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Mein Bruder ist ein Psycho (lang)

Dieses Thema im Forum "Kummerkasten" wurde erstellt von CAY, 10 Juni 2007.

  1. CAY
    CAY (43)
    Verbringt hier viel Zeit
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    Verheiratet
    Ich habe dieses Forum vor kurzer Zeit auf der Suche nach etwas ganz anderem gefunden. Für dieses "andere" hatte es zwar keine Lösung, aber möglicherweise kann es mir bei einem anderen Problem helfen, mit dem ich mich an niemanden aus meinem "realen" Leben wenden kann. Ich weiß nicht, ob ich das alles so richtig mache. Im wesentlichen zählt ja nur der Erfolg, und der ist nach meiner Einschätzung da, aber zwischendurch braucht wohl jeder mal einen kleinen Stoß von der einen oder anderen Seite, der einen wieder auf die richtige Bahn lenkt.

    Vielleicht sage ich erstmal kurz was zu mir: Ich bin 34 Jahre alt, fünffache Mutter (vier Töchter im Alter von 15, 13, 8 und 6, ein Sohn im Alter von 11), glücklich verheiratet seit 16 Jahren mit meiner ersten großen Liebe, im Großen und Ganzen sehr zufrieden mit meinem Leben. Mein Mann (35) und ich haben beide (unterschiedlich) studiert, er hat einen Job im höheren Staatsdienst mit überwiegend geregelter Arbeitszeit, ich arbeite Vollzeit für zwei öffentliche Arbeitgeber (12 und 30 Stunden pro Woche) im Schichtdienst. Über unser Einkommen können wir uns wirklich nicht beschweren. Wir haben ein großes Haus mit großem Garten am Stadtrand einer norddeutschen Großstadt, unsere Kinder haben jedes ein eigenes Zimmer; wir haben gute Freunde, die Stimmung ist überwiegend harmonisch - eigentlich nichts, worüber man klagen könnte oder was mir großen Kummer macht.

    Wäre da nicht mein fünf Jahre jüngerer Bruder. Und damit bin ich direkt im Thema: Mein Bruder ist psychisch schwer behindert. Ich sage den Namen der Erkrankung mal nicht, nicht, dass er das hier irgendwann ergoogelt, das muss nicht sein. Mein Bruder ist das, was man umganssprachlich als "Psycho" bezeichnen würde.

    Als Kind war er immer ein Einzelgänger, hatte nie Freunde, wurde von Mitschülern und Nachbarskindern gehänselt, geschlagen, festgehalten, geärgert. Er hat sich immer mehr einge-igelt, kaum gesprochen, hatte zu niemandem Vertrauen, hat alles mit sich selbst abgemacht, hat nur rumgelogen, alles verleugnet, mit irgendwelchen ausgefallenen geschichten auf sich aufmerksam gemacht. Es hat lange gedauert, bis ich verstanden habe, was mit ihm los ist. Bei meinen Eltern konnte ich auf dieses Verständnis nicht hoffen, sie sind sehr einfach gestrickte Leute, die hauptsächlich im Auge haben, was andere über sie denken könnten. Für beide gab es keine psychischen Erkrankungen, gerade mein Vater hat meinen Bruder für irgendwelche seiner komischen Verhaltensweisen mindestens wöchentlich verdroschen. Grün und blau.

    Mein Bruder ist hochintelligent, um nicht zu sagen: Genial. Zumindest was die logische und gut messbare Intelligenz angeht, sie ist mal von einer seriösen Stelle auf den oberen Hundertfünfziger-Bereich bestimmt worden. Was seine emotionale Intelligenz angeht, so ist er unheimlich sensibel für Stimmungen. Er guckt ihm fremde Menschen an und weiß, wie es ihnen geht, bevor sie das erste Wort gesagt haben. Er merkt oft vor mir, wann es mir schlecht geht, ich erschöpft bin, ... es ist Wahnsinn. Aber er ist nicht in der Lage, einen fremden Menschen anzusprechen, auf ihn zuzugehen, sich mit ihm zu unterhalten. Wenn auf einer Geburtstagsfeier Leute zu Besuch kommen, die er nicht täglich sieht, dauert es drei, vier Stunden, bis er mal ein Wort sagt. Selbst die Begrüßung klappt schon nicht. Wenn sich ihm einer aufdrängt, ihm die Hand ausstreckt, merkt man an seiner Gesichtsmimik, dass er absolut überfordert ist, er beißt sich auf die Lippe, bis hin dazu, dass er aufspringt, wegläuft und sich in die Hand beißt. Man braucht mit ihm sehr viel Geduld. Wenn es ihm schlecht geht, guckt er 10 Stunden am Stück aus dem Fenster, ob der Baum sich im Wind bewegt oder ob der Kran gegenüber sich dreht. Oder er setzt sich 2 Stunden vor die Waschmaschine und beobachtet, wann sich die Trommel wie rum dreht.

