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    20 Februar 2020
    #1

    Wann ist ein Mensch (poly-) beziehungsfähig?

    Sicher, das ist eine umfassende Frage und wahrscheinlich zu unkonkret gestellt, daher der Hintergrund:

    Seit meinem 19. Lebensjahr bin ich immer wieder in Therapien verschiedenster Art, die Diagnosen waren vielfältig (Soziophobie, Depression, Zwangsstörung, Neurosen, etc.) und allesamt unzutreffend. Seit letztem Jahr weiß ich, dass es zu großen Teilen dem Asperger Syndrom zuzuschreiben ist, dass Umgang mit Menschen schwierig für mich ist und mir Angst macht.

    Das ändert nichts daran, dass ich Gefühle habe - auch wenn es oft länger dauert, diese zu verstehen. Ich liebe meinen Partner und schlafe gern mit ihm. Meistens. Und dann sind da Tage, an denen ich nicht angefasst werden will. Und dann die Tage, an denen wir aus diversen Gründen am Konzept "offene Beziehung" feilen. Weil er insgesamt gern mehr Sex möchte und ich der Meinung bin, dass Sex halt auch eine Art Hobby sein kann, dass man mit mehr als nur einer Person teilen kann (wenn man gerade Lust hat eben). Wie ich mit meinen polyamoren Gefühlen umgehen möchte , erforsche ich noch. Das Problem: Kommunizieren ist bei offen/poly extrem wichtig - und genau das fällt mir schwer. Bin ich also quasi per Geburt nicht für dieses Konzept "geeignet"?

    Alles nicht die besten Bedingungen, zumal Autisten nunmal vieles anders angehen (müssen), als neurotypische Menschen. Und da liegt das Problem: das Bewusstsein über meine "Mängel" löst in mir eine defensive Haltung aus. Und mehr und mehr habe ich das Gefühl, dass mein Partner und Freunde und Familie seit der Diagnose eine gewisse "Selbstsicherheit" mir gegenüber haben, dass sie eben im Recht sind, wenn es um zwischenmenschliche Dinge und Gefühle geht. Nach allem was ich lese, eher kontraproduktiv, wenn man andere als monogame Konzepte ausprobiert.

    Dem entgegen steht eben meine eigene, offenkundig ganz andersartige Idee von all diesen Beziehungen, ob nun romantisch oder freundschaftlich. Und wenn nun die "Normalen" Recht haben - heißt das, ich mache es falsch und muss jetzt umlernen? Erstaunlicherweise haben sich einige Freundschaften nämlich gar nicht verändert, aber in anderen nehme ich dieses "Gefälle" wahr. Und die Frage drängt sich auf: Wenn ich das alles so anders sehe und das aber als für mich richtig empfinde: Was ist die Konsequenz? Bin ich "beziehungsunfähig"? Oder einfach unkompatibel? Oder darf ich von meinem Umfeld verlangen, sich an meine Andersartigkeit anzupassen? Das Gespräch zu diesem Thema mit meinen Eltern verlief gelinde gesagt beschissen. Nicht zuletzt, weil das Kommunizieren von Gefühlen schwierig ist. Und in einem Punkt haben sie unbestritten Recht (auch, wenn sie es uncharmant ausdrückten): "Du bist die Kranke hier!" Und jetzt?

    Auf eine Therapie warte ich z. Zt. - mir geht es um Strategien, die mir den Übergang erleichtern. Vor allem mit dem Ziel, bis zur Therapie eine "Krücke" zu finden, wenn ich denke, dass jemand mir seine Meinung aufzwingt, weil er die meine abtut als die "falschen Ideen eines geistig Behinderten". Aber auch geistig behinderte Menschen fühlen - nur eben anders. Was mache ich konkret aus dieser Erkenntnis? Vor allem, wenn ich mit meinem Partner über unsere Ideen zu offen/poly spreche und es sich anfühlt, als habe er immer den "das siehst du eben falsch"-Joker in der Hinterhand? (Und ihn gelegentlich auch nutzt - manchmal auch schon, wenn es nichtmal um poly o.ä. geht.)

    Vielen Dank an alle, die sich bis hierher durchgekämpft haben und ihre Ideen mit mir teilen :smile:
     
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    20 Februar 2020
    #2
    Ich kann gerade nicht wirklich zu deiner Frage der Polybeziehungseignung sagen, da ich bei diesem Thema für mich auch noch überlege.

    Aber ich möchte mal deine Prämisse in Frage stellen, dass du angeblich die Kranke seist.
    Was ich bisher an Eigenaussagen von emanzipierten (Asperger-)Autisten gelesen habe, brachte das Konzept der Neurotypischen und Neuroatypischen Menschen auf, das für mich viel logischer und mehr an der Menschenwürde orientiert ist. Du bist ja auch nicht krank. Selbst wenn wir es als Behinderung definieren wollen (und Behinderung ist nicht krank), denn im Alltag bist du vermutlich öfter dadurch behindert, sind deine Meinung und deine Gefühle dadurch nicht weniger wert und schon gar nicht falsch.
    Deine Gefühle und Bedürfnisse sind immer ausschließlich deine und können daher nicht falsch sein. Niemand kann dir sagen was du zu fühlen, können, wollen oder fordern hast. Sie können sagen, was sie (nicht) wollen, fühlen und wo ihre Grenzen sind. Und klar, wenn du größtenteils mit neurotypischen Menschen wie mir umgeben bist, kann es hilfreich sein, sich Strategien anzueignen, um besser mit ihnen klarzukommen (Strategie kann zB auch zeitweiliger Rückzug sein, wenn reden gerade nicht geht). Weil dadurch dein Leben etwas einfacher wird.

