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Verfallen

Dieses Thema im Forum "Geschichten, Gedichte und Nachdenkliches" wurde erstellt von Shiny Flame, 4 Juni 2008.

  1. Shiny Flame
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    Ich stehe mit geschlossenen Augen und lausche. Langsam bewegen sich meine Arme nach oben, zur Decke, zum Kabel, an dem immer noch keine Lampe hängt, langsam beginnen meine Hüften zu kreisen, meine Brüste zu schwingen, langsam nimmt mein Körper den Beat auf und biegt sich, schwingt leicht hin und her. Die Musik ist ein Klangteppich, der sich durch mich hindurchwebt, der mich erfüllt, meinen Körper übernimmt und meine Gedanken langsam durch Arme und Füße aus mir herausfließen lässt.

    Für eine winzige Sekunde bin ich frei von Dir, frei von all den Gedanken, die mich sonst immer quälen. Jetzt beherrscht der Rhythmus meinen Körper, gibt mir die sanften Bewegungen vor, die mir Erfüllung schenken. Mein Herz fliegt auf den Flügeln der sanften, rauchigen Stimme der Sängerin, deren Schmerz sich mit dem Reißen in meinem Inneren mischt und die Grenze zwischen beidem aufhebt. Wie in der Hingabe an Dich biege ich meinen Kopf nach hinten und wieder nach vorne, doch das verführerische Aufbäumen meiner Brüste wird niemand sehen. Ich sehne mich umsonst nach dir.

    Aber ganz schnell zieht sich mein Herz wieder in jähem Schmerz zusammen, mein Körper krümmt sich, ohne auf den Rhythmus der Musik zu achten. Aieeee! Wie soll ich das nur aushalten? Warum nur bist du irgendwo da draußen, aber ohne mich? Warum darf eine andere dich am Wochenende küssen, dort, wo es alle sehen, und ich bin verdammt zum Schicksal der heimlichen Geliebten?

    Wütend zwinge ich mich in eine Verrenkung, einen Schritt nach hinten zu machen, mit einer Hand den Boden zu berühren und den Rücken und Hals voll Hingabe durchzubiegen. Dann tut es halt weh. Dann schmerzt es halt. Wenn ich den Schmerz unterdrücke, verkrampft mein Körper zu sehr und ich kann nicht mehr tanzen. Nein, da ist es besser, mit jeder Faser meines Tanzes davon zu erzählen, wie sehr ich leide; mit meinem ganzen Wesen nur noch Schmerz und Sehnsucht zu sein. Mein Arm dreht sich wie eine Schlange zu meinem Sofa und mein Kopf biegt sich nach hinten, eine grausame Spannung liegt in meinem Körper.

    Heute abend sehe ich dich wieder. Ich hasse mich, ich hasse dich! Meine Haare sind noch feucht von der Dusche, das Lockenspray beginnt langsam, sie beim Trocknen in sexy Kringel zu verwandeln. Wieder werde ich dich fragen, warum du mit deiner Freundin noch zusammen bist, wenn du doch angeblich mich liebst und nicht sie? Wieder werde ich in wahnwitziger Hoffnung auf deine Wort lauschen, meinen Stolz aufgeben und mir einreden, dass du die Wahrheit sagst. Dass du wirklich bald Schluss machen wirst.

    Dieser Schmerz in mir! Dieser Schmerz über all die Lüge, über meine Dummheit! Ich durchschaue dich, ich durchschaue mich, aber ich finde keinen Ausweg aus diesem Labyrinth. Ich könnte jederzeit damit aufhören, vielleicht sogar heute abend. Ich habe es sogar schon drei mal geschafft. Das letzte Mal bin ich sogar einen Monat stark geblieben.

    Entsetzt über meine Hörigkeit, meine Hilflosigkeit bäume ich mich auf, schnelle meinen Körper ungeschickt nach oben und breche zusammen. Der Versuch, zu entkommen ist nur eine hilflose tänzerische Pose, die genau wie im richtigen Leben mit einer süßen Niederlage endet. Hingegossen liege ich halb auf dem Rücken, eine tröstende Hand wandert über meine linke Brust, meine Taille, meine Hüfte, meinen Hintern. Immer wieder streichele ich mich sanft und winde mich dabei auf dem Boden hin und her. Ich könnte jederzeit damit aufhören! Jederzeit!

