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  • Shiny Flame
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    4 Oktober 2011
    #1

    Schule Angst vor der Arbeit

    Es sollte nicht passieren, es ist doch passiert, es ist eigentlich keine große Geschichte und passiert wahrscheinlich jeden Tag irgendwo in Deutschland... Aber es war meine Premiere.

    Ich wurde von einem Schüler geschlagen. Er kam in meine Klasse rein, wollte eine meiner Schülerinnen mit in der Hand getragenen Plastikkisten hauen oder es zumindest andeuten, ich ging dazwischen, um sie zu schützen und bekam das Ding selber ab, ziemlich ungünstig ans Handgelenk (ich habe empfindliche Handgelenke) und beschissenerweise tut es immer noch weh. "So, jetzt hast du ein Problem", sagte ich. "Du hast nämlich mich erwischt, und jetzt ist es gar nicht mehr lustig."

    Ich wurde angeschrien von ihm, er ging zurück zu seiner Lehrerin, meine Klasse kochte hoch, ich folgte ihm. Er erklärte seiner Lehrerin, dass er überhaupt nichts gemacht habe - die glaubte ihm aber nicht, er ist im Kollegium bereits als chronischer Lügner bekannt und ist wegen Gewalt bereits von zwei Schulen geflogen. "Du hast bis morgen früh Zeit, um dir eine angemessene Wiedergutmachung und Entschuldigung zu überlegen, dann entscheide ich, ob ich sie annehme oder nicht", sagte ich. Keine weitere Diskussion, ich ging zurück in die Klasse. Dort wurde ich dann von einigen Schülern noch angepampt, dass ich mich anstellen würde, dass er mich doch gar nicht getroffen hätte, bzw. "nur berührt mit der Kiste, nicht geschlagen" (wie einer gesehen hatte), ich blieb ganz ruhig und sagte, dass ich das mit diesem Schüler klären würde und nicht mit dem ganzen Rest. Ich war so ruhig, dass ich sie binnen fünf Minuten wieder konzentriert am Arbeiten hatte und die Stunde gut zu Ende ging.

    Erst danach merkte ich, wie wütend ich eigentlich war. Ich meine, man wird als Lehrerin psychisch durchaus fertig gemacht, und man kann lernen, damit umzugehen. Ich habe es halbwegs gelernt, auf eine ziemlich harte Tour. Aber physische Angriffe? Vielleicht muss man sich daran gewöhnen, aber ich finde es zum Kotzen, dass ich körperlich bedroht und angegriffen werden darf und es umgekehrt nicht darf. Bei psychischen Angriffen und Machtkämpfen kann man auf nicht-aggressive Art damit umgehen und das ganze umlenken, wenn man es gelernt hat. Aber ich habe nicht die Möglichkeit, mich physisch zur Wehr zu setzen.

    Ich war auch viel zu geschockt, um es zu tun.

    Ich habe total viel davon erzählt heute abend, immer wieder das gleiche, es muss tierisch langeweilig gewesen sein für meine Gesprächspartner.

    Eben gerade, unter der Dusche, fing ich zu weinen an und merkte erst da, dass ich jetzt richtig Schiss davor habe, morgen zur Arbeit zu gehen. Total irrational, aber die Angst ist einfach da. Ich traue mich gerade nicht mal, ins Bett zu gehen, schon seit zweieinhalb Stunden sitze ich länger wach, normalerweise gehe ich um neun ins Bett und lese erst mal. Habe eben Baldrian genommen und warte, dass es wirkt, normalerweise ist es nach Einnahme maximal noch eine Stunde, vielleicht werde ich dann müde genug, dass ich ins Bett gehen kann.

    Mein doofes Handgelenkt tut beim Tippen immer noch weh. Vielleicht gehe ich morgen früh erst mal zum Arzt damit. Ich weiß ja noch nicht mal, ob das jetzt überhautp ein Arbeitsunfall war oder so. Vielleicht kann der Arzt mir auch was gegen diese doofe Angst jetzt gerade verschreiben und damit ich wieder einschlafen kann. Und eigentlich müsste ich auch ne Polizeianzeige machen. Oder nicht? Wegen einem kleinen Streifer mit einer Plastikkiste? Der Schüler hat mich vor kurzem schon mal fast geohrfeigt, seine Hand ist dabei eine halbe Handbreit an meinem Gesicht vorbeigeflitscht, dafür flog er aus dem Unterricht raus und hat sich später öffentlich vor der gesamten Klasse entschuldigt, so dass es eigentlich gut war. Aber ich habe richtig Angst davor, ihm jetzt wieder zu begegnen.