    Er braucht sehr viel Bestätigung, dass er ein liebenswerter und netter, toller Mensch ist. Bekommt er davon nicht genug (und das Problem ist, sie muss ehrlich sein, weil er die geheuchelte sofort bemerkt), holt er sich die, indem er ein "Phantom" böse Sachen machen lässt, von denen er sich selbst dann distanzieren kann. Er kommt so mit allen möglichen und unmöglichen Leuten ins Gespräch (dann klappt es!), indem er die durch diese "bösen Sachen" hervorgerufene Unsicherheit dieser Leute ausnutzt und das "Phantom" an den Pranger stellt. Diese "bösen Sachen" sind immer spektakulär genug, um Leute auch wirklich zu verunsichern.

    Beispiel: Feuerwehr-Einsatz im Kindergarten. Aus dem Kindergartengebäude schlagen morgens um 11 Flammen. Dutzende Kinder scheinen eingeschlossen. Da wartet keine Einsatzleitstelle, ob noch drei, vier Leute das bestätigen und parallel anrufen, da werden in Sekunden Hunderte Leute auf Trab gebracht. Da donnern etliche Streifenwagen mit singenden Reifen durch die Straßen, um zu retten, was noch zu retten ist, in den umliegenden Gemeinden wird Großalarm ausgelöst, Rettungshubschrauber starten, ... alles für die Katz. Am Ende spielen ein paar Uniformierte mit den Kindern in der Sandkiste "backe backe Kuchen", um sie nicht völlig zu verschrecken. Nachdem alle abgezogen sind, verbreitet sich die Nachricht natürlich wie ein Lauffeuer. Und mein Bruder kann mitreden und schimpfen auf den bösen Mann, der sowas tut. Und kennt sämtliche Rechtsgrundlagen, nach denen das verboten ist. Und irgendwann (die Polizei ist ja nicht doof) wird er ermittelt. Weil ihn jemand beobachtet hat, weil er beim Distanzieren zu "fleißig" ist, weil er unvorsichtig ist. Dann folgt das 95. Gutachten, das ihm Schuldunfähigkeit bescheinigt, der 95. vergebliche Versuch, einem nackten Mann zivilrechtlich in die Geldbörse zu greifen - und er ist noch weiter von der Gesellschaft entfernt, weil sich jetzt erst recht alle von ihm abwenden. Wer will schon mit so einem Idioten was zu tun haben?

    Irgendwann kommt der Punkt, an dem er selbst nicht mehr glaubt, dass er sowas getan hat. Dann sitzt er weinend auf dem Sofa und liest sich den ganzen Tag nur die Zeitungsartikel durch und sagt nur: "Das ist doch nicht wahr, oder? Das hab doch nicht ich gemacht, oder? Was hat mich da geritten?" Das ist der Beginn einer hoffentlich langen "guten" Zeit.

    Geschlossene Psychiatrie hatten wir auch schon, nachdem er Mitschüler sexuell "belästigt" hat. Er hat ein paar perverse Briefe an die Mitschülerinnen verteilt, mit Fragen drin: "Wie oft masturbierst Du?" und so weiter. Anonym. Ihnen vorher irgendwas entwendet aus der Schulmappe und in Aussicht gestellt, dass sie es wiederbekommen, wenn sie das brav ausfüllen. 10 Monate lang war er weggeschlossen als Jugendlicher, leider in einer Phase, wo er gut drauf war. Er war der Liebling aller anderen Patienten, hat denen vorgelesen, für sie eingekauft, wenn er später mal eine Stunde raus durfte, hat sich um deren Probleme gekümmert, für sie effektiv Briefe an Gläubiger geschrieben, wenn sie verschuldet waren, Computerprogramme und Webseiten programmiert, hat den studentischen Nachtwachen Nachhilfe in gegeben, sie abgefragt, ... kurzum: Er wurde nach 10 Monaten entlassen und man wusste keinen Therapieansatz.

