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Wieder drauf reingefallen - ich könnte mir in den Arsch treten (lang)

Dieses Thema im Forum "Kummerkasten" wurde erstellt von Dunsti, 5 Dezember 2007.

  1. User 29904
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    #41
    Zuletzt bearbeitet: 22 Februar 2016
    User 29904, 7 Dezember 2007
  2. Roggenbrötchen
    Verbringt hier viel Zeit
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    vergeben und glücklich
    Ich surfe viel im Internet, aber ich lese meistens nur, was sich in Blogs und Foren alles abspielt. Ich mag nicht gerne schreiben. Deshalb lasse ich es meistens sein. Aber bei dieser Geschichte lese ich schon seit einigen Tagen mit und hier muss ich mich einfach zu Wort melden und habe mich auch extra registriert.

    Ich bin ein ganz einfacher Mensch. Ich habe nicht mal ein eigenes privates Auto. Ich bin geschieden und habe eine Tochter. Ich bin selbständig und betreibe eine eigene Bäckerei neben einem Kleinstadtbahnhof, mit einem Dutzend Angestellten. Für meine Buchhaltung bin ich zu blöd, Fremdsprachen kann ich auch nicht und beim Computer bin ich auch immer froh, wenn er das macht, was er soll. Nur in Deutsch war ich immer sehr gut. Das war (neben backen) ziemlich das einzige, was ich meiner Tochter beibringen konnte. Für mehr als Mittlere Reife (und die nur mit Ach und Krach und einer Ehrenrunde) hat es bei mir nicht gereicht.

    Ich habe davon geträumt, dass meine Tochter einmal heiratet und den Betrieb von mir und meiner Ex-Frau übernimmt. Damals war sie in dem Alter, in dem Dunsti den schrecklichen Unfall hatte. Damals hat meine Tochter sich entschieden, sie will auf das Gymnasium und studieren. Ich konnte ihr ab Klasse 7 beim Stoff nicht mehr helfen. Aber ich habe ihr beigestanden, in jeder Sekunde, in der sie mich gebraucht hat. Das ist kein dummer Spruch, es gab Tage, da hatten wir erst mittags frische Brötchen, weil meine Tochter mich brauchte. Soweit wie ich es konnte, habe ich sie unterstützt, auch wenn ich mit einigen ihrer Wünsche nicht einverstanden war.

    Einer dieser Wünsche war das Mitfahren auf dem Motorrad. Obwohl ihr Freund damals vorsichtig fuhr, gab es einen (ebenfalls völlig unverschuldeten) Unfall, bei dem meine Tochter ein Bein verloren hat. Eine 83-jährige Frau hatte eine Ampel übersehen und schleuderte in die beiden, als sie bei Rot standen. Der Freund hatte nur Knochenbrüche und eine Gehirnerschütterung.

    Das war ein schwerer Schlag für mich. Meine Tochter ein "Krüppel". Natürlich hätte ich es gerne anders und sie bestimmt auch. Aber selbst wenn sie auf der Intensivstation dahindämmern würde, würde ich sie lieb haben so doll wie es nur geht.

    Sie hat ihr Abitur geschafft. Darauf bin ich heute noch stolz. Sie hat studiert und das Studium abgeschlossen. Darauf bin ich noch viel stolzer. Sie arbeitet heute mit hirnverletzten Kindern und Jugendlichen. Zu dieser "Welt" habe ich absolut keinen Zugang. Das schreibe ich offen und ich schäme mich dafür. Aber es ist wirklich nicht meine Welt. Aber trotzdem behandele ich diese Menschen respektvoll wie jeden anderen Menschen, auch wenn ich nicht weiß, wie ich mich ihnen gegenüber verhalten soll.

