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Vom Tod

Dieses Thema im Forum "Geschichten, Gedichte und Nachdenkliches" wurde erstellt von User 13029, 27 September 2005.

  1. User 13029
    Verbringt hier viel Zeit
    2.014
    121
    0
    Es ist kompliziert
    Am schlimmsten war dieses Gelaber vom Pfarrer. Nicht genug damit, dass du deine Freundin zu Grabe tragen mußt. Nein, vorher schwafelt dir noch einer ewig lange vor, was für ein toller Mensch sie war, wer sie alles schätzte, wie positiv sie immer dachte, wie sehr sie für andere da war und so weiter.

    Er kannte sie gar nicht. Er holte nur irgendwelche Floskeln aus seinem Beerdigungs-Pauschalfundus hervor, setzte die Satzfragmente zusammen und laberte mir was vor.

    Daß Tanja der Mensch auf Erden war, der mit einem Blick die Welt anhalten konnte, erwähnte er nicht. Er erwähnte auch nicht, dass sie der Liebling der Nachbarskinder war... mit ihrer liebevollen, offenen und zarten Art.
    Er erwähnte nicht die zahllosen Nächte unter Sternen in klirrender Kälte, nicht das Händchenhalten am Strand von Sylt, nicht das erste Liebe machen auf dem Rücksitz, nicht das wohlige Gefühl von Wärme, das mich überkam, wenn ich nach der Arbeit die Haustür öffnete und mich ihr verliebtes Lächeln überfuhr. Auch nicht die Streits, die wir hatten, bei denen wir uns gegenseitig mit Tupperware bewarfen, und uns zehn Minuten später heulend in den Armen lagen.

    Für ihn war das Ganze schon abgehakt, als er mir auf die Schulter klopfte und meinte, Gott habe es so gewollt, das Leben gehe weiter, kommense zu mir, wennse Probleme haben.

    Danke, tschüss, wiedersehen, wieder eine Standardprozedur durchgeführt, bei der die Namen austauschbar bleiben.

    Abschied nehmen kannst du erst hinterher. Wenn der ganze Trauertroß weg ist. Wenn du alleine am Grab stehst. Nein, kniest. Wenn du auf die Erde über deiner toten Freundin weinst und dich fragst, warum das alles.

    Warum mußte sie ausgerechnet nach Arabien fliegen?
    Sie wollte abschalten. Schatz, hatte sie gesagt, der Job, der Streß... das alles wird mir zuviel. Ich muß weg. Ich will ne Woche weg von hier. Ich will den Kopf wieder frei haben.
    Ja, ich war überrascht. Und schweren Herzens habe ich sie ziehen lassen, denn Sorgen hab ich mir gemacht. Ich hab ihr die Erholung gegönnt. Aber ich hatte Sorge, dass sie nie zurückkommt.

    Und warum mußten diese scheiß Vögel ausgerechnet in die Triebwerke ihres Fluges rasen?
    Es gab einen Knall, beide Triebwerke gingen in Flammen auf, die Boeing rammte sich in den Boden.
    Übrig bleib nur Schrott.
    Beerdigen konnte ich nur eine Urne.

    Der Mensch, der mir morgens mit zärtlichen Küssen das Frühstück machte, der Mensch, der seinen Kopf beim Einschlafen schutzbedürftig auf meine Brust legte, der Mensch, der mich gegen seiner persönlichen Fasson zum Fußball begleitete, war tot.
    Nicht mehr da, einfach weg.
    Tanja war weg.
    Kein Lächeln mehr.
    Kein Gefühl von Wärme.
    Keine Tupperwareschlachten.

    Aber Gott hat es so gewollt, das Leben geht weiter, blafasel.

    Ich wollte nicht mehr. Lange hatte ich mit mir gerungen, ob ich mir die Pulsadern öffne oder einfach vom Fernsehturm hüpfe. Zwei Jahre lang.

    Nichts von alledem. Jedes Ende, sagte Mama immer, ist auch ein neuer Anfang.

    Also: Job kündigen und umziehen. Das sah so aus: Schluß machen mit dem alten Leben; Konto auflösen, Bett und Schrank in den LKW stopfen und den Rest der Bude aufn Sperrmüll.

    Tanja war aber immer da. Ich fand eine neue Stadt, eine neue Wohnung, einen neuen Beruf.
    Und trotzdem erinnerte mich so vieles an sie. Ich war 500 km weggezogen, und sie war irgendwie immer da.
    Ein Geist.
    Ich beschloß, mich abzulenken.

    Als ich das Ticket in der Hand hielt, steckte ich mein Portemonnaie mit einer schnellen Bewegung zurück in meine Gesäßtasche, steckte die Getränke-Wertkarte in die Hosentasche und bewegte mich ohne Umschweife zur Garderobe.

