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Selbstbild

Dieses Thema im Forum "Umfrage-Forum" wurde erstellt von Maxx, 7 Juli 2006.

  1. Maxx
    Sehr bekannt hier
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    Single
    Es wird immer wieder darüber berichtet welche negativen Auswirkungen ein schlechtes Selbstbild auf die Lebensqualität innerhalb einer Gemeinschaft und insbesondere in Bezug auf das Berufs- und Beziehungsleben haben soll.

    Es gilt der Leitsatz, dass man sich selbst mögen muss, um von anderen gemocht zu werden.

    Ich stelle mir die Frage warum das eigentlich so ist und bitte euch diesbezüglich um eure Meinung. Bei mir persönlich verhält es sich nämlich so, dass ich einen Menschen im Allgemeinen eher interessanter finde, je schlechter sein Selbstbild ausgeprägt ist. Deshalb frage ich mich welche Gründe die andere Denkweise, die von der Mehrheit vertreten wird, auslöst, da sich mir diese Haltung nicht so richtig erschließt. Mal abgesehen von den wenigen Ausnahmen, die in dieser Angelegenheit ebenso meine Einstellung teilen, aber damit wohl eine ganz klare Minderheit vertreten dürften.

    Was lässt einen Menschen mit einer eher narzisstischen Grundhaltung so interessant erscheinen? Glaubt ihr, dass so jemand ehrlicher sich selbst und anderen gegenüber ist, als wenn die Selbsteinschätzung eher negativ und zu bescheiden ausfallen würde?

    Man sagt wer sich selbst mag verfügt auch über eine dementsprechende Ausstrahlung. Wieso hat eine positive Ausstrahlung einen so hohen gesellschaftlichen Stellenwert? Auch in diesem Forum hier ist oft die Rede davon, dass die Ausstrahlung enorm wichtig sei. Aber ist sie nicht nur ein Teilaspekt der Persönlichkeit, während vielleicht ein gewichtiger Teil der Gesamtpersönlichkeit im Verborgenen bleibt? Neigt man folglich nicht dazu die guten Seiten einer Person zu übersehen und diese vorschnell zu verurteilen, wenn keine Ausstrahlung und kein Selbstwertgefühl vorhanden sind? Mit guten Seiten meine ich damit jene, die sich abseits der erfolgsorientierten Gesellschaftsideale bewegen und nicht auf den ersten Blick erkennbar sind.

    Außerdem frage ich mich ob es nicht absurd ist den Begriff „Selbstbewusstsein“ mit „Selbstbild“ gleichzusetzen. Jemandem mit schlechtem Selbstbild sagt man nämlich automatisch nach, dass er wenig Selbstbewusstsein besitzen würde. Selbstbewusst zu sein bedeutet aber ungefähr so viel wie „sich seiner selbst bewusst zu sein“. Also sich seiner Persönlichkeit und deren Stärken und Schwächen bewusst zu sein.

    Wenn also wie beispielsweise in meinem Fall aufgrund persönlicher Defizite erforderliche Talente und Sozialkompetenzen nicht vorhanden sind und deshalb ein Weiterkommen in beruflicher wie in gesellschaftlicher Hinsicht mangels Schulabschluss, Berufsausbildung und Freunde etc. nicht möglich ist, dann ist ein schlechtes Selbstbild die logische Konsequenz, wenn ich das gesellschaftliche Ideal als Maßstab ansetze. Sobald ich mich allerdings mit niemand anderem messe, verbessert sich mein inneres Selbstbild automatisch, wenn ich mich mit meinen für mich positiven menschlichen Seiten auseinandersetze, die sich im Allgemeinen der gesellschaftlichen Bewertungsgrundlage entziehen. Logischerweise richtet sich diese Haltung lediglich auf mein inneres Ich, während sich nach außen hin der Gesellschaft gegenüber automatisch die schlechte Seite meines Selbstbildes offenbart.

