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Warten

Dieses Thema im Forum "Geschichten, Gedichte und Nachdenkliches" wurde erstellt von opseri, 27 August 2007.

  1. opseri
    Verbringt hier viel Zeit
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    nicht angegeben
    Folgende Geschichte habe ich auch in meinem Blog veröffentlicht: http://opseri.wordpress.com/2007/08/27/warten/

    S´installer – sich niederlassen, sich einrichten oder auch sich einnisten. So steht es im Wörterbuch. Er denkt darüber nach, daß dieses Wort eigentlich auch im Deutschen gut seinen Zustand beschreiben könnte. Er hat sich im Sessel in einer Ecke seines Zimmers installiert. Das Wort trifft es. Zu seiner Rechten hat der den überquellenden Aschenbecher installiert, ein leeres und ein halbleeres Päckchen Zigaretten. Daneben ist eine Tasse inzwischen kalten Tees installiert. Auf seinem Schoß ein Zettel, auf den er vorhin ihren Namen geschrieben hat.
    Er hat die melancholischste CD, die er finden konnte, angestellt. Sie ist nicht einmal annähernd melancholisch genug. Wäre sie noch melancholischer, könnte er vielleicht weinen. Weinen würde die Sache möglicherweise erträglicher machen, menschlicher zumindest, aber er kann es nicht. Was würde sie in dieser Situation machen? Vermutlich würde sie weinen; vermutlich ist sie auch ein besserer Mensch als er.
    Sein Blick schweift durch das Zimmer. Vor zwei Tagen – oder waren es drei? - hatte er das dringende Bedürfnis verspürt, Ordnung in sein Leben zu bringen und mit der Wohnung anzufangen. Weiter als bis dahin, das halbe Mobiliar in der Mitte des Raums zusammenzuschieben, war er nicht gekommen. Seitdem steht der Eimer mit dem Putzwasser, schon lange so kalt wie der Tee, neben der Tür. Sein Anblick nötigt ihn im Vorbeigehen jedesmal zu dem Gedanken, daß er weitermachen müsse, vorwärtskommen im Leben, aber bisher hatte der Gedanke noch keine Handlungen zur Folge.
    Er verspürt Hunger, aber noch ist er nicht so unerträglich, daß nicht eine weitere Zigarette helfen würde.
    Inzwischen ist der Bildschirmschoner angegangen, und er sieht nicht mehr, ob neue Mails eintreffen. Später wird er aufstehen, um nachzusehen, ob sie geschrieben hat. Solange er raucht und die Musik noch spielt, geben die Gedanken wenigstens vorübergehend Ruhe. Was am meisten stört, ist, daß die Zigaretten langsam zur Neige gehen und er für ein neues Päckchen erst auf die Straße muß.
    Hin und wieder treffen Mails ein. Die meisten kann er sofort als gelesen markieren, den Rest später beantworten (sitzt vielleicht irgendwo jemand, der genauso auf eine Antwort von ihm wartet wie er von ihr? Er hat keine Lust, dieser Frage weiter nachzugehen).
    Mit seinen Terminen und Verpflichtungen ist er auf eine genauso einfache wie effektive Art umgegangen. Er hat das Wichtige vom Unwichtigen getrennt, das Unwichtige gestrichen und das Wichtige verschoben. Mit dem Wichtigen, was übriggeblieben ist, wird er später wieder auf dieselbe Art verfahren.
    Er steht auf, sucht Papier und Stift im Chaos seiner Wohnung, bemüht sich, Ordnung in das Chaos in seinem Kopf zu bringen. Dann schreibt er diese Zeilen, um sich vor dem Einschlafen daran erinnern zu können, daß er heute wenigstens eine Sache getan hat, die aus dem grauen Brei seines Lebens heraussticht. Sie wäre die einzige, die Farbe hineinbringen könnte. Darauf wird er hinterher weiter warten.
     
    #1
    opseri, 27 August 2007
  2. User 77157
    User 77157 (28)
    Verbringt hier viel Zeit
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    vergeben und glücklich
    sehr schön...

    dein schreibstil gefällt mir:smile: .
     
    #2
    User 77157, 28 August 2007
  3. Shiny Flame
    Beiträge füllen Bücher
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    Verlobt
    Mir gefällt es auch, sogar sehr. Daher, weil ich der Meinung bin, dass Deine Schreibe Potential hat, mache ich mir jetzt mal die Mühe, dir ein paar Ratschläge aus meiner eigenen Schreibpraxis zukommen zu lassen - bitte nimm das nicht als Niedermache, sondern als Kompliment, dass ich dir nämlich zutraue, noch deutlich mehr zu schaffen (ist nicht bei jedem so, dessen Texte mir gefallen :zwinker: ).

    Sehr gut ist der Anfang mit dem s'installer. Im Weiteren handelst du dieses "sich installieren" ab - da könnte noch ein bisschen mehr Wortspiel oder ähnliches rein.