    Vielleicht kann ich jetzt, wo ich das alles aufgeschrieben habe, schlafen gehen. Mein Freund konnte es gerade nicht mehr mit anhören, ich habe es heute schon zu oft erzählt. Ich glaube, ich stehe noch ein bisschen unter Schock. Hoffentlich wirkt das Baldrian bald endlich.
     
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    4 Oktober 2011
    #2
    Hallo Shiny,

    wie Du weißt, bin ich kein Lehrer, kann also direkt dazu Nichts wirklich sagen. Für mich klingt es aber so, daß Du heute Alles richtig gemacht hast.
    Jetzt bleibt das Problem mit der Angst vor morgen. Mit der Naivität eines Nicht-Lehrers würde ich Dir raten, NICHT zum Arzt zu gehen. Wenn Du morgen fehlst, hast Du faktisch Deine Angst vor der Klasse bzw. dem einen Schüler bzw. der Situation insgesamt eingestanden. Sowohl vor der Klasse eingestanden als auch vor Dir.

    Gerade Zweiteres könnte dann so eine Art Dammbruch werden. Wenn ich Dich in älteren Posts richtig verstanden habe, hast Du bisher immer gekämpft. Wenn Du morgen Dich Deiner Angst nicht stellst, hast Du das erste Mal nicht gekämpft. Kommst Du damit klar? Wird das ein "Einzelfall" bleiben?

    Eine Anzeige würde ich übrigens nicht stellen. So wie Du den Vorfall schilderst, hat er Dich ja nicht schlagen wollen, sondern "nur" billigend in Kauf genommen. Du würdest damit ein viel größeres Fass aufmachen, das Dich aber auch unter längerfristigen Erklärungszwang setzen würde. Und ich könnte mir vorstellen, daß es bei der Klasse so ankommt, als ob Du nicht anders damit umzugehen weißt, als so ganz harte Geschütze aufzufahren. Schul-intern würde ich jedoch, so wie Du es auch vorhast, keinen Schritt zurückweichen, Konsequenzen muß der Schüler spüren. Und ich drücke Dir die Daumen, daß Dein Chef und Deine Kollegen Dich unterstützen und auch gegenüber den Schülern eine klare Position beziehen.

    Noch kurz zum Baldrian: bei mir hat es nie wirklich gewirkt. Es hat mich bißchen müder gemacht, aber wenn ich zu große Angst hatte oder zu sehr "auf Draht gezogen" war, hat es bzgl. Einschlafen gar nichts gebracht. Viel besser haben mir leichte Aufheller auf Johanniskraut-Basis geholfen. Die sind harmlos, machen nicht abhängig, sind meist rezeptfrei in der Apotheke erhältlich. Diese machen nicht müde, aber etwas gelassener und das bewirkt dann ein besseres (Ein-)schlafen. Ich will hier keine Werbung machen, falls es für Dich in Frage kommen könnte, weißt Du ja, wie Du mich erreichst :zwinker:

    Ich wünsch Dir viel Kraft für morgen!!!
    Mark11
     
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    5 Oktober 2011
    #3
    Lass dich erst mal drücken *knuddel*.
    Das muss ein ganz schöner Schock sein.. du hast versucht eine Schülerin zu schützen und dabei die Attacke, die an sie gerichtet war, abbekommen, wenn ich das richtig verstanden habe. Deine Reaktion finde ich verständlich und dennoch hat es mich irritiert, dass du gesagt hast, er habe dich erwischt und deswegen war es nicht mehr witzig. Vielleicht habe ich es auch nur falsch verstanden. Aber auch wenn er die Schülerin erwischt hätte, wäre es wohl nicht witzig gewesen... ich hätte ihm daher eher eine allgemeine Standpauke gehalten, dass Gewalt an der Schule nichts zu suchen hat usw. Aber: ich fands gut mit der "Entschuldigung bis morgen früh", ich denke schon, dass er sich darüber Gedanken machen wird. Aus seiner Sicht gesehen ist es sicher auch nicht schön bereits von zwei Schulen wegen solcher Vorfälle geflogen zu sein. Leider ist es aus der Ferne umöglich zu beurteilen was genau mit dem Schüler los ist und warum er so handelt. Habt ihr an der Schule eineN SchulsozialarbeiterIn? Dann würde ich ihm/ihr den Vorfall vielleicht nochmal schildern mit der Bitte ein Auge auf den Schüler zu haben und das mit ihm zu klären.
    Inwiefern gibt es an der Schule Konzepte für solche Vorfälle? Ich meine... was machen andere LehrerInnen ? Du bist sicher nicht die einzige, die so etwas erlebt...
    Mir schwirren da Dinge im Kopf herum wie Gespräch mit den Eltern, KLassenkonferenz, den Direktor/die Direktorin ansprechen, dem Schüler ne Strafarbeit aufbrummen (wobei das sicher nicht so hilfreich ist) usw.. was davon wird bei euch wann gemacht? Es kann ja nicht sein, dass dich jetzt kein andere Lehrer bzw Lehrerin unterstützen kann oder es dafür keine Vorgehensweise gibt?

    Schreib dir doch einfach nochmal auf, was du ihm sagen willst. Warum Gewalt GAR NICHT tolerierbar ist und wie du damit weiter verfahren wirst. Auch was für ihn auf dem Spiel steht. Bzw. positiv: ihn fragen was er glaubt, wie das in Zukunft besser werden kann. Sich wirklich mal auf ihn einlassen, ihm zuhören.... wer weiß was der Junge alles erlebt hat ... vllt. sucht er nur so eine Möglichkeit, dass ihm mal jemand richtig zuhört? Vielleicht hat er es von zu Haus nicht anders gelernt? Vielleicht geschehen jeden Tag schlimme Dinge bei ihm? Das alles kann man durch Strafarbeiten und Drohungen nicht rausfinden... weswegen ich es wichtig fände , gerade wenn sowas öfter vorkommt, zu wissen was mit dem Kind los ist... schreib dir für morgen einfach auf, wie du ihm gegenübertreten willst. Das hast du hier ja schon zum Teil getan. Vielleicht kannst du dann schlafen wenn dein Kopf somit etwas leerer ist.

    Aber hey, wie du schon geschrieben hast: du bist nicht die Einzige und dennoch musst du das so nicht hinnehmen. :smile: Was deine Frage mit Polizei usw. angeht würde ich vorher andere Lehrer fragen... für mich klingt es nicht so als ob er DICH mit Absicht gehauen hätte, sondern wenn, dann die andere Schülerin treffen wollte... ich wage zu bezweifeln dass du mit so einer Anzeige durchkämst... ich befürchte du würdest eher belächelt werden - schließlich bist in Augen der Öffentlichkeit du diejenige, die die erzieherischen Fehler der Eltern ausbaden (können) muss... -.- nicht das ich das unterstütze.. aber mit einer Anzeige wäre ich pers. vorsichtig. Lass das erst mal sacken, rede weiter mit anderen drüber (scheiß drauf das du die nervst, dafür sind Freunde da! ) und überleg erst mal, was du morgen machst.

    Alles Gute ich denk an dich!
     
