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Dieses Thema im Forum "Geschichten, Gedichte und Nachdenkliches" wurde erstellt von SottoVoce, 12 Juni 2004.

  1. SottoVoce
    SottoVoce (34)
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    Verheiratet
    Draußen regnete es. Ich hasste dieses Wetter. Es war trüb und grau, alles schien in einander zu zerfließen, all die leuchtenden Farben aus dem Sommer schienen irgendwie verschwunden zu sein. Das eintönige Prasseln auf den Scheiben meiner kleinen Dachwohnung wirkte einschläfernd. Ich war müde und irgendwie antriebslos, woran auch mein allerliebster Freund nicht allzu unschuldig war... Ich schwankte schon wieder zwischen Verletztsein und Wut. Aber das half alles nichts, ich musste fertig werden. Die Hochzeit war immerhin schon morgen!
    Seufzend sah ich mich in meiner engen Wohnung um. Es war nur eine kleine Dachwohnung, sie bestand aus einem einzigen Zimmer mit einem Tisch und Stühlen, einem Sofabett (heute hatte ich mir aber nicht die Mühe gemacht, mein Bett wieder in ein Sofa zu verwandeln), einem Schrank mit einem großen Spiegel und einem Regal mit einem kleinen eingebauten Schreibtisch und einem kleinen Fernseher. Im Moment sah man von alledem allerdings nicht allzu viel. Ein Bügelbrett mit bereit gelegtem Bügelvliess stand im Weg und überall waren Stofffetzen ausgebreitet, sogar auf meinem Flickenteppich am Boden. Auf dem Esstisch stand meine Nähmaschine, daneben lag meine Schneideunterlage und mein Stoffschneider. In diesem Moment verfluchte ich zutiefst den Tag, an dem ich mit Patchworkarbeiten angefangen hatte.
    Meine beste Freundin hatte sich zu ihrer Hochzeit eine große Decke gewünscht, die sie später auch als Krabbeldecke für ihre geplanten Sprösslinge benutzen konnte. Und ich dumme Kuh hatte ihr versprochen, ihr eine solche Decke zu machen! Und jetzt musste ich bis zum nächsten Tag fertig werden – und das bei solch einem demotivierenden Wetter!
    Ich seufzte entnervt auf und griff nach dem nächsten Fetzen Stoff, um ihn erst festzuheften und dann anzunähen. Und danach der nächste, bis ich den Teil des Musters komplett hatte und mich dem nächsten widmen konnte. Zum Schluss musste ich die einzelnen Teile des Musters zusammen nähen, die Decke mit Schaumstoff auskleiden und die Rückseite annähen, die ich über den Schaumstoff quer noch vernähen musste, damit nichts verrutschen konnte. So eine Decke bestand aus Stunden voller Arbeit!
    Zwei Stunden später hatte ich sämtliche Musterteile der Decke fertig und sah schon alles ganz verschwommen. Der Regen prasselte immer noch auf meine Fenster. Allein das Geräusch nervte mich schon!
    Ich machte gerade eine Pause und trank eine aufmunternde Tasse Kaffee, als es an der Tür klingelte. Ich hatte nicht mit Besuch gerechnet und erschrak so, dass ich den Kaffe über meine Schneideunterlage goss. Ich fluchte und stand auf, um zu öffnen.
    Es war mein Freund. Völlig verblüfft starrte ich ihn und den Strauß Astern an, den er mir vor die Nase hielt wie eine Waffe. Mit ihm hatte ich nach unserem Streit am allerwenigsten gerechnet!
    „Was machst du denn hier?“ fragte ich.
    „Ich wollte dich sehen.“ Ich registrierte, dass er ganz nass war. Anscheinend war er ohne Schirm zu Fuß zu mir gelaufen.
    „Ich dachte, du wärst weg übers Wochenende?“ Immer noch stand er vor meiner Tür, weil ich viel zu überrascht war, um ihn herein zu lassen. Ich wusste überhaupt nicht, was ich von seinem Besuch halten sollte.
    „Ich hab es mir anders überlegt. Ich dachte, du hättest mich morgen gern dabei.“
    Ich spürte, wie ich in Abwehrhaltung ging. Ich hatte keine Ahnung, was er auf einmal von mir wollte.
    „Du wolltest nicht mitkommen.“ Ich merkte selbst, wie abweisend ich klang.
    Er wischte sich die nassen, dunklen Haare aus dem Gesicht.
    „Maus, bitte lass mich rein. Und die Blumen brauchen Wasser – wenn du sie nicht wegwerfen willst.“
    Ich machte einen Schritt zur Seite und ließ ihn an mir vorbei. Seine Schuhe hinterließen nasse Flecken auf meinen Holzdielen.
    „Schuhe aus“, kommandierte ich, nahm die Blumen und verschwand in meiner kleinen Küche.