    Ganz wichtig: Gib deinem Helden einen Namen und ein Aussehen, dass zu ihm, zu seinem Inneren und seinem Leben passt. Damit machst du es dem Leser viel leichter, sich in seine innere Situation reinzufühlen, und die Geschichte wird dichter dadurch. Auf deinem Level des Schreibens hast du es natürlich nicht mehr nötig, zu sagen: Der Held meiner Geschichte heißt Marcel und sieht so und so aus... Lass ihn z.B. mit sich selbst reden (innerer Monolog) und erwähne dabei seinen Namen und ein, zwei hervorstechende Merkmale, die ihn an sich selbst stören - z.B. Pickel, ein zu kleines Kinn, zu farblose Augen, was auch immer - so was passt in den Fluss deiner Geschichte. In anderen geschichten kann man den Charakter anders einführen.

    "Die melancholischte CD, die er finden konnte" brauch ebenfalls einen Namen. Nimm eine Fantasie-Band. Frag Freunde, was dir dazu einfällt. (Ich hab schon mal fünf Freunde parallel bei ICQ nach osteuropäischen Frauen- und Nachnamen gefragt, weil ich meine Geschichte dadurch glaubhafter machen wollte. Namen sind wichtig!). Oder lass es eine CD sein, die ein Freund/eine Freundin dem Helden in einer bestimmten Phase seines Lebens gebrannt und geschenkt hat. Egal was - die CD muss vor dem inneren Auge mehr Gestalt bekommen.

    Indem du die Er-Perspektive gewählt hast, hast du mehr Distanz zu dem Inneren deines Helden geschaffen. Das muss nicht schlecht sein, es sollte dir aber bewusst sein, dass du damit etwas anderes erreichst als mit der Ich-Perspektive.

    Da du die Gegenwartsform statt der Vergangenheitsform gewählt hast, wäre eine mögliche - nicht zwingende! - weitere Verbesserung, die Sätze mehr auseinander zu reißen. Damit würde der Vorgang des Denkens und die Unschlüssigkeit der aktuellen Situation dem Leser noch unmittelbarer deutlich.

    Beispiel:
    Hier machst du schöne ordentliche, zusammenhängende Sätze, die aus mehreren Nebensätzen zusammengesetzt sind und zusammenhängend wirken. Da entsteht beim Leser das GEfühl, dass der Inhalt auch schön ordentlich und zusammenhängend sein müsste - aber das ist er nicht! Der Held ist apathisch, antriebslos, denkt vielleicht noch über Zigaretten nach - und kann sich auf nichts konzentrieren als darauf, dass sie hoffentlihc irgendwann antwortet...

    Ich zeig dir mal, was ich meine, indem ich das ganze umschreibe - kein Anspruch auf Perfektion! Damit will ich auch nicht sagen, dass meins besser ist - sondern ich glaube, du hast literarisches Potential, aber noch unausgegoren, und ich will dir verschiedene Möglichkeiten zeigen, wie man das gleiche sagt und wie durch die ARt des Erzählens die Wirkung anders wird.

    Das ist jetzt nicht besser oder schlechter als dein Text - aber anders. Beobachte mal selbst, wie unterschiedlich die Wirkung von beiden Methoden ist. Wie du hier gesehen hast, bin ich durchaus in der Lage, in längeren, komplexen Sätzen zu schreiben, aber ich kann es an das anpassen, was ich schreiben will. Wenn du besser werden willst, beim Schreiben, dann muss die Form zum Inhalt passen.

    So, das war ne Menge. Ich hoffe, es war konstruktive Kritik und kein Verriss - aber du kannst mir glauben, dass ich bei jemand, dessen Texte mir zwar ans Herz gehen, aber die ganz eindeutig lediglich aus dem Herz kommen und nicht literarisch sind, mir diese ganze Mühe mit dem Schreiben nicht gemacht hätte.

    Off-Topic:
    Texte, die mir ans Herz gehen, haben übrigens auch was, die les ich auch gerne, ich will niemanden beleidigen! Und gute Geschichten interessieren mich immer, egal, wie sie erzählt sind!
     
    #3
    Shiny Flame, 6 September 2007
  4. opseri
    Verbringt hier viel Zeit Themenstarter
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    nicht angegeben
    Vielen Dank, Flame! Natürlich hätte ich die Geschichte nicht veröffentlicht, wenn ich nicht gewollt hätte, daß sie gelesen wird. Und daß sich jemand die Mühe macht, so ausführlich seine Gedanken dazu darzulegen, ist wahrscheinlich das beste, was mir damit passieren konnte!

    Wie Du schon erkannt hast, habe ich zwar Erfahrungen mit dem Schreiben, aber mit ganz anderen Texten - journalistischen und wissenschaftlichen. Diese Geschichte ist sehr spontan entstanden und war ein absolutes erstes Mal. Und sollte ich irgendwann mal wieder auf die Idee kommen, etwas ähnliches zu schreiben, dann sind Deine Hinweise auf jeden Fall hilfreich für mich!

    Daß der Geschichte mehr Details gut tun würden, ist sicherlich richtig. Mir ging es darum, einen Zustand so allgemein wie möglich zu beschreiben. Das muß kein Widerspruch zu Details sein, die die Symbolik unterstützen und dem Leser helfen, sich ein Bild zu machen - aber ich habe es schlicht und einfach nicht geschafft. Alles, was ich hätte machen können, wäre Details aus meinem eigenen Erfahrungsschatz hinzuzufügen, aber das hätte die Geschichte zweifellos vollkommen ruiniert, da dann jede Distanz zwischen Erzähler und Helden verlorengegangen wäre. Aber ich hoffe, auch in dieser Beziehung noch dazuzulernen.