    In keinem Moment würde ich auf die Idee kommen, das Leben und die Entscheidungen meiner Tochter anzuzweifeln. Ich würde mich nicht immer genauso entscheiden, das ist gewiss. Ich kann ihr auch nicht immer einen Rat geben. Aber ich kann sie lieben, und wenn sie zu mir kommt oder wir uns sehen, wird sie geliebt. Das weiß sie, und darum kommt sie jede Woche einmal zu mir. Auf diesen Besuch freue ich mich von der Minute an, wo wir uns verabschieden und sie aus dem Laden geht.

    In unser Ladengeschäft kommen täglich Dutzende behinderte Menschen. Der eine sieht nichts, der andere hört nichts, viele geistig behinderte Erwachsene aus einer Einrichtung sind dabei, auch viele alte, gebrechliche Kunden und auch mehrere Menschen im Rollstuhl, auch junge. Eine junge Frau kauft jeden Morgen ein belegtes Brötchen bei uns. Sie ist nur so groß wie ein 6-jähriges Kind und hat bei uns einen Sondertarif: Sie zahlt einmal am Monatsanfang 20 Euro ein und bekommt jeden Morgen ihr belegtes Brötchen (sie mag gekochten Schinken, Mettwurst, Putenbrust oder Gouda) schon fertig verpackt quasi im Vorbeifahren. Die Frau ist immer freundlich und gehört zu meinen besten Kunden. Obwohl ich große Berührungsängste habe, behandele ich jeden Menschen respektvoll. Wer das von meinen Angestellten nicht kapiert, wird respektvoll gefeuert. (Keine Sorge, bis heute habe ich noch niemandem selbst gekündigt.)

    Ich bin sehr stolz auf meine behinderte Tochter. Aber nicht wegen ihrer Behinderung, sondern trotz ihrer Behinderung.

    Es scheint mir als wenn Dunstis Eltern gar keine innerliche Verbindung mehr zu ihrer Tochter haben. Eine äußerliche, die aber durch einen Rollstuhl gestört wird. Äußerlichkeiten, die mir nur einmal mehr zeigen, dass nicht jeder perfekt sein kann. Ich kann keine Buchführung, andere können nicht laufen. Wenn man nicht laufen kann, kann man trotzdem eine gute Ärztin sein. Oder auch eine schlechte. Beides hängt ausschließlich von anderen Faktoren ab. Naja fast ausschließlich: Auf mich würde eine junge hübsche Ärztin im Rollstuhl 1000 Mal glaubwürdiger sein als ein alter Chefarzt mit Nikotinfingern, Knollennase und schiefen Zähnen (ein bißchen lasse ich mich eben doch von Äußerlichkeiten beeinflussen). Aber egal ob Mann oder Frau, behindert oder nicht: Wenn mein Kind einen Doktortitel verliehen bekommen würde, würde ich vor Freude die halbe Welt umarmen.

    Mehr kann ich dazu nicht schreiben. Es kann sein, dass das blöd klingt und eigentlich gar keine richtige Aussage in dem langen Text ist, aber das musste ich loswerden, es ist ehrlich und es kam von Herzen. Ich wünsche Dunsti viel Stärke.
     
    #42
    Roggenbrötchen, 8 Dezember 2007
  3. User 34625
    User 34625 (46)
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    in einer Beziehung
    Das klingt alles andere als blöd ... das ist eine der schönsten Beschreibungen, die ich seit langem gelesen habe :cry:
     
    #43
    User 34625, 8 Dezember 2007
  4. Die_Kleene
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    vergeben und glücklich
    Das wollte ich auch gerade schreuben, Ein toller Text, Roggenbrötchen!
     
    #44
    Die_Kleene, 8 Dezember 2007
  5. Augen|Blick
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    Bravo!
    Sowas ist immer schwer, aber Du handelst absolut richtig. Respekt dafür. Würde Dir auch empfehlen jeglichen Kontakt für unbestimmte Zeit abzubrechen.