    Im Anschluss daran hat er zwei Jahre in einer betreuten Wohngruppe gelebt. Dort ging es dann wieder los. Irgendein böser Mensch hat Scheiben eingeworfen von Kellerfenstern, die Leute permanent mit anonymen Telefonanrufen belästigt, nachts die Polizei dorthin geschickt, weil sich angeblich Einbrecher im Haus aufhielten, während aber drinnen nur alle ruhig schliefen und die Polizei mit Hunden und Scheinwerfern durch den Garten stiefelte... Rausgeflogen ist er, als er im Flur einen Stapel Zeitungen angesteckt hat und den Betreuern erzählen wollte, da hat wohl einer eine Kippe hingeworfen. Glücklicherweise brannte nur der Stapel, während 10 Leute und er in dem Haus schliefen. Komm mir jetzt bitte keiner mit gesundem Menschenverstand.

    Diese Dinge sind mittlerweile alle mehrere Jahre her. Nachdem er dort rausgeflogen ist, hat er eine Zeit bei mir gewohnt, um nicht auf der Straße leben zu müssen. Er hat sich mir gegenüber, seitdem er aus dem Elternhaus ausgezogen ist, immer korrekt verhalten. Nett, zuvorkommend, kein böses Wort, keine komischen Aktionen. Ich merke, wann er zu wenig Aufmerksamkeit bekommt. Dann fängt er an, lästige Spielchen zu spielen. Beispielsweise den Timer im Radio so zu programmieren, dass das Ding während des Mittagessens volle Pulle losbrüllt oder im Auto im Sommer den Heizungsregler bis zum Anschlag aufzudrehen, so dass man sich nach 5 Minuten wundert, was da hinterm Lüftungsgitter glüht. Und wenn er dann ein verwundertes Gesicht sieht, eine unverhoffte Reaktion, ein Erschrecken, eine coole Geste, dann ist er glücklich. Oder er rülpst laut und hofft, dass man ihn maßregelt. Oder er lässt in engen Fahrstühlen einen ziehen und freut sich über irgendeine Reaktion. Während man duscht, dreht er im Keller das warme Wasser ab und lauscht, ob jemand anfängt zu kreischen, weil es nur noch kalt aus der Leitung kommt, ... reicht?! Alles harmlos. Das kalte Wasser würde er nie abdrehen, er will ja nicht, dass ich mich verbrühe. Uff.

    Mittlerweile wohnt er alleine in einer kleinen Wohnung, einmal pro Woche schaut jemand vom sozialen Dienst nach dem Rechten. Er ist in einem Programm vom Arbeitsamt drin, wo er zu Hause Computerprogramme für kleine Firmen schreibt, nach deren Wünschen. Er eignet sich die Kenntnisse an, indem er durchs Netz googelt und sich zusammensucht, was er braucht. Laut der Rehaberaterin vom Arbeitsamt setzen die Firmen diese Software ein und sie ist von teuren Expertenprogrammen nicht zu unterscheiden, allenfalls, so sagte sie mal, nachdem ein Fachmann sowas mal auf Sicherheit geprüft hatte, in den Namen der verwendeten Variablen. Er nennt sie dann "Schnucki-Vier" oder "Bimbam", weil ihm "zwischensumme" als Variablenname (nicht als Ausgabe) zu langweilig ist. Einziger Unterschied: Die Firmen würden normalerweise für solche Programme einige Tausend Euro bezahlen, er bekommt dann so locker hundertzwanzig dafür. Wenn es hoch kommt. Okay, das Arbeitsamt zahlt ihm die Wohnung und 345 Euro zum Leben. Das übliche halt.