    Damit will ich sagen, dass es möglich ist seine Stärken und Schwächen zu erkennen und man infolgedessen über ein gutes Selbstbewusstsein verfügt, aber dennoch ein schlechtes Selbstbild nach Außen trägt. Andererseits sollte man jemandem mit einer extrem selbstverliebten und selbstüberschätzenden Persönlichkeitsstruktur nicht eigentlich ein schlechtes Selbstbewusstsein zuschreiben, weil die Selbsterkenntnis über die eigenen Stärken und Schwächen nicht vorhanden ist?

    Erscheint euch diese Ausführung logisch oder haltet ihr sie für paradox? Schreibt mal eure Meinung dazu.
     
    #1
    Maxx, 7 Juli 2006
  2. cooky
    cooky (36)
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    vergeben und glücklich
    Es geht um die Ausgewogenheit.

    Ich persönlich halte Selbstmitleid UND Narzissmus für Todsünden. Mit solchen Menschen kann ich halt nicht, tut mir leid.
    Menschen, die sich selber nicht leiden können, sich immer zu schlecht finden, die meinen, sie wären "zu schlecht" für mich, sie schaffen dies oder das ja eh nicht, da krieg ich zuviel.
    Genauso auch bei Menschen, die sich selbst verherrlichen und so tun, als ob das Leben eine einzige Spaßparade wäre, bei der sie immer gewinnen.

    Ich finde genau das dazwischen attraktiv und behaupte auch mal von mir selber, dass ich so bin.
    Ich kenn meine Fehler und meine Vorzüge, aber nichts von beidem macht mich wertloser oder wertvoller als andere Leute.
    Ich mag mich, und ich mag auch mein Leben. Und beides hat seine Macken, aber das ist nunmal so.

    Man muß sich halt im Klaren darüber sein, dass man für den Lauf der Welt unwichtig, für sich selber und seinen kleinen Mikrokosmos aber bedeutsam ist.
     
    #2
    cooky, 7 Juli 2006
  3. koalase
    koalase (31)
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    Verlobt
    Das hast du schön gesagt!

    Klar hat jeder mal was an sich zu meckern, aber im Grunde mag ich mich sehr gern.
     
    #3
    koalase, 7 Juli 2006
  4. SweetJolie
    Gast
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    Der Spruch, dass man keinen anderen lieben kann, wenn man sich nicht selber liebt, stimmt meiner Auffassung nach schon.

    Auf der einen Seite kann man nicht mit einem Partner eine wirkliche Beziehung führen, da man ihm einfach nicht glauben kann ,dass er einen liebt, da man ja von sich selber überhaupt nichts hält. Zum Beispiel denkt man oh man ich hab ja so einen fetten Arsch, er kann mich doch so überhaupt nicht lieben er tut doch nur so. So etwas führt bestimmt irgendwann zu einem Streit und zum Aus der Beziehung.

    Andererseits kann man keine wirklichen Freunde haben, da man in ihnen immer ne gewisse Konkurenz sieht und man neidisch auf sie ist. Zum Beispiel wenn die Freundin dann einen kleineren Arsch hat, dann gönnt man ihr das irgendwie nicht und man gönnt es ihr auch nicht, dass sie besser ankommt da sie viel selbstsicherer als man selber ist. Und somit kommt es dann auch wieder schnell zum Streit.

    Ich hatte vor ein paar Jahren überhaupt kein Selbstbewusstsein mehr, da ich von einem Arschloch in meiner Klasse gemobbt wurde. Ich fand mich wirklich zum kotzen, dachte jeder ist besser und ich kann eh nie so toll wie die anderen sein.
    Allerdings habe ich dann im Lauf der Jahre wieder an Selbstbewusstsein gewonnen und habe mittlerweile wieder fast vollständig "zu mir gefunden", also mein Selbstwertgefühl fast gänzlich wieder erreicht. Ich kann das Leben jetzt auch einfach wieder mehr genießen.
    Man hat einfach eine bessere Ausstrahlung und strahlt nicht dauernd so eine Unsicherheit und Unzufriedenheit aus!

    Mir tun Menschen mit wenig Selbstwertgefühl eher leid, da ich weiß wie man sich als Außenseiter und als jemand der mit sich selbst nicht klar kommt fühlt. Ist echt nicht schön.
    Ich hasse Menschen, die sich sowas von toll und perfekt finden, die jeden und alles unter Kontrolle haben wollen und die jeden verachten der sich nicht auch toll findet, oder dann wiederum auch die verachten die sich toller als sie selber finden, damit kommen sie nämlich wiederum auch nicht klar.
     