    Meine Freundin hat ebenfalls Eltern, wo ich sehr milde ausgedrückt, sagen würde, sie sollten mir besser nicht begegnen. Wenn ihr Vater, ihr in ihrer Wohnung eine Ohrfeige geben würde, es würde mir sehr, sehr schwer fallen, da nicht auf ein extrem primitives Niveau abzugleiten. Dein Freund hat sich da gut im Griff. Denn Gewalt kann keine Lösung sein, man begibt sich damit ja genau auf das Niveau, welches man eigentlich verachtet.

    Und so befriedigend es wäre, Deinem Vater eins in die Fresse zu hauen, in dem Augenblick würde man sich nicht mehr von ihm unterscheiden. Und sowas würde ich dann doch um jeden Preis vermeiden wollen.

    Du tust jedenfalls das einzig richtige. Wünsch Dir viel Kraft und Stärke,
    LG
     
    #45
    Augen|Blick, 8 Dezember 2007
  6. Dunsti
    Dunsti (40)
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    vergeben und glücklich
    Ich hätte für alles Kraft, was mich oder einen anderen irgendwie weiter bringen würde. Und genau diese Tatsache, nämlich dass jeder noch so anstrengende Kontakt uns nicht einen Zentimeter weiter (näher) bringt, macht mich so kraftlos. Meine Mutter würde sagen: "Ich verstehe sie ja. Sie hat es halt nicht leicht mit ihrer Behinderung." Und dann könnte ich platzen, weil sie nichts verstanden hat. Es ist nicht die Behinderung, die es mir schwer macht. Sie sind diejenigen und ich kann es nicht leiden, wenn man mich nicht ernst nimmt und als Rechtfertigung dafür auch noch meine Behinderung und mein dadurch angeblich verschobenes Weltbild bemüht. So nach dem Motto: "Sie kann ja nichts dafür."

    Und mein Vater? Ich schreibe halt lieber ein Wort mehr als ein Wort zu wenig. Ich möchte gerne richtig verstanden werden, ich möchte gerne, dass Leute meine Entscheidungen verstehen und sich nicht missachtet fühlen. Aber mehr als drei Sätze würde mein Vater nicht lesen, dann wäre es für ihn "Geseier". Also müsste der Brief an ihn lauten: "Du hast hier Hausverbot, weil Du Dich nicht benehmen kannst. Halt Dich dran, sonst zeige ich Dich an. Ich meine es Ernst. Dunsti" Das ist nicht meine Art, zu reden, und da er es obendrein nicht Ernst nehmen würde, weil ich ihm gegenüber unverschämter wäre als mir aus seiner Sicht zustünde, habe ich diesen Spaß meiner Anwältin überlassen.

    Hätte ich auch nur den kleinsten Funken Hoffnung, dass sie einen Brief so verstehen würden, wie ich ihn meine, würde ich ihn sofort schreiben. Denn ihr Verständnis wäre ja ein erster Schritt in meine Richtung und der wäre ganz in meinem Sinne. Aber diese Hoffnung habe ich mittlerweile aufgegeben, folglich schreibe ich auch keinen Brief mehr.

    Wenn die Zweifel nicht wären, dass dieser Schritt nur noch alles wieder verschlimmert, würde ich mich schon jetzt sehr befreit und erleichtert fühlen. Aber ich traue dem Frieden noch nicht und im Moment bleibt ein sehr mulmiges Gefühl, eine Angst, vor dem, was in den nächsten Tagen und Wochen kommen könnte.

    So klar hat es bisher noch niemand formuliert. Ich denke, dass das sehr gut passt. Nur die nächste Frage, die ich mir stelle, wenn diese Theorie stimmt: Bin ich irgendwann auch mal schwierig genug? Würde es sich lohnen, ihnen gegenüber etwas unselbständiger zu sein? Hilfe zu brauchen? Nicht, dass ich das vor hätte, aber vielleicht wäre ihr Verhalten mit dieser Überlegung im Hinterkopf auf lange Sicht ja mal zu knacken!?