    Mittlerweile ist unsere Beziehung so weit, dass er mich nicht mehr anlügt. Ich nehme mir die Zeit, mindestens einmal im Monat einen Tag mit ihm zu verbringen. Mit ihm auf den Jahrmarkt zu gehen, an den Strand zu fahren, shoppen zu gehen, einfach für ihn da zu sein. Er hat außer mir niemanden. Keinen Freund, keine Familie, keine Partnerin. Ich bin mit ihm auf einen Level gekommen, dass ich ihn nirgendwo mehr raushaue, dass ich für seine Scheiße, die er baut, nicht mehr gerade stehe, er hat verstanden, dass er für den Mist, den er in Zeiten macht, in denen er es nicht als Mist ansieht, hinterher selbst gerade stehen muss. Soweit er das in dem Moment unter Kontrolle hat und soweit das eben möglich ist bei Schuldunfähigkeit. Jedenfalls ermöglicht es mir, dass er mich anruft und sein Herz ausschüttet und dabei weiß, dass ich ihn nicht mehr verurteile, dass ich ihn so akzeptiere, wie er ist. Ich bin sehr stolz darauf, sagen zu können, dass er seit mehreren Jahren keine heftigen Dinge mehr gedreht hat.

    Letzte Woche hatten wir sogar etwas, was vorher so noch nie da war: Er rief mich um zwei Uhr nachts an und sagte: "Ich habe so einen Druck, mir geht es so schlecht. Ich bin kurz davor, mich mit Kabelbinder an ein Brückengeländer zu binden, so, dass es so aussieht, als hätte es jemand anderes getan, meine Geldbörse 50 Meter weit weg zu werfen, zu warten, bis mich morgens jemand findet und die Polizei holt, um dann zu sagen, jemand hätte mich überfallen wegen 20 Euro." Ich habe ihm angeboten, sich auf sein Fahrrad zu setzen und zu mir zu kommen, bei mir eine Nacht zu schlafen. Er hat es angenommen. Am nächsten Morgen hat er wieder geweint und gemeint, er schäme sich so dafür. Ich hoffe nur, dass es jetzt nicht wieder los geht, sondern dass es ein Zeichen einer positiven Entwicklung ist, dass er sich möglicherweise so weit im Griff hat, dass er vorher zumindest Hilfe holen kann, bevor er wieder Mist baut.

    Bleibt da noch die Sexualität. Auch er hat natürlich Wünsche nach Zärtlichkeit, Befriedigung. Zärtlichkeit holt er sich bei einer Masseurin: Einmal pro Woche leistet er sich (als einzigen Luxus) eine Masseurin, die ihm die Schultern massiert. Er schwärmt von ihr, sie nimmt 10 Euro und massiert ihm eine halbe Stunde den Oberkörper. Er ist glücklich.

    Um sich anzulehnen, kommt er zu mir: Wenn er mich fragt, wann wir mal wieder einen Abend am Lagerfeuer oder Kamin machen, weiß ich, es ist wieder soweit. Meine älteste Tochter und ich spielen Gitarre und die ganze Familie singt; so alles das, was zwischen 1970 und 2000 modern war. Er singt nicht mit, setzt sich aber hinter mir auf die Erde und lehnt seinen Kopf an meinen Rücken. Er sagt, er könne dann meine Stimme besser hören.

    Ich denke nicht, dass er jemals mit einer Frau Sex haben wird. Er lädt sich aus dem Internet alle mögliche und unmögliche runter. Und zeigt mir das, um zu fragen, ob das okay ist. Harmlose Bilder von Frauen im Badeanzug, Spannervideos von Stränden, Partyvideos von Youtube, wo irgendwelche Mädels kurz ihr Top hochziehen und mit den Titten wackeln. Alles unspektakulär.

    Auch da ist er mir gegenüber sehr offen. Kürzlich war ich mit ihm alleine im Pool (wir haben einen im Garten), da fragte er mich aus völlig heiterem Himmel, ob ich was dagegen hätte, wenn er mal eben onanieren würde. Ich wusste erst nicht, ob das sowas war, womit er mich ärgern wollte, aber er meinte das ernst. Er dachte, wenn man so ein offenes Verhältnis hat, kann man auch darüber offen reden. Immerhin waren wir alleine auf dem Grundstück. Es gibt doch immer wieder neue Überraschungen.