    Aber in den engen zwischenmenschlichen Beziehungen, von denen du sprichst, da sollte niemals nur eine Person in der Bringschuld sein, sich auf den anderen Menschen einzustellen.
    Klar wirst du deine Einschränkungen haben, aber die hab ich doch auch. Dann halt woanders. Aber ist das besser/richtiger, nur weil es neurotypischer ist? Denke ich nicht.
    Ich nehme dich hier übrigens als sehr reflektiert und intelligent wahr, also schon als jemanden, mit dem man prinzipiell reden kann. Vielleicht ja nicht immer sofort und in meiner bevorzugten Form, aber hej, wann machen schonmal alle nur was ich will? :zwinker:

    Gerade die Aussage deiner Eltern macht mich sauer und entsetzt mich zugleich, denn das ist einfach nur verletzend und respektlos. Keine Situation im Streit rechtfertigt diese Reaktion; und wenn sollte da hinterher eine äußerst reuige Entschuldigung kommen. Selbst angenommen du wärest krank: Nimmt man nicht auf Kranke Rücksicht, statt es umgekehrt zu fordern?
    Und sollte dein Freund deine Diagnose tatsächlich als Manipulationsmittel nutzen (ich kenne ja seine genauen Worte und Taten nicht), ist das eine richtig unfeine Nummer von ihm. So sollte man nicht mit einem Menschen umgehen, den man wertschätzt und liebt.
    Wenn sich manche Beziehungen gar nicht verändert haben - was ist da anders? Darauf würde ich mal gucken.
    Respektieren dich diese Menschen vielleicht einfach nur weiterhin als vollwertige Person?

    Thema Kommunikation: Es gibt ja wirklich viele neurotypische Menschen, die richtig mies kommunizieren :zwinker: Man kann dazulernen. Man kann sich mit aufmerksamen Menschen umgeben, die regelmäßig fragen "Wie geht es dir?". Man kann Alternativen finden wie schreiben statt reden, etc pp.
    Ich hoffe, deine Therapeutin kann dir da helfen, gute Strategien für dich zu finden und entwickeln. Letztlich können viele Menschen auch einfach nicht gut mit Menschen umgehen, die Besonderheiten zeigen. Da kann die Diagnose und Therapie jetzt helfen, die Menschen für dich zu identifizieren, die guter Umgang für dich sind und dir guttun. :knuddel:
    Alles Gute auf diesem Weg.
     
    Zuletzt bearbeitet: 20 Februar 2020
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    20 Februar 2020
    #3
    Vielen Dank für deinen Beitrag ugga ! Ich hoffe natürlich, dass hinter den unveränderten Freundschaften Akzeptanz und nicht nur Ratlosigkeit oder so etwas steckt. Leider gelingt es mir nicht, den Finger darauf zu legen, WARUM es da glatt läuft und wie ich diesen Zustand woanders auch herstelle. Da hilft wohl nur Geduld und irgendwann Therapie... :smile:

    Ich würde die Handlungen meines Freundes nicht in die Ecke Manipulation stecken wollen. Ein Beispiel kann es besser erklären als ein Begriff: Es fällt mir schwer, ihn um Hilfe zu bitten oder mich zu bedanken. Auch Entschuldigungen sind oft ein Problem. Es kam irgendwann dazu, dass er sowas sagte wie: "Ja, irgendwie hast du dich ja entschuldigt, aber du hast es halt nicht wörtlich, sondern auf deine ganz eigene, indirekte Art getan. Aber kannst du es nicht einfach sagen? Das bräuchte ich schon irgendwie."
    Ich hatte mich zuvor im Tonfall vergriffen - und wenn ich dann ausdrücke, dass das unabsichtlich geschah, ist es für mich damit gut. Er insistiert aber darauf, dass ich das eine Wort sage, das in mir soviele Schuldgefühle auslöst, dass es mich tagelang runterzieht: Entschuldigung. Und oft sagt er dann: "Ich mache das doch auch. Ich bin dir doch da ein gutes Vorbild." Aber es geht eben nicht. Und ich könnte wohl auch nur, wie er so schön sagt "auf meine ganz eigene, indirekte Art" über Eifersucht, Bedürfnisse etc. sprechen. Ich würde nie sagen "fahr heute bitte nicht zu deiner F+, ich brauche dich hier". Ich würde schlichtweg sagen: "Mir wäre es heute lieber, wenn wir was zusamnen machen." Kein "bitte", kein Verbot. Das widerstrebt mir. Und das weiß er ja! Er versteht es ganz genau, dafür kennen wir uns lang genug. Und dennoch insistiert er darauf, dass ich eben "normal" kommuniziere, weil er das braucht. "Wenn du bitte sagst, mach ich es gern." Und wenn nicht? Es fällt mir halt schwer. Wenn es so grundsätzliche Kommunikationshürden gibt, kann ich dann hoffen, dass wir das schwierige Thema offene Beziehung geregelt kriegen? Besonders, seit er (er sagt das nie konkret, aber die Ganzheit der Gespräche mit ihm bringt mich zu dem Schluss) der Meinung ist, er sei mit seinen Bedürfnissen und seiner Art zu kommunizieren "im Recht" und ich mit meinen anscheinend nicht, (weil sie atypisch sind?)
     