    Noch war nicht viel los.
    Ein paar Leute bevölkerten den Restaurantbereich.
    Auf den paar Fernsehern, die von der Decke hingen, wurde tonlos MTV übertragen. Cafè del mar-Musik düdelte aus den Speakern in den Wänden.
    Die Kellnerinnen putzten noch mal über die Gläser, an manchen Tischen saßen zwei Kumpels zum Plausch.

    Schnellen Schrittes erreichte ich die Garderobe.
    Keine Warteschlange. Ich gab meine Lederjacke an der Theke ab und packte das Garderobenmärkchen in mein Kleingeldfach.

    Es war fast elf Uhr, und irgendwie war in diesem Laden noch gar nichts los.
    Hinter dem Restaurantbereich lag die Chartsdisko. An ihr angeschlossen die Techno-Ecke, ein kleines Heavy-Metal-Areal und ein weiteres Restaurant.

    Ich setzte mich in der Chartsdisko an die Bar, lächelte der Kellnerin zu und bestellte einen Wodka.
    "Hi, alles klar?", begrüßte sie mich.
    "Alles bestens", erwiderte ich. "Noch nicht viel los hier, oder?"
    "Nee", entgegnete sie, "aber das kommt noch. Wir haben hier eine neue DJane, die wird die Männer verrückt machen."
    "Ich bin gespannt", lachte ich.

    Einfach nur vergessen.

    Die Zeit verging, der Wodka floß die Kehle herunter. Immer und immer wieder. Der Laden war irgendwann rappelvoll - genau wie ich.
    Mit meinem dicken Kopf tanzte ich unaufhörlich, um den Alkohol wieder auszuschwitzen. Ich hatte gar nicht realisiert, dass sich eben diese DJane schon hinter dem Mischpult in Position gebracht hatte.

    Zuerst dachte ich, der Suff spielt mir einen Streich.
    Doch dann sah sie mich auch.

    Es war Tanja.
    Die Nadel kratzte über die Platte, und die Musik brach abrupt ab.
     
    #1
    User 13029, 27 September 2005
  2. Fabian83
    Fabian83 (33)
    Verbringt hier viel Zeit
    242
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    0
    Single
    Wahnsinn, einfach nur Wahnsinn. Sehr schönd und ergreifend geschrieben.

    Darf ich fragen, ob was wahres hinter der Geschichte steckt?
     
    #2
    Fabian83, 27 September 2005
  3. Jenima
    Jenima (32)
    Verbringt hier viel Zeit
    126
    101
    0
    Single
    Gänsehaut! Zu mehr bin ich gerade nicht fähig!
     
    #3
    Jenima, 27 September 2005
  4. User 13029
    Verbringt hier viel Zeit Themenstarter
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    0
    Es ist kompliziert
    Nee, tuts nicht. War ne spontane Geburt.
    Ist aber wohl zu lang geraten - bin da jetzt selbst nicht so mit zufrieden. :grin:
     
    #4
    User 13029, 27 September 2005
  5. Fabian83
    Fabian83 (33)
    Verbringt hier viel Zeit
    242
    101
    0
    Single
    Wieso nicht damit zufrieden? Ich finds einfach nur gut!
     
    #5
    Fabian83, 27 September 2005
  6. User 13029
    Verbringt hier viel Zeit Themenstarter
    2.014
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    0
    Es ist kompliziert
    Weil ichs jetzt irgendwie zu lang finde. Hm. Aber okay, ich lass es mal so. Muß ja nicht jeder schlecht finden, nur weil er nix hier reinschreibt. :smile:
     
    #6
    User 13029, 27 September 2005
  7. KittyCat3
    Verbringt hier viel Zeit
    225
    103
    1
    in einer Beziehung
    Ich find die Geschichte ist echt toll geschreiben, aber für mich persönlich etwas zu klische (keinen blassen, wie das geschrieben wird) haft. Aber echt toll. (Darf ich dazu erwähnen ich liebe klisches :tongue:)
    Kitty
     
    #7
    KittyCat3, 28 September 2005
  8. süsse-maus
    Verbringt hier viel Zeit
    241
    101
    0
    vergeben und glücklich
    ich finde sie auch klasse, ok etwas lang aber dafür ausführlich und interessant.
     
    #8
    süsse-maus, 28 September 2005
  9. Jenima
    Jenima (32)
    Verbringt hier viel Zeit
    126
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    0
    Single
    Oft hör ich bei den langen schnell auf zu lesen, diesmal nicht, ich denk das ist sehr positiv...
     
    #9
    Jenima, 28 September 2005
  10. User 13029
    Verbringt hier viel Zeit Themenstarter
    2.014
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    Es ist kompliziert
    Wenn das kein Lob ist, dann weiß ich auch nicht mehr. :grin: :zwinker:
     
    #10
    User 13029, 4 Oktober 2005

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