    Leute, die aus meinem Umfeld meinen Bruder erleben, wie er sich in die Hand beißt, wie er irgendwo auffällt, reden oft davon, dass er in die Geschlossene gehört und ich verblendet wäre, wenn ich es unterstütze, dass er draußen ist. Ich bin eigentlich stolz darauf, dass er alleine relativ gut zurecht kommt. Was meint ihr?
     
    #1
    CAY, 10 Juni 2007
  2. SottoVoce
    SottoVoce (34)
    Sehr bekannt hier
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    Verheiratet
    Hm, nein, eigentlich denke ich nicht, dass er in die geschlossene gehört. Ich finde das toll, dass Du Dich so um ihn kümmerst, ich weiß nicht, ob ich das genauso könnte. Ich glaube, irgendwie fehlt mir da auf Dauer die Geduld, obwohl mir das Leid tut, denn seine Handlungen sind ja nicht so, weil er "bösartig" wäre oder so, sondern das ist einfach krankhaft... Dein Bruder tut mir irgendwie richtig Leid, denn in seinen "lichten Momenten" merkt er ja auch, dass seine letzten Aktionen nicht so prickelnd waren...

    Ich denke, er ist ja für seine Umwelt keine direkte Gefährdung. Wenn ich das richtig verstanden habe, hat er ja noch nie jemandem direkten Schaden zugefügt (mal von Sachschaden bei eingeworfenen Fenster abgesehen) und damit find ich es in Ordnung, wenn man ihm ein so normales Leben wie unter den gegebenen Umständen möglich ermöglicht.

    Ich bewundere Dich für die Art, wie Du mit der Situation umgehst!
     
    #2
    SottoVoce, 10 Juni 2007
  3. Bambi
    Verbringt hier viel Zeit
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    nicht angegeben
    Gibt es denn ausser dem wöchentlichen Besucht vom Sozialen Dienst eine Form von Begleitung für deinen Bruder? Je nachdem, wo ihr wohnt gibt es ja auch psychologische Tageskliniken, die aufgesucht werden können und wo neben therapeutischen Gesprächen auch Beschäftigung in Kursen etc. angeboten werden. Da wäre er sozial eingebunden, hätte ein Sicherheitsnetz, wenn er einen Zusammenbruch hat, und ist geistig gefordert.
     
    #3
    Bambi, 10 Juni 2007
  4. kurzie
    kurzie (49)
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    Verheiratet
    Hallo Cay,

    ich glaube ich kann gut nachempfinden wie es dir geht.
    Ich habe auch einen "hochbegabten" Bruder, der bis es entdeckt wurde auch immer als aussenseiter galt, damals in der Schule von den Lehrern sogar in eine Sonderschule gesteckt werden sollte.
    Der einzige, mit dem mein Bruder reden konnte war ich.
    Heute ist es so, das er eine langjährige Therapie hinter sich hat und sehr gut klar kommt. Wenn er Probleme hat, kommt er immer noch erst zu mir, und ich höre ihm dann einfach zu und gebe ihm das Gefühl jemand wichtiges zu sein.
    Die belastung ist wirklich sehr schwer, auch fürs ganze Familienleben.
    Wenn du nicht damit klar kommst, geh doch mal mit wenn der Sozialdienst kommt und spreche die MA darauf an. Die wissen meist auch sehr gute Stellen wo du dich als Angehörige hinwenden kannst.
     
    #4
    kurzie, 10 Juni 2007
  5. Sonnenstrahl111
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    Verheiratet
    Solche "geschichten" wie du sie erzählst habe ich schon desöfteren gehört von Menschen welche einen sehr hohen IQ haben.
    Ich will es mal so ausdrücken, in seinen Augen sind wir alle ein wenig unterbelichtet und er kann mit uns "Normalos" nicht wirklich viel anfangen.
    Für diese Theorie spricht auch das seltsame Verhalten gegenüber fremden Menschen und die hohe Sensibilitätsrate.
    Das solche Menschen ein sogenanntes Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom entwickeln ist auch nicht ungewöhnlich.
    Leider erlebe ich es immer wieder das solche Menschen als verrückt hingestellt werden und in die Psychatrie eingewiesen werden, dort aber wie du schon sagst einer der Lieblinge sind weil sie eigentlich ganz normal sind.
    Ich denke dein Bruder braucht einfach eine gezielte Förderung.
    Vielleicht kann man mal das Arbeitsamt darauf ansprechen, schliesslich bekommt dieses sicherlich mehr als 120€ pro entwickeltem Programm.
    Auch wenn es kein leichter Weg sein wird, kann dein Bruder so vielleicht einen zehnmal größeren Beitrag der Gesellschaft zurückgeben, als den Blödsinn den er bisher in unseren Augen angestellt hat.
     
