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Ultralang: Die Ärztin mit den blauen Augen - oder: Woher bekomme ich Zyankalie?

Dieses Thema im Forum "Kummerkasten" wurde erstellt von Platsch, 5 Mai 2007.

  1. Platsch
    Platsch (29)
    Verbringt hier viel Zeit
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    Single
    Die letzten zwei Jahre meines Lebens, erzählt als Geschichte. Sie ist ultralang geworden. Ich musste sie aufschreiben, um nicht zu platzen.


    Mir ist ganz schwindelig.

    Ich habe seit 1. Mai eine eigene Wohnung. Meine erste eigene. Ein Zimmer, Küche, Bad, Keller. Insgesamt knapp 60 Quadratmeter, frisch renoviert, neue Badewanne, neue Einbauküche. Ein kleiner Balkon. Das Haus wurde Ende der 60er Jahre gebaut, 5 Stockwerke mit Fahrstuhl, ich wohne im 1. Stock über einer Kneipe mit Blick auf irgendein hochgesichertes Gebäude gegenüber. Was es ist, muss ich noch rausfinden. Auf der anderen Seite schaue ich auf einen Innenhof und ein City-Parkhaus. Ich wohne direkt in der City. Seit gestern habe ich einen eigenen Telefonanschluss und sogar DSL. Die Wohnung kostet knapp 320 Euro, wird vom Sozialamt bezahlt. Ich habe mir alles schön eingerichtet, fühle mich hier wohl.

    Vor zwei Jahren im Sommer habe ich das Gymnasium mit Mittlerer Reife verlassen. Kurz zuvor bescheinigte man mir einen IQ von 127. Man könnte denken, er reiche für die gymnasiale Oberstufe aus, aber ich habe es nicht gepackt. Chancen hatte ich genug, Mitschüler und Mitschülerinnen, die sich quasi aufgedrängt haben, um mit mir zu lernen. Lehrer, die über vieles hinweggesehen haben, die mich mit durchgezogen haben, die sich individuell um mich bemüht haben, soweit das im Schulalltag möglich ist. Eine Ehrenrunde habe ich gedreht, nach einem Zeugnis mit einer Drei, zwei Vieren, einer Sechs und dem Rest Fünfer. Es ist nicht so, dass mir das Lernen schwer gefallen ist, vieles habe ich vom einfachen Zuhören oder Durchlesen verstanden und behalten. Sondern ich habe nicht die Ruhe gefunden, mich auf den Hosenboden zu setzen, um die Dinge zu lernen, die man eben nicht einfach so behält (zum Beispiel Vokabeln) oder um schriftliche Hausarbeiten zu erledigen und Referate auszuarbeiten. Ich habe es einfach nicht geschafft.

    Mir ist ganz schwindelig.

    Was ich beruflich machen will, weiß ich nicht. Seit zwei Jahren mache ich für 150 Euro im Monat Praktikum in einer Behindertenwerkstatt, in der Autoteile zusammengeschraubt werden. Ich bin das "Mädchen für Alles" in einer Gruppe mit 12 geistig behinderten Menschen. Seit zwei Jahren versuche ich herauszufinden, ob ich mein Abi nachmachen soll und irgendwas in dem Bereich studieren sollte. Oder ob ich mich mit meiner Mittleren Reife auf einen Ausbildungsplatz zum Heilerzieher bewerben soll. Ich kann mich nicht entscheiden. Es gibt glücklicherweise auch keinen, der mir die Entscheidung abnimmt, und so werde ich dort wohl in fünf Jahren immernoch Praktikum machen, wenn ich nicht zwischenzeitlich vom Blitz getroffen werde.