    Wieder spüre ich deine Hände auf meinem Körper, den Blick deiner Augen. Wie soll ich dir jemals entkommen? Mein Körper gehört dir, das weißt du längst, und mein Herz ist auch nicht besser. Wenn ich davon singe, wie ich mich sehne und wie unglücklich ich bin, dann verfällst du nur wieder dem Klang meiner rauchigen Stimme, und wenn ich meinen Kopf einschalte, dann merke ich nur wieder, in wievieler Hinsicht wir ein vollkommenes Paar abgeben würden, wenn du denn nur zu mir stehen könntest. Nur tust du es nicht.

    Wieder einmal werde ich vergeblich gegen dich ankämpfen, heute abend. Einen Monat haben wir uns nicht gesehen, einen Monat hatte ich Zeit, das Feuer in mir unerträglich zum Brennen zu bringen. Selbst der Schmerz, der Schmerz darüber, belogen und verschaukelt zu werden, mit meiner Liebe zu einer bloßen Gespielin degradiert zu werden, der Schmerz, der so unerträglich wehtut, dass ich ihn sofort wieder vergessen werde, wenn er abgeflaut ist - selbst dieser Schmerz wird meine Lust noch einmal erhöhen, wenn wir uns wieder sehen. Denn dann muss ich eine Zeitlang nicht daran denken, kann eine Zeitlang in deinen Augen baden und meinen Körper der wohligen Verzückung verlieren, dich tief in mir aufzunehmen.

    Oh, vielleicht schaffe ich es heute sogar ausnahmsweise, das Thema deiner Freundin anzusprechen. Vielleicht schaffe ich es sogar endlich einmal, das Thema ruhig und halbwegs sachlich anzugehen. Dich den Schmerz in meinen Augen sehen zu lassen, wo du doch immer behauptest, du möchtest ihr nicht mehr als nötig wehtun. Vielleicht schaffe ich es, dir endlich mal nicht all meine Liebe zu geben, sondern auch so etwas wie Würde zu zeigen und endlich einmal zu fordern, dass du mich als Mensch behandelst.

    Hah! Das glaube ich doch selber nicht. Ich liege auf dem Boden und winde mich hin und her, eine stolze, selbstbewusste, intelligente Frau mit abgeschlossenem Studium, ersten Erfolgen als Schriftstellerin, Mitbegründerin einer neuen philosophischen Richtung, die in all meine künftigen Texte mit einfließen wird, ich habe schon zwei Bilder verkauft und weitere Auftragsarbeiten bekommen. Ich winde mich hin und her, spüre die Härte des Laminates und kann an nichts anderes denken als eine andere Art von Härte, die ich in mir spüren möchte, langsam, tief, bedächtig, während andere Hände als meine eigenen an meinen Brüsten spielen sollen und meine Augen sich vor Lust verschleiern.

    Pah! Ich werde es noch nicht mal schaffen, meine Sorgen, meine Trauer, meinen Schmerz auch nur zu erwähnen, das sehe ich jetzt schon. Es ist unglaublich demütigend für mich, aber selbst diese Demütigung und der Kampf dagegen steigern noch die Lust und das Verlangen nach diesem Mann. Wenn ich ihn sehen werde, werden meine Augen strahlen, mein Mund sich öffnen und feucht schimmern, mein Herz klopfen und ich werde ihm gehören. Wie immer. Für immer.

    Es gibt keinen Ausweg.
     
    #1
    Shiny Flame, 4 Juni 2008
  2. Rhea
    Gast
    0
    hmmm sehr schön erzählt...
    Off-Topic:
    wenn ich fragen darf, welche sängerin hast du denn da in gedanken gehabt? :schuechte
     
    #2
    Rhea, 4 Juni 2008
  3. Shiny Flame
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    Es ist ein Dark-Electro-Song gewesen... Also die Richtung... von einer riesengroßen MP3-CD, die mein bester Freund mit gebrannt hat.