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    20 Februar 2020
    #4
    AlexandraSpreng puh, ehrlich gesagt klingt das so, als würde dein Freund dich erziehen wollen. Er weiß ganz genau was du meinst, er weiß ganz genau, dass du Probleme mit dem Wort "Entschuldigung" hast, und trotzdem zwingt er dich dazu, es auszusprechen. Genauso wie manche ein Kleinkind dazu zwingen würden, die doofe Tante zu küssen, obwohl es schon tschüss gesagt hat.
    Ehrlich gesagt fällt es mir schwer zu glauben, dass er das nicht bewusst macht. "Weil er es ja jetzt machen kann", "Weil du ja 'krank' bist", du lässt dich ja anscheinend sehr schnell einschüchtern und gibst ihm recht, weil du Angst (?) hast.
    Das was du da machst, das fällt für mich unter normale Kommunikation. Du sagst genau das was du sagen möchtest, und drückst deine Gefühle damit recht gut aus, er versteht ja offensichtlich auch, was du willst.

    Derjenige der da ein Kommunikationsproblem hat ist dein Freund, der mit einem veränderten Satzbau nicht klarkommt.

    Es klingt ja so, als hättet ihr euch vor der Diagnose schon gekannt, das was du da als Probleme empfindest wird vermutlich schon damals gewesen sein. Hat er da genauso reagiert?
     
    Zuletzt bearbeitet: 20 Februar 2020
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    20 Februar 2020
    #5
    Ich habe keine wirkliche Ahnung von Asperger, aber meine Herangehensweise ist ohnehin anders. Ich versuche immer, pragmatisch zu sein.

    Ich würde Deine Krankheit nicht als Makel oder als Ursache für irgendein Denken oder irgendeine Verhaltensweise nehmen, sondern maximal als Erklärung.
    Du bist ein Mensch mit gleichwertigen Gedanken, Wünschen, Ängsten, Träumen, Lebensvorstellungen,.... wie ein Mensch ohne Asperger. Ob diese von der Krankheit geprägt bzw. so gestaltet sind, spielt dabei m.E. absolut keine Rolle. Sie sind da, sie sind in der Summe Du. Bzw., Du bist die Summe aller Deiner Gedanken, Wünschen, Ängsten, Träumen, Lebensvorstellungen,...
    Und jetzt hast Du die 2 "Probleme", die alle Menschen haben:
    • Bin ich glücklich, so wie ich bin?
    • Finde ich Menschen, die zu mir kompatibel sind und wer sind diese?

    Was ich damit sagen möchte: wenn Menschen Dich und das, was Du sagst und denkst auf eine Krankheit reduzieren und Dich nicht mehr als den Menschen wahrnehmen (wollen oder können), der Du bist, dann solltest Du Dir überlegen, ob diese Menschen überhaupt zu Dir passen.

    Menschen, die nicht im Mainstream mitschwimmen, haben es immer schwieriger, wirklich zu sich passende Menschen zu finden. Aber sie haben auch den Vorteil, sich i.a.R. mehr mit sich selber auseinander setzen und daher bewusster leben.

    Dir rate ich, immer wieder in Dich zu gehen, immer wieder Dich selber fragen, was Du möchtest, was Du nicht willst und ob Du soweit glücklich bist. Und ob die Menschen um Dich herum wirklich Dich akzeptieren oder Dir einen Stempel aufzudrücken versuchen.
     
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    20 Februar 2020
    #6
    Mein Sohn hat auch ganz leichte Tendenzen zum Autismus. Wir haben da bislang nichts unternommen, weil er - auch im sozialen Bereich - sehr gut zurechtkommt, vor allem, wenn die Kinder unter sich sind.

    Er kann sich, ebenso wie Du auch entschuldigen wenn er so weit ist. Das ist dann eben nicht das Wort "Entschuldigung" sondern die Frage "Mama, ist die Spülmaschine sauber? Ich könnte die ja ausräumen". Manchmal dauert das auch ein paar Stunden.

    Ich nehme das einfach so an. Und Kinder/Mitschüler genauso.

    Das "Ziel" einer Entschuldigung ist ja, ein "Missverständnis/Verhalten" auszuräumen/wieder gut zu machen.

    Die Frage nach der Spülmaschine erfüllt für mich die Erwartung. Er merkt das war blöd und möchte es ausbügeln/mir eine Freude machen, damit wir wieder quitt sind.

    Manchmal entschuldigt er sich auch wortwörtlich. Stunden, Tage, Wochen, oder in einer ähnlichen Situation später oder -wenn es ihn sehr beschäftigt - auch per "Brief".