    Nebenbei schreibe ich Artikel für ein recht auflagenstarkes Stadtmagazin. Nicht regelmäßig, nicht zu bestimmten Themen, keine Reportagen; sondern meistens fiktive geschichten, die in unserer Stadt spielen, aber irgendeinen Bezug zu realen Ereignissen oder dem lokalen politischen Geschehen haben. Diese Tätigkeit macht mir Spaß, sie setzt mich nicht unter Druck, sie ist ideal. Leider kann man davon nicht leben. Es gibt kein Geld dafür. Aber Anerkennung: Schon einige Male wurde ich mit Foto in der Zeitung, zweimal auch schon in der Lokalpresse vorgestellt. Unbekannte Leute auf der Straße nicken mir zu und grüßen mich, im Bus oder an der Ampel sprechen mich hin und wieder Menschen an, vorwiegend ältere. Es hat aber auch einen Nachteil: Man muss immer damit rechnen, beobachtet oder zumindest gesehen zu werden.

    Mir ist ganz schwindelig.

    Bis vor einer Woche war ich obdachlos. Alles, was mir gehörte, war bei meinen Eltern im Keller eingelagert oder auf dem Sperrmüll gelandet. Ich schlief in einem Männerwohnheim der katholischen Kirche mit sieben onanierenden Ferkeln in einer Bude. Das Zimmer hatte vier Etagenbetten, einen Vorhang und ansonsten nur Fliesen und neben der Tür ein Waschbecken. Zum Duschen bin ich mit dem Geld, das mir das Sozialamt täglich zur Verfügung stellte, in ein Schwimmbad gefahren. Da ich keinen Alkohol trinke, blieb genug Kohle übrig, um einmal am Tag eine Currywurst mit Pommes oder ein Stück Pizza auf die Hand zu essen. Viel mehr brauchte ich nicht. Sicher hätte ich das nicht Jahre lang so durchgehalten, aber die wenigen Wochen habe ich es überlebt.

    Meine Obdachlosigkeit war eine mit staatlichen Mitteln finanzierte Pferdekur. Offiziell bewilligt auf Vorschlag von drei Sozialarbeitern. Unterstützt (oder zumindest gebilligt) von meiner Familie, meinen Eltern. Nur wenn ich ganz tief fallen würde, würde ich mir darüber bewusst werden, dass ich mein Leben besser in die Hand nehmen muss. Dass ich lernen muss, Verantwortung zu übernehmen. Dass ich mich um mich selbst kümmern muss. Das habe ich in den 18 Monaten davor nicht geschafft. Dort hatte ich alle Chancen dazu bekommen, in einer (ebenfalls staatlich finanzierten) ziemlich teuren sozialtherapeutischen Wohneinrichtung. Mit einem eigenen Sozialarbeiter an meiner Seite, mit einem Einzelzimmer, mit einer intensiven Psychotherapie. Ich habe auf der ganzen Linie versagt. Meine Freunde haben sich von mir abgewendet.

    Mir ist ganz schwindelig.

    Es hat nichts genützt, dem Team dort vorzumachen, dass ich mitarbeiten würde. Es hat nichts genützt, für jeden Rückfall, für jedes nicht erreichte Ziel eine Ausrede zu finden. Anfangs ja, später nein. Mein Körper hat mich stets verraten. Wie ein Indikator hat er meinem Gegenüber angezeigt, ob ich Fortschritte in der Therapie gemacht habe - oder eben nicht. 18 Monate hat man sich täglich angesehen, wie die Fortschritte ausblieben, wie ich stattdessen eher Rückschritte machte, dann hat man mich von einem Tag auf den nächsten rausgeworfen. Therapie beendet, Kostenträger zahlt nicht mehr. Und dabei wäre es so einfach gewesen.