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    5 Oktober 2011
    #4
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    5 Oktober 2011
    #5
    Unser Schulkonzept sagt ganz klar: Bei schwereren Formen körperlicher Gewalt sowie Angriffen auf Lehrer - Polizeianzeige. Außerdem sagt es "Opferschutz" - mit anderen Worten, es wird zu Beginn des Schuljahres klar gestellt und in Ruhe besprochen, warum Gewalt doof ist, es andere Lösungen gibt, dass jeder sich in der Schule sicher fühlen soll und dass es daher klar vorher festgelegte Konsequenzen gibt, wenn jemand dagegen verstößt. Sowohl Regeln wie auch Konsequenzen wurden von Schülern und Eltern unterschrieben. Und weil wir eine Schule in einem harten Stadtteil sind, arbeitet das Kollegium da auch eng zusammen, um das durchzusetzen. Ich werde alle Rückendeckung bekommen, die ich brauche, sowohl von Kollegen wie der Chefetage. Wenn ich sage, ich weigere mich bis zu einer Klärung, diesen Schüler zu unterrichten, bin ich nicht die erste, die so was macht und werde Kollegen finden, in deren Unterricht er so lange geht - und niemand wird mich schief deswegen anschauen.

    Und das mit der Polizeianzeige: Wir hatten extra einen Polizisten da, der bei einer Schulversammlung den Schülern erklärte, dass sie Gewalttäter bei Bedarf auch mitten aus dem Unterricht rausholen und zur Vernehmung mit zur Wache nehmen. Die Schüler werden mich dann nicht für "schwach" halten. Es wird nämlich nicht zum ersten Mal passieren. Die werden einfach nur auf die Scheißschule insgesamt schimpfen.

    Außerdem wollen die auch nicht geschlagen werden. Die haben inzwischen schon mitbekommen, dass unser strengeres Regel- und Konsequenzensystem sie selbst ja auch schützt.

    Und da mein Handgelenk heute morgen immer noch schmerzt, selbst jetzt beim Tippen, weil ich mir gestern beim Stühlehochstellen als Nachwirkung noch irgendwas überdehnt habe oder so, muss ich sowieso zum Arzt. Ich habe in den ersten vier Stunden eine Doppelbesetzung, meine Kollegin kann und wird mich in dieser Zeit vertreten.

    ***

    Dieser Schüler war schon mehrfach im Einzelgespräch, sowohl mit den Sozialarbeitern wie auch mit mir wie auch mit anderen Lehrern. Er erzählt jedes Mal "Tränendrüsengeschichten", die wir nicht den anderen Lehrern sagen sollen - und ein Vergleich ergibt, dass es jedes Mal komplett andere Geschichten sind. Immer das, von dem er glaubt, dass es den jeweiligen Gesprächspartner am meisten berührt. Ich werde erstens nicht alleine mit ihm reden (er war jetzt zum zweiten Mal körperlich übergriffig gegen mich - das erste Mal war es eine Ohrfeige, die haarscharf an meinem Gesicht vorbeiging, beim zweiten Mal hat er neuen Schwung geholt, als ich bereits zwischen ihm und der Schülerin stand) und mich zweitens genau entsprechend unseres Regelkataloges verhalten. Jeder soll sich sicher fühlen, heißt unser inoffizielles Motto zur Gewaltprävention. Dann gilt das auch für mich.

    Außerdem würde ich ansonsten meinen Kollegen in den Rücken fallen. Wenn wir jetzt bei ihm unser Schulkonzept nicht konseqent umsetzen, wird er wieder zuschlagen. Auch bei Lehrern - er hat es in der Vergangenheit schließlich auch schon getan.

    Ach ja, Angst habe ich jetzt gerade definitiv nicht mehr. Ich bin nur wütend. Aber ich glaube, wenn ich auf dem Schulhof mit ner Kamera zu dem Schüler gehe und sagte "Gib mir mal dein schönstes Lächeln, ich brauch noch ein Motiv für meinen Punchin-Ball", dann ist das schlechter Stil und ich sollte es lassen :grin:.
     
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    5 Oktober 2011
    #6
    Hallo Shiny,

    Tut mir leid, dass Du jetzt mir einer unangenehmen Sache konfrontiert bist.

    Allgemein zum Thema Gewalt in Schulen:
    Das ist inzw. nicht mehr nur ein deutschlandweites Problem. das ist in Luxemburg genauso, und in anderen Ländern auch. Gewalt und Aggression nimmt unter Kindern und Jugendlichen immer weiter zu. Die Gründe vermag ich nicht zu kennen, aber es scheint ein allgemein gesllschaftliches Problem zu sein.