    An Deiner Stelle würde ich mir überlegen, ob es mir das wert ist, mich "über alle Maßen" anpassen zu sollen, damit es recht ist oder ob ich mir nur die Sozialkontakte rauspicke, die mich so nehmen wie ich bin.

    Beim Partner würde ich das sehr daran festmachen, inwiefern er auch Verständnis für mich zeigt und nicht nur seine Bedürfnisse einfordert.
     
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    20 Februar 2020
    #7
    Zu den ggf. nötigen Voraussetzungen für polymore Beziehungen habe ich dir ja in dem anderen Thread schon was geschrieben:
    Aber jetzt zu diesem Thread :smile:
    Nein!!
    Ich habe das früher auch gemacht, als ich zum ersten mal eine Diagnose (Depressionen) bekommen habe, habe ich mich nur noch über die Krankheit definiert. Aber das ist nicht gut :schuettel: Zuallererst bist du du und nicht die Krankheit oder Behinderung! Und du bist genauso toll wie alle anderen (zu denen man scheinbar nicht richtig dazu gehört, ja ich kenne das Gefühl).

    Ich finde das muss auf Gegenseitigkeit beruhen.
    Ich arbeite zum Beispiel mit einem Autisten (Erziehungsbeistandschaft) und ich erwarte, dass er sich so weit wie möglich den Strukturen anpasst, damit wir gut zusammen arbeiten können, genauso erkenne ich aber auch seine "abweichende" Wahrnehmung an und reagiere angepasst darauf, um es ihm so leicht wie möglich zu machen.

    Eine "Arbeitsbeziehung" ist keine partnerschaftliche Beziehung, aber ich finde in dem Punkt vergleichbar: Beide Parteien müssen sich aneinander anpassen.
    Ich finde es extrem schwierig, dass dein Partner sagt, du bist die mit der "falschen" Wahrnehmung. Das ist fürmich nicht mehr wertschätzend und keine Beziehung auf Augenhöhe.

    Durch Depressionen, eine komplexe PTBS, Soziale Phobie, Anpassungsstörung und Zwangsstörung habe ich häufig auch eine andere Wahrnehmung als andere Menschen. Ich erwarte aber von meinem Partner, dass er das akzeptiert und vor allem respektiert, wenn ich die Hintergründe erkläre. Für die aktuelle Situation ist es häufig nicht angemessen, kennt man die Ursachen ist es das jedoch schon.
    Gleichzeitig habe ich den Anspruch an mich selbst, meinen Partner so wenig wie möglich zu belasten und an "unangemessenen" Reaktionen zu arbeiten.
    Gegenseitigkeit eben :zwinker:
     
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    20 Februar 2020
    #8
    Mal ganz anderer Punkt: Asperger ist keine Krankheit und in meinem Verständnis keine Behinderung, es ist eine Besonderheit und zwar in der Form, dass du neurologisch atypisch bist. In dem Moment, wo du das selbst anderen gegenüber Krankheit oder Behinderung nennst, machst du dich vor denen schon klein. Einfach weil die meisten Menschen schon im Begriff etwas sehen, das dich zu einem Makel macht. Asperger an sich ist aber kein Makel, er führt nur dazu, dass du mitunter Probleme hast, die andere nicht haben und die wiederum haben dafür andere Probleme, die du nicht hast. Du hast einfach nur diverse Dinge, die sich unter Asperger zusammenfassen lassen. Aber auch bei Asperger Autisten gilt: Kennst du einen Asperger Autisten kennst du einen Asperger Autisten.

    Für deine generelle Bearbeitung rate ich dir, deine Themen hier mal zu sortieren. Diese ganze Polysache würde ich als gesonderten Bereich sehen. Erstmal würde ich mich an deiner Stelle damit beschäftigen, was ich nun mit dieser Diagnose mache und wie ich damit umgehe. Und so wie das gerade mit deinem Freund läuft, würde ich keine zusätzliche Baustelle in der Beziehung aufmachen. Mir scheint ihr solltet da erstmal eure grundsätzliche Kommunikation wertschätzender und wohlwollender betreiben. Sonst fliegt euch das mit Poly nur noch mehr um die Ohren.

    Ich bin kein abschließend diagnostizierter Asperger Autist, aber dass ich innerhalb dieses Spektrums liege ist sehr sehr sehr wahrscheinlich, wie sich gerade im Umgang und Austausch mit anderen Aspergern immer wieder sehr deutlich zeigt. Bis heute hatte ich diverse Probleme im Sozialen und im Kommunikativen und erfülle da auch einige Klischees. Was ich aber für mich gelernt habe ist, dass ich auch nur 50% ausmache. Wenn mein Gegenüber also selbst nach diversen Erläuterungen mir noch immer Dinge auf gewisse Art auslegen will, dann kann ich da nichts machen.