    Mein Ziel war so dicht vor Augen: Nur wenige Meter. Nur wenige Meter hätte ich geradeaus gehen müssen auf einer Linie, ohne zu torkeln, ohne zu schwanken, ohne hinzufallen. Aber ich habe auf der ganzen Linie versagt. Ich bin hingefallen, habe mich sogar an der Schulter verletzt. Das war das Ende: "Der Patient ist für einen sozialtherapeutischen Behandlungsansatz nicht zugänglich." 18 Monate lang hatten wir versucht, die Empfehlung eines erfahrenen Professors umzusetzen, der mich davor zwei Mal, einmal drei und einmal sieben Monate stationär im Krankenhaus behandelt hatte. Sozialtherapie als einzigen Ausweg aus meiner psychischen Erkrankung, die schwere körperliche Symptome hervorruft. Ich habe auf der ganzen Linie versagt.

    Mir ist ganz schwindelig.

    Sogar richtig schwindelig. Betrunken habe ich mich stets gefühlt, volltrunken in letzter Zeit. Dabei habe ich noch nie einen Tropfen Alkohol angerührt. Trotzdem torkel ich wie ein Betrunkener, falle hin, habe Mühe, mich wieder aufzurichten. Nicht selten lässt mich die Polizei pusten, wenn ich schon wieder irgendwo gestürzt bin. 0,0 Promille. Staunen. "Waren Sie schonmal beim Arzt?" Ja, war ich. Alles durchgecheckt, keine körperliche Ursache. Die Ohren (Gleichgewicht) sind okay, Gehirn und Rückenmark ebenfalls. Stoffwechsel-Erkrankungen scheiden auch aus. Es ist etwas psychisches. Es ist ein Aufschrei meiner Seele, der sich durch körperliche Symptome äußert. Ich fühle mich eingeengt, weiß keine Richtung, kann keinen Weg gerade gehen. Genau das zeigt sich sehr anschaulich in den körperlichen Symptomen, dieser so genannten "Konversion" oder auch "Somatoforme Dissoziation". Ich leide.

    Der einzige Ausweg aus diesem Leiden war die Sozialtherapie. Ich habe ihn vermasselt. Meine Familie hat dem sowieso keine Chancen eingeräumt, aber mehr, weil dort niemand eine Antenne für psychische Erkrankungen hat. Wenn man krank ist, wird man operiert oder schluckt ein paar Pillen, aber solche Leute wie ich gehören auf die Couch oder brauchen mal jemanden, der sich einige Wochen mit dem Knüppel hinter sie stellt und jedes Mal zuschlägt, wenn sie aufhören zu arbeiten. Dieses Rumgeseiher von irgendwelchen Psychologen und Pädagogen, die sich gegenseitig Puderzucker in den Arsch blasen, kann niemanden gesund machen. Originalton meines Vaters, der mich auch gerne mal mit Füßen getreten hat, wenn ich gestürzt bin und am Boden lag.

    Mir ist ganz schwindelig.

    Vor zwei Wochen war ich beim Arzt. Eine junge Allgemeinmedizinerin mit nagelneuer Praxis, allerhöchstens Mitte 30, keinen Doktortitel, aber sehr nett. Einfach nur nett. Ich war morgens dort, weil ich mich mit einer Bronchitis angesteckt hatte. Ich kannte sie vorher nicht, bin spontan zu ihr hingegangen (und nicht zu meinem langjährigen Hausarzt, zu dem auch meine Eltern gehen und der meine ganze Geschichte schon seit Jahren mitmacht), weil mir ihr Vorname gefiel, der draußen mit auf dem Praxisschild stand. Ich hatte einfach keinen Bock mehr auf den alten Knacker, der mich sowieso nicht ernst nimmt.

    Meine Erkrankung ist nicht zu übersehen. Als sie hörte, dass ich zudem obdachlos bin, bat sie mich, zum letzten Nachmittagstermin wiederzukommen. Da habe sie etwas mehr Zeit. Die Sprechstundenhilfe war mittlerweile schon gegangen, es war halb acht, als sie mir immernoch zuhörte. Sie hörte nur zu. Sie fragte hin und wieder etwas, aber im wesentlichen hörte sie nur zu. Sie schrieb nicht mit. Sie hatte strahlend blaue Augen, ein Blau, wie ich es vorher noch nie gesehen hatte. Unbeschreiblich schön. Nein, ich bin nicht in sie verknallt, dafür wäre sie auch viel zu alt. Aber trotzdem hatte sie schöne Augen.

