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Wir haben die Chance zum Abschied verpasst

Dieses Thema im Forum "Geschichten, Gedichte und Nachdenkliches" wurde erstellt von Shiny Flame, 11 September 2008.

  1. Shiny Flame
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    Ich kann gar nicht mehr genau sagen, wann wir das erste mal miteinander geschlafen haben. War es der Freitag Nachmittag auf meinem Bett, an dem der Lattenrost eingekracht ist und ich dich danach duschen geschickt habe, damit beim Heimkommen niemand den Duft von Liebe und mir auf deiner Haut erkennen konnte? Oder war es auf dem Parkplatz eine Ausfahrt hinter MacDonalds, während die Dämmerung um uns herunter sank und ich beim Nach-hinten-Lehnen gegen die Hupe kam?

    Es hat ja auch viel früher angefangen. Sex war nie so furchtbar wichtig, obwohl er noch nie so schön war wie mit dir. Oder ist er gerade deswegen so schön geworden, weil er eben keine so große Rolle spielt bei uns? Der erste Kuss war ein viel wichtigeres Erlebnis. Viel intimer. Viel magischer. Viel romantischer, und in seinem Kern trug er bereits all die Liebe und melancholische Magie, die eines Tages zwischen uns wachsen und mich beinahe zerbrechen würde.

    Aber wann ging es los, das mit uns beiden? Als wir Kaffee tranken und ich dir von meiner unglücklichen Liebe erzählte, während mein Leben mehr und mehr aus allen Fugen zu brechen drohte? Als du mir über den Rücken gestreichelt hast und ich mir endlich einmal erlauben durfte zu weinen? Bei dir war ich in Sicherheit, du warst verheiratet und das glücklich, so dass du nie versuchen würdest, mir meine Freiheit zu rauben. Du kanntest den Mann, wegen dem ich weinte, er ist fast dein bester Freund.

    Eine Liebesgeschichte, die schon mit Schmerz über die Hoffnungslosigkeit wegen einer anderen Liebe anfängt, kann sicher kein gutes Ende nehmen. Aber ich will hier nicht davon erzählen, wie ich getäuscht und belogen worden bin und doch so lange noch hoffte. Aber muss ich es nicht auch berichten? Fing so nicht alles an - Damit, dass du mich getröstet hast? Getröstet, während ich vergeblich auf den anderen Mann wartete. Während der andere mir Hoffnung um Hoffnung schenkte, die er niemals erfüllen würde.

    Ich glaube, es fing an dem Montag an, an dem du und ich nachmittags Kaffee tranken und am Fluss spazieren gingen. Ich trug ein langes, schwarzes Kleid mit weißen Punkten und wollte auf einmal barfuß gehen, die Erde unter meinen Füßen und das Wasser zwischen meinen Zehen spüren. Es war noch viel zu kalt dafür, aber nach ein paar Schritten brannten meine Fußsohlen und mein ganzer Körper war lebendig. Wir gingen dahin, wo sie den Sand aufgeschüttet hatte, und ich lief darüber hinweg, genoss die Weichheit unter meinen Füßen, das Plätschern des Wassers, die Farben und das Licht um uns herum. Irgendwie spürte ich, dass ich dir bedingungslos vertrauen konnte, dass ich verrückt sein durfte und über den Sand tanzen, durch den der Saum meines Kleides schleifte, und dass du mich einfach so akzeptiertest.

    Du akzeptierst jeden so, wie er ist, das war kein Privileg, das ich hatte. Das weiß ich selber. Aber ich weiß auch, dass ich hübsch war an dem Tag, mit blitzenden braunen Augen und dunklen Kringel-Wellen im Haar, dazu die Klimperohrringe, wenn ich den Kopf nach hinten warf. Ich weiß noch, wie erstaunt ich war, dass du du meine manchmal so romantische Art nicht nur ohne Spott akzeptieren, sondern dich zusammen mit mir an dem Sonnenuntergang erfreuen konntest.

    Und wie war das dann mit dem ersten Kuss?