    Was machte er hier?! Sein Besuch war mir immer noch ein Rätsel. Wir hatten Anfang der Woche einen heftigen Streit gehabt, weil ich ihn gebeten hatte, mit auf die Hochzeit zu kommen. Er hatte mir erklärt, er möge keine Hochzeiten und wolle da nicht hin, er wolle nie wieder auf eine Hochzeit gehen. Ein wenig bestürzt hatte ich gefragt, was dann aus unserer eigenen würde – wir waren nun schon über ein Jahr verlobt, aber von einer konkreten Hochzeit hatten wir bislang nicht gesprochen – und er erklärte, er würde lieber sterben, als zu heiraten. Daraufhin hatten wir einen Riesenkrach gehabt, er war zuletzt aus meiner Wohnung gestürzt und ich war in Tränen aufgelöst gewesen. Er hatte einen Tag darauf angerufen, um mir zu sagen, dass er das kommende Wochenende nicht in der Stadt wäre, und ich war so wütend gewesen, dass ich einfach aufgelegt hatte. Wieso war er jetzt hier und nicht, wie geplant, verreist?! Ich verstand gar nichts mehr und irgendwie schien er nicht zu wissen, wie er es mir erklären sollte...
    Als ich mit dem schönen Strauß in einer Tonvase zurück ins Wohnzimmer kam, hatte er auf meinem Bett eine Ecke freigeschaufelt und sich hingesetzt. Er hielt ein Stück fertig zusammengenähtes Muster in der Hand und fuhr mit den Fingerspitzen über die kleinen Stiche an der Naht. Seine Gedanken schienen meilenweit weg zu sein.
    „Was machst du hier?“ fragte ich noch einmal.
    Er fuhr hoch, holte Luft, als wolle er etwas sagen, schwieg dann doch und zeigte schließlich auf den Stoff.
    „Mit Stoffen bist du wirklich eine Künstlerin!“
    Ich zuckte die Schultern.
    „Es macht halt einfach Spaß“, wehrte ich ab und verschwieg, dass ich vom Nähen bereits Kopfschmerzen hatte.
    „Ich wollte dich sehen und mit dir reden“, platzte er auf einmal unvermittelt heraus.
    „Ach ja? Ich dachte, es wäre alles gesagt?“ Ich klang bitter.
    „Bitte, Maus, setz dich neben mich. So kann ich gar nicht mit dir reden!“ Er streckte die Hände nach mir aus und ich zögerte, ehe ich mich auf der äußersten Bettkante niederließ.
    „Jetzt rede!“ Ich wusste, dass ich es ihm nicht leicht machte. Aber das hatte er auch nicht verdient!
    „Es tut mir Leid, was ich alles gesagt habe.“ Er klang verlegen. „Weißt du, ich hatte auf einmal Angst vor der Zukunft. Dass auf einmal alles so konkret ist. Ich meine, ich wollte nie heiraten, bis du in mein Leben geplatzt bist. Und jetzt geht es irgendwie so schnell, dass ich gar nicht so schnell denken kann.“ Er zuckte hilflos die Achseln.
    „Wir sind seit einem Jahr verlobt! Erzähl mir nicht, dass alles zu schnell geht!“
    „Ja, ich weiß, aber ich hab halt nie drüber nachgedacht. Es war alles noch so weit weg. Und jetzt ist es mit Melanies Hochzeit auf einmal gar nicht mehr weit weg. Ich hab einfach Panik bekommen. Bitte, es tut mir Leid!“
    „Das heißt, du kommst morgen doch mit?“
    Er wand sich. Da war noch irgendwas, ich spürte es.
    „Ja, das heißt es auch. Aber es heißt auch, dass ich unsere eigene Hochzeit jetzt eigentlich gern schnell über die Bühne hätte.“
    Das klang nicht gerade umwerfend, aber auf einmal wurde mir ganz warm. Ich hatte ihn nicht verloren. Er saß hier neben mir und redete davon, mich zu heiraten! Er war nicht aus meinem Leben verschwunden. Ich wunderte mich, dass man den Stein, der von meinem Herzen fiel, nicht plumpsen hörte.
    „Du meinst, du willst mich doch heiraten?“ Ich hörte selbst, dass meine Stimme total angespannt klang.
    Er sah mir zum ersten Mal in die Augen und auf einmal lächelte er.
    „Ja. Ja, genau, ich will dich heiraten! Du bist verrückt, du bist chaotisch, völlig durchgeknallt, unbeherrscht und was weiß ich was sonst noch alles – aber ich liebe dich über alles, und ja, ich möchte dich heiraten!“
    Irgendwas in mir drin explodierte, ich wusste nicht, ob ich lachen oder weinen sollte vor Freude, auf einmal fand ich mich in seinen Armen wieder, wie er mich heftig küsste.
    „Ich liebe dich auch“, murmelte ich zwischen zwei Küssen. „Ich geb dich nie mehr her!“
    Er lachte und drückte mich, dass ich kaum noch Luft bekam. Auf einmal fühlte ich mich wieder Zuhause. Jetzt war wieder alles in Ordnung. Als ich mich an ihn kuschelte und seine Wärme spürte, hörte ich wieder den Regen.
    Ich liebte das Geräusch der tanzenden Tropfen auf den Scheiben. Es klang so fröhlich, als wollten sie anklopfen und sich mit mir freuen.
     