    Mir ist ganz schwindelig.

    Ich musste mich auf die Liege legen und einige Übungen machen. "Richten Sie sich mal auf." Sie versuchte einige Male, mich im Sitzen umzuschubsen. Ich sollte mir meinen Arm vor mein Gesicht halten und ihn von ihr nicht wegziehen lassen. Plötzlich rutschte sie ab und durch meinen eigenen Gegendruck schlug ich mir mit der Hand ins Gesicht. Sie hat sich mehrmals entschuldigt. Naja, sie ist noch neu, da kann das passieren. Ich dachte: Wenigstens hat sie mir zugehört, wenigstens hat sie mich verstanden, wenigstens akzeptiert sie mich. Mehr will ich gar nicht. Sie sagte, sie wolle sich mit jemandem besprechen, ob ich am nächsten Nachmittag wiederkommen könne. Aber sicher, als Obdachloser hat man ja nicht viel vor und bei meinem Dauer-Praktikum kann ich mir meine Zeit relativ frei einteilen. Und ob ich damit einverstanden wäre, wenn sie sich in der Zwischenzeit die Berichte von meinem ehemaligen Hausarzt kopiert. Nein, warum auch, ich habe ja nichts zu verbergen.

    Ich kam wieder. Die Berichte waren da, sie musste entweder selbst dort vorbeigegangen sein oder jemanden geschickt haben, denn es waren nicht mal 24 Stunden vergangen. Sie habe mit jemandem gesprochen, dem sie mich gerne vorstellen würde. Man habe eines versäumt: Auf bestimmte, vererbbare Erkrankungen des zentralen Nervensystems zu testen. Bei mir fehlen einige Reflexe in den Füßen, und das passe nur schlecht zu meiner psychischen Erkrankung. Sie würde das gerne abklären, einmal Blut abnehmen reiche dafür aus. Ich müsste das direkt in jener Klinik machen lassen, in der das Blut auch untersucht werden würde. Einen Überweisungsschein bekomme ich mit, man wisse dort Bescheid. 14 Tage musste ich auf das Ergebnis warten.

    Mir war ganz schwindelig.

    Nach 14 Tagen stand fest, dass diese ganze Psycho-Geschichte überhaupt nicht zutrifft. Es war nicht die Seele, die meinen Körper ins Torkeln gebracht hat, sondern ein Abbauprozess im Rückenmark. Eine recht seltene Erkrankung, bei der das Rückenmark von unten nach oben über Jahre abgebaut wird. Das gleiche findet im Kleinhirn statt, was wiederum auch das Getorkel begründet (Alkohol betäubt ja auch das Kleinhirn, das ja für die Koordination zuständig ist). Ich sage nicht, wie das Ding heißt, ich möchte es nicht. Ich habe mir im Internet mehrere Beschreibungen heruntergeladen und alle sind sich einig: Es beginnt zwischen 10 und 20, Rollstuhl zwischen 15 und 30 (je nach Erkrankungsbeginn), Tod zwischen 35 und 50. "Im letzten Stadium besteht ein ausgeprägtes körperliches Siechtum." Und: Es gibt keine Medikamente, die diesen Prozess stoppen.

    Der Gentest, der gemacht wurde, lässt keine Zweifel zu. Sein Ergebnis passt außerdem zu den körperlichen Symptomen. Ich habe seit vier Tagen keinen Kontakt mehr zu anderen Menschen gehabt. Ein bißchen Leitungswasser getrunken, Toastbrot mit Nutella gegessen, nicht geduscht, keine Haare gewaschen, nicht draußen gewesen. Der einzige Anruf kam von einer Computerstimme, die mir mitteilte, dass meine Telefonleitung geschaltet ist. Ich werde jetzt duschen gehen, mich rasieren, Haare waschen, Zähne putzen und dann ein paar Lebensmittel einkaufen. Und dann mal meine Fenster putzen.