    #4
    SweetJolie, 7 Juli 2006
  5. Maxx
    Sehr bekannt hier Themenstarter
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    Nun hast du deine Meinung erläutert, aber nicht genau erklärt WARUM du das so empfindest. Oder fällt es dir schwer eine Begründung dafür zu finden warum es für dich so schlimm ist?

    Ich finde es etwas hart Narzissmus und Minderwertigkeitskomplexe als Todsünden zu bezeichnen und finde, dass die Gründe dafür wenn möglich näher erläutert werden sollten. Du sprichst in dem Zusammenhang von Selbstmitleid, aber das Gefühl der Minderwertigkeit ist nicht zwangsläufig von Selbstmitleid geprägt. Das sind zwei völlig verschiedene Dinge, die man nicht in einen Topf werfen kann.

    Vollkommen logisch erscheint mir allerdings der Wunsch nach Ausgewogenheit. Wie in vielen Fällen scheint das Mittelmass auch in dieser Hinsicht als vernünftige Variante. Überspitzt formuliert sind Narzisst und Selbsthasser ja ohnehin Extrembeispiele wie schwarz und weiss. Und die meisten Menschen befinden sich irgendwo dazwischen.

    Man soll sich dabei auch gar nicht auf diese Extreme versteifen und mal vom Mittelmass ausgehen. Da scheint der Trend der Gesellschaft bezüglich Toleranz eher in Richtung Narzissmus zu gehen. Jemand mit einer kleinwenig selbstverliebten Haltung, der sich und seine Person wertschätzt und dies durch eine positive Ausstrahlung deutlich zeigt, wird im Allgemeinen eher akzeptiert, als jemand der von Selbstzweifeln geprägt ist.

    Da es in diesem Fall nicht die absolute Wahrheit gibt, wird diese Frage auch nicht einheitlich beantworten werden können, aber mich interessiert einfach wo eurer Ansicht nach die Gründe für diese Einstellung liegen. Und wo liegen eurer Meinung nach die Gründe für das allgemeine Unverständnis und die Verachtung dem selbstzweifelden Menschen gegenüber?
     
    #5
    Maxx, 15 Juli 2006
  6. tidakhalal
    tidakhalal (32)
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    Interessante Überlegungen.

    Für mich sind weder Narzismus ("Ich bin zu schön für diese Welt!") noch ein, um mit deinen Worten zu sprechen, negatives Selbstbild ("Schau mich nicht an, ich bin es nicht wert.") attraktiv.
    --> wie wärs mit dem Versuch einer realistischen Selbsteinschätzung, auch wenn diese immer subjektiv bleibt - ein ausgeglichener Mix aus stärken und Schwächen :smile:

    Ich glaube schon, dass das was über sich denkt, auch das Handeln prägt ala "Self-fulfilling-Prophecy".
     
    #6
    tidakhalal, 15 Juli 2006
  7. cooky
    cooky (36)
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    vergeben und glücklich
    Warum ich Selbstmitleid nicht leiden kann.

    Wenn ich sage, ich halte es für eine "Todsünde", dann speist sich das aus eigenen Erfahrungen. Ich kenne Selbstmitleid von zwei Seiten. Von "den anderen" und von mir selber. Ich hab in meinem Leben eine Menge Menschen um mich (gehabt), die an sich zweifeln. Das ist ja an sich noch nicht schlimm. Nur der Umgang dieser Menschen mit ihren Zweifeln ist mir in den allermeisten Fällen ziemlich massiv auf die Nerven gegangen. Weil sie ihre Minderwertigkeitskomplexe sehr oft wahnsinnig hochstilisiert haben.
    So richtig zur Schau tragen, dass es ihnen schlecht geht. Erst vollheulen, dann um Rat bitten, und dann auf alle Ratschläge, die man gibt mit "das kann ich doch eh nicht" antworten. Trotzig-vorwurfsvolle Sätze à la "Najaaa, ich bin für dich ja eh nur xyz. Das ist ja immer so". "Niemand versteht mich". "Mir kann niemand helfen"... bei den meisten unterstelle ich auch, dass sie einfach nur das Gegenteil hören wollten.
    Irgendwann hab ich dann damit aufgehört, Ratschläge zu geben oder zu versuchen, sie von ihrem Wert überzeugen zu wollen.
    Ein Beispiel: Freundin rief mich an, hatte einen neuen Typen kennengelernt: "Der kann alles, der sieht so gut aus, was will der bloß mit so jemandem mit mir? Der macht doch in einer Woche eh wieder Schluß." Als ich dann meinte: "Hm, kann schon sein" wurde sie richtig sauer.
    Tja, und sowas hab ich mehr als 1x erlebt, und deswegen nervt es mich.