    Beispiel: ich bin sehr geradeheraus, pragmatisch und feststellend. Manche Menschen wollen mir dabei immer unbedingt eine böswillige, verletzende Absicht unterstellen, die es aber einfach nicht gibt. Das liegt daran, dass sie sich mit Metaebenen befassen, die an mir total vorbeigehen. Wenn ich also feststelle, dass jemand aber heute etwas krank und mitgenommen aussieht, dann würde ich das mitunter so formulieren. Dann gibts Menschen, die verstehen, dass sie in meinen Augen heute etwas krank und mitgenommen aussehen. Da ist alles okay. Dann gibts aber Leute, die unbedingt davon überzeugt sein wollen, ich hätte sie beleidigt und würde sie hässlich finden. Da biste chancenlos. Da kannst du einmal versuchen, zu erläutern, dass du exakt das gemeint hast, was du gesagt hast und nicht mehr, aber mehr eben nicht. Dazu scheint mir dein Freund zu gehören. Der weiß, was du meinst, wie du es meinst, der legts dir aber trotzdem negativ oder unzureichend aus. Was du hier verstehen solltest ist, dass das sein Problem ist und nicht deines. Nur weil du Asperger bist, heißt das nicht automatisch, dass die anderen alle sauber ticken. Die haben oftmals auch ihren Kram zu schaukeln. Anderen Kram, aber Kram.

    Mein Freund und ich hatten anfangs auch so unsere Baustellen, gerade in Sachen soziale Interaktionen, wie du hier in meinen Threads nachlesen kannst. Wir haben das aber alles gut im Griff, weil wir es in den Griff kriegen wollen. Da gehts nicht ums gewinnen, nicht darum, wer Recht hat oder wer sich biegen soll. Wir erklären einander solange, bis wir einander verstanden haben. Da werden aber keine dressierten Phrasen abgerufen. Das ist eine Machtdemonstration und ein Kleinhalten, wo du ne Grenze ziehen solltest. Genau so wenig wie psychische Probleme ein Freifahrtsschein sind, ein Arsch zu sein, ist Asperger nicht das schwarze Loch, in das man allen Mist aka Verantwortung und Schuld werfen kann.

    Angepasstes Verhalten vereinfacht gerade mit Fremden vieles. Ich habe mir da auch einiges angeeignet, was für mich nicht viel Wert hat, was man aber halt so macht. Mir erspart das Stress und das ist es mir dann eben Wert. Aber innerhalb seiner Partnerschaft sollte man der sein dürfen, der man ist und da würde ich eben an dich appellieren, bei dir selbst zu bleiben. Sei zugänglich für andere, lass sie dich verstehen, aber lass sie dich nicht kleinmachen.

    Schau auch, wo deine Grenzen sind, wo du dich anpassen möchtest und wo du es nicht willst. Haushalte mit deiner Energie und versuche nicht, in den Augen von anderen richtig zu sein, sondern messe dich an dir und deinen eigenen Maßstäben. Du kannst es nie allen rechtmachen, aber du kannst es dir und deinem eigenen Kompass rechtmachen. Ich glaube, anders kann man keine wirkliche, innere Balance finden, weil eben auch die Außenwelt nicht homogen ist.
     
    Zuletzt bearbeitet: 20 Februar 2020
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    20 Februar 2020
    #9
    Vielen Dank für die vielen, wertschätzenden Antworten :smile:

    Auf so vieles möchte ich eingehen, hab jetzt erstmal ein paar Sachen gefiltert:

    So ist es - und zwar die Angst, ihm doch irgendwie Unrecht zu tun, weil er es ja "besser wissen" müsste. Wohlbemerkt "müsste", Zweifel daran habe ich auch. Ich umgehe also oft den Konflikt. Auftauchen tut er nur an den Stellen, wo ich ganz fest gesetzte Ideen habe bzw. gefühlt ganz klar zuviel von mir verlangt wird. Im Grunde is das auch ok so, also bis zu meiner Grenze hin zu gehen. Aber drüber hinaus möcht ich halt nicht. Das ist schwierig zu vermitteln an einige Menschen. Und ein bisschen treibt mich die Sorge um, dass ich mich jetzt hinter dem Autismus verstecke und immer sage "Ich kann das halt nicht" - das wäre ja auch unfair. Also eigentlich die Angst, nicht die angemessene Balance zu finden. Das trifft es am besten.

    Richtig, wir kennen uns fast 4 Jahre. Es ist schwer zu sagen... es hat ihn wohl auch damals schon gestört. Er scheint aber erst jetzt das vermehrt zu äußern. Unter anderem vermute ich, weil wir durch beides, die Diagnose und die Idee, die Beziehung zu öffnen, auch mehr konfliktreiche Gespräche haben.

    So empfinde ich es ja auch - dennoch nagt der Gedanke an mir, dass ich da der Geisterfahrer bin. Natürlich ist "weil alle das so machen" kein Grund. Aber Konformität erleichtert das Miteinander doch ungemein. Vllt. muss ich noch richtig verinnerlichen, dass mir das eben nicht gegeben ist.

    Das habe ich auch nicht getan, anfangs zumindest nich. Und dann kam der Crash mit den Eltern, das hat mir n gutes Stück Sicherheit wieder genommen. Ursprünglich war ich mit der Diagnose total glücklich, weil ich ja ohnehin immer war, wer ich war. Aber nun gab es eine Erklärung! Das war gut für mich. Und dann ging es los mit Dingen, die zu tun waren, Therapie beantragen, Behinderungsgrad anerkennen lassen (30%), und all das hat mich tatsächlich in ein negativeres Mindset gesetzt, wenn ich so darüber nachdenke. Das sollte ich aber wieder hinbekommen. Die positive Welle an Erkenntnissen durch die Diagnose war nämlich echt riesig :smile:

    Du beschreibst genau meine Befürchtung, die mit Grund für diesen Thread ist. Danke :smile: Die Öffnung der Beziehung stand allerdings zeitlich vor der Diagnose schon im Raum. "Rückzieher" sind nichts, womit ich mich wohlfühle. Aber ich denke, du hast Recht.