    Mir ist nicht mehr schwindelig.


    Vielleicht hilft mir das ja, über einige Fragen nachzudenken. Zum Beispiel die: Hilft mir jemand auf meinem künftigen Lebensweg? War dieser Schritt zu der Ärztin mit den schönen blauen Augen ein erster Schritt in die richtige Richtung? Zumal sie auch diejenige war, die dafür gesorgt hat, dass ich sofort eine Wohnung bekomme. Zwei Anrufe, ein Attest, schon durfte ich mir acht leerstehende Wohnungen angucken. Ja, war das ein Schritt in die richtige Richtung und hilft mir jemand auf meinem künftigen Lebensweg? Oder werde ich weiterhin nur der Spielball irgendwelcher Vollidioten sein, die dafür bezahlt werden, dass sie mich quälen?

    Werde ich Freunde finden, die mich akzeptieren, obwohl ich so eine Krankheit in meinem Körper habe? Werden die zu mir halten, wenn ich mir nicht mehr selbst helfen kann, gepflegt werden muss und sterben werde? Gibt es einen Weg, das letzte Stadium meiner Erkrankung zu überspringen, indem ich rechtzeitig die durch Inge Meisel berühmt gewordene Zyankalikapsel einnehme? Woher bekomme ich sie und wie merke ich, dass der Zeitpunkt der richtige ist?

    Lohnt es sich, noch einen Beruf zu erlernen, für die Zeit, in der es mir noch gut geht? Oder soll ich mir den Stress nicht antun und heute mit dem beginnen, was mir Spaß macht? Habe ich überhaupt eine Chance, einen Beruf zu erlernen und eine Arbeit zu bekommen, denn meine Krankheit ist ja für jeden deutlich sichtbar? Soll ich der Ärztin mit den wunderschönen blauen Augen dankbar sein dafür, dass sie mich von der Ungewissheit und dem Schwebezustand erlöst hat? Darf ich sie dafür umarmen? Oder muss ich sie gar hassen, weil sie mir eröffnet hat, was mir in den nächsten Jahren blühen wird?

    Darf ich meinen Eltern und meiner Familie einfach das alles vorenthalten, zumindest in diesem Moment? Habe ich ein Recht, keinen Bock auf diesen Haufen zu haben, ihm nicht zu erzählen, wo ich wohne, ihm nicht zu erzählen, was herausgefunden wurde - vor allem aus Angst davor, dass man mich wieder nicht ernst nehmen wird und mir wieder weh tun wird? Darf ich wütend sein auf die Therapeuten, die mich 18 Monate lang behandelt haben wie einer, der 1 und 1 nicht zusammenaddiert bekommt?

    Nun sag nicht, Du hast meinen ganzen Müll bis hierhin gelesen. Respekt. Weißt Du eine Antwort auf meine Fragen?
     
    #1
    Platsch, 5 Mai 2007
  2. Chimaira25w
    Verbringt hier viel Zeit
    911
    101
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    nicht angegeben


    Das wird dir zumindest helfen, wieder auf die Beine zu kommen um neuen Mut zu fassen. Höre nie auf zu glauben!!
    [/QUOTE]

    Das wird vielleicht schwieriger als für andere aber ich denke schon. Mit der richtigen Hilfe, kann man das schaffen.


    Auf die Frage ob du es deinen Eltern sagen sollst oder nicht kann ich nur eines sagen: Das musst du selbst entscheiden. In gewisser Weise haben sie ein Recht drauf, andererseits auch nicht.