    Ich war gestern zu einer Elternversammlung für meinen Sohn, der jetzt in der 2. Klasse ist. Zum ersten habe ich grosses Glück, dass er auch jetzt wieder in einer Klasse ist, wo die Kinder sich gut unterenander verstehen.
    Zum anderen hat man eine Stunde/Woche eingeführt, das Thema nennt sich "Faust-los", es geht darum, Kindern beizubringen, dass man Probleme und Meinungsverschiedenheiten keineswegs mit Gewalt lösen soll, sondern andere effektivere Möglichkeiten dazu gibt.

    Das hat man bereist schon in der Vorschule eingeführt, und laut Aussage des Lehrpersonals mit beachtlichem Erfolg.

    Dein Schüler aber scheint ein schwieriger Fall zu sein, so dass es scheinbar nicht auf normalem Wege möglich ist, ihn dazu zu bewegen, sich ziviler zu benehmen. Ich gehe mal davon aus, dass er es von Zuhause und seiner Umgebung nicht anders vorgelebt bekommt.

    Ansonsten Kopf hoch. Du hast absolut richtig gehandelt und Deine Souveränität gewahrt.
     
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    #7
    Wirklich ätzend, was Dir da passiert ist. Ich kann deine Wut und Angst voll verstehen. Bei körperlichen Attacken (ob "geglückt" oder nicht) hört der "Spaß" definitiv auf.

    Wenn Euer Schulkonzept bzw. die Schulregeln vorsehen, dass sowas zur Anzeige gebracht wird, dann solltest Du das m.E. auf jeden Fall tun. Du könntest Dich ja nochmal mit deinem Direktor besprechen, was er (oder sie) dazu meint. Von einer Anzeige abzusehen wäre evtl. wirklich sehr ungünstig, weil sich dann ja schnell unter den Schülern rumspricht, dass diese Regel wohl Interpretation- bzw. Verhandlungssache sein könnten.

    Ich weiß ja nicht, ob das bei diesem Schüler etwas bringen könnte (hängt von vielen Faktoren ab), aber evtl. wäre es ja sinnvoll den Vater in die Schule "einzubestellen"...und zwar zu einem Gespräch mit dir UND evtl. dem Direktor. Gerade Schüler mit Migrationshintergrund haben häufig genau DAVOR eine Heidenangst und das ist für die manchmal schlimmer als eine "Anzeige". Wie gesagt, das hängt aber natürlich davon ab, wie es bei dem zu Hause so aussieht und was der Vater für ein Typ ist. Kennst Du ihn?

    Lass Dich von dem Schüler oder dem Rest der Klasse auf keinen Fall in eine Rechtfertigungdiskussion zwingen "das war doch keine Absicht" usw. "es ist doch nicht schlimmes passiert", "die Schülerin hat vorher dies und das gemacht und hat deshalb was auf die Schnauze verdient....und Sie, Frau XY waren halt etwas zu nah dabei gestanden....war doch eher ein Unfall" blablabla.
    Ersticke solche Diskussionen sofort im Keim und mach deutlich, dass es dir nicht in erster Linie nicht um dich geht, sondern dass schon der Angriff auf die Schülerin ein absolutes "NoGo" war (Hinweis auf die Schulregeln). Punkt.

    Das komplette Kollegium sollte dem Kerl übrigens klar machen, dass man sich einen feuchten Kehricht um seine Lügen- bzw. Tränendrüsengeschichten schert. Es sollte ein Konsens im Kollegium hergestellt werden, dass man sich diesen Quatsch gar nicht mehr anhört oder, sobald er mit seiner "maßgeschneiderten" Story anfängt, ihn sofort unterbricht und einen anderen Kollegen, dem er vielleicht schon eine andere Story aufgetischt hat, zum Gespräch hinzu zieht.
    Der muss einfach klipp und klar kapieren, dass er in der Schule niemanden mehr verarschen kann.
     
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    5 Oktober 2011
    #8
    Ich hab jetzt nur Shineys Beiträge komplett gelesen und entschuldige mich, falls ich mich wiederhole.

    Ich bin momentan im Referendariat und habe somit auch täglich mit Schülern zu tun. Zum Glück bin ich auf einer Schule, die einen sehr guten Ruf hat und bei der die Schüler meist aus guten und gefestigten Elternhäusern kommen - da passiert so etwas äußerst selten.