    Beides zentrale Fragen, die ich zugegeben vor mir herschieben wollte, bis Therapiestart. Ich merke aber gerade, dass das nicht geht. Also lieber humpelnd vorwärts, als gar nicht. Auch wenn der Zugang zu meinen Gefühlen schwierig ist und oft alles nur ein einziger Brei an unsortierten, unreflektierten Empfindungen und Impulsen - glücklich bin ich nicht wirklich, zumindest nicht mit allem.

    Soweit erstmal für jetzt und vielen Dank für eure Ideen und aufbauenden Worte :smile:
     
    Zuletzt bearbeitet: 20 Februar 2020
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    20 Februar 2020
    #10
    Ich weiß, was du meinst. Aber soo konform sind die anderen auch nicht. In dem Moment, wo du dir das immer wieder sagst, grenzt du dich selbst noch mehr ab. Dabei gibt es genug, die wohl zu einem gleichen Ergebnis kämen wie du, nur über andere Wege. Ich habe mittlerweile auch einige Überschneidungen gefunden, die mir vorher fehlten. Klar habe ich die meisten und deutlichsten wie eindeutigen Überschneidungen mit anderen Asperger Autisten, aber auch mit Normalneurologischen gibt es da je nach Charaktertyp einige. Versuch nicht so sehr in dem Muster zu denken, dass du anders seist als die anderen, versuch eher zu denken, dass du anders bist als viele. Was wir denken bestimmt unser Handeln. Du bist kein Geisterfahrer, du fährst nur nach Hamburg statt nach München, aber links und rechts von dir fahren auch etliche nach Hamburg, die sitzen nur nicht alle in einem roten Polo wie du :smile:

    Das ist gut. Balancier dich da wieder ein. Vielen hilft die Diagnose ja wirklich und wenn es bei dir genau den Effekt hat, ist das toll. Da würde ich dann raten, klar und kräftig nach außen zu kommunizieren, dass die Diagnose eben Dinge beantwortet, aber keine neuen Probleme schafft. Du bist jetzt keine Andere, du hast jetzt nur ein Label. Da würde ich sehr klar gegenhalten und mich dagegen wehren, dass die Leute mich plötzlich anders behandeln oder mein Verhalten plötzlich anders werten. Du bist dieselbe, du hast nur ein Etikett mehr. Ruhig gebetsmühlenartig wiederholen :smile: In meinem Umfeld führte das Labeln eher zu einem “Ach so nennt man das. Okay. Noch Kaffee?”, wohl etwas, dass dir mehr entgegenkäme. Aber für viele fängt mit dem Benennen das Problem erst an. Ist halt Unsinn, weil du ja noch dieselbe bist. Halte da einfach kräftig gegen. Ich könnte nun etliche Dinge aufzählen, die ich an “meinem” Asperger super finde. Wenn du also mal bisschen ins Schwanken kommst, probier ruhig mal, ob das für dich funktioniert :smile:
     
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    20 Februar 2020
    #11
    Der Beitrag von Ratsuchende hat mich ganz besonders ans Nachdenken gebracht. Es gibt tatsächlich ganz viele Dinge, die mein Partner einfach so hinnimmt, quasi immer schon fraglos akzeptiert hat. Und es tut mir gerade deshalb auch irgendwie besonders leid, dass ich ihm eine Bitte oder eine Entschuldigung nur so "hintenherum" antragen kann - er fordert es auch nich knallhart ein, er sagt, dass er das braucht. Ein Dilemma bleibt es dadurch trotzdem, weil ich es schlichtweg seit 30 Jahren nicht zuwege bringe. Ich werde mal in mich gehen und abwägen, welche Schritte er bereits alle auf mich zugemacht hat, die ich vllt. vergesse oder übersehe. Und dann nochmal das Gespräch mit ihm suchen, wie wir auch bezügl. Entschuldigungen übereinkommen können. Es ist schön zu wissen, dass es Menschen gibt, denen es genug ist, dass etwas ausgeräumt wurde, egal wie und wann die Worte fallen bzw. der kleinlaute Zettel nach ner Woche aufm Nachttisch liegt :smile:
     
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    21 Februar 2020
    #12
    Off-Topic:
    Wozu ist das bei Behinderungsgraden unter 50% eigentlich gut? Berufliche Vorteile etc hat man ja erstmal nicht?
    Völlig off topic, Verzeihung :ashamed:
     
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    21 Februar 2020
    #13
    Off-Topic:
    Die Vorteile kann ich dir auch nicht nennen. Interessiert mich aber auch. Die Nachteile sind z.B., dass man als Asperger gewisse Berufe gar nicht machen darf. Soweit ich weiß, darfst du als Asperger z.B. nicht Pilot sein.
     