    Menschen, die eine richtige Depression haben und deswegen kein Selbstwertgefühl aufbauen können, halte ich mit meiner Wertung bewußt raus.

    An mir selber hat es mich auch genervt. Nun bin ich jemand, der sowas nicht nach außen trägt. Wenn es mir schlecht geht, bin ich die letzte, die jemanden anruft, ich trag sowas halt am liebsten mit mir alleine aus. Ich hab aber gemerkt, dass es einen verdammt bremst im Leben, wenn man sich seinem Selbstmitleid hingibt, sich bewußt in Situationen begibt, die das verstärken können, oder wenn man es vermeidet, nach Ablenkung zu suchen. Ich erlaube mir kein Selbstmitleid mehr, und es funktioniert tatsächlich.

    Off-Topic:
    Klar, kann sein, dass Todsünde ein zu hartes Wort ist. Ich benutz' es analog zu "geht gar nicht".
     
    #7
    cooky, 16 Juli 2006
  8. Maxx
    Sehr bekannt hier Themenstarter
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    Single
    Mal abgesehen davon, dass Selbstmitleid und mangelndes Selbstwertgefühl nicht ein und dasselbe sind, finde ich deine Ausführungen recht vernünftig und durch deine Erklärungen auch nachvollziehbar.

    Interessant finde ich folgende Aussage:

    Nun kann es sein, dass mangelndes Selbstwertgefühl aus einer Depression resultiert, genauso wie dieses Gefühl Auslöser für eine Depression sein kann. Letztlich können beide Merkmale mit vielen anderen Ursachen und Folgen verknüpft sein, ohne dass für den Außenstehenden dieses komplexe Geflecht der betreffenden Psyche auch nur ansatzweise überschaubar ist.

    Ich frage mich bei deiner Aussage ganz einfach, ob du wirklich glaubst, objektiv beurteilen zu können, ob jemand aufgrund einer schweren Depression kein Selbstwertgefühl aufbauen kann oder er diese Haltung nur aus Gründen der Bequemlichkeit, Faulheit oder vielleicht anderen aus deiner Sicht fadenscheinigen Motiven an den Tag legt? Und du müsstest das eigentlich beurteilen können, um zu wissen wann deine Wertung gerechtfertigt ist und wann nicht.

    Die Situation ist von Fall zu Fall verschieden. So viele Andeutungen und Anspielungen können alles oder nichts bedeuten. Und ich bin auch der Meinung es gibt diese Leute, die sich teilweise oder ständig schlecht machen, die ihren Zustand in hysterischer Affektiertheit ihren Mitmenschen mitteilen und durch ihre dargestellte Selbsterniedrigung auf die Bestätigung ihres Gegenübers spekulieren, dass sie doch gar nicht so schlecht und minderwertig seien. Diese Bestätigung mag zwar im Moment eine Spritze fürs Ego sein, hilft aber grundsätzlich nicht weiter, weil das Selbstbild sich dadurch trotzdem nicht verbessert. Lässt man ihnen diese Bestätigung aber gar nicht erst zukommen, dann macht man es ihnen auch nicht recht.

    Ich kann mir gut vorstellen, dass ein widersprüchliches Verhalten, wie im Beispiel deiner Freundin, ziemlich nervenaufreibend und ärgerlich sein kann. Man fühlt sich in gewisser Weise verarscht und hat Mühe die betreffende Person überhaupt noch ernst zu nehmen.