    #5
    Sonnenstrahl111, 10 Juni 2007
  6. BenNation
    BenNation (33)
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    vergeben und glücklich
    Ich würde es als das "Monk-Syndrom" bezeichnen, eine Verschmelzung unglaublicher Gaben und Fähigkeiten (Programmiererei... unglaublich) zusammen mit gravierenden Schattenseiten.
    Ich denke, du tust das Richtige, immerhin hat er jemanden, der sich ihm zuwendet und zu dem er ehrlich sein kann. Seine Leistungen müssen gefördert werden und auch sein Verlangen nach emotionaler Nähe muss gestillt werden. So kommt er vielleicht eines Tages in den Status eines für die Gesellschaft nützlichen Mitglieds.
    Ich hoffe es, das Potenzial scheint da zu sein!
     
    #6
    BenNation, 10 Juni 2007
  7. Dunsti
    Dunsti (39)
    Verbringt hier viel Zeit
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    vergeben und glücklich
    Ich möchte mir kein Urteil darüber erlauben, ob er weggeschlossen gehört oder nicht (um damit auf Deine Frage einzugehen). Ich weiß nicht, wie seriös das Urteil derer aus Deinem Umfeld ist, die sowas fordern, und inwieweit Du zu wenig objektiv bist (wie Du es selbst sagst), weil Du letztlich nur das Beste für Deinen Bruder willst.

    Nach dem, was Du schreibst, spricht eindeutig für ihn, dass er letztlich noch niemandem einen Schaden zugefügt hat und sein Unfug bislang immer nur aus medienwirksamen Spektakel bestanden hat. Alleine die Tatsache, dass sich solche Dinge immer wiederholen, dass er, obwohl Du ihn lieb hast, immer wieder mit solchem Blödsinn (Wasser abstellen) auf sich aufmerksam machen muss, spricht schon dafür, dass er das selbst nicht im Griff hat.

    Ich denke, dass dieser betreuende Dienst seine Situation auch einschätzt und nicht nur aus wirtschaftlichen Gesichtspunkten diese Form der Betreuung für ausreichend hält. Auf jeden Fall ist Euer Verhältnis Gold wert. Auch wenn es so anstrengend ist, dass ich nicht weiß, ob ich mir das zutrauen würde, denke ich, dass er Dir sehr viel Deiner "aufgewendeten Energie" zurück gibt.

    Was ich sehr traurig finde, ist, dass man ihm keinen vernünftigen Arbeitsplatz verschaffen kann, so dass er etwas unabhängiger wäre von diesen Behördenmühlen. Ich kenne ihn nun nicht näher, aber man hört und liest doch oft von Leuten, die, weil sie so genial sind, für Firmen so interessant sind, dass diese alle Macken und Ticks ignorieren und keine Kosten und Mühen scheuen, denjenigen zu integrieren.

    Und als Sportfanatikerin frage ich natürlich: Wie ist es denn mit Sport bei ihm? Kann man nicht über so Bewegungsspiele in Gruppen eine Bindung zu anderen Menschen aufbauen? Es gibt doch extra so Rehasport-Angebote, die auch von den Krankenkassen übernommen werden, insbesondere für psychisch behinderte Menschen.

    Letztlich finde ich es bewundernswert, dass Du Dich so für Deinen Bruder einsetzt und wünsche Dir viel Kraft.
     
