene Aktionen geben, aber das gehört wohl dazu. Wer kann sowas schon auf anhieb, vorallem wenn man ein totaler Neuling in sowas ist?
     
    #11
    Gravity, 26 April 2006

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