    Ja, den haben wir an diesem romantischen Tag natürlich nicht mehr getauscht. Das wäre Vergeudung gewesen, hätte all diesen Zauber zu etwas Billigem gemacht. Dann wäre es keine Romantik mehr gewesen, sondern Vorspiel. Man darf ja auch nicht vergessen, dass du verheiratet warst und bist und ich in deinen Freund verliebt war.

    Aber irgendwann später wolltest du mir den Silbersee zeigen, nachdem wir in einem Second-Hand-Laden ein Ballkleid für mich ausgesucht hatten. Und du erzähltest mir von einem Traum, den du gehabt hattest, in dem ich vorgekommen war. Eigentlich nicht ich, sondern eine Frau, mit der du fünf Jahre früher fast eine Affäre gehabt hattest. Sie hatte das Kleid getragen, dass ich bei meinem Tanz am Fluss angehabt hatte. Wir wussten beide, dass es in dem Traum nicht um sie gegangen war.

    Hand in Hand standen wir auf einem Turm auf der Anhöhe und blickten aufs Wasser hinaus. Auf einmal war da so viel Stille und Schweigen in uns. Als ich meinen Kopf zu dir drehte und deine Lippen mit meinen berührte, passierte es fast von alleine. Es war ja nur ein Spiel, nur ein Flirt. Flirten war ja in Ordnung. Du warst verheiratet, ich war unglücklich in einen anderen verliebt... Das hier ging gar nicht direkt um dich und mich. Wir hatten uns einfach nur ein, zwei schöne, romantische Momente erobert, die wir mit der Nummer eins in unserem Leben nicht hatten teilen können.

    Auf der Rückfahrt nach Hause brannte der Himmel und die Musik war so sehnsüchtig und schmerzhaft im Herzen, dass wir einfach nur schweigen konnten. Gemeinsames Schweigen, das unendlich kostbar war, bis wir es mit einem Witz darüber zu brechen versuchten.

    Ja, so fing es an. Das war, als die ersten Krokusse zu blühen begannen, und jetzt fallen bald schon wieder die Blätter und die Herbstastern sind schon zu haben.

    Wieder zu Hause versuchte ich, das Glück dieses Momentes zu ein Gemälde zu verwandeln, aber das Bild wurde sehr dunkel. Ein fast komplett schwarzes Tuschebild von einer Frau, die im Wind auf einer Empore steht und dem Drachen, der sie davontragen will, die Arme entgegenstreckt. Hinter ihr ist Wüste und Einöde, in der halb zerfallene Skelette an vertrocknete Bäume gekettet sind, vor ihr, dort, wo der Drache erscheint, ist nichts als Dunkelheit. Nur ein winzig kleines Feuer neben der Empore ist nicht erloschen.

    Das Bild hängt immer noch über meinem Schreibtisch.
     
    #1
    Shiny Flame, 11 September 2008
  2. Shiny Flame
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    Verlobt
    Ich möchte von einem besonderen Moment berichten. Einem Moment, der sterblich unvollkommen geblieben ist. Es war nach einer wunderschönen Woche mit meinem Liebsten. Wieder einmal habe ich ihn auf eine Dienstreise begleitet, wieder einmal haben wir jede Nacht in einem anderen Hotel verbracht. Jeden Abend hatten wir vor, auszugehen, aber jeden Abend scheiterten wir daran, dass ein bloßer Blick von seinen in meine Augen in uns beiden so viel Feuer entzündete, dass einer dem anderen unwillkürlich die Hand auf den Arm legte. Flüssige Energie sprang über, einer schubste den anderen aufs Bett, und schon ertrank ich in der Wärme, die aus seinem Herzen entsprang, die mich einhüllte wie süßer, schützender Nebel, und spätestens als seine Lippen meine berührten, entsprang in meinem Schoß eine Quelle, die mich ungeduldig danach verlangen ließ, ihm noch näher zu kommen...