    #1
    SottoVoce, 12 Juni 2004
  2. TermUnitX
    Gast
    0
    "...über die Bühne bringen..." klingt zwanghaft, resigniert. Na, ob der lyrische Er glücklich mit der Ehe wird... (-> Aussage...?)
    Sehr bildlich geschrieben! :smile:
     
    #2
    TermUnitX, 12 Juni 2004
  3. SottoVoce
    SottoVoce (34)
    Sehr bekannt hier Themenstarter
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    Verheiratet
    Darum wiederholt ers ja nochmal! :zwinker: Klingt doch besser, oder?

    Ist ja eh rein erfunden.

    Danke für das Kompliment... :schuechte
     
    #3
    SottoVoce, 12 Juni 2004
  4. TermUnitX
    Gast
    0
    Klar! Aber wäre ich die lyrische Sie, würd' der lyrische Er wohl eine kassieren, dafür, dass er den Hochzeitsantrag wie einen Amtsbesuch initiiert ("Joahr, weeenn's denn seeein muss..."). :zwinker:

    Klar, klar. :zwinker:
     
    #4
    TermUnitX, 12 Juni 2004
  5. SottoVoce
    SottoVoce (34)
    Sehr bekannt hier Themenstarter
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    26
    Verheiratet
    *lach* Ja, bei mir würd er damit auch nicht weit kommen... Aber ich hab sie lieb sein lassen, die Geschichte wär sonst viel zu lang geworden... :zwinker:
     
    #5
    SottoVoce, 12 Juni 2004

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