    Genau das ist es, was ich mir wünsche. So geliebt werden, wie ich in dem Moment gerade bin. Mit allen Schwächen, mit allen Stärken. Tu mir einen Gefallen und passe immer darauf auf, dass Du diese wertvolle Gabe niemals verlierst.

    Ich finde Berührungsängste völlig legitim. Und Du hast einen sehr häufig gemachten "Fehler" sehr genau beschrieben: Viele Leute kompensieren ihre eigene Unsicherheit mit Respektlosigkeit. Das fängt damit an, vermeintlich dumme Tiere zu ärgern, Mitschüler oder Kollegen zu mobben und hört damit auf, über Behinderte zu lästern, sie dumm anzumachen, vorzuführen oder gar zu ärgern. Nach dem Motto: Lieber durch Unsinn auffallen als gar nicht auffallen und die Show stehlen lassen. Die Opferrolle ist selten angenehm, so dass ich mir ein respektvolles Miteinander nicht oft genug wünschen kann.

    Ja, selbst zu ihrer Tochter nicht, muss man sagen. Dass sie sich anderswo auch mehr an Äußerlichkeiten als an den inneren Werten interessieren, wundert Dich vermutlich wenig.

    Es klingt ganz und gar nicht blöd und ich danke Dir sehr für diesen Beitrag!

    Er war zum Zeitpunkt der Ohrfeige draußen und hat Laub zusammen gefegt. Ich denke nicht, dass es zu einer Schlägerei eskaliert wäre, aber ich vermute, er hätte ihn sehr unsanft vor die Tür befördert. Und das hätte ich vom Niveau völlig angemessen und auch legitim gefunden.
     
    #46
    Dunsti, 9 Dezember 2007
  7. Aurinia
    Aurinia (33)
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    Das hast du wirklich sehr schön geschrieben. Deine Tochter kann sich sehr glücklich schätzen einen Vater wie dich zu haben.
     
    #47
    Aurinia, 9 Dezember 2007
  8. User 29904
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    #48
    Zuletzt bearbeitet: 22 Februar 2016
    User 29904, 9 Dezember 2007
  9. Q-Fireball
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    Ich äußer mich lieber nicht dazu, weil ich nicht viel von Frontalkurs gegen Eltern halte, zumindest wenn es nicht anderes geht.
    Darum habe ich nur ne Frage, hast du Dusti mal über eine Familientherapie nachgedacht?!
    Denn Rechtlich schritte kann man später immer noch durchführen.
     
    #49
    Q-Fireball, 10 Dezember 2007
  10. Verwirrter'85
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    Was würdest du denn an ihrer Stelle machen? Wenn du in der Situation gewesen wärst und man dich und deine Meinung völlig ignoriert hätte als wärst du noch ein 3Jähriges Kind?

    Sorry aber warum Familientherapie? In meinen Augen liegt das Problem derzeit nur bei dem Vater, Dunsti ist ja quasi nur in der Opferrolle, genauso wie die Mutter die sich ihrem Mann unterwirft, also sollte vielmehr er an eine Therapie denken als sie.

    Und wenn ich all das was Dunsti hier geschrieben hat berücksichtige denke ich das sie wohl kaum ihren Vater dazu bringen könnte bei einer Therapie mitzumachen, was wohl durch "zwangsteilnahme" und nicht wegen eigenem Verlangen eh kein Interesse hätte.
     
    #50
    Verwirrter'85, 10 Dezember 2007
  11. ::rush::
    ::rush:: (33)
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    Reich' 'ne einstweilige Ferfügung ein, dass sie sich dir bis zu einem gewissen Abstand nicht mehr nähern dürfen. Die geschilderten Zustände sind echt untragbar und - gerade in Hinblick auf die Beständigkeit, die sich in deinen vergangenen Threads abzeichnet - ist das Verhalten deiner Eltern echt das Letzte.
    Vielen bedeutet die Familie unendlich viel, aber nur weil man verwandt ist, muss man sich noch lange nichts bieten lassenn. Und umgekehrt
    betrachtet: Was sagt es aus, wenn sich Eltern SO zu IHRER EIGENEN
    TOCHTER verhalten ?