    Da mich der Held interessiert und ich ihn glaube ich ganz gut kenne, denke ich natürlich darüber nach, was noch aus der Geschichte werden könnte. Wahrscheinlich würde es darauf hinauslaufen, die Vorgeschichte zu erzählen. Denn, so leid es mir auch für den Helden tut, scheint mir die Geschichte abgeschlossen zu sein: indem er vollkommen passiv ist und sein Schicksal von "ihr" abhängig macht, hat er sich in eine Sackgasse manövriert. Natürlich wird es irgendwie weitergehen mit ihm, aber das gehört dann schon nicht mehr zur Geschichte - oder was meinst Du dazu?
     
    #4
    opseri, 8 September 2007
  5. Shiny Flame
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    Verlobt
    Zu der Sache mit den details, wo du geschrieben hast, dass du sie mit Dingen aus deiner persönlichen Erfahrung ruinieren würdest - muss nicht sein, aber du hast natürlich recht, dasss dass nicht unbedingt sein muss. WEnn du vorhast, beim SChreiben dran zu bleiben, rate ich dir unbedingt, mit wachen Augen durch die welt zu gehen und ganz viel an anderen zu beobachten, was an ihnen interessant ist und was sie von anderen unterscheidet. Wie würde sich eine Naildesignerin von einem AUtomechaniker unterscheiden? Oder von einer Journalistin? Was davon sind STereotype, was nicht?

    Ich gehe immer so vor, bevor ich einen Charakter für eine gEschichte erschaffe, dass ich ihm einen Hintergrund mit einem Mindmap auf A3 gebe. Kleingeschrieben. Mindmap, die TEchnik kennst du sicher.

    Da fange ich an mit Name, Beruf, Aussehen, geb ihm/ihr einen familiären Hintergrunde, Freunde, Träume, Ziele, prägende Erfahrungen, Hobbys, LIeblingsfarben, -musik, eine Wohnung, politische Einstellungen, kleine GEheimnisse, Liebe, usw... - viel mehr, als ich nachher in der GEschichte verwende. Aber die Person bekommt dadurch deutlich mehr Leben.

    Ja, wie könnte man das ganze jetzt fortsetzen? Gib deinen Helden Konflikte, an denen er wachsen kann, innere und äußere Konflikte. Gibt ihm die Chance, reifer zu werden, sich zu verändern, sich weiter zu entwickeln. Sich zu entscheiden, Fehler zu machen, sich selbst in die SCheiße zu reiten und Versuche zu unternehmen, da wieder raus zu kommen.

    Du sagst, man könnte die Vorgeschichte erzählen. Richtig. DIr ist natürlich klar, dass du als Autor über die Vorgeschichte, die innerpsychischen aBläufe besser bescheid wissen musst als dein Held, aus dessen Perspektive du natürlich erzählst.

    Für das weitere Fortführen müsste ein Impuls von außen kommen, das ist eine weitere richtige Idee. Sei es von ihr, sei es von einer alten Freundin, sei es vom ARbeitgeber, der wissen will, warum er heute nicht zur Arbeit erschienen ist. Oder er erlebt irgendetwas beim Zigarettenholen, eine Schlägerei, ein hingefallenes Kind oder sonstwas, wo er entweder aktiv eingreift oder zum Nachdenken über seine Situation animiert wierd - wo er dann seine inneren Konflikte bewusster kriegt und vielleicht beschließt, für zwei Wochen urlaub auf Bali zu machen - oder eine Prostituierte aufzusuchen - oder sonst was, was ihn aus seiner Apathie rausreißt - oder - hey, das ist dein Job, nicht meiner! ^^

    um eine GEschichte voranzubringen, ist ein sehr gutes Rezept, dass der Held etwas tut, um einen Konflikt zu lösen (ohne Konflikte = langweilige Geschichte), und dass diese Lösung ihn in einen neuen Konflikt wirft, den er auch wieder löst etc - und dass er auf dieser REise seinem Ziel näher kommt und dann wieder ganz fies zurückgeworfen wird. Je nachdem, ob du einen Roman oder eine Kurzgeschichte schreiben willst, musst udu das natürlich anders aufziehen. Ein Roman beschreibt die langsame Entwicklung, eine Kurzgeschichte eine einschneidende Erkenntnis - das ist so meine persönliche Definition.

    und natürlich gehört es zu der GEschichte, wie es mit dem helden weiter geht. Er befindet sich in einer doofen Situation - das ist doch grade erst der Anfang! Und je klarer sein Bild vor meinen Augen wird und je mehr ich imich in ihn hineinversetzte, desto mehr wünsche ich mir doch, dass er in irgendeiner WEise Zufriedenheit finden kann! Erzähl mir, wie er es tut - das ist dein Job.
     
    #5
    Shiny Flame, 8 September 2007

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