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Unterschiede Rationalismus/Empirismus

Dieses Thema im Forum "Off-Topic-Location" wurde erstellt von Linguist, 1 Januar 2009.

  1. Linguist
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    vergeben und glücklich
    Ich beschäftige mich im Rahmen eines Referates gerade mit der französischen Revolution und bin auf die oben genannten Begriffe gestoßen. Leider kann ich noch nicht ganz nachvollziehen, wo denn jetzt genau der Unterschied zwischen diesen beiden Philosophien liegt. Der Empirismus leitet alle Definitionen und Schlußfolgerungen von Sinneswahrnehmungen ab, der Rationalismus hingegen nimmt die Vernunft als Grundlage. Aber wo ist der Unterschied? Die Vernunft bildet sich doch gerade aus Sinneswahrnehmungen und sich daraus ergebenden Erfahrungen. Wie soll der Rationalist denn überhaupt eine Grundlage für seine Schlußfolgerungen bilden, wenn er die Richtigkeit der Sinnenswahrnehmungen verneint. Wir stehen doch durch unsere Sinne mit der Umwelt im Kontakt, ohne könnten wir doch garkeine eigenen Erfahrungen erleben, weiterentwickeln und selber Definitionen aufstellen.

    Kann jemand die Trennlinie schärfer ziehen?:smile:

    Linguist
     
    #1
    Linguist, 1 Januar 2009
  2. happy&sad
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    nicht angegeben
    Dein 'Problem' besteht darin, dass du davon ausgehst, dass der Verstand/ die Vernunft durch Sinneswahrnehmung gebildet wird. ;-)
    Von deinem Alltagsverstand musst du in der Philosophie zeitweise Abstand nehmen um verschiedene Thesen begreifen zu können.

    Ich versuche es mal kurz zu formulieren in der Hoffnung dich ein wenig weiter bringen zu können.

    Beim Empirismus geht man davon aus, dass Erkenntnis aus Sinneswahrnehmung entsteht. Alles was du siehst, hörst, schmeckst etc. löst bei dir eine Erkenntnis aus, "Dort ist etwas, es hört sich so und so an und schmeckt so und so".

    Beim Rationalismus geht man davon aus, dass Erkenntnis aus dem Verstand entsteht. Dieser ist (je nach Ausprägung der empiristischen Richtung) weitgehend unabhängig von Sinnesdaten.
    Gut erkennen lässt sich das an den Schriften von René Descartes. Er hat in einem Gedankenexperiment 'bewiesen', dass er existiert, weil er denkt (besser bekannt als "Ich denke, also bin ich"). Er verlässt sich bei dieser Folgerung auf seinen Verstand, nicht auf seine Sinneswahrnehmung.

    Im Empirismus erkennst du, dass du existierst daran (wenn ich das Beispiel der eigenen Existenz aufgreife), dass du in den Spiegel schaust und dich siehst. Dass du deinen Körper spürst etc.
    Im Rationalismus (nach Descartes) gehst du davon aus, dass alles, was deine Sinneswahrnehmungen dir zeigen falsch sein könnte. Du könntest zum Beispiel träumen, dass du jemand anderes bist, wärst es aber gar nicht. Oder dass du am Strand liegst, obwohl das nicht stimmt. Du gehst auch davon aus, dass evtl. ein 'Böser Täuschergott' deine Sinne verwirrt. Dass sozusagen ein Dämon dir vorspielt, du würdest gerade zuhause vor dem PC sitzen obwohl das gar nicht stimmt.
    Nach Descartes ist das einzige, auf das man sich wirklich verlassen kann der Gedanke, den man gerade jetzt denkt. Denn niemand kann dir vortäuschen, dass du denkst. Daraus, dass man denkt, könnt man dann ableiten, dass man existiert, denn nur etwas das existiert kann denken.

    Ein Problem beim Empirismus sind Sinnestäuschungen. Wenn du eine Oase in der Wüste siehst müsste sie eigentlich wirklich dort sein, immerhin siehst du sie. Aber es kann auch eine Fata Morgana sein. Auch Träume sind umstritten. Wenn du nicht weißt, dass du träumst (und das geht vielen während des Träumens so) müsste alles, was du wahrnimmst wahr sein. Selbst wenn du weißt, dass du träumst siehst du im Traum etwas. Eine Sinneswahrnehmung die dich täuscht.

    Ein Problem beim Rationalismus besteht daraus, dass du (wenn du extremer Rationalist bist), nicht viel mehr beweisen kannst, als dass du existierst (und selbst das ist umstritten, denn es gibt Varianten in denen du nicht einmal das 'beweisen' kannst).

    Ich hoffe, ich habe es dir ein wenig verdeutlichen können ;-).
    Wenn du dich noch weiter im Internet informieren möchtest, dann such doch mal nach Descartes 'Meditationen' (Bücher ua. über Rationalismus) oder nach Locke 'tabula rasa' (eine These des Empirismus). Das sind (mit anderen natürlich) die bekanntesten Vertreter der jeweiligen Richtung.