    Unmöglich *kopf schüttel* ...
     
    #51
    ::rush::, 10 Dezember 2007
  12. User 29904
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    #52
    Zuletzt bearbeitet: 22 Februar 2016
    User 29904, 10 Dezember 2007
  13. Dunsti
    Dunsti (40)
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    vergeben und glücklich
    Sorry, den Satz verstehe ich jetzt irgendwie nicht.

    Ganz ehrlich: Als ich meinen Unfall hatte, gab es über Jahre das Angebot, auch die Eltern in eine Psychotherapie mit einzubeziehen. Mein Vater vertritt die Ansicht, dass Psychologen alle schwul und Psychologinnen allesamt verkrachte Existenzen sind. "Ich setze mich da doch nicht eine Dreiviertelstunde auf die Couch und lasse mir kiloweise Puderzucker in den Ar*** blasen."

    Paradebeispiel für seine Theorie ist für ihn eine Freundin im Rollstuhl, die als Diplom-Psychologin arbeitet. Sie ist obendrein Vegetarierin und lesbisch. :grin:

    Okay, das reicht, glaube ich. Und was nützt eine Familientherapie, wenn nur meine Mutter dabei ist?

    Seit ich mein Studium angefangen und aus dem Internat direkt in eine eigene Wohnung gezogen bin, war das Thema für mich erledigt. Es gab so viele äußere Anlässe, zu denen ich mir erhofft hatte, dass sich etwas ändern würde, keine Chance.

    Alleine das Angebot meines Vaters, sich mit mir an einen Tisch zu setzen, um mal vernünftig über uns zu reden, würde ich sofort annehmen. Das muss nicht mal eine Therapie sein, einfaches Reden würde mir schon reichen.
     
    #53
    Dunsti, 10 Dezember 2007
  14. dummdidumm
    dummdidumm (54)
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    scheiße, scheiße, scheiße...

    Das schlimme an der ganzen Situation ist ja nicht einmal das idiotische Verhalten Deiner Eltern, sondern, daß es auch noch Deine Eltern sind, die sich so verhalten.

    Was ich bei der ganzen Story so gar nicht kapiere, ist die Frage, wie Du so geworden bist, wie Du bist. Natürlich kenne ich Dich nicht, und ein paar Forenbeiträge sind arg kleine Mosaiksteinchen, um das Bild eines Menschen zu zeichnen. Aufgefallen bist Du mir übrigens über die total rührende Liebesgeschichte, als Du Deinen Freund kennengelernt hast - das war schöner als jeder Liebesfilm.

    Ich les Deine Beiträge immer wieder gerne und eigentlich habe ich ein Bild von Dir. Das Bild einer selbstbewußten Frau, die Liebe in sich trägt, die Menschen achtet, die hilfsbereit ist. Vielleicht ist das ja alles nur eine Maske, aber ich vertraue da auf mein Bauchgefühl und gehe davon aus, daß Du schon so bist.

    Aber wie bist Du dazu geworden? Eigentlich kann ich mir das nur so vorstellen, daß Du zumidest als Kind einmal von Deinen Eltern auch sehr viel Liebe empfangen hast. Dann kam wahrscheinlich durch den Unfall irgendwann der erste große Bruch: das Unverständnis Deines Vaters, wieso seine Tochter jetzt irgendwie nicht mehr "makellos" oder so ist. Der zweite Bruch kam, so könnte ich mir vorstellen, als Dein Vater die "Hilfsrolle", die er erst einmal einnehmen konnte, wieder loslassen mußte, als Du selbständiger wurdest, erwachsen wurdest.

