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Magie aus schwarz und weiß

Dieses Thema im Forum "Geschichten, Gedichte und Nachdenkliches" wurde erstellt von User 13029, 14 März 2004.

  1. User 13029
    Verbringt hier viel Zeit
    2.014
    121
    0
    Es ist kompliziert
    Magie aus Schwarz und Weiß

    Das war mal wieder einer der Tage, an deren Ende du jedem, der dir fröhlich lächelnd „guten Tag“ sagend entgegenkommt, einfach nur in die Fresse hauen willst. Den ganzen Tag hattest du irgendwelche Unpäßlichkeiten am Hals, die dir den Spaß an der Existenz gründlich vermiesten. Aber egal, zur Mittagspause kommt man mit einem sonnengefickten Grinsen im Gesicht zur Küche rein, um Mutters gute Stimmung nicht unnötig runterzuziehen. Dann geht der Mist nachmittags genauso weiter wie vormittags und irgendwann hast du abends nicht mehr die Willenskraft, beim Nachhausekommen das Scheiße-bin-ich-gut-drauf-Lächeln aufzusetzen. Wenn du dann aufs Sofa geplumpst bist, interessiert dich nichts mehr außer einer Flasche Coke, was zu essen und dem Fernseher. Aber bloß keine Nachrichten. Und aus der Küche kommt die Frage „Na, wie war dein Tag?“, die absolut das letzte ist, was du jetzt hören willst.
    Es war einer dieser Tage. Es war ein Freitag. Normalerweise liebe ich Freitage, da sie generell den Einstieg ins Wochenende bedeuten. Aber es gibt auch bösartige Freitage, die sich wie Montage verhalten. Ein Montag ist die Ausgeburt des Bösen, er stinkt, ist eine Qual für jeden Beteiligten und macht soviel Spaß wie ein paar Socken, das man drei Tage lang unterm Bett vergißt. Der Freitag dagegen besticht durch die Leichtfüßigkeit, die besonders drei Minuten vor Feierabend eintritt.

    Jedenfalls war das so en Freitag mit Montagscharakter. Ich hab meinen Krempel in die Ecke geschmissen, zur Begrüßung der bereits komplett heimgekehrten Familie ein anerkennendes „Grml!“ von mir gegeben und mich erst mal aufs Bett fallen lassen. Meine Augen starrten an die Decke und suchten nach irgendwas interessantem, doch auf der gipsfarbigen Decke fand sich nicht mal eine Mückenleiche. Kunststück, mitten im Januar. So muß sich Kurt Cobain gefühlt haben, drei Sekunden bevor er den Abzug drückte.
    Meine Glubscher wanderten weg von der Decke und blieben beim CD – Regal hängen. Ablenkung. Ich brauchte Ablenkung. Alle Welt redet von Musiktherapie, aber keine Sau weiß, wie man sie richtig praktiziert. Die richtige Musik kann in der richtigen Situation negative Gefühle auslöschen, weil sie diese Gefühle versteht und entgegenwirkt. Naja, was soll ich sagen. Kaum lief meine Therapiesitzung fünf Minuten, wurde ich von meiner Mutter gebeten, „diesen grauenhaften Lärm“ abzustellen. Und was schaute sie gerade unten? Ingo Dubinskis Wunschbox. Nicht zu fassen.
    Ich war kurz davor, zu der Flasche Wodka zu greifen, die ich im Keller deponiert hatte, als das Telefon klingelte. Überraschenderweise war ein Kumpel meiner Wenigkeit dran, der mich fragte, ob wir nicht auf die Party eines Bekannten gehen sollten.
    Ich weiß nicht, ob das Gefühl einer von euch kennt. Ich war hin- und hergerissen. Mein Kopf sagte „Geh hin, hab Spaß und feier den Montagsfrust weg“ – mein Bauch sagte: „Bleib hier, da hast du eh null Bock drauf.“ Eingezwängt von diesen beiden Möglichkeiten ließ ich mich schließlich dazu breitschlagen, ihn zu begleiten. Kaum hatte ich aufgelegt, ärgerte ich mich schon. Klasse, jetzt durfte ich noch duschen und mich umziehen...