    Für die, die es interessiert, wie es mit und nach dem Treffen weiterging:

    "Wo wir vorhin in der Diskussion über Lenin auf das Thema Macht kamen... Darauf, dass immer irgendjemand Alpha-Männchen sein will und es einfach in der menschlichen Natur liegt, nach Macht zu streben... Nun, du hast Macht über mich, ist das nicht schön? (An der Stelle zuckte er ziemlich zusammen)

    Du behandelst mich hier als Zweitfrau, obwohl du weißt, dass ich dich liebe und mehr will als das. Ich lasse mir das gefallen, und du könntest mich noch viel mieser behandeln als das, ich würde immer noch verliebt in dich bleiben. (leicht zynischer Tonfall...) Du hast auf meiner Würde rumgetrampelt und ich habe mitgespielt, du hast es vielleicht noch nicht einmal gemerkt, aber genau das hast du getan.

    Und soll ich dir was sagen? Wenn du mir nicht mehr als das geben wirst, dann werde ich weiter mitspielen. Ich werde weiter darauf warten, dass sich bei dir irgendetwas ändert, du wirst weiterhin in meinem Herzen bleiben. Du bedeutest mir einfach so viel, dass ich mir das alles gefallen lasse, nur um überhaupt irgendwie in deiner Nähe zu sein. Ist das nicht angenehm für dich? Ist das nicht die ultimative Macht für dich?"

    Mann, hat der geguckt, den Abend... Vor allem, als ich ihm dann noch sagte, dass ich jetzt gerne raus mit ihm an den Fluss möchte, vögeln unter freiem Himmel...

    Wollte er nicht. Meinte: "Du bedeutest mir mehr als nur das, und wenn wir jetzt an den Fluss gehen, dann fühlst du dich hinterher traurig, und das will ich nicht! Dafür bedeutest du mir zu viel!" Aber er hat nicht allzu viel Widerstand geleistet, als ich unsere Schritte vom Café dann doch zum Fluss gelenkt habe.

    Es sind Dinge, die man so nicht ins Gesicht sagt, normalerweise. Normalerweise sagt man "Ach, passt schon, ist schon okay, ich komm klar" und heimlich denkt man "Wenn ich doch bloß von ihm loskommen könnte" oder "Wenn er sich doch bloß endlich für mich entscheiden könnte". Das, was ich da gesagt hatte, war tatsächlich die Wahrheit, denn es sind genau die Dinge, die ablaufen. Man macht in so einer Situation weiter - fast so, als ob all die leidvollen Gefühle, die man schon durchgemacht hat, dadurch im Nachhinein irgendwie gerechtfertigt werden könnten.

    Die Wahrheit ist eine sehr mächtige, sehr scharfe Waffe. Besonders, wenn man sie so ruhig und beinahe sachlich ausspricht wie ich es an dem Abend getan hatte.

    ***

    Nach diesem Abend Sex am Fluss (und der war guuuuuuut) habe ich dann gedacht, wenn du jetzt mit der Wahrheit angefangen hast, dann mach auch weiter - und als ich zwei Tage später Stress mit meiner Mutter hatte, habe ich ihn angerufen. Nicht rangegangen. Hab ihm dann ne SMS geschrieben: Mir gehts nicht gut, kannst du heute abend treffen?" Die Antwort war ein kurzes "Nö, geht nicht, bin in Berlin." Sonst nix. Kein Anruf, kein Garnix.

    Die Wahrheit ist, dass ich höchstwahrscheinlich wieder ankommen werde, wenn er mich anruft. Höchstwahrscheinlich werde ich es tun. Höchstwahrscheinlich hat er diese Macht über mich. Was nützt es mir, zu leben, wenn ich mich selbst über meine eigenen Schwächen belüge?

    Aber es ist doch interessant, dass ich am WE nach diesem Gespräch zum ersten Mal wieder mit einem anderen Mann flirten und dabei ehrliches Interesse empfinden konnte...
     
    #3
    Shiny Flame, 18 Juni 2008

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