    Tja, die Verbindung ist verloren gegangen, besteht nur noch äußerlich. Aber gleichzeitig sind es eben die Menschen, die Du ganz im Innern noch als Deine Eltern siehst, die Dich bestimmt einmal geliebt haben. Viel schlimmer als die eigentlichen Fehler Deines Vaters ist bestimmt die Enttäuschung.

    Ich weiß es nicht, aber wenn ich mir das vorstelle, tut das sehr weh. Menschen, die man liebt, ändern sich, bleiben nicht immer gleich. Ich muß dabei immer an meine Tante denken. Sie hat Demenz und verdächtigt inzwischen alle und jeden, etwas zu klauen. Sicher, das kann manchmal albern und lächerlich sein, wenn man vorgeworfen bekommt, Zahnpasta oder Handtücher zu stehlen, aber irgendwie schafft man es doch nicht, diesen Rollenwandel nachzuvollziehen. Damit wird selbst ein alberner Vorwurf ganz tief verletzend.

    Irgendwann kann man wohl nur akzeptieren, daß sich eben auch die Menschen, die einmal zu den Urpfeilern des eigenen Lebens gehört haben, ändern oder geradezu umschlagen.

    Ich weiß es nicht, aber kannst Du für Deine Eltern, wie sie früher waren, dankbar sein? Ich wünsche Dir, daß Du es kannst und daß Du dann leichter trennen kannst, wie sie heute geworden sind. Und ich wünsche Dir, daß Du dadurch Dein eigenes Verhältnis zu ihnen so für Dich klarer machen kannst und somit für Dich dann akzeptieren kannst, daß Du Dich jetzt von ihnen abwendest, auch wenn Du früher ein anderes Verhältnis zu ihnen hattest.

    Vor allem aber freue ich mich, wie sich Dein Freund verhalten hat: alle Achtung! Also sei froh über das, was Du einst hattest und über das, was Du jetzt durch Deinen Freund hast und akzeptiere für Dich, daß Du Dich jetzt von Deinen Eltern nur trennen kannst.

    Vielleicht habe ich jetzt wirres Zeugs geschrieben, aber das ging mir halt alles durch den Kopf, als ich Deinen Thread gelesen habe.
     
    #54
    dummdidumm, 10 Dezember 2007
  15. User 44981
    User 44981 (30)
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    Es ist durchaus auch möglich, dass man ohne viel Elterliche Liebe und trotz vieler Probleme mit den Eltern zu einem intelligenten, selbstbewussten, hilfsbereiten Menschen werden, der sehr viel Liebe in sich trägt (um mal deine Worte zu verwenden).
    Ich kenne auch Leute, die trotz (oder sogar genau wegen) großen Problemen mit den Eltern alles haben, was du geschrieben hast und bei denen ich mir sicher bin, dass sie ihr Leben erfolgreich und glücklich meistern werden.


    Und zum eigentlichen Thema:
    Ich finde, dass so ein Kontaktabbruch die einzig richtige Möglichkeit ist.
    Irgendwann muss man einfach die Reißleine ziehen.
    Auch wenn es die eigenen Eltern sind, muss man sich sicher nicht alles gefallen lassen.
     
    #55
    User 44981, 10 Dezember 2007
  16. Dunsti
    Dunsti (40)
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    vergeben und glücklich
    Nein, eine Maske ist das gewiss nicht. Die Gefühle, die ich für andere empfinde, sind schon echt und ich beschreibe sie auch ehrlich.

    Ich glaube schon, dass meine Eltern mich geliebt haben und dass sie mich auch heute noch lieben würden. Sie können mich jedoch nicht lieben, weil ich nicht in die Rolle passe, in der sie mich gerne hätten. Sie sind mit meiner Situation einfach überfordert, gnadenlos überfordert. Sie haben noch nicht einmal akzeptiert, dass ich diese Behinderung habe und nicht mehr laufen kann. Nach fast 20 Jahren.