    Während ich also so unter Dusche stand und mich von dem warmen Wasser (ausnahmsweise funktionierte unser Boiler mal) berieseln ließ, wurde mir klar, daß diese Party vielleicht doch keine schlechte Idee war. Ich war zumindest für diesen Abend die Schlagersendungen meiner Eltern los, mußte nicht stundenlang die Zeit im Internet totschlagen und hatte die Möglichkeit, mir auf anderer Leute Kosten herzlich die Kante zu geben, wahrscheinlich noch zu mir gefallender Musik. Hach, warum eigentlich nicht.
    Vor dem Kleiderschrank fiel mir die Wahl entsprechend leicht. Das ist auch so ein Phänomen: Warum überlegen Leute 30 Minuten lang, was sie anziehen sollten? Ich entschied mich – welch Überraschung – für Jeans und T-Shirt, keine Ahnung, warum andere Menschen ne halbe Stunde brauchen, um auf den Trichter zu kommen, diese stets topfaktuelle Kombination anzuziehen.
    Ich hatte gerade meinen restlichen Krempel zusammengerafft, als mein Kumpel an der Tür klingelte. Hochmotiviert sprang ich die Treppe runter und gröhlte kurz „Tschüss!“ in die Richtung meiner Eltern. „Bring frische Brötchen mit, wenn du nach Hause kommst!“ rief meine Mutter zurück. Mein Kumpel lachte sich halbtot, aber das war mit egal. „Bloß raus hier“, sagte ich zu ihm, „heute ist es schlimmer als Montags.“

    Während wir zur Party fuhren, blickte ich durchs Beifahrerfenster. Alles war ruhig. Außer uns waren sehr wenig Autos auf der Straße. Die Menschen saßen alle zu Hause in ihren Bademänteln oder Jogginganzügen, hatten die Füße hochgelegt und machten sich einen gemütlichen Abend. Oder was man sonst so alles macht. Dieser Gedanke und die Anblick des stillen, beleuchteten Industrieviertels, an dem wir gerade vorbeifuhren, entlockte mir einen Seufzer der Erleichterung. Es war nicht direkt so, daß mir ein Stein vom Herzen fiel. Viel mehr freute mich der Gedanke auf bessere Zeiten.
    Die Party war.... nun, sagen wir es mal so. Es gab den Falklandkrieg, den Vietnamkrieg und es gab diese Party. Es mochten ungefähr 30 Leute dagewesen sein. Die Musik war aus meiner Sicht das Letzte, was will ich mit Machine Head? Auch sonst tat der Veranstalter ein übriges, meine während des Tages ausgeprägte Kotzstimmung zu intensivieren: Das Bier lauwarm, die Cola schal, die Chips waren offensichtlich schon einen Tag offen und das Publikum bestand zu 40 Prozent offensichtlich aus Menschen, die das erste mal in ihrem Leben eine andere Veranstaltung als eine Beerdigung besuchten. Verunsichert standen sie an den Stehtischen, die Beine gekreuzt und klammerten sich so sehr an ihrem Bierglas fest, daß man Angst hatte, es zerspringe ihnen in der Hand.
    Im Prinzip war der Tag bis jetzt Sodom und dieser Abend Gomorrha. Aber wie sagt das weise Sprichwort? Kannst du deine Feinde nicht besiegen, verbünde dich mit ihnen. Du mußt mit den Wölfen heulen, nur lauter. Und da sich mein Kumpel bereits zwei Leutchen gesucht hatte und sich bereits verquatscht hatte, blieb mir nichts anderes übrig, als mich damit zu arrangieren. Mit verkniffenem Gesicht schenkte ich mir ein Bier ein und kippte es mit einem Zug runter. Das vertraute Gefühl, das eintrat, als der Gerstensaft meinen Magen erreichte, entlockte mir einen Jetzt-erst-recht-Seufzer.