    #7
    Dunsti, 10 Juni 2007
  8. Satürnchen
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    Ich möchte erst einmal loswerden, dass der lange Text sehr interessant zu lesen war.
    Ich habe auch schon mitbekommen, dass hochintelligente Menschen oft andere Verhaltensweisen haben als normale. Sie können nur sehr schwer Bestätigung finden, da die normalen Menschen ihre Genialität meist nicht erkennen oder wenn doch dann nicht zu schätzen wissen. Ich kenne mich da jetzt nicht mit aus, aber vielleicht gibt es ja irgendwelche Organisationen, wo sich solche hochintelligenten Leute treffen können. Und unter ihnen finden sie dann vielleicht Glück und eben Bestätigung.
    Dass dein Bruder diese Programme schreibt und dafür nur 120 Euro bekommt, finde ich nicht gut. Man könnte ihn vielleicht richtig in so einem Computerunternehmen etablieren und ihm dadurch auch zeigen, dass er etwas Wert ist und wichtig ist. Er kann ja trotzdem von zu Hause aus arbeiten.
    Ansonsten finde ich auch toll wie du handelst. Ich würde das so beibehalten und nichts daran ändern.
     
    #8
    Satürnchen, 10 Juni 2007
  9. CAY
    CAY (43)
    Verbringt hier viel Zeit Themenstarter
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    0
    Verheiratet
    Danke für die Antworten.

    Es ist nicht so, dass mein Bruder sich nicht zu beschäftigen weiß oder sich nicht geistig fordern kann. Er braucht halt jemanden, der mal guckt, ob er gerade wieder völlig abgleitet. Mehr macht dieser soziale Dienst nicht. Die unterhalten sich 20 Minuten mit ihm, lassen sich zeigen, dass er Telefonrechnung und Miete bezahlt hat und genug im Kühlschrank hat, und dann verschwinden die wieder.

    Ich finde es auch nicht fair, dass mein Bruder für solche Programme nur 120 Euro bekommt (wenn überhaupt, 20 und 50 hatten wir auch schon), aber er sagt: Besser, als wenn ich in einer Werkstatt den ganzen Tag eine Metallklemme in einen Autoaschenbecher drücken muss, das hat er nämlich vorher gemacht und da am Tag 200 Aschenbecher zusammengebaut. Insofern bin ich schon froh, dass er wenigstens was machen kann, was ihn fordert.

    Das mit dem Sport hatten wir auf Anraten des Neurologen schon gemacht, das ist jetzt Ende 2006 ausgelaufen nach 120 Mal in drei Jahren, da war er wirklich gut integriert und hat sich auch da immer um die Schwächeren gekümmert. Das waren so Spiele wie Völkerball oder Volleyball oder Basketball, manchmal auch Schwimmen, das hat ihm richtig Spaß gemacht. Jetzt 2007 hat die Krankenkasse die weitere Kostenübernahme abgelehnt, da er nach Meinung des Gutachters auch in einen normalen Sportverein gehen kann. Da er da aber keinen Anschluss findet, macht er jetzt gar nichts mehr. Für einen Widerspruch haben wir jetzt laut Sportverein ein Jahr Zeit, bis dahin sollen wir uns was überlegen.

    Meine größte Angst ist halt, dass er irgendwann mal etwas macht, wo es nicht nur bei einem ins Leere gelaufenen Polizeieinsatz oder einem Sachschaden bleibt, sondern dass irgendwann mal Personen zu schaden kommen, durch irgendeinen dummen Zufall (und sei es eine Oma, die sich erschrickt und den Löffel abgibt) - und sie ihn dann wegsperren. Und dass ich mir dann Vorwürfe mache, dass ich das möglicherweise nicht erkannt habe und ihn nicht vorher habe wegschließen lassen.

    Sehr schwere Situation. :ratlos:
     
    #9
    CAY, 11 Juni 2007
  10. Donnie_Darko
    Verbringt hier viel Zeit
    194
    101
    0
    Single
    Hallo,

    hat dein Bruder auch schon versucht, über High-IQ-Vereine, Kontakt mit anderen Hochbegabten aufzunehmen? http://www.mensa.de/ Also ich als ebenfalls Hochbegabter habe auch Anschluss an andere gefunden und konnte erstmals Verständniss für mein Anderssein finden. Es muss ja nicht mal gleich Mensa sein, es gibt im Netz auch eine Menge Boards, die sich mit solchen Themen auseinandersetzen... Er sollte die eigentlich leicht ergoogeln können. Wenn Du bzw. er die eine oder andere Empfehlung haben möchte, kannst Du mich ja anschreiben....