    Dennoch ist es wichtig, wie die Lage des Gegenübers einzuschätzen ist. Treibt besagte Freundin gerne Spielchen und hatte das Bedürfnis sich mal wieder wichtig zu machen? Oder steckt sie in einer momentanen Krise und hofft durch guten Zuspruch vielleicht wieder etwas Halt zu bekommen? Oder hat sie vielleicht gar eine ernsthafte psychische Störung, wodurch ein solches Verhalten zur alltäglichen Normalität dazugehört?

    Die Gründe dieses Verhaltens können sehr unterschiedlich sein. Woher soll man also wissen was in dieser Person wirklich vor sich geht? Nicht immer wenn man sich verarscht fühlt, steckte da eine gezielte Absicht dahinter. Oft sind die Dinge einfach anders als sie scheinen, weil man nicht dazu in der Lage ist sich ein richtiges Bild davon zu machen. Es ist typisch, dass die Kommunikation und das Verständnis zwischen verhaltensauffälligen Typen und gesunden Menschen gestört ist und dass Ignoranz, fehlende Empathie und falsche Grundannahmen oft auf beiden Seiten auftreten.

    Dazu noch ein paar weitere Ansätze: Mir fällt gerade das Thema mit den Selbstmordankündigungen ein. Da man nicht wissen kann wie ernst der betreffenden Person diese Ankündigung ist, sollte man sie generell immer ernst nehmen. Droht ein labiler Mensch allerdings öfter mit Suizid, etwa um auf sich aufmerksam zu machen oder um Mitmenschen damit emotional unter Druck zu setzen, dann führt das dazu, dass man ihn irgendwann nicht mehr ernst nimmt oder dass man Selbstmordansagen gegenüber ganz allgemein eine abgeklärte Haltung einnimmt. Möglicherweise auch dann, wenn sie irgendwann mal ernst gemeint sind.

    Weiter zu beachten ist die Unterschiedlichkeit wie sich seelische Probleme verbal und durch entsprechende Verhaltensweisen äußern. Wer beispielsweise ein schlechtes Selbstwertgefühl hat, muss nicht zwangsläufig mitteilungsfreudig sein und anderen Menschen damit pausenlos auf die Nerven gehen. Es ist aber wahrscheinlich, dass sich diese Haltung im Auftreten der betreffenden Person widerspiegelt und sie dementsprechenden Reaktionen der Umwelt ausgesetzt ist oder in besonderen Situation sogar darauf angesprochen wird. Ob die Person dann tatsächlich das Bedürfnis hat darüber zu sprechen, ist wieder von Fall zu Fall verschieden.

    Ähnlich ist es mit dem Selbstmitleid. Man kann sich selbst leid tun, wenn man in einer für sich schlechten oder auswegslosen Situation steckt. Deshalb muss man noch lange nicht diese Haltung in übertriebener Form nach Außen tragen. Schon allein aus Eigenschutz sollte man dies nicht tun, da es in der Gesellschaft eben nicht gut ankommt. Da gilt das Motto, dass die Situation durch das Selbstmitleid nicht verbessert wird, was ja im Grunde auch zutreffend ist.

    Andererseits kommt Selbstmitleid zumindest meiner persönlichen Meinung nach einer Art Seelenreinigung gleich. Der Druck, der sich innerlich durch die gedankliche Auseinandersetzung mit der belastenden Situation aufgebaut hat, wird dadurch wieder etwas entleert, in dem man sich selbst bedauert. Ein ähnlicher Effekt tritt ein wenn man weint. Ebenfalls wird dadurch ein innerer Druck abgebaut, der durch Trauer, Schmerz oder Verzweiflung entsteht. Mit dem Unterscheid, dass dabei eben auch eine körperliche Reaktion stattfindet.

    Vor noch nicht all zu langer Zeit (und teilweise auch heute noch) war es gesellschaftlich verpönt zu weinen, weil es ein Zeichen von Schwäche ist und weil man der Meinung war, dass es an der Ursache sowieso nichts ändert. Das mag zwar zum Teil richtig sein, aber dennoch übersah man den Nutzen, den es für die Seele mit sich bringt. Mit dem Thema Selbstmitleid geht man auch heute noch ähnlich kritisch um. Aber nur weil es die Gesellschaft missbilligt, muss es ja nicht schlecht sein, so lange man es nicht übertreibt und sich pausenlos selbst bemitleidet. Manchmal liegen die Dinge nur einfach anders als sie uns vorgelebt werden.