    Was sollte ich machen? Irgendwie landete ich an einem der Stehtische und bekam mit, wie einer der beiden party-überforderten Fuzzis mit Computerspielen anfing. Ich hab mich einfach mal ins Gespräch eingeklinkt. Und nach dem achten Bier, das war gegen halb zwölf, hat sich mein Gehirn wieder ausgeklinkt. Mein Mund redete und redete, meine Augen aber suchten nach meinen Standards entsprechenden Unterhaltungsmöglichkeiten. Die Musik war inzwischen zur üblichen Chartsmucke gewechselt und düdelte so vor sich hin.
    Und dann ging die Tür auf.
    Und dann war mit einem Schlag alles anders.
    Man muß sich das so vorstellen wie besonders schlechten Sex. Die ganze Zeit würgt man sich irgendwie so durch, mehr schlecht als recht, aber der Höhepunkt kommt irgendwie doch.
    In der Tür stand SIE auf einmal.
    Ich weiß ja nicht, ob das jetzt banal klingt. Aber nur ihre äußerliche Erscheinung oder pure Anwesenheit rettete mir stimmungstechnisch den Arsch. Ein brünetter Traum auf zwei Beinen, zwei LANGEN Beinen. Meine Stehtischkumpanen verzogen allerdings ob ihrer Erscheinung wenig begeistert die Mundwinkel. Konnte vielleicht daran liegen, daß ihr T-Shirt aussah, als hätte es in Bierresten gebadet. Die Kippe hing ihr erloschen im Mundwinkel und ihre Jeans waren dreckverschmiert. „I-i-i-ich... b-b-bin… hinge…..falln….” lallte sie und verabschiedete sich spektakulär, indem sie nach vorne überkippte und auf die drei Superdeppen plumpste, die sich auf einer Couch gerade über Differentialrechnung unterhielten. Diese nutzten die Gelegenheit und kippten sich dabei gegenseitig das Bier in die Fresse. Blöderweise war ich der einzige, der in schallendes Gelächter ausbrach, mein Kumpel hatte nur verständnislose Blicke für mich übrig.

    Ich fand mich dann mit ihr im Nebenraum wieder. Sie wurde von zwei Jungs aufgeweckt und dort erst mal hingelegt, um sich auszuruhen. Mich, den die Elite störenden Querulanten, hatte man gleich mit in die Quarantäne gesteckt.
    Ihr Name klang wie die pure Langeweile. Meiner auch. Das ist so ein wahnsinnig origineller Kotzname, den jeder dritte hat. Hier fanden sich langsam zwei Menschen mit denselben Fehlern. Ich lauschte ihren Anekdoten über zerbrochene Beziehungen, Knatsch mit den Eltern und ähnlichen Kleinkram, bei dem ich sonst wegrenne, wenn ich ihn hören muß. Ich hab eigentlich gar nicht genau hingehört. Ich habe viel mehr versucht, rauszukriegen, woher ich die Farbe ihrer Augen kannte. Zugegeben, gelegentlich entfuhr mir mal ein „Jaja, so ist das“. Das ging eine ganze Weile so, bis sie meinte, sie müsse morgen um sechs Uhr aufstehen und hätte noch gern einen Gutenachtkuß.