    Was ich gelernt habe: Zuerst zum Klassenlehrer des betroffenen Schülers. Dann zur Schulleitung. Sofort alles transparent machen. Im Klassenbuch Übergriff notieren, um später das genaue Datum rekonstruieren zu können. Und dann würde ich im Gespräch mit Klassenlehrer und Schulleiter die Eltern dazu holen und mit ihnen ein ernstes Gespräch über den Sohn führen. Je nach Einsichtigkeit würde ich auch auf Anzeige tendieren - gerade, wenn du sagst, dass es eure Schulordnung so vorsieht und du auch die Unterstützung der Schulleitung hättest.

    Vor der Klasse würde ich das Thema nicht mehr anschneiden. Ich finde es gut, wie du reagiert hast - die Schüler können ja auf dem Schulhof diskutieren, im Unterricht muss das nicht sein. Wenn du jedoch hörst, dass du evtl. von dem Täter schlecht gemacht wirst oder auch von anderen Schülern - dann solltest du vielleicht doch noch einmal ein klärendes Gespräch mit allen führen, um ihnen aufzuzeigen, dass so ein Verhalten Konsequenzen hat. Hin oder Her ob es eher ein "Unfall" war - wenn du sagst, er hat noch einmal extra ausgeholt, als du schon dazwischen standst, war es klar eine Attacke auf dich.

    Hast du den betroffenen Schüler denn überhaupt im Unterricht? Das habe ich nicht ganz verstanden, wenn du sagst, er ging zurück zu seiner Lehrerin. Das ist das problematischste - wie gehst du jetzt mit dem Schüler um? Vielleicht wäre es wirklich sinnvoll, ihn erst einmal in eine andere Klasse versetzen zu lassen.
     
  • Shiny Flame
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    5 Oktober 2011
    #9
    Die Chefetage hat mir heute das Anzeigenformular rausgesucht und sich noch zehn Minuten ihrer zur Zeit wirklich knappen Zeit genommen, um ein bisschen mit mir zu reden und mir Mut zu machen. Das hat sehr gut getan. Ich habe mich auch getraut, zu erwähnen, dass es mir gestern wirklich schlecht deswegen ging und wir haben für einen Moment über den Unterschied gesprochen, wirklich einen geplanten Schlag abzubekommen oder eine echte Verletzung abzubekommen, wenn man dazwischen geht, weil ein Schüler gerade die Kontrolle über sich verliert. Letzteres ist nur halb so schlimm und ist uns beiden bereits passiert.

    Davor hat mich meine Hausärztin zum Röntgen und zum Durchgangsarzt für Arbeitsunfälle geschickt, das Handgelenk ist aber nur geprellt. Ich habe allerdings Schlaftabletten bekommen, falls es mir heute abend wieder so schlecht wie gestern gehen sollte. Und dann hat mich noch eine Freundin nach dem Nachmittagsunterricht auf Arbeit abgeholt und mir einen Keks von Subway mitgebracht. Außerdem habe ich mit meinem Nachbarn beschlossen, dass ich ihn von jetzt an immer zum Kampfsport begleiten werde, damit ich mich notfalls wehren kann.

    Morgen setze ich mich mit der Klassenlehrerin zusammen und wir besprechen das weitere Vorgehen von schulischer Seite. Es gibt da ein paar Möglichkeiten, damit (und mit einer weiteren heftigen Aktion heute gegen einen anderen Schüler) umzugehen, und wir werden gemeinsam die gerechteste und für uns beide befriedigenste heraussuchen und überlegen, evt. auch weitere Kollegen fragen.

    ***

    Mit dem Wissen, dass die nötigen Konsequenzen getroffen sind, werde ich jetzt wahrscheinlich auch ganz normal mit dem Schüler umgehen können, wenn er morgen wieder in meinem Unterricht sitzt (ich bin Fachlehrerin in seiner Klasse). Wichtige Maxime meiner Ausbildung lautet schließlich: Ich lehne das Verhalten ab, nicht den Menschen. Und die Konsequenzen für das Verhalten wird es geben, also ist der Gerechtigkeit Genüge getan. Ich habe (auch für mich selbst und mein Bauchgefühl) klargestellt, dass das, was er getan hat, NICHT in Ordnung war, gegen Regeln verstößt und daher sanktioniert wird.

    Jetzt habe ich keine Angst mehr. Die Hausärztin wollte mich für die Woche stressbedingt krank schreiben, aber ich wollte es gar nicht.
     
  • diskuswerfer85
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    5 Oktober 2011
    #10
    Kann es sein das du an einer ziemlichen ghettoschule bist? deine beschreibungen hören sich schon extrem an. wäre es vllt eine möglichkeit in einer besseren gegen zu unterrichten?

    ---------- Beitrag hinzugefügt um 20:56 -----------

    wobei die sache sich für mich so anhört als wollte er garnicht dich sondern den anderen schüler treffen.

    trotzdem ist die sache nat. schlimm genug. da kann man nur hoffen, dass ihr einen harten schulleiter habt. gerade für solche kinder ist da wichtig. je "unterschichtiger" die kinder sind desto mehr disziplin und "directions" brauchen sie.

    während in einer guten motivierten umgebung eine antiautoritäre haltung förderlich sein kann wäre das für solche kinder fatal.
     
  • LayLayBoy
    LayLayBoy (24)
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    5 Oktober 2011
    #11
    Ich verstehe das gar nicht, wie man sich bloß nur so benehmen kann und das gegenüber einer Respektperson. Man ist in der Schule um auch was zu lernen. Klar macht man mal Unsinn, dies hat doch eigentlich bestimmt jeder gemacht, aber das geht eindeutig zu weit. Ich frage mich sowieso was Leute, wie er, davon haben gewalttätig gegenüber Mitschüler oder auch Lehrern zu sein. Das hat doch nur Konsequenzen für denjenigen. Außerdem sollte das gesamte Schulsystem mal strenger werden.
     
  • Shiny Flame
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    5 Oktober 2011
    #12
    Ja, es ist eine Ghetto-Schule, und nein, ich will nicht wechseln. Ich war schon an einer "besseren" Schule, und da haben die Lehrer in den Pausen immer ihr Pausenbrot gegessen und über Urlaub und Frisuren geredet. In meinen Pausen führe ich Konfliktlösungsgespräche, mit meinen Kollegen rede ich über die Arbeit, und obwohl der Job einen tierisch zermürben könnte, bin ich Teil eines Teams, das mich stärkt, wenn ich alleine an meine Grenzen komme. Das habe ich nur an solchen Schulen erlebt, an denen es auch nötig ist - und es schafft ein gutes Arbeitsgefühl.

    Dadurch, dass ich gemerkt habe, dass Chefetage und Kollegen mir beistehen, wenn ich bedroht werde, steigt die Arbeitszufriedenheit trotz Bedrohung und Angeschrienwerden nämlich deutlich. Ich darf auch mal schwach sein, weil die anderen mich genauso auffangen wie ich sie auch auffangen würde. An "zivilisierteren" Schulen war das Kollegium untereinander meist viel zickiger und konkurrierte untereinander, statt sich gegenseitig Feuerschutz zu geben.

    ---------- Beitrag hinzugefügt um 21:07 -----------

    Glaub mir, wir werden strenger :zwinker:. Gerade an unserer Schule. Ich halte nichts von laissez-faire bei psychischer oder physischer Gewalt.

    Ja, man könnte viel, viel Verständnis mit dem armen Jungen haben, der nie jemanden zum Reden hatte, der es nötig hat, zu lügen und zu schlagen... Aber man kann stattdessen auch Mitleid mit der Schülerin haben, die von ihm geschlagen wurde und die es im Leben auch nicht leicht hat, mit den anderen Schülern, die von ihm bereits bedroht wurden und die auch nicht mit Bauchschmerzen zur Schule kommen sollen. Die sind leiser und fallen nicht so auf. Aber sie sind auch meine Schüler und fallen in meinen Verantwortungsbereich. Auch sie sollen sich sicher fühlen, nicht nur einer, der zuschlägt.
     
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