    Ebenfalls macht es einen Unterschied ob die Auswirkungen einer psychischen Erkrankung einen eher introvertierten oder extrovertierten Verlauf haben. Gesellschaftlich macht es einen großen Unterschied ob jemand bewusst oder unbewusst seine Leiden nach Außen trägt oder sie in sich vergräbt. Selbst dann wenn die Leiden in etwa gleich stark ausgeprägt sind, können sie im Ausmaß ihrer Stärke völlig unterschiedlich wahrgenommen werden.

    Da gibt es Personen, die mit einer ganzen Palette von auffälligen Störungen wie Bulimie, Borderline, Manien und Hyperaktivität durchs Leben gehen und dabei ständig Konflikte mit sich und ihrer Umwelt austragen. Die aber trotz ihrer augenscheinlichen Problemen ein gesellschaftliches Leben führen, von einer Beziehung in die nächste gehen und sich stets darum bemühen einer beruflichen Tätigkeit nachzugehen.

    Hingegen gibt es jene Exemplare die so still und in sich gekehrt sind, dass sie höchstens durch ihre Unauffälligkeit auffallen und alle Probleme in sich hineinfressen. Die aufgrund ihrer Persönlichkeitsstörungen eine innerliche Lähmung erfahren, die es ihnen unmöglich macht am gesellschaftlichen und beruflichen Leben teilzunehmen.

    Obwohl beide Typen mit unterschiedlich ausgeprägten Extremen vielleicht gleichermaßen unter ihrer Situation leiden, werden sie von der Gesellschaft unterschiedlich wahrgenommen und ungleich behandelt. Man gesteht dem ersten Typus seine Probleme eher zu als dem zweiten, weil er auffällig ist. Die Wahrnehmung der Umwelt trägt stark zu deren Urteil bei.

    All diese Beispiele zeigen auf, dass die Vielschichtigkeit eine Urteilung schwierig bis unmöglich machen.

    Um noch mal auf den Punkt zurück zu kommen. Durch die Aussage

    hat deine ablehnende Haltung natürlich eine positive Note erhalten, weil du den Ausnahmefall ausklammerst. Nur kommt dabei eben die Frage auf, wie man beurteilen will, ob und wann ein solcher Fall vorliegt oder nicht.

    Hättest du diesen Punkt allerdings nicht nachträglich noch zur Sprache gebracht, dann hättest du möglicherweise dazu beigetragen, dass ein schwer depressiver Leser mit schlechtem Selbstwertgefühl, sich aufgrund deiner Meinungsäußerung einmal mehr selbst zerfleischt hätte.
     
    #8
    Maxx, 18 Juli 2006
  9. cooky
    cooky (36)
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    vergeben und glücklich
    Was du da geschrieben hast, stimmt schon. Es gibt verschiedene Ausprägungen und Grade von solchen Störungen.
    Aber um nochmal auf deine Ausgangsfrage zurück zu kommen:

    Um die guten Seiten einer Person kennenzulernen, muss man auch die Person einigermaßen kennen. Bei Depressiven ist da aber ein Unterschied, ob sie im Freundeskreis oder in der Familie sind - da kennt man sie schon länger und besser und liebt sie mehr oder weniger bedingungslos und ist auch bereit, einen so schwierigen Weg mitzugehen.
    Aber jemanden kennenzulernen, der sich isoliert und verschanzt, ist ausgesprochen schwierig. Und es belastet, weil es Kraft kostet, sich auf eine Beziehung oder Freundschaft mit jemandem einzulassen, der psychische Probleme hat. Und diese Kraft hat nunmal nicht jeder.

    Ich maße mir mal an, dass ich das kann. Ich hab beides mehrfach erlebt und meine, dass ich das unterscheiden kann.
     
    #9
    cooky, 19 Juli 2006

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