    Aber nehmen wir mal an, es hätte den Unfall nicht gegeben. Dann, da bin ich mir sicher, wäre ich heute nicht so, wie ich es jetzt bin. Ich hatte zwischen 14 und 18/19 eine sehr schwere Zeit, weil ich nicht nur meine eigene Rolle in der Gesellschaft völlig neu finden musste, sondern auch noch viele Dinge lernen musste, die mir meine Eltern (insbesondere im zwischenmenschlichen Umgang) nie vermittelt hatten. Das waren Dinge wie Herzlichkeit, Gutmütigkeit, Geduld und Nächstenliebe. Gerade im Umgang mit vielen noch wesentlich schwerer behinderten Leuten wurde mir immer klarer, wie interessant ein Mensch überhaupt sein kann.

    Ich war früher das typische Einzelkind. So richtig nervig. Wenn ich nicht genug Aufmerksamkeit hatte, habe ich irgendwen genervt. Erst im Internat merkte ich, dass ich die Menschen um mich herum für mich begeistern konnte. Dass ich mir mit einem Lächeln oder einem Kompliment Herzen öffnen kann. Dass es viel mehr Spaß macht, Menschen zu motivieren und ihnen etwas beizubringen, als mich damit zu brüsten, es besser zu können. Und so weiter.

    Es sind Jahre vergangen, bis ich das gelernt hatte. All diese Jahre habe ich nicht mit meinen Eltern verbracht. Ich wurde mit 12 von ihnen getrennt und zu diesem Zeitpunkt musste ich die bittere Pille schlucken, dass vieles von dem, was bei uns zu Hause selbstverständlich war, andere verärgert.

    Genau das hat sich heute bei meinen Eltern noch wesentlich verschlimmert und genau das ist es, was den Kontakt derzeit unmöglich macht.

    Nein, das ist nicht ganz richtig, weil mein Vater nie diese "Hilfsrolle" hatte. Der Unfall war mit 12, dann bin ich im Krankenhaus und in der Reha gewesen, mit 14 bin ich rund 20 Tage zu Hause gewesen, danach kam ich nochmal wieder ins Krankenhaus und dann in ein Internat.

    Nein, ich denke nicht. Dafür sind wir einfach viel zu weit voneinander entfernt. Es ist sicherlich in meinem Bewusstsein, dass sie früher viel für mich getan haben und mich auf ihre Weise geliebt haben, aber meine Dankbarkeit ist nicht so groß, als dass ich damit die jetzige Situation erträglicher machen könnte.

    Selbst wenn, war mir Dein wirres Zeugs sicher nützlich und wichtig. Auch Dir vielen Dank. :smile:
     
    #56
    Dunsti, 11 Dezember 2007
  17. waschbär2
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    vergeben und glücklich
    Du hast ein "Schuldpäckchen".

    Und das solltest du irgendwann einmal ins andere Universum verschicken.

    Ich hoffe, dass das verständlich war.
     
    #57
    waschbär2, 11 Dezember 2007
  18. brainforce
    brainforce (34)
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    @Dunsti:
    Ich kann dich sehr gut verstehen... und finde es richtig das du den Kontakt abbrechen möchtest o.ä.

    Was ich nicht so ganz verstehe - du schreibst meistens von deinem Vater... Besteht den evtl. die Chance das du zu deiner Mutter einen Draht findest bzw. sie zu dir?

    In fast allen deinen Posts kommt es mir nämlich vor als stünde sie zu 100% unter dem Pantoffel deines Vaters.
     
    #58
    brainforce, 11 Dezember 2007
  19. User 20976
    (be)sticht mit Gefühl
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    vergeben und glücklich
    Noch ein paar Mückengedanken:

    Deine Eltern sind, wie sie sind. Dafür bist Du nicht verantwortlich.