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    21 Februar 2020
    #14
    Off-Topic:
    Da gibt's nix zu verzeihen, ich hab die Frage auch gleich gestellt und tatsächlich differierende Antworten erhalten. In einem waren sich die meisten einig: Es schadet nicht und es macht ggf. den Antrag auf Mittel zurberuflichen Teilhabe bei der Rentenkasse (zwecks Umschulung) einfacher. Das war mir Grund genug. Und es liegt im Bereich des Möglichen, dass ich ne höhere Einstufung durchkriege.

    --- Beitrag wurde zusammengefügt, 21 Februar 2020 ---
    Off-Topic:
    Das war mir neu - wieder was gelernt :smile:
     
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    #15
    Off-Topic:
    Wusste ich auch nicht. Ich will zwar kein Pilot werden, aber das war einer der Gründe, warum ich mich nicht diagnostizieren lassen wollte. Da ich einen festen Beruf und eine Anstellung habe, hatte ich Angst, dass sich das für mich nachteilig auswirkt. Ich habe eine gute Bekannte mit Asperger, die es innerhalb ihres Jobs auch nicht anspricht - aus dem gleichen Grund. Wir sitzen beide in einer Branche, bei dem man uns dann recht leicht einen Strick aus dem Autismus drehen könnte. Aber das ist superindividuell und wenn es dir weiterhilft und in die Karten spielt, dann mach das auf jeden Fall. Ich habe mal eine Aspergerin auf Youtube verfolgt, die mit ihrer Diagnose auch im Job offen umgeht, was ihr wohl Vorteile als auch Nachteile gebracht hat. Daher wollte ich das bislang nicht ansprechen, weil das eine totale Einzelfallsache zu sein scheint :smile: Darüber hinaus gibts auch Asperger, die nicht für Vollzeitstellen gemacht sind und wo der Autismus dabei durchaus die entscheidene Rolle spielt. Bei denen ist es z.B. sehr wichtig, dass sie die Einstufung haben, weil das eben beim Amt eine Rolle spielt. Denen werden dann z.B. bestimmte Stellen nicht aufgedrängt usw.
     
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    21 Februar 2020
    #16
    Ich bezieh mich mal auf die Frage zweck polyamor.
    Ich persönlich könnte in keiner polyarmor Beziehung sein. Das wäre für mich persönlich ein Grund die Beziehung zu beenden, wenn er das unbedingt bräuchte, da ich wüsste, wir beide werden auf die eine oder andere Art unglücklich sein.

    Eine offene Beziehung indem Sinne, dass es emotionale Treue gibt, wäre evtl. möglich für mich aber, auch momentan auch eher nicht. Da würde viel Angst mit reinspielen, dass er evtl. sich doch in die andere verliebt etc.

    Ich möchte damit sagen, auch ich hätte mit sowas wahnsinnige Probleme obwohl ich kein Asperger habe.

    Zwei meiner besseren Freunden sind Authisten. Ich habe sie niemals als krank gesehen. Sie sind eben so. Kann ich mit leben. Sie können manche Dinge nicht, kann ich ebenfalls mit leben. Sie denken & fühlen anders, aber ich denke & fühle auch anders als mein Partner, obwohl wir beide keinen Authismus haben. Auch wie wir an Dinge rangehen oder Probleme lösen ist absolut unterschiedlich. Ich finde, Authismus ist einfach nur eine andere Art und Weise zu denken & fühlen. Das ist weder richtig noch falsch noch krank oder gesund. Nur anders. Die Art und Weise hat halt nur einen Namen bekommen, das ist alles.
     
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    21 Februar 2020
    #17
    Off-Topic:
    Ich bin zurzeit nicht berufstätig und werde meine alte Tätigkeit unter keinen Umständen wieder aufnehmen - hatte viel zuviel mit Menschen und Empathie etc. zu tun. Und es gibt wohl in einigen Branchen super Modelle, die extra für Autisten gemacht sind. Also eine Art Alltagsbegleitung im Job, die z.B. bei zwischenmenschlichen Konflikten immer dazugeholt wird. Leider sind es wenige Branchen, aber der IT-Bereich zählt wohl dazu. Ich hoffe, dass mir das liegt, denn dahin kann ich mir ne berufliche Reise vorstellen.

    --- Beitrag wurde zusammengefügt, 21 Februar 2020 ---
    Danke für deinen Beitrag Yurriko :smile:
    Es ist immer wieder wohltuend zu hören, dass viele Menschen gar keine großen Schwierigkeiten im Umgang mit Autisten haben.
    Hier habe ich mich vielleicht etwas unklar ausgedrückt: Mein Partner und ich sind uns einig, dass wir die Beziehung öffnen möchten und ich bin diejenige, die vermutet, sogar polyamor veranlagt zu sein. Meine Angst davor bezieht sich vielmehr auf die Umsetzung. Kriegen wir das ohne Missverständnisse hin? Oder legt uns mein Autismus da Steine in den Weg?
     
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    21 Februar 2020
    #18
    Ich würde das nicht so auf den Autismus beziehen. Da können etliche Steine liegen, die mit deinem Autismus nichts zu tun haben müssen. Die Art, wie dein Freund von dir gewisse Phrasen abrufen will, sehe ich auch als großes Konfliktpotenzial an. Versuch nicht so defensiv mit deiner Diagnose umzugehen, das klingt in meinen Ohren immer mal so an :smile:
     
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    21 Februar 2020
    #19
    Ich arbeite dran :jaa:

    Hm, das mit dem "Phrasen abrufen" erscheint mir halt geradezu als Klassiker - wäre da meine Einschränkung nich, gäbs kein Problem. Aber so langsam kriege ich auch mit, dass es Menschen gibt, die aus einer solchen "Einschränkung" keine große Sache machen. Alles scheint mir darauf hinauszulaufen, dass ich eine vernünftige Balance finden muss zwischen "Ich verstecke mich hinter der Diagnose und sage einfach, dass ich das nicht kann" und "Ich versuche auf Biegen und Brechen neurotyoisches Verhalten zu erlernen". Warum nur sind Mittelwege eigentlich so verdammt schwierig zu finden?
     
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    21 Februar 2020
    #20
    Würde ich mich anschließen. Das er bei dir gewisse Phrasen unbedingt hören will, sehe ich nicht als ein Problem, dass du verursachst. Er weiß, was du meinst, er hat dich längst verstanden und trotzdem sollst du Dinge exakt so aufsagen, wie er das will, weil er deine Entschuldigung sonst nicht annehmen kann. Das finde ich wirklich schwierig und da sehe ich deinen Autismus nicht als wirkliches Problem.

    Balance ist da ein gutes Stichwort. Ich habe auch gewisse Abläufe auswendig gelernt, die den Umgang im Alltag erleichtern. Manchmal vergesse ich doch mal was und das ist menschlich, weil ich dieses Verhalten nicht intuitiv habe, sondern es mir angeeignet habe, um am Ende weniger Stress mit Menschen zu haben. Aber ich sehe da einen massiven Unterschied zu dem Leben innerhalb einer Partnerschaft. Natürlich kannst und sollst du versuchen, auf die Bedürfnisse einzugehen. Aber da würde ich persönlich die Grenze an der Stelle setzen, wo ich nen bestimmten Satz plappern soll, weil eine Abwandlung davon, die von Herzen kommt, die ich genau so meine, die vll dasselbe ausdrückt, nicht angenommen wird. Da gehts eben nicht um Partnerschaft, da gehts um gewinnen und das ist für mich zwischen Partnern einfach falsch.

    Vll hilft es dir, für dich aufzuschlüsseln, wo du typisches Verhalten zeigen willst, wo es sinnvoll und für dich hilfreich ist und wo nicht. Dabei bedenken, dass es wahnsinnig anstrengend ist, weil das eben mit viel nachdenken, auswendig lernen, Konzentration und Geschwindigkeit verbunden ist. Ich habe das für mich so aufgeteilt, dass ich die gängigen Sachen im Job mitgehe. Auch bei Behördengängen und solchem Erwachsenenkram gehe ich das mit. Aber im rein Privaten, bei Freunden, meinem Partner und Mama, da will ich loslassen, entspannen, ich sein dürfen. Gibt es da Überschneidungen wiege ich neu ab. Gehen mein Freund und ich z.B. auf die Feier eines seiner 1000 Freund, wäge ich genau ab, ob ich dafür gerade Energie übrighabe und nehme mir oft das Recht heraus, dann nicht mitzugehen. Ich teile das in Prioritäten und da ist es mir wichtiger, im Job zu “funktionieren” als bei irgendeinem random Freund meines Partners, einfach weil mein Job meine finanzielle Lebensgrundlage ist und ich mit meinen Einschränkungen nicht an jeder Ecke einen finde, der mir so zufällt und mich vergleichsweise wenig belastet. Und genau so strukturiere ich mir das für sämtliche Dinge auf, schaue immer, wie mein Energielevel gerade ist und kommuniziere dann auch meinem Freund ganz klar, wenn mir eine Party heute eben zu viel ist. Das ist dann okay, weil er mich so akzeptiert wie ich bin und weil er aber auch weiß, dass ich genau so kommuniziere, wie ichs meine. Wenn ich also nicht kann, dann kann ich nicht, es ist nie eine Ausrede, denn wenn ich nur keinen Bock habe, sage ich das auch genau so.

    Versuche dir also bewusst Mittelwege zu schaffen und zu strukturieren. Mir hilft es, wenn ich weiß, dass ich mich jetzt nur meine 8-9 Arbeitsstunden anpassen und ein bestimmtes Verhalten abrufen muss. Schlimmer wirds, wenn ich das zeitlich nicht überblicken kann. Bei Parties sprechen mein Freund ich daher mittlerweile darüber, wie lange wir bleiben, wann es okay ist, dass ich früher gehe usw. Keine Ahnung, wo du genau Schwierigkeiten hast. Aber mir hilft es eben, ganz gezielt Lösungen zu suchen und zu besprechen. Da kann ich mich dann entlanghangeln und mein Partner nimmt das auch gut auf. Er nimmt das als Strategie auf und als mein Entgegenkommen, er wertet mich da nicht ab, weil er mein Bemühen wertschätzt. Ich finde, da sollte dein Freund auch hinkommen.
     
    Zuletzt bearbeitet: 21 Februar 2020
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