    Zu dem Rest von deinem Geschreibsel kann ich leider nicht allzuviel sagen, außer dass er einen für Hochbegabte typischen Lebenslauf hat. Keine Freunde in der Jugend, oft falsch verstanden, Underarchiver etcpp....

    Ich kann da nicht wirklich mit weiterhelfen. Außer halt mit den Verweis auf die Vereine und dass er, auch wenn er schon 29 Jahre alt ist, sich mit seiner Hochbegabung auseinandersetzen muss.

    Gruß
    Donnie
     
    #10
    Donnie_Darko, 11 Juni 2007
  11. NihilBaxter
    Verbringt hier viel Zeit
    245
    101
    0
    vergeben und glücklich
    R E S P E K T

    Off-Topic:
    irgendwie hat es mich ein bisschen an gilbert grape erinnert.
     
    #11
    NihilBaxter, 12 Juni 2007
  12. Dunsti
    Dunsti (39)
    Verbringt hier viel Zeit
    590
    103
    2
    vergeben und glücklich
    Ich könnte mich jetzt ja wieder aufregen. Toll, die Kassen haben wieder 200 € eingespart. Ich könnte kotzen. Dabei stehen psychisch behinderte Menschen ausdrücklich auf der Liste derer, die nochmal Rehasport bekommen können. Bei allen anderen (Blinde, Querschnittgelähmte, Doppeloberschenkelamputierte, Schädel-Hirn-Verletzte, schwer Lungenkranke, Infarktpatienten, ...) hat man es jetzt ja gestrichen.

    Ich würde, wenn Du ein Jahr Zeit hast, erstmal keinen Widerspruch machen, sondern gleich eine Dienstaufsichtsbeschwerde beim Bundesversicherungsamt einreichen. Und genau das schreiben, was Du hier ausgeführt hast, nämlich dass er keinen Sport mehr macht jetzt und völlig vereinsamt dadurch. Und rügen, dass die Begutachtung (nach Aktenlage, höchstwahrscheinlich, bei 200 €) nur dazu gedient hat, abzulehnen, und nicht objektiv war, da sie auf die Umstände des Einzelfalls nicht im Mindesten eingeht.
     
    #12
    Dunsti, 12 Juni 2007
  13. gert1
    Verbringt hier viel Zeit
    672
    103
    1
    Single
    Ganz ehrlich... Geschlossene wäre glaube ich zu erwägen. Es besteht ja wohl die Gefahr das er Anderen ernsthaften Schaden zufügt!
     
    #13
    gert1, 12 Juni 2007
  14. SottoVoce
    SottoVoce (34)
    Sehr bekannt hier
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    183
    26
    Verheiratet
    Was für ein Unsinn... :ratlos: Er hat dieses Mal doch sogar GAR NICHTS getan, nicht mal sich an dieses Brückengeländer gebunden, nicht mal jemanden erschrocken, NICHTS?!

    Wieso sollte man ihn dann in eine Geschlossene tun? Wichtig ist es, ihm einen einigermaßen festen und sicheren Platz in der Gesellschaft zu geben, wo er sich wohlfühlt ! Dann hat er solche hirnrissigen Aktionen auch nicht mehr so "nötig", denn die scheinen mir ja eher wie ein verzweifelter Schrei nach Aufmerksamkeit...
     
    #14
    SottoVoce, 12 Juni 2007
  15. NihilBaxter
    Verbringt hier viel Zeit
    245
    101
    0
    vergeben und glücklich
    rührt die krankheit eigentlich von der schlechten behandlung in der schule oder ist es angeboren? hab das nich so ganz gecheckt...
     
    #15
    NihilBaxter, 12 Juni 2007
  16. slaughterer
    Verbringt hier viel Zeit
    252
    101
    0
    in einer Beziehung

    Mal davon abgesehen, dass wir die Person nur von ihren Erzählungen her kennen, sollte sich so ein Urteil nur ein Experte erlauben dürfen.
     
    #16
    slaughterer, 13 Juni 2007

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