    Du bist, wie Du bist. Dafür bist Du zum Teil verantwortlich, zum Teil die Genetik, die Natur, Erlebnisse, Erfahrungen - aber eben Du, weil Du Deine Erkenntnisse aus allem gezogen und das Beste draus gemacht hast.

    Deine Eltern sind aus mir unerfindlichen Gründen nicht befähigt, die Folgen Deines Unfalls "anzunehmen" und damit zu leben, sie leben viel eher "dagegen". Da Du kein kaltherziger Mensch bist, sondern verständnisvoll, versuchst Du sie zu verstehen und sogar in dem, was sie machen, noch Gutes zu sehen, Du hast die Leistungen Deines Vaters erwähnt z.B... Das ist nett, aber ich denke, Du hast absolut das Recht, Dich von ihnen abzuwenden - weil sie Dich Kraft kosten und Deine Energie anderweitig besser investiert ist. Tun sie Dir oder deinen Nächsten gut? Nein. Sind sie Dir nah? Nein, wie es scheint. Sie sind an dem, was Dir widerfuhr, emotional gescheitert. Oder es wurde nur offensichtlich, dass sie eh gescheitert waren... wer weiß. Ich finde es traurig, dass sie so sind, und sie scheinen ja nicht glücklich. Aber Du kannst glücklich sein - und dabei sollten Dir Deine Eltern nicht im Wege stehen.

    Dass man einige Zeit damit hadert, dass die eigene Tochter im Rollstuhl gelandet ist, kann ich verstehen. Aber das ist zwanzig Jahre her, Du bist eine erfolgreiche Sportlerin und auch noch Ärztin (Reihenfolge austauschbar). Nur sehen sie die Erfolge nicht. Können sie wohl nicht. Weil Deine Leistungen für sie nicht als solche zählen, sondern immer abgewertet werden - es ist ja "nur" Behindertensport, das interessiert keinen; sie musste sich ja nie so durchkämpfen, sondern hatte einen Mitleidsbonus im Studium, ... Bullshit, aber für sie unumstößliche Wahrheit.

    Vielleicht wären sie, wär der Unfall nicht passiert, aus anderen Gründen ganz ähnlich geworden wie jetzt - vielleicht auch mit einer gesunden Tochter unzufrieden, mit dem eigenen Leben unzufrieden. Der Unfall ist eben passiert, und ich finde, Du hast mit Energie und Lebenswillen und vor allem OFFENHEIT ne Menge aus der Situation gemacht. Wenn man es so pathetisch sehen will, waren Unfall und Querschnittlähmung eine (erzwungene) Herausforderung.

    Du bist für das Unglück Deiner Eltern nicht verantwortlich. Wenn sie mit den teils sicher unfairen Gegebenheiten des Lebens nicht klarkommen, ist das etwas, womit sie selbst sich beschäftigen sollten. Ich vermute mal, Du hast im Lauf der Jahre versucht, mit ihnen zu reden und ihnen zu zeigen, dass es Dir gut geht "trotz Rollstuhl". Kommt aber nicht an bei ihnen.

    Dass Dein Vater in Sachen Abfindung gepokert hat, ist auch so ein Beispiel - bestimmt fühlt er sich da ungerecht behandelt... es gibt Leute, die immer die ausgenutzten und unfair behandelten Opfer sind, ihrer Wahrnehmung gemäß. Und manchmal sind sie dann wieder gegenüber anderen unfair und grob und herrschsüchtig und dominieren die, die sie dominieren lassen...


    Brainforce: Die Frage ist, ob die Mutter wegkann von diesem Pantoffel ihres Mannes und ob sie das will.
    Und ob Dunsti die ist, die sie dabei unterstützen sollte.


    So, ab ins Bett mit mir.
     
    #59
    User 20976, 11 Dezember 2007
  20. User 29904
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    #60
    Zuletzt bearbeitet: 22 Februar 2016
    User 29904, 11 Dezember 2007

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