    Zu dem Thema, wenn Ärzte einem ein Ultimatum stellen, kann ich nur sagen: Darauf würde ich mich nie verlassen. Nur Gott kann entscheiden wann es Zeit ist für dich zu gehen. Prognosen aufzustellen, ist Zeitverschwendung und meiner Meinung nach destruktiv. Trotz allem, wünsche ich dir alles Gute und viel Kraft! :smile:
     
    #2
    Chimaira25w, 5 Mai 2007
  3. User 20976
    (be)sticht mit Gefühl
    13.614
    398
    2.055
    vergeben und glücklich
    ich habs gelesen. antworten hab ich nicht wirklich. aber ich hab den gedanken, dass es einfach scheiße ist, eine seltene krankheit zu haben - die selbst von fachärzten ncht unbedingt erkannt wird. dass du sauer bist auf therapeuten und ärzte, verstehe ich. auch wenn ärzte eben einfach nicht alles kennen können. und ggf. wird dann eben ein psychomatisches ding vermutet... in anderem ausmaße wurde bei mir in einem orthopädischem bereich auch mal ne fehldiagnose gestellt in meiner kindheit, was mir große operationen und folgeschäden verursacht hat. aber es ist nicht so "tragisch", ist also nicht "lebensbedrohend", nur schmerzhaft.

    du hast jetzt eine diagnose und kennst die wahrscheinliche entwicklung. was machst du damit? jetzt schon resignieren? frühzeitig deinen abgang aus der welt planen? oder gibts für dich wege, doch aus deinem leben was gutes zu machen? du bist nicht dumm, du hast wohl auch ne kreative begabung und kannst mit sprache umgehen. was willst du mit deinem leben tun? was denkst du, wolltest du tun, wärst du physisch gesund? ich denke, dass man nach kenntnis einer solchen diagnose mit nicht gerade berauschender prognose für sein leben zeit benötigt, die konsequenzen zu begreifen und auch herauszufinden, wie man mit der krankheit umgeht.

    der neffe einer cousine von mir hat multiple sklerose, er ist im selben jahr wie ich geboren und somit 31 jahre alt. die diagnose kennt er seit über zehn jahren. MS kann sehr verschieden verlaufen; bislang hatte j. keine sehr schweren schübe, aber das kann eben jederzeit kommen. zu anfang hatte er keine lust, überhaupt über job und zukunft nachzudenken, da er ja nicht wusste, wie lange er überhaupt halbwegs gut laufen und leben kann.
    irgendwann hat er dann so gehandelt, als hätte er MS nicht - hat studiert und dergleichen, chancen genutzt, die sich ihm boten, und versucht, sein leben nicht von der MS-diagnose beherrschen zu lassen.

    ich weiß nicht, wie ich mich verhielte.

    ich denke, ich wär wohl zu neugierig, was ich noch alles erleben kann, und würd deswegen einstweilen weiterleben wollen. keine ahnung, wie ich auf lähmung und ähnliches reagierte, ob ich mein leben dann noch als lebenswert ansähe oder nicht. ich würd wohl abwarten und schaun, wie ich klarkomme.

    vielleicht wär ich nach so einer diagnose aber auch völlig verzweifelt und kurz vorm durchdrehen.

    hast du denn jetzt leute, die dich beraten? gibts selbsthilfegruppen für menschen mit deiner krankheit? könnte helfen, von anderen zu hören, die auch damit klarkommen müssen.
     
    #3
    User 20976, 5 Mai 2007
  4. Neptun
    Verbringt hier viel Zeit
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    Single
    Off-Topic:
    Zyankalikapseln wirst du niemals kriegen. Der Stoff ist alles andere als angenehm. Dann lieber Dignitas oder Exit.....
     