    -EDIT - Noch einmal überarbeitet
     
    #2
    happy&sad, 1 Januar 2009
  3. Linguist
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    vergeben und glücklich
    Ich blicke langsam dahinter, aber der Rationalismus ist für meine Begriffe dann völlig überflüssig. Ein Rationalist wäre doch garnicht in der Lage, verschiedene Gedankengänge miteinander zu verknüpfen, da nur der aktuelle Gedanke laut Descartes wirklich "vertrauenswürdig" ist. Greife ich auf Gedanken zurück, über die ich vor dem aktuellen Gedanken grübelte, so kann ich ja garnicht sicher gehen, dass diese nicht von einem "Täuschergott" manipuliert wurden.

    Seh ich das richtig?

    Linguist :smile:
     
    #3
    Linguist, 1 Januar 2009
  4. happy&sad
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    nicht angegeben
    Stimmt. Als radikaler Rationalist müsstest du auch einräumen, dass die Welt evt. erst vor einer Sekunde von einem Täuschergott erschaffen wurde und das all deine Erinnerungen und vorherigen Gedanken nur von in dein Gedächtnis gepflanzt wurden.

    Bei den Meisten philosophischen Richtungen sind die extremen Gedankengänge und Folgerungen aber eigentlich nur Gedankenspiele.
    Zum Beispiel um Probleme bei einer Richtung sichtbarer zu machen, die man sonst übersieht. Überspitzungen sozusagen.
    Es gibt kaum jemanden, der einen solch radikalen Rationalismus vertritt (zumindest habe ich davon noch nie gehört). Selbst Descartes war nicht so radikal wie man es zuerst denken mag. Sein Gedankenexperiment war nur seine Basis auf der aufbauend er seine These begründete. Er selbst war nie wirklich der Meinung, dass es diesen bösen Täuschergott wirklich geben würde ('Methodischer Zweifel' nennt sich das => Zweifeln nicht, weil man wirklich zweifelt sondern um seine These auf Lücken zu prüfen).
    Auch radikaler Empirismus stößt natürlich an seine Grenzen. Ein radikaler Empirist könnte über nichts urteilen, dass reines abstraktes Denken verlangt sondern nur über seine Sinneseindrücke. Wenn man es als Empirist wirklich gaaaanz eng sieht könnte man nicht einmal voraussagen, dass man irgendwann stirbt. Man dürfte nämlich nicht davon, dass andere Menschen sterben, auf sich selbst schließen, weil man es bei sich selbst immerhin noch nie beobachtet hat und einem die notwendigen Sinneseindrücke darüber fehlen. Verallgemeinerungen gelten beim radikalen Empirismus nicht ;-). Mit anderen Worten: Du kannst keinerlei Aussagen über die Zukunft treffen.

    Die Mischung machts. Einige Philosophen sind eher empirisch angehaucht, andere eher rational, wieder andere bevorzugen eine andere Färbung (es gibt ja nicht nur die beiden Postionen).
    Aber nur eine Richtung wird (fast) nie vertreten.
     
    #4
    happy&sad, 1 Januar 2009
  5. spätzünder
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    Als studierter Philosoph kann ich dir folgende Antwort geben: Der Rationalismus negiert ja keineswegs Sinneserfahrungen. Er behauptet lediglich, dass die Begriffe, die wir benutzen, aus einer sogenannten Vernunft kommen, aus der heraus wir dann unsere Umgebung interpretieren und beurteilen. Die Wahrheit lässt sich sozusagen aus unserem logischen Denken ableiten. Der Empirismus dagegen meint, dass unsere Erkenntnis induktiv, also von einzelnen Sinneserfahrungen hin zu Gesamturteilen, abläuft. Für den Empirismus ist unser Verstand nichts von der Empirie Abgehobenes, sondern die Synthese unserer Sinneseindrücke. Der Rationalismus dagegen geht von der Deduktion der Erkenntnis aus.
     
    #5
    spätzünder, 2 Januar 2009
  6. Linguist
    Linguist (26)
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    Dann ist purer Rationalismus genauso gefährlich wie Empirismus. Schließlich können mir bei der Deduktion ständig Denkfehler unterlaufen die mich zu einer falschen Schlußfolgerung führen. Ich muss also in einem gewissen Maße von Sinneswahrnehmungen ableiten, da ich ansonsten nicht überprüfen kann, ob die entwickelten Definitionen richtig sind. Wenn ich erst die Masse eines Klumpen Steins ausrechne, sollte ich diesen anschließend auch mal in die Hand nehmen, um mein Ergebnis zu überprüfen. Oder?
     
    #6
    Linguist, 3 Januar 2009

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