    Und irgendwann lagen wir dann jedes Mal erschöpft nebeneinander, schliefen ein und wachten nachts manchmal auf, um den anderen noch näher heranzuziehen, einen verschlafen-gierigen Kuss zu tauschen und wieder in die traumhafte Vollkommenheit aus Nähe zu sinken, in der die Barrieren zwischen unseren Seelen gesunken waren, wo es kein sexuelles Verlangen mehr war, kein Versuch, die eigene Identität zu bewahren, sondern die Nähe und das Einssein uns beiden so viel Glück schenkten, dass wir es kaum fassen konnten und die Hand ausstreckten, um sie auf das Herz des anderen zu legen. Am Morgen hatten wir gar keine Wahl, als uns wieder körperlich zu vereinigen, bevor wir zum Frühstück gingen, er zu seiner Arbeit verschwand, während ich auf dem Laptop meiner schriftstellerischen Arbeit nachging - und die Energie der letzten Nacht floss durch meine Finger und verlieh meinen Worten Flügel.

    Freitag fuhren wir zurück. Zurück zu der anderen. Der anderen, die er auch liebt. Vielleicht sogar mehr als mich - wer weiß das schon?

    Es war Stau auf der Autobahn, meine Hand wie so oft auf seiner Schulter, seine auf meinem Knie. Es war Stau und ich fühlte die Energie ohne Hindernisse in einem Kreislauf durch uns beide fließen. Fast fiel ich dadurch in Trance, als er schließlich meinte, er müsse an einen Parkplatz, ein bisschen die Augen zu machen. Einen Parkplatz, auf dem die Sonne halb schräg zwischen den grünen Bäumen hindurchschien, die bald verwelken müssen. "Schau! Da!" sagte ich, bevor ich mich auf meinem Sitz einkuschelte und er seine Lehne nach hinten klappte.

    Als ich wieder aufwachte, war immer noch dieses Licht um uns herum, und auch die vielen anderen Leute auf dem Parkplatz natürlich, aber von denen bemerkte ich nichts. Er zog mich zu sich herüber, mein Kopf auf seinem Herzen, und ich spürte die Wärme, die von da aufstieg. Es war mehr als nur Haut und Blut, es war diese Wärme in seinem Herzen, in die ich mich von Anfang an verliebt hatte. Sie umhüllte mich, sie wärmte mein Herz wie Glut und Magnesium, und obwohl mein Körper so unbequem über die Mittelablage gebogen lag, blieb ich liegen und trank so viel Glück in mich hinein wie ich konnte. Ich wusste ja, dass es nicht ewig währen würde. Vor meinen geschlossenen Augen sah ich, wie eine Wolke aus Energie uns umhüllte, durch uns hindurchfloss und sich langsam drehte, langsam nach oben aufstieg wie eine wunderschöne Blume.

    Ist es das, was die Tantriker meinen, wenn sie davon sprechen, dass sich die Energie zweier Liebender im kleinen Energiekreislauf mischen kann und im großen Energiekreislauf Teil der Energie der ganzen Welt wird?

    Langsam wurde er wach, langsam streichelten meine Hände über seinen Körper. Dieses Mal dachte ich nicht an Sex, es war nicht mehr nötig, um ihm nahe zu sein. Langsam fuhr ich über seinen Körper, spürte die Energie darin, spürte das Leben durch meinen eigenen Körper tosen, fühlte all meine Liebe für ihn und seine für mich.
    "Du hast so wunderschöne, große braune Augen", sagte er und ich bemerkte zu spät, dass ich meine Brille abgelegt hatte, den Schleier, mit dem ich meine Augen und meine Seele sonst immer vor der Welt versteckt habe. Denn seine Stimme brachte mich zurück in die wirkliche Welt.

    In ein paar Stunden würde er seine Frau begrüßen. Seine Stirn gegen ihre legen und den Energieaustausch mit ihr genießen. All die Liebe, die wir fühlten, war gestohlen.

    Ich konnte nicht anders, als voller Verzweiflung loszuflennen, und der Moment war vorrüber. Und doch spürte ich immer noch seine Nähe. Ich spüre sie immer noch. Irgendwo da draußen ist er, der Mann, den ich liebe. Vielleicht denkt er gerade an mich. Aber wahrscheinlich küsst er sie.
     
    #2
    Shiny Flame, 13 September 2008

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