    Ich kam wie betäubt in den Partysaal zurück, wo mein Kumpel sich gerade die Jacke anzog. „Wir gehen“, schlug er vor, aber ich wollte nicht. Aufgrund meines leicht verwirrten Zustands konnte ich mich aber nicht richtig widersetzen, und so fand ich mich drei Minuten später in seinem Wagen wieder, der mich nach Hause rollte. Ich sah wieder auf die Lichter des Industrieviertels, und wieder entfuhr mir ein Seufzer. Aber diesen konnte ich nicht richtig zuordnen – so was war mir noch nie passiert.
    Und schneller als du „Vorhautverengung“ sagen kannst, fand ich mich auf der Straße vor unserem Haus wieder. Ich hatte längst kein Zeitgefühl mehr, stand einfach nur so rum und suchte den Teil von mir, der mir ständig erklärt, wie man sein Gehirn kontrolliert. Es war schweinekalt, aber ich fror nicht. Eigentlich war der Abend doch total beschissen verlaufen und paßte somit optimal zum ganzen Tag.
    Doch dann begang ich den Fehler, nach oben zu sehen. Und dann traf mich ein magischer Blitz. Ich hätte nie gedacht, daß hunderte kleiner weißer Punkte auf schwarzem Grund mich so verändern können. Ich wurde von ihnen aufgesogen, wegtransportiert, gehirngewaschen. Alles andere zähle plötzlich nicht mehr, es gab nur noch mich und die Magie der weißen Spots, die meine Gedanken in absolut abgrundtiefe Bahnen lenkten, für deren Kitschgehalt sich sogar Rosamunde Pilcher geschämt hätte. Es war ein Strudel aus Wärme, Kälte, Baldrian, Adrenalin, Yin und Yang, alles auf einmal und doch keins von alledem. Es war ungefähr so, als wenn man live dabei ist, wie Gefangene ihre Wärter fangen. Es war Magie.
    Es war dieser gottverfluchte Augenblick, der diesen Tag zu einem der perfektesten machte, die ich je erlebt hatte. In einem Moment stolperte ich auf der Straße über die Frage „Warum?“ und fand gleichzeitig die Antwort.

    Und mit einem Schlag wußte ich, woher ich die Farbe ihrer Augen kannte.
    Und plötzlich summte mein Handy. Die Nummer war mir völlig unbekannt.
     
    #1
    User 13029, 14 März 2004
  2. D!883Z
    D!883Z (30)
    Verbringt hier viel Zeit
    350
    101
    0
    vergeben und glücklich
    Nette Geschichte...

    Spannung bleibt erhalten zum Ende :smile:

    Ist die Geschichte war ?

    FORTSETZUNG *brüll*
     
    #2
    D!883Z, 14 März 2004
  3. LadyEttenna
    0
    Gut zu lesen und man kann sich in die Gefühlslage der Hauptperson hineinversetzen.

    .....gibts eine Fortsetzung der Story?????
     
    #3
    LadyEttenna, 14 März 2004
  4. User 13029
    Verbringt hier viel Zeit Themenstarter
    2.014
    121
    0
    Es ist kompliziert
    Nein, es gibt keine Fortsetzung. Warum sollte es auch eine geben? Würde doch den ganzen Witz nehmen. *g*
     
    #4
    User 13029, 14 März 2004
  5. D!883Z
    D!883Z (30)
    Verbringt hier viel Zeit
    350
    101
    0
    vergeben und glücklich
    Is ja richtig fies ! :tongue:


    Kannst ja vieleicht nochwas spannendes rausholen.

    Hast nen eigenwilligen Schreibstile, aber meiner Meinung nach recht gut.
     
    #5
    D!883Z, 14 März 2004
  6. User 13029
    Verbringt hier viel Zeit Themenstarter
    2.014
    121
    0
    Es ist kompliziert
    Der Schreibstil war gewollt direkt... hab versucht so zu schreiben, wie sich Kumpels untereinander irgendwelche geschichten erzählen, das ist mir auch ganz gut gelungen, find cih.

    Nein, ich werd da keine Fortsetzung zu schreiben! Was bringt das denn, wenn Ihr wißt, wer den Kerl da angerufen hat? Ihr legt das Ding zur Seite und denkt entweder "Achsooooo" oder "böh, doofes Ende." Der Trick an Kurzgeschichten ist der offene Schluß.
     
    #6
    User 13029, 15 März 2004
  7. D!883Z
    D!883Z (30)
    Verbringt hier viel Zeit
    350
    101
    0
    vergeben und glücklich
    *erriner* achja stimmt ja *doh*


    Bin wohl zulange schon aus der Schule raus *g*
     
    #7
    D!883Z, 16 März 2004

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