    #4
    Neptun, 5 Mai 2007
  5. Dunsti
    Dunsti (39)
    Verbringt hier viel Zeit
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    vergeben und glücklich
    Hallo Platsch,

    eine unglaubliche Geschichte, die Du da erzählst. Habe ich das richtig verstanden, man hat Dich wegen Koordinationsstörungen zehn Monate in der Psychiatrie behandelt, weil man dachte, es sei psychosomatisch, hat Dich dann eineinhalb Jahre in einer sozialtherapeutischen Einrichtung untergebracht, wo sich die Krankheit natürlich auch nicht besserte, um Dich dann, wegen Wirkungslosigkeit dieser Therapie, in die Obdachlosigkeit zu entlassen? Das schlägt jawohl dem Fass den Boden aus. :kopfschue

    Und auch nicht der Patient ist "für einen sozialtherapeutischen Behandlungsansatz nicht zugänglich", sondern die Krankheit. Aber auf die Idee ist wohl keiner gekommen. :kopfschue :kopfschue

    Einen Vorteil mag das alles gehabt haben: Du wirst in den letzten Tagen und Wochen gemerkt haben, dass Du die Regie über Dein Leben niemals aus der Hand geben darfst. Denn dann wirst Du mitunter wirklich zum Spielball. Und da auf dieser Welt genügend Vollidioten rumlaufen, lässt sich leider nicht ausschließen, dass Du zum Spielball von Vollidioten wirst. Wichtig ist: Egal, welche Hilfe Du brauchst, Du (und nur Du) bist derjenige (und der einzige), der darüber Regie führt.

    Ich denke schon, dass Du Freunde finden wirst. Es gibt Menschen, die andere nicht an ihrer körperlichen Leistungsfähigkeit oder am koordinierten Gang messen, sondern für die andere Werte zählen. An die musst Du Dich halten. :zwinker:

    An Zyankali wirst Du in Deutschland nur sehr schwer drankommen. Es wurde auch schon mehrfach gesagt, es ist kein schöner Tod. Wenn es Dir wichtig ist, über das Thema intensiv nachzudenken, empfehle ich Dir, Dich mit der "Gesellschaft für Humanes Sterben" in Verbindung zu setzen. Über diese Gesellschaft wirst Du über kurz oder lang auch erfahren, welche Alternativen es zur Zyankali-Pille gibt. Den richtigen Zeitpunkt für Deinen Freitod kannst nur Du selbst bestimmen. Ich halte Dich für intelligent genug, trotz schwieriger Gesamtumstände sorgsam mit Deinem Leben umzugehen und klar zwischen schwierigen Lebensabschnitten und dem offenbar bevorstehenden unerträglichen Lebensabend unterscheiden zu können.

    Was Deine Fragen zum Beruf angehen, so wäre meine persönliche Empfehlung an Dich, möglichst schnell eine anspruchsvolle Berufsausbildung abzuschließen. Dabei unterstützt Dich auch das Arbeitsamt. Mit der abgeschlossenen Berufsausbildung hast Du in vielen Bereichen (gerade auch in Verbindung mit Deiner schweren Erkrankung) die Möglichkeit, quer in Hochschul-Studiengänge einzusteigen. Dieser Weg bietet gegenüber der anderen Möglichkeit, erst das Abi nachzumachen und dann gleich zu studieren, den Vorteil, dass während der Ausbildung Rentenbeiträge eingezahlt werden. Sollte Deine Krankheit während des Studiums so weit fortschreiten, dass Du gar nicht mehr arbeiten kannst, stehst Du finanziell deutlich besser da. Außerdem könntest Du dann stundenweise in Deinem erlernten Beruf arbeiten - eine stundenweise Ausbildung bzw. ein stundenweises Studium hingegen wird kaum möglich sein. Das alles wird man Dir aber auf dem Arbeitsamt erklären können.

    Ich denke schon, dass Du der Ärztin dankbar sein kannst. Sie hat nicht zu verantworten, dass Du Jahre lang falsch behandelt wurdest. Wäre es Dir lieber, sie hätte ihren Verdacht und das Ergebnis der Untersuchung für sich behalten und Dich weiter auf der psychosomatischen Schiene behandelt? Mich haben auch schon Patienten umarmt, ich denke, wenn Du ihr sagst, dass Du ihr sehr dankbar bist und sie am liebsten umarmen würdest, wirst Du an ihrer Reaktion merken, ob sie das will oder ob das besser dabei bleibt, dass Du das einmal zum Ausdruck gebracht hast. :smile:

    Seit Deiner Volljährigkeit musst Du mit Deinen Eltern eigentlich gar keinen Kontakt mehr haben, wenn Du das nicht möchtest. Dein Vater hat Dich wirklich mit Füßen getreten, wenn Du hingefallen bist? Es ist unfassbar. :eek:

    Vielleicht ziehst Du irgendwann mal in eine andere Stadt und fängst ein neues Leben an. Wo Du keinen kennst, wo Dich keiner kennt. Wo Du eine neue Chance bekommst. Vielleicht schaffst Du es aber auch, dort, wo Du jetzt wohnst, ein neues Leben zu beginnen.

    Der Vorschlag mit der Selbsthilfegruppe ist sicher gut. Darüber hinaus empfehle ich Dir einen Behindertensportverein. Nein, keine Kriegsversehrten, die auf ihren amputierten Stümpfen über den Hallenboden rutschen und sich dabei Bälle zupassen, kein Kreis aus älteren Damen, die im Schwimmbecken die Styropor-Nudeln schwingen, sondern Menschen in Deinem Alter, die sich in verschiedensten Sportarten messen und Spaß haben. Ganz sicher triffst Du dort Menschen, die Dich ernst nehmen, die Dich nicht an Deiner körperlichen Gesundheit messen und die möglicherweise schon ab morgen neue Freunde sein können.

    Ich wünsche Dir viel Kraft.
     
    #5
    Dunsti, 5 Mai 2007
  6. tierchen
    tierchen (31)
    Verbringt hier viel Zeit
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    0
    vergeben und glücklich
    Hallo Platsch,

    ich hab deinen ganzen Beitrag gelesen, aber leider hab ich auch keine Antworten auf deine Fragen. Ich kann verstehen dass es dir nicht gut geht zur Zeit. Aber bitte verliere nicht die Lebenslust (auch wenn es dir jetzt die einzige Lösung sein scheint). Du hast ja immer noch ein ganzes Leben vor dir. Und Lebenserwartung von bis zu 50 Jahren - hey, das ist ja nicht schlecht. Es kann ja auch kein gesunder Mensch darauf vertrauen dass er bis 80-90 leben wird - man kann morgen von einem Auto überfahren werden oder sonst was. Mach was aus deinem Leben! Du sagst, du schreibst gerne Artikel. Geh vllt diesen Weg weiter! Dein Posting war sehr angenehm zu Lesen, ich kann mir vorstellen dass die geschichten, die du schreibst, mindestens genauso interessant geschrieben sind. Such dir irgendwas in die Richtung, hast du schon mal dran gedacht, vllt mal n Roman zu schreiben oder so?

    Nimm zudem Kontakt zu Leuten auf, die das gleiche Schicksal haben wie du (wie Dunsti bereits vorgeschlagen hat). Da fällt es bestimmt auch um einiges leichter, mit dieser Bürde den Lebensweg weiter zu gehen.
    Und richtige Freunde sind eh die, die mit dir nicht nur die Freuden des Lebens teilen, sondern auch in schwierigen zeiten dir zur Seite stellen. Solche Menschen gibt es durchaus. Du wirst echte Freunde finden!

    Ich wünsche dir auf jeden fall alles Gute auf deinem weiteren lebensweg. Nur Mut! Lebe den heutigen Tag und denk nicht an die schwere zeit, die dir vllt bevorsteht. Bis dahin sind es noch ganz viele Tage!
     
    #6
    tierchen